Predigt zum 6.3.2022 (2. Korinther 6,1-10)

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  • Erstellungsdatum 5. März 2022
  • Zuletzt aktualisiert 5. März 2022

Predigt zum 6.3.2022 (2. Korinther 6,1-10)

Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht ver­geblich empfangt. Denn er spricht (Jesaja 49,8): »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde; sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfol­gungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Liebe Schwestern und Brüder,

Was die Bundeswehr angeht, hat Deutschland lange Zeit eine Schönwetterpolitik verfolgt. Generalinspekteur Eberhard Zorn hat letztes Jahr gesagt, das Heer sei “geplant einsatzbereit”. Auf Deutsch: mit langen Vorlaufzeiten. Mit Zusammen­ suchen des Materials an allen Standorten. Es fehlt an Ersatzteilen und Munition. Aber man hat gedacht, man könnte mit Geld und Gesprächen Frieden erhalten. Auch deshalb ist der Schock groß über den Krieg in Europa. Und das bringt bei den Älteren alte Ängste wieder hoch, die für immer irgendwo im Keller weggepackt schienen.

Ich habe ein Foto vor Augen von einer Frau am Bahnhof in Berlin, blass, den orangefarbenen Schal drückt sie mit der schlanken Hand an sich, hemmungslos in Tränen, zwei Helferinnen nehmen sie in Empfang. Man weiß nicht, was sie erlebt hat. Aber man ahnt, dass es eine ganze Liste ist von Nächten auf dem Fußboden in einer U-Bahn-Station, den Explosionen beim Einschlag der Raketen, der überfüllte Zug, Hunger, Durst, Kälte und der Angst um den Mann, den 18jährigen Sohn, die jetzt an den Waffen sind.

Und ich habe ein zweites Foto vor Augen. Ein Mann, groß, kräftig, Vollbart, am Bahnhof in Kiew, den Rücken zu einem leeren Bahngleis, der Blick geht irgendwo ins Leere. Die Erklärung sagt, er hat seine Frau und seinen Sohn in den Zug in die Westukraine gesetzt, er bleibt zurück, um in Kiew zu kämpfen, und er kann den Spielzeugkrankenwagen seines Sohnes nicht loslassen, den er in den Händen hält.

Und ich frage mich, wie groß die Auswirkungen, die wir bisher hier spüren, wirklich sind. Sicher, die Preise an der Tankstelle sind noch weiter gestiegen. Flüchtlinge brauchen Unterkunft. Aber geht es uns nicht immer noch gut dabei?

Einen Schönwetterglauben gibt es auch bei Christen. Dass uns unser Einkommen, unserer Freizeit, die Frage, wofür wir unser Geld ausgeben, die Gesundheit mehr beschäftigt als die geistliche Verteidigungsbereitschaft. Ja, es scheint, dass sich das Christsein da manchmal irgendwo dazwischen einordnet: Die einen gehen zum Fußball, die anderen zur Kirche, und manche machen beides. So wie es manche Asylbewerber aus Afghanistan zu hören bekommen, die Christen geworden sind und denen bei der Anhörung gesagt wird, “wir schicken euch zurück, ihr müsst ja keinem sagen, dass ihr Christen seid.” Das klingt so, als ob einer in Deutschland auf den Geschmack für Schweinefleisch gekommen ist, aber man kann ja auch ohne leben.

Einen Schönwetterglauben gab es auch bei manchen Christen in Korinth. Wir hören es zwischen den Zeilen in beiden Briefen des Paulus an sie. Christsein, ja, soweit der eigene Wohlstand nicht betroffen ist. Die, die andere für sich arbeiten lassen, kommen zum Essen zusammen, genießen es, und wenn die Sklaven abends endlich dazukommen, gibt es nur noch Reste. Christsein, ja, aber zu den Prostituierten am Tempel der Aphrodite will man auch. Und Einladungen zum Festmahl am Poseidon­tempel schlägt man auch nicht aus.

Seht zu, dass ihr die Gnade nicht vergeblich empfangt, schreibt Paulus den Amtsträgern in der Gemeinde. Seht zu, für euch selbst, und für die Gemeinde. Jetzt ist der Tag des Heils, die Zeit der Gnade, der Hilfe. Auf Deutsch: wenn ihr bis morgen wartet mit der Umkehr, gibt es vielleicht keinen Weg mehr zurück. Wenn ihr heute die geistlichen Waffen nicht nehmen wollt – zur Verteidigung und zum Angriff –, wenn ihr nicht üben wollt, sie zu gebrauchen, dann kann morgen Krieg sein und ihr seid nicht bereit. Wenn ihr heute das der Gemeinde nicht sagt, dann ist sie morgen wie ein Heer ohne Ausrüstung und ohne Ausbildung.

