Predigt zum 28.6.2020 (Micha 7,18-20)

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  • Zuletzt aktualisiert 28. Juni 2020

Predigt zum 28.6.2020 (Micha 7,18-20)

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erläßt die Schuld denen, die übriggeblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Ich bin gespannt. Gespannt darauf, was sich durch die Pandemie, die wir seit Februar hier erleben, einmal dauerhaft ändern wird. Da wurde ja gleich am Anfang viel prophezeit: Das Händeschütteln kommt nicht wieder. Der globale Handel ist vorbei. Dasfanden manche sofort ganz toll, für die die Globalisierung