Predigt zum 4. Sonntag im Advent, 20.12.2020 (1. Mose 18,1-2+9-15)

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  • Erstellungsdatum 19. Dezember 2020
  • Zuletzt aktualisiert 19. Dezember 2020

Predigt zum 4. Sonntag im Advent, 20.12.2020 (1. Mose 18,1-2+9-15)

Liebe Gemeinde in unserm Herrn Jesus Christus,

Es gibt Geschichten, die beschäftigen einen. Wie die von dem Polizisten in New York, Robert Cunningham, der seit 30 Jahren im selben Revier war und seit 15 Jahren ein Stammrestaurant hatte, eine Pizzeria. Da arbeitete Phyllis Penzo als Kellnerin. Robert Cunningham füllte beim Essen eines Tages einen Lottoschein aus. Ihm fehlten noch drei Zahlen, Phyllis sagt ihm ein paar, und er fragte, ob sie statt einem Trinkgeld den Lottoschein mit ihm teilen wollte. Wie sie reagiert hat, weiß ich nicht. Aber ich stelle mir vor, bei einem Stammgast, der sonst immer ein Trinkgeld gibt, der längst ein Freund ist und der sie bei ihrer anstrengenden Arbeit immer mal zum Lachen bringt – da lacht sie und sagt, „geht klar“. Nimmt sein Tablett, wischt den Tisch ab und macht ihre Arbeit weiter. Ein freundliches Wort, das tut manchmal genauso gut wie ein Trinkgeld.

Man kann darüber nachdenken, ob das ein Witz oder ein Versprechen war von dem Polizisten. Ein Versprechen kann leichtfertig dahin gesagt sein, vielleicht aus Verlegenheit oder aus Höflichkeit. Es kann auch ganz ernst sein wie das Jawort bei der Trauung. Es kommt viel darauf an, wer es gibt. Wenn es von Gott kommt, nennen wir es eine Verheißung. Das ist ein ernstgemeintes Versprechen. Um eine Verheißung von Gott geht es dieses Jahr dreimal in den Lesungen zu unseren Adventsgottesdiensten.

Da ist die Verheißung, als der Engel zu Maria zu Besuch kommt, ihr sagt, sie hat Gnade bei Gott gefunden, und sie wird einen Sohn bekommen. Wie soll das zugehen, fragt sie, denn sie ist mit keinem Mann intim und wird es auch nicht sein, bevor sie offiziell bei Joseph einzieht. Es ist eine Verheißung, sagt der Engel, ein Versprechen des lebendigen Gottes. Bei ihm ist kein Ding unmöglich. Unmöglich ist nur, dass er ein Versprechen nicht hält.

Da ist die Verheißung, als der Engel zu Zacharias im Tempel kommt und ihm sagt, seine Frau Elisabeth wird einen Sohn bekommen. Woran soll ich das erkennen, fragt er, und das sind für neun Monate die letzten Worte, die aus seinem Mund kommen. Denn er soll hören lernen, hören auf Gottes Verheißung. Aber das Wunderbare ist: Gott wartet mit  der Erfüllung nicht, bis Zacharias seine Lektion gelernt hat. Die Erfüllung ist die ganze Zeit im Gang, und er bekommt's mit.

Heute ist uns ein dritter, göttlicher Besuch bei einem Menschen zur Predigt aufgegeben. Ich stelle mir vor, die Frau, um die es da geht, wenn die mit Elisabeth und mit Maria zusammentreffen würde, die hätten sich sofort viel zu erzählen, so ähnlich ergeht es ihnen. – Hört Gottes Wort aus dem 1. Buch Mose im 18. Kapitel:

Und der Herr erschien Abraham im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde. ...

