Predigt zum Neujahrstag, 1.1.2022 (Josua 1,1-9)

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  • Zuletzt aktualisiert 1. Januar 2022

Predigt zum Neujahrstag, 1.1.2022 (Josua 1,1-9)

Nachdem Mose, der Knecht des HERRN, gestorben war, sprach der HERR zu Josua, dem Sohn Nuns, Moses Diener: Mein Knecht Mose ist gestorben; so mach dich nun auf und zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe. Jede Stätte, auf die eure Fußsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe. Von der Wüste bis zum Libanon und von dem großen Strom Euphrat bis an das große Meer gegen Sonnenuntergang, das ganze Land der Hetiter, soll euer Gebiet sein. Es soll dir niemand widerstehen dein Leben lang. Wie ich mit Mose gewesen bin, so will ich auch mit dir sein. Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen. Sei getrost und unverzagt; denn du sollst diesem Volk das Land austeilen, das ich ihnen zum Erbe geben will, wie ich ihren Vätern geschworen habe. Sei nur getrost und ganz unverzagt, daß du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und laß das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, daß du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht. Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten. Siehe, ich habe dir geboten, daß du getrost und unverzagt seist. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

wer heute Anfang 20 ist, hat gerade zum ersten Mal etwas Besonderes erlebt: Die führende Person in der Politik heißt nicht mehr Angela Merkel, sondern Olaf Scholz. So lange hat sie die Bevölkerung bei uns geleitet. So vieles ist so, wie es ist, weil sie es geprägt hat, ob man das nun gut findet oder nicht. Für einen Nachfolger ist das eine große Herausforderung. Im Familienbereich kennen wir das bei einem Betrieb, der erfolgreich geführt wurde, wo dann der Sohn oder die Tochter nachrückt. Wird man nicht jeden Schritt, jedes Wort an dem bisherigen Chef messen – nicht so, wie er mal angefangen hat, sondern zuletzt, mit all seiner Erfahrung?

„Mose“: den Namen kennt jedes Kind, jeder Erwachsene in Israel. Der hat unser Volk aus Ägypten geführt, sagen sie. Durch eine Krise nach der anderen. Den Widerstand der Großmacht Ägypten. Die Soldaten. Das Wasser des Roten Meers. Uneinigkeit über die traditionellen Werte und Regeln, da, in der Angelegenheit mit dem goldenen Stier. Hunger und Durst. Schlangen. Feindliche Völker. Nicht alle wollten ihn haben. Aber er hat sie vereint.

„Knecht Gottes“ wird er genannt. Einer, der seine Aufträge direkt von Gott bekommt. Im Vieraugen-Gespräch. Wie ein Freund. Der hat sie bis hierher gebracht. Bis an den Jordan. Da hat ihn Gott von der Bühne geholt.

Und jetzt steht Josua da. Im trockenen Jordantal mit seinen spärlichen Bäumen. Vor sich der Fluss, der hier deutlich langsamer fließt als weiter südlich. Und sieht sich selbst am selben Fluss stehen. 40 Jahre vorher. Mit 10 anderen Männern. Mose schickt sie über den Fluss. Sie sollen sich einen Eindruck machen von dem Land, das Gott ihnen versprochen hat. 40 Tage sind sie unterwegs. Er hat sie vor Augen wie damals: die grünen Wiesen. Die Bauersfrau, die so viel frische Kuhmilch hat, dass sie ihnen einen großen Krug hinstellt, einfach so. Die Felder, auf denen das Getreide mehr als mannshoch steht und die Schnitter darin verschwinden. Die Kinder, die mit der Hand aus dem Bach trinken – undenkbar in der Wüste, aus der sie kommen. Die Städte hinter ihren festen Mauern. Die engen Gassen und die Häuser aus Stein, die in der Hitze Kühlung bieten. Und es war wieder da, dieses Gefühl: das will uns Gott geben. Dafür hat er uns hierhergebracht. Wir sind am Ziel. Er fühlt wieder den Ast auf der Schulter, an dem sie zu zweit eine gewaltige Wein-Traube tragen. Sie wollen sie dem Volk Israel zeigen. Er sieht die anderen zurückkommen aus allen Richtungen, spürt, wie seine Oberschenkel nass werden vom Wasser des Jordans, als sie ihn zurück nach Osten überqueren.

Er hat noch seinen Bericht im Kopf, laut vorgetragen, vor dem ganzen Volk, er und Kaleb. Nach ihm reden die anderen. Sie bestätigen alles, was er erzählt. Aber  „Riesen“ wohnen in dem Land, sagen sie. Wie Heuschrecken sind wir für die. Und die öffentliche Meinung kippt. Keiner will mehr über den Jordan. Gott hat sie aus Ägypten herausgebracht. Das hätte keiner von ihnen für möglich gehalten. Und dann sagen sie, als sie das Ziel vor Augen haben: Sie glauben nicht. Sie glauben nicht, dass sie es schaffen, dieses Land einzunehmen.

40 Jahre ist das her. Die 10 anderen sind kurz danach gestorben, einer nach dem andern. Und von ihrer Generation ist keiner mehr am Leben. Außer ihm, Josua, und Kaleb. Die Mädchen, die da drüben Wasser schöpfen, die Jungen, die dürres Holz zusammensuchen für ein Feuer zum Abendessen, die Erwachsenen zwischen den Zelten – das sind ihre Kinder und Enkel.

Die soll Josua über den Jordan bringen. Er weiß, mit was für einem Haufen er's zu tun hat. Oft muss er an das denken, was seine Mutter ihm von Noah und der großen Flut erzählt hat. Als Gott ihn mit seiner Familie gerettet hat, als Noah ihm gedankt hat mit einem Gottesdienst und mit einem Opfer. Da hat Gott versprochen, dass er nie wieder so eine Katastrophe über die ganze Menschheit kommen lässt. Denn, hat er gesagt, das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Nein, sie sind nicht alle Diebe und Mörder. Viele leben ganz ordentlich. Sie versuchen, ihre Familie zusammenzuhalten. Sie arbeiten. Sie unterstützen ihre Nachbarn und ihre Verwandten. Aber steckt nicht der gleiche Unglaube in ihnen wie in ihren Eltern und Großeltern?

„Sie glauben nicht, dass sie es schaffen“: das ist der Unglaube. Von dem hat Gott nach der großen Flut geredet. Deswegen hat er sie durch all diese Herausforde­rungen geführt. Nein, es war nicht Mose, der dem Pharao die Stirn geboten hat. Es war der eine, allmächtige Gott, der Schöpfer Himmels und der Erden. Von dem die Ägypter nur eine blasse Ahnung haben. Und die Kanaaniter eine ziemlich schiefe Vorstellung, wenn sie meinen, er ist so wie ihr Gott Baal. Nicht ein Politiker hat dieses Volk von eineinhalb oder zwei Millionen vierzig Jahre lang in der Wüste versorgt[1]; kein Mose, keine Thatcher, keine Merkel.

Aber ein Politiker kann noch so selbstbewusst auftreten, er weiß ja nicht, ob er sein Wahlprogramm umsetzen kann. Ist er, Josua, nicht mit diesem einen Programm angetreten: dass er seinem Volk Land verschafft, dass sie endlich eine bleibende Heimat bekommen? Nein, stellt Josua fest, und denkt an seinen „Konfirmanden­unterricht“ bei Mose. An die Lektion, die er von ihm gelernt hat. „Ich kann euch Wasser geben“, hatte er gesagt, hatte auf den Felsen geschlagen und eine Quelle war herausgesprudelt. Da war derselbe Unglaube bei dem großen Politiker, dem Mitarbeiter und Freund Gottes herausgekommen. Was Gott angekündigt und versprochen hat, was kein Mensch aus eigener Kraft tun kann, dafür wollte Mose den Dank und die Anerkennung für sich nehmen. Das kennzeichnet einen klugen Politiker. Aber einen Politiker, der nicht mit dem Herrn über sich rechnet.

Das ist der Grund, warum Mose nicht zum zweiten Mal neben Josua am Jordan steht. Diese irdische Erfüllung erlebt er nicht mehr. Auch wenn Gott ihm in seiner unverdienten Barmherzigkeit viel mehr gegeben hat: Er ist schon in der versprochenen, ewigen Heimat angekommen.

Deshalb aber steht Josua nun da. Und Gott fordert ihn zum Glauben auf: Nein, „es geht nicht darum, dass du ein Programm umsetzt, mit dem du angetreten bist. Du bist ja auch von keiner Mehrheit gewählt. Außer wenn du den dreieinigen Gott als Mehrheit rechnest, die mehr zählt als alle menschlichen Stimmen. Es geht gerade darum, dass du dich nicht auf dich selbst verlässt, auf deine bisherige Erfahrung, dein Wissen, dein Können, deinen Rückhalt bei den anderen, auf die Mehrheit in der Gesellschaft.“

Wie schnell sich eine Mehrheit gegen das erste Gebot entscheidet – „du sollst den Herrn, deinen Gott, ernstnehmen, ihn lieben und ihm vertrauen über alles andere“ –, das wird sich später immer wieder im Land der Kanaaniter zeigen, mit ihren tollen Gottesdiensten für den Baal und die Aschera, den mitreißenden Liedern. Und wie leicht die Mehrheit in der Gesellschaft von ganz anderswoher nimmt, was sie für richtig hält, als aus Gottes Wort, das hat Josua über die Jahre immer wieder erlebt.

Nun aber spricht Gott zu ihm, dort am Jordan. Das Land da drüben, sagt er, jeden Flecken, auf den ihr tretet, habe ich euch gegeben. Ja, so sagt er's: Ich habe es schon getan. Das ist eine Tatsache. Gegen allen Kleinglauben. Denn was Gott über die Zukunft sagt, ist genauso gewiss wie das, was wir über die Vergangenheit sagen können. Und dann: „Sei getrost und unverzagt. Du sollst dem Volk das Land austeilen. Ich will dir das Versprechen halten, das ich Mose gegeben habe. Denn die Leiter und Anführer gehen. Und sind damit nur ein Hinweis auf den einen, der ewig ist, für alle Generationen, Gott selbst in unserer menschlichen Natur. Der einmal jede neue Generation führen wird, hin zu dem ewigen Ziel, das er ihnen genauso gewiss geben wird, ja, noch gewisser als das Land Kanaan zur Zeit Josuas.

Und dann bekommt Josua einen Hinweis, der gar nicht neu ist, und den er doch immer neu hören muss, weil dieselbe menschliche Natur auch in ihm steckt, weil er sonst selbst das Ziel nicht erreichen würde:

„Weiche nicht … zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst. Und laß das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, daß du hältst und tust in allen Dingen nach dem, was darin geschrieben steht.“

Das Buch des Gesetzes: Das ist das, was schon zu Josuas Zeit aufgeschrieben ist in den heiligen Schriften. Von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Der seinen Helfer, seinen Retter angekündigt hat, als das erste Menschenpaar das Leben im Paradies verloren hat. Von Noah und Abraham, von Jakob, von der Zeit in Ägypten, vom Fest der Befreiung und von dem Weg bis hierher an den Jordan. Danach soll sich Josua richten, ganz persönlich und in der Verantwortung, die Gott ihm gibt. „Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.“

Um unsertwillen aber, liebe Brüder und Schwestern, ist dieses Buch weiterge­schrieben worden mit dem Einzug Israels in sein eigenes Land, mit dem Kommen Gottes in diese Welt, mit dem Ruf an uns heraus aus der Abhängigkeit vom Bösen und der Sünde. Uns hat er in das Wasser der Taufe hinein- und aus ihm heraus­ gebracht und hat uns damit auf den Weg zur ewigen Heimat gestellt.

Auf diesem Weg stehen wir heute am 1. Januar nicht an einem Fluss, aber an einem kleinen Kilometerstein, menschengemacht mit unserem Kalender. Und doch eine wichtige Erinnerung für dich und mich: Was Gott uns in diesem Jahr Gutes geben will, das steht bei ihm schon fest. Seid getrost und unverzagt, sagt er auch uns. Was gegen euch ist, kann meinen Plan nicht ändern. Was ich euch Gutes tun und geben will in diesem Jahr, das steht schon fest. Seht nur fest auf den, der euch führt, meinen Sohn Jesus Christus, und weicht nicht von ihm nach rechts oder links. Dann werdet ihr die guten Früchte meiner Liebe und meiner Gnade ernten, die ihr nicht selbst gepflanzt habt. Ich will euch zu grünen Weiden führen wie ein Hirte seine Schafe. Ich werde im dunklen Tal für euch da sein und euch sicher hindurchbringen. Nicht auf euch kommt es an, nicht auf eure Erfahrung oder euer Können, nicht auf das, was die anderen von diesem Jahr erwarten, sondern auf mich. Von mir sollt ihr nicht weniger erwarten als das: ein behütetes, gesegnetes Leben jeden Tag und eine ewige Heimat. Haltet euch an mich und mein Wort, denn das ist euer Halt.

Herr, du sagst, wir sollen getrost und unverzagt sein am Beginn dieses Jahres, das wir ein unbeschriebenes Blatt vor uns liegt. Gib uns solchen Trost und solche Zuversicht. Amen.“

(Immanuelsgemeinde Groß Oesingen,

Daniel Schmidt, P.)

 

[1]   Vgl. 2. Mose 12,37 (600.000 Männer, ohne Frauen und Kinder).