Predigt zum Ostermontag, 18.4.2022 (Markuks 16,1-8)

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  • Erstellungsdatum 18. April 2022
  • Zuletzt aktualisiert 18. April 2022

Predigt zum Ostermontag, 18.4.2022 (Markuks 16,1-8)

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde,

„Lasst uns Ostern was machen,“ sagt Juliane am Montag vor Ostern im Jugend­ kreis. „Nee,“ sagt Willy (der nicht wirklich so heißt, aber alle nennen ihn so), „bloß kein Ostereiersuchen. Wir sind doch nicht mehr im Kindergottesdienst.“ „Doch nicht sowas,“ sagt Juliane, „lasst uns Ostern spielen.“

„Was denn,“ meint Mike, „Eier suchen in der Handy-App? Mit Highscore?“ „Nein,“ sagt Juliane: „Osternspielen. Ein Stück.“

Jetzt legt ihre Freundin Doro das Handy aus der Hand. Vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht. Nur – sie sind nur zu viert. Und es ist keine Zeit mehr zum Üben. Aber wie wär's denn – genau: „Wir machen Fotos mit unsern Handys. Wir sind die Frauen, die zum Grab gehen. Jana macht bestimmt auch mit“ (das ist ihre kleine Schwester). „Und Willy kann dazu reden, dem fällt immer was ein. Oder er liest immer ein Stück aus der Bibel dazu. Und Mike ist der Engel.“

Jetzt kommen sie in Fahrt. Die erste Szene ist dann mit den drei Frauen auf dem Weg zum Grab. Lange Kleider brauchen sie. Und Umhänge, weil es so früh ist.

Was noch? Sie blättern im Markusevangelium. Kapitel 16. Also, da ist Maria von Magdala. Und noch eine Maria, die Mutter von Jakobus. Und Salome. Und sie haben gut riechendes Öl dabei, so etwas wie Parfüm. Hmm, das war wohl nicht in Chanel-Flaschen. Aber eine Glasflasche könnte schon sein. Oder Tonflaschen. Doros Tante töpfert gern, die macht ihnen bestimmt welche.

Aber wozu bauchen sie Parfüm? Um ihn zu salben, liest Juliane. Den toten Jesus. Sie hat noch nie eine Leiche gesehen. Also nur bei YouTube. Aber sie stellt sich vor, einen toten Körper einzureiben. Ihr wird ganz anders. Überhaupt, sie muss an einen Friedhof denken bei dieser Szene. Als ihre Uroma gestorben ist, da hatte sie die ganze Zeit so einen Kloß im Hals, und die meisten waren so schwarz angezogen.

Aber das Foto können sie ja zum Glück einfach an der Hecke vorne beim Gemeindehaus machen. Mit ihnen zu dritt: Juliane, Doro und Jana. Und so gucken, als ob sie eigentlich keinen Plan haben. Irgendwie haben sie ja nicht richtig überlegt. Vielleicht sind sie ja vom Karfreitag einfach zu fertig. Das Grab ist doch eine Höhle in einem Felsen. Davor haben die ja diesen riesigen Stein gewälzt. Zwei Männer bräuchten sie mindestens, die den nach oben rollen und blockieren, damit sie da reinkönnen.

Aber das macht's für das erste Foto einfach. Denn plan-los gucken, das können sie alle. – „Besonders deine kleine Schwester,“ meint Mike zu Doro und grinst.

Jetzt soll Willy weiterlesen. Damit sie überlegen, was auf's zweite Foto kommt. Also, die Frauen kommen zum Grab. Der Stein ist weggerollt. Da läuft es auch Jana über den Rücken. Gehört hat sie das schon oft. Aber jetzt stellt sie sich lauter Gräber vor, und sie dazwischen. Und das, zu dem sie wollen, ist offen.

Mike guckt hoch von seiner Bibel-App. „Ich weiß, was ich gedacht hätte,“ sagt er. „Die Typen, die Jesus angeklagt haben, die warten irgendwo in der Ecke. Es ärgert sie, dass er ein Grab bekommen hat wie ein ordentlicher Mensch, noch dazu ein so besonderes und teures. Jetzt wollen sie seine Leiche holen und auf die Müllhalde werfen zu den beiden anderen Kriminellen, die mit ihm am Kreuz umgebracht worden sind,“ – er tippt auf eine Erklärung in der App – „an den Abhang zum K-i-d-r-o-n-Tal. Oder sie wollen jetzt auch die Jünger und die Frauen schnappen.“

„Das mit der Müllhalde wusste ich noch nicht“, sagt Willy. „Aber es sollte ja schon bei der Kreuzigung so aussehen, als ob Jesus auch ein Krimineller ist. Und hat er nicht am Kreuz gesagt, 'mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' Das haben wir doch mal im 'Konfir' gelesen: 'Er ist für uns zur Sünde gemacht worden.'“