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Das ist auch eine Geschichte, die viele Menschen beschäftigt hat über die Jahr­hunderte. Sie ist ja auch rätselhaft. Und wenn sie ausgedacht wäre, würde sie mir gar nicht so gut gefallen, weil der Erzähler einen irgendwo so in der Luft hängen lässt mit diesen drei Gästen. Erst heißt es, der Herrerscheint Abraham, also Gott. Dann sehen wir Abraham zur heißen Mittagszeit im Schatten vor seinem Zelt sitzen, er hebt den Blick, und drei Männer stehen vor ihm. Er hat sie wohl gar nicht kommen sehen. Dann redet Abraham einen von ihnen als Herrn an. Und am Schluss brechen sie auf zur Stadt Sodom, und dann werden zwei von ihnen als Engel bezeichnet.

Aber die Geschichte ist ja nicht ausgedacht. Sie ist Gottes Wort, und was wir von unserem Gott im ersten und zweiten Teil der heiligen Schrift lesen, gibt uns eine Ahnung von diesen drei Gästen. In der Geschichte der Kirche ist darin immer wieder eine Andeutung der Dreieinigkeit Gottes gesehen worden. Zugleich klingt es so, als ob der Sohn Gottes hier zusammen mit zwei Engeln für eine kurze Zeit menschliche Gestalt annimmt. Das bleibt rätselhaft, aber so viel können wir wohl sagen: zu Zacharias und zu Maria kommt später ein Engel, hier kommt Gott selbst „inkognito“ zu Abraham und Sara.

Dabei ist die Verheißung, die er ihnen gibt, gar nicht neu. Das gleiche Versprechen – dass sie einen Sohn bekommen – hat er ihnen schon vor 25 Jahren gegeben. Aber inzwischen ist vieles passiert. Die beiden haben ihre Heimat verlassen, sind nach Kanaan gekommen – und haben eben nicht erlebt, wie Gott aus voller Kanne ihren Gehorsam belohnt. Waren sie damals schon alte Leute, dann sind sie's inzwischen erst recht. Irgendwie haben sie ja noch geglaubt, haben versucht, die Ankündigung noch mal anders zu verstehen. Vielleicht sollte Abraham ja mit einer Magd ein Kind bekommen. Als Abraham dann die beiden wegschicken soll, da wird aus der Nicht­erfüllung für sie eine Unmöglichkeit. Da aber macht sich Gott auf den Weg, kommt zu ihnen und erneuert seine Verheißung, nun mit einem Datum: über's Jahr komme ich wieder, dann hat Sara einen Sohn.

Sara ist drin im Zelt, hinter den vier Männern, hört zu, vielleicht ein bisschen neugierig, durch die Zeltwand hört man's sowieso, und – ja, was die reden, betrifft ja sie. Aber als sie diesen Satz hört, lacht sie in sich hinein. „In ihrem Inneren“ steht da – dasselbe Wort übrigens, das auch für den Mutterleib gebraucht wird.

„Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Sollte ich wirklich noch ein Kind bekommen in meinem Alter?“ Der Besucher spricht Abraham auf das an, was er nicht sehen und auch nicht hören konnte. Sara ist ja drin hinter dem Zelteingang. Aber es ist wie bei dem gelähmten Manne, von dem der Evangelist Markus im zweiten Kapitel erzählt, der von seinen Freunden durch das geöffnete Hausdach vor Jesus heruntergelassen wird und dem Jesus die größte Verheißung gibt, ja, die Zusage, die sofort in Erfüllung geht: Dir sind deine Sünden vergeben.“ Da heißt es, bei den Pharisäern arbeitet es innen drin, gegen dieses Wort von ihm. Das kann nicht sein, der kann keine Sünden vergeben.“ Aber „Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, daß sie so bei sich selbst dachten;“ schreibt Markus, „und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen?“

Sara kommt raus, behauptet sie hat nicht gelacht – und hat sie ja auch nicht, zumindest nicht laut. Aber sie hat sich doch über ein Wort des Herrn lustig gemacht, auch wenn's ein Lachen so nebenbei war, wie bei der Kellnerin, die die Sache mit dem Lottoschein als Scherz nahm und mit ihrer Arbeit weitergemacht hat. Trotzdem wäre es nicht passend, hier als Überschrift drüber zu setzen, „die ungläubige Sara“. Wer vor und nach diesem 18. Kapitel im ersten Mosebuch weiterliest, weiß, dass Abraham kurz vorher über die Wiederholung dieser Verheißung Gottes so sehr gelacht hat, dass er sich zu Boden geworfen hat. Vor allem aber sind die beiden ja nicht ungläubig. Sie haben Gott gehorcht, der sie nach Kanaan geschickt hat. Und Abraham bewirtet die Gäste so ausführlich, dass man merkt: Das ist Nächstenliebe. Und er ist offenbar nicht zu einem alten Griesgram geworden, der zu keinem mehr freundlich ist, weil das Leben ihn so enttäuscht hat. Sie sind offenbar wie wir oft auch: wir hören Gottes Wort, wir erleben manche Enttäuschung im Leben, und wie nebenbei sagen oder denken wir manchmal so, als ob's wohl doch nicht alles so in Erfüllung geht, wie wir's gelernt und gehört haben.

Doch jetzt sagt dieser Besucher, sagt der Herr selbst einen Satz, von dem ein Ausleger sagt, der ist wie der Edelstein in der Fassung dieser Geschichte: „Sollte für den Herrn etwas zu wunderbar sein?“ Also so unerwartet, so „unmöglich“ für Menschen, so „unglaublich“, dass der Herr es nicht tun könnte? Ach, es geht ja gar nicht ums Können, wenn der allmächtige Gott spricht. Es geht ja darum, dass er's tun will. Mehr noch: Dass er's tut. Über's Jahr, sagt er, und sieht vielleicht jetzt die Sara direkt an, werdet ihr einen Sohn haben.

Und sie hat den Sohn bekommen, hat ihn Isaak genannt, das klingt wie das hebräische Wort für Lachen, weil sie gesagt hat: Die Leute werden über mich lachen in meinem Alter mit einem Baby an der Brust. Aber auch, weil sie nun gut lachen hat, denn Gott hält sein Versprechen. Auch nach 25 Jahren, auch nach einem Leben voller Warten.

Ich will keine Werbung für das Lottospielen machen – ein Christ wird selbst wissen, dass er kein Vertrauen auf ein sehr, sehr unwahrscheinliches Glück braucht. Aber die Geschichte von dem Polizisten und der Kellnerin geht noch weiter. Robert Cunningham hat 1984 mit seinem Los 6 Millionen Dollar gewonnen. Seine Frau wurde 10 Jahre später von einer Zeitung gefragt, was sie gesagt hätte, als er das tatsächlich mit der Kellnerin teilen wollte. Klar, hat sie gemeint, das hätte ihr Mann ihr doch gesagt. Sie ist mit ihrem Mann Pizza essen gegangen, und statt Trinkgeld hat Phyllis Penzo 3 Millionen Dollar bekommen. Es kommt eben darauf an, wer ein Versprechen gibt.

Wir brauchen keinen Lottoschein. Wir haben die Schrift. Wir haben den, der sein Versprechen hält. Der kommt zu uns Menschen, nimmt nicht nur für ein paar Stunden menschliche Gestalt an, sondern für 30 Jahre, die er in Israel lebt, und für immer. Wir mögen manche Enttäuschung erleben, auch in unserem Glaubensleben und in unserem Gebet. Aber die Erfüllung kommt. Ja, sie ist die ganze Zeit im Gange. Gott schenkt sich uns selbst. Da haben wir, glaube ich, einmal auch viel zu erzählen mit Maria und Elisabeth und Sara, wenn wir sie treffen, und mit Joseph und Zacharias und Abraham. Denn mit dem dreieinigen Gott haben wir gut lachen. Manchmal still innen drin, wenn's uns schwer fällt. Und manchmal auch laut und fröhlich. Was er zusagt, das hält er gewiss. Verlass dich drauf.

Wenn du etwas Schönes tragen willst zum Weihnachtsfest, dann lass dir dies anstecken wie einen Ring, auf den eingraviert ist: „Er hat's gesagt und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt“.

(Predigtreihe III neu)

Daniel Schmidt, P.