Ich sehe Paulus vor mir, als er das schreibt. Wir wissen nicht, war er dick oder dünn, untersetzt, mit Glatze. Aber von ihm erfahren wir, was er durchgemacht hat. Eine lange Liste: Trübsal, Not, Angst, Schläge, Gefängnis, viel Mühe um die Gemeinden, Wachen – zum Arbeiten, um nebenbei seinen Unterhalt zu verdienen, oder zum Beten, wenn andere schlafen; Fasten – damit man das Kreisen um das eigene Wohl loswird und jedesmal, wenn's im Magen kneift, an die größeren geistlichen Anliegen denkt und Gott damit in den Ohren liegt; in Lauterkeit und ungefärbter Liebe, also aufrichtig und ehrlich; in Ehre und Schande, in bösen und guten Gerüchten – das heißt, egal, wie man über uns redet: wir leben so, dass das, was daran schlecht ist, nicht wahr ist, und wo es uns verletzt, legen wir's in Gottes Hand.

Dabei redet Paulus die Amtsträger als Mitarbeiter an, und er sagt “wir”. Er meint also auch das, was auf sie zukommt. Sie sollen darauf vorbereitet sein. Ihre Botschaft in der Predigt, in der Bibelstunde, in der Seelsorge ist nicht: Es ist alles immer gut. Die Botschaft der Kirche ist die Botschaft vom Kreuz. Christus hat für uns gelitten. Er hat uns kein Schönwetterleben versprochen. Er sagt auch nicht, dass du in diesem Leben immer eine Antwort darauf finden wirst, warum etwas dich trifft und nicht den anderen.

Aber er sagt: Heute ist der Tag der Gnade. Heute ist der Tag seiner Hilfe. Er ist bereit, dir deine Schuld zu nehmen, deine Inkonsequenz im Leben als Christ. Das ist ein Geschenk, Gnade. Und er nimmt auch deinen Kleinglauben, deine Schwäche, deine Angst, deine Sorge. Die vor dem Krieg in Europa. Und vor deinen letzten Stunden, wenn es für dich hier zuendegeht.

Du hast diese Gnade ja längst empfangen. In dem Prozess um deine Schuld, hat der göttliche Richter dich und mich schon freigesprochen. Nicht, weil es so schlimm nicht um uns stand. Nicht aus Mangel an Beweisen. Nicht, weil sich die Gesetze zwischendurch geändert haben. Sondern weil der Prozess schon einmal geführt worden ist: Auf Golgatha. Da ist deine und mein Schuld ans Licht gekommen. Da ist sie verurteilt worden. Da ist das Urteil vollstreckt worden. An Jesus Christus, Gottes Sohn. An deiner und meiner Stelle.

Dass Gott das so gewollt und getan ist, ist Gnade für uns. Ein unverdientes Geschenk. Er hat uns das Leben neu gegeben.

Und wer sich an ihn hält, dem erhält er dieses Leben. Paulus hat es viele Male erlebt. Kurz,  bevor er diese Zeilen schreibt, war er in Ephesus im Gefängnis. Er hat damit gerechnet, dass er hingerichtet wird. Aber er ist freigekommen. Und schreibt daraufhin diesen zweiten Brief an die Christen in Korinth.

Und zeigt ihnen mit der langen Aufzählung: Wenn Gott uns das Leben neu geschenkt hat, als er uns in Gnade als seine Kinder angenommen hat, dann will er uns auch durch alle Not hindurch das Leben erhalten. Ja, er tut's mit diesem Leben, auf viele Arten und immer wieder. Und wo er beschließt, dass er uns heimholt, da ist das die endgültige Rettung von allem, was uns bedroht. Denn es ist die Rettung durch den Tod zur Auferstehung. Es ist die Rettung über die Grenze, wo der Gewaltherrscher, der das Böse in Person ist, nicht hinkommt, und keine seiner Waffen uns mehr erreicht.

Es heißt, seit Jahren haben sich manche Bundeswehrsoldaten ihre eigenen Schutzwesten gekauft, und haben dafür bis zu 1000 € bezahlt. Die Westen aus den Beständen sind groß und schwer und schränken die Bewegungsfreiheit ein. Sie stellen damit selbst ein Risiko dar. Bei Christus bekommst du die Waffen, die dich schützen. Maßgemacht für dich. Die dich nicht einschränken in deinem Leben, sondern es dir überhaupt erst möglich machen, mit Krankheit, mit Zweifel, mit Versuchung fertig­zuwerden, mit blöden Sprüchen über die Kirchgänger, mit der Anfechtung über Skandale in der christlichen Kirche und mit dem Gedanken, ohne Gott wäre es doch bequemer. Gottes Wort ist diese Waffe, und maßgemacht ist sie, wo du deine Ration aus der Heiligen Schrift lernst und immer wieder auffrischst, wo das Gesangbuch dein Glaubens- und Lebens- und Alltagsbuch ist.

Am Ende der Aufzählung sagt Paulus hier: Wir erweisen uns als Diener Christi als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die nichts haben, und doch alles haben. Du und ich, wenn wir alles loslassen müssen, was wir haben – sei es so, wie es viele Ukrainer jetzt erleben, oder sei es am Lebensende – wenn wir Christus haben und in ihm die Gnade Gottes, dann haben wir alles. Dann haben wir anderen anderen ganz viel zu geben. Denn dann gilt, was Paulus in seinem Brief nach Rom schreibt: “Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.” (Römer 8,28). “Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!” Amen.

Erster Sonntag der Fastenzeit, Invokavit (Predigtreihe IV neu)

Daniel Schmidt, P.