Wenn Juliane sich das vorstellt – ein offenes Grab – kriegt sie Gänsehaut. „Ich würde ein Vaterunser beten“, meint sie plötzlich. „Das wäre ja so ähnlich. Wenn wir als Menschen mit Sünde zu Gott reden und trotzdem Vater zu ihm sagen. Gerade, wenn wir Angst haben.“ „Ja,“ sagt Doro, „und da heißt es doch auch 'erlöse uns von dem Bösen.'“

„Heißt das auch, von der Sünde?“ fragt Mike. Und er antwortet selbst: „Wohl von der Folge der Sünde. Und von dem Feind Gottes, dem Teufel, der will, dass wir nicht an Jesus glauben, dass wir ohne Vergebung sterben, damit wir ewig von Gott getrennt sind.“

Jetzt brummt Doros Handy. Ihre kleine Schwester hat die WhatsApp-Nachricht gelesen, ob sie mitmacht. Sie will wissen, was bisher besprochen worden ist. Doro stellt auf Video und dreht das Handy, damit sich alle sehen können. Und Jana hat gleich eine Idee. Die alte Feldscheune – da kommt kaum Licht rein. Da sieht man außer ihnen nur Dunkel auf dem Foto.

Da fällt ihr ein – eigentlich könnte sie doch den Engel spielen. Ihre langen blonden Haare sieht jeder auf ihrem WhatsApp-Status-Foto. Aber Mike weiß schon, was sie denkt. „Wenn Engel sich den Menschen zeigen,“ sagt er, „dann beschreibt sie die Bibel immer wie Männer. Und von den Haaren sagt sie gar nichts.“

Hmm, ein bisschen enttäuscht ist Jana da schon. Aber dann überlegt sie weiter. „Also, du bist der Engel. Das können wir auch in der Scheune fotografieren. Und wir leuchten dich mit der Taschenlampe an.“ Und ihre Schwester sagt: „Und dann bleibt nur noch ein Foto. Wie wir vom Grab wegrennen.“ „Warum denn weg­ rennen?“ fragt Jana. Und Doro liest aus dem Markusevangelium: „'Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.' Fliehen heißt doch wegrennen.“ – „Ja, aber warum?“

Jetzt ist Mike dran als Engel. Zu dem Foto muss er sich wohl einigen Text überlegen. Dass sie weglaufen, muss mit dem zu tun haben, was der Engel sagt. Und wo er es sagt – im Grab. Obwohl es da ja  plötzlich hell ist. Da nimmt Mike wohl einfach das, was Markus schreibt: “'Ihr sucht Jesus, der gekreuzigt worden ist. Ihr seid am falschen Ort. Hier auf dem Friedhof könnt ihr ihn nicht mehr finden. Geht zu Petrus' – der wollte doch immer so etwas wie ein Anführer sein –, 'und zu den anderen und sagt ihnen, dass er sie in Galiläa treffen wird; da, wo er sie am Anfang zu seinen Jüngern berufen hat, genau wie er es euch gesagt hat.'“

Aber wie kann das sein? Wie kann Jesus nach seinem Tod etwas tun, was er vorher gesagt hat? Wie kann er sie treffen, wenn er tot ist? Das ist unheimlich. Obwohl, ein bisschen hoffen wollen sie es schon, wenn der Engel das sagt, dass Jesus wieder bei ihnen sein wird. Kein Wunder also, dass das plötzlich zuviel wird für die Frauen. Sie müssen weg.

Inzwischen ist Julianes Vater gekommen, um sie abzuholen. Den letzten Teil hat er mitgehört. „Tja,“ sagt er, „manche Leute halten Jesus für einen großen Menschen. Wie Martin Luther. Oder Michael Jackson. Aber sie denken, er ist genauso tot wie die. Aber wenn er nicht auferstanden ist, dann war er echt ein Betrüger. Dann könnten wir ihn nicht mal als Vorbild nehmen für ein gutes Leben. Dann würden wir ihn an der falschen Stelle suchen. Bei den Toten ist er nicht.

Aber das mit der Angst, das finde ich wichtig. Ich denke grade, dass bei den Frauen noch eine andere Angst dazukommt. Plötzlich fühlen sie ein bisschen Hoffnung. Aber wenn sie sich das nur einbilden mit der Auferstehung von Jesus? Weil sie so fertig sind?“

„Aber dann muss noch ein Foto dazu,“ meint Willy. „Und was?“ fragt Mike. „Na ja, wie die Frauen zu den Jüngern kommen. Und wie Petrus und Johannes zum Grab laufen, und das gleiche hören von dem Engel. Und Maria Magdalena, wie sie Jesus trifft.“ „Das würde doch ein ganzer Film werden,“ sagt Juliane, „– oder der Vikar muss das irgendwie reinbringen, wenn wir die Fotos bei der Predigt zeigen.“

Inzwischen ist es spät geworden. Das mit der letzten Szene klären sie über WhatsApp. Mike sucht zuhause ein weißes Bettlaken für seinen Engelauftritt. Karsonnabend machen sie die Fotos. Willy streicht sich in der Bibel an, was er vorliest. Und Juliane fragt den Vikar, ob das so für die Predigt geht.

Und dann kommt der Ostersonntag. Julianes Schulfreundin Susanne ist mit in der Kirche. Zum ersten Mal zu Ostern, hat sie gesagt. Sie will das mit den Osterszenen aus dem Jugendkreis gerne sehen. Irgendwie denkt sie dauernd an den Osterhasen. Aber sie weiß zumindest, dass das mit demnichts zu tun hat.

Jetzt kommt erste Bild vorne auf der Leinwand: die Frauen vor den Rhodo­ dendron-Büschen draußen an der Ecke. Wo sie wirklich etwas durcheinander aussehen. Dann das Foto in der dunklen Scheune – als Willy dazu aus der Bibel liest, merkt Susanne, das meinen die in der Kirche wirklich so, dass Jesus tot war und wieder lebendig geworden ist. Nicht so wie ein Geist. Sondern mit seinem Körper. Die Jünger konnten ihn anfassen, sagt Willy. Und ausgedacht haben sie sich das auch nicht – sonst hätten sie ja keine Angst. Und sie würden ihre Geschichte ja selbst glauben. Aber sie glauben ja ihren eigenen Augen und Ohren nicht – genauso wie es bei uns wäre. Und Willy erklärt, dass wir das alle immer wieder von Gottes Wort hören müssen. So wie in dem Ostergruß von Christen in der ganzen Welt: „Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!“ Gottes Feind hat also nicht das letzte Wort. Da denkt Susanne an das Mädchen aus der 9b, die vor einem Monat an Krebs gestorben ist. Als sie das letzte Mal in der Schule war, hat sie erzählt, dass sie eigentlich noch lange leben will. Aber Angst vor dem Sterben hat sie nicht. Sie glaubt, dass sie zu Jesus kommt.

Jetzt macht der Vikar weiter. Er sagt, als du getauft wurdest, lieber Christ, da hat Gott diesen ersten Hoffnungsstrahl in dein Herz geschickt. (Und Susanne denkt, der meint mich auch.) Da hat Gott zu dir gesagt: “Guck, ich lebe, ich bin dein Retter, ich habe die Sünde und den Tod und den Teufel für dich besiegt, und du sollst auch leben.” Und du magst von deinen Eltern oder im Konfirmandenunterricht gelernt haben, ihn unter den Lebenden zu suchen, zu glauben, dass er heute hier ist, und im Gebet mit ihm zu reden. Und zugleich mag da doch auch bei dir immer wieder Zweifel und vielleicht auch manchmal Angst stecken – dass das doch nicht so eine Wirklichkeit ist wie die Alltagswirklichkeit, in der du lebst.

Aber an solcher Angst und Verwirrung lernen wir etwas ganz Wichtiges: Unser Glaube ist nicht einfach eine Tradition, an der ein paar Menschen in unserem Land bis heute festhalten. Er ist auch nicht das Ergebnis unseres Nachdenkens über Gott (oder die Welt). Der christliche Glaube kann nur von außen zustande kommen; durch Gottes Wort, wie die Frauen hier das Wort des Engels hören. In deiner Taufe hat Gott dich bei deinem Namen gerufen. Da hat er dir neues Leben gegeben. Deshalb ist Ostern seit dem Anfang der Kirche ein besonderer Tauftermin. Und wir versammeln uns in jedem Gottesdienst vor dem Taufstein. Da hat ja das Unmög­ liche, das eigentlich Unglaubliche begonnen: So wie Jesus gestorben ist und wieder auferstanden ist, so hast du als sündiger Mensch ein neues Leben bekommen, damit du im Glauben mit Gott lebst und mit dem Bösen nichts mehr zu tun hast. Wie Markus ganz am Ende im Evangelium schreibt: 'Wer da glaubt und getauft wird, der wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.' (Markus 16,16)

Jetzt stehen Willy und Mike und Juliane und Doro und Jana auf und gehen nach vorn. Sie haben nämlich über WhatsApp beschlossen, dass sie kein letztes Foto machen. Stattdessen stellen sie sich hinter den Taufstein. Allerdings sind sie jetzt plötzlich zu sechst. Julianes Freundin war so überrascht, sie ist mit aufgestanden. Jetzt schiebt sie sich ein bisschen hinter die andern. Mike guckt noch mal schnell auf sein Handy, dann steckt er es ein und sie sagen gemeinsam: Ich glaube an Jesus Christus, der auferstanden ist vom Tod. Und an meine Auferstehung.“ Und wie bei ihrer Konfirmation wiederholen sie den Satz von ihrer Taufe: „Ich entsage dem Teufel und all seinem Werk und Wesen und ergebe mich dir, du dreieiniger Gott, im Glauben und Gehorsam dir treu zu sein bis an mein Ende.“

Aber das letzte Wort soll von der Auferstehung sein, denkt Juliane. Spontan fängt sie an, zur Gemeinde den Ostergruß zu sagen – und hört von hinten, wie  Susanne leise mit antwortet: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“

(Predigtreihe IV neu,

Daniel Schmidt, P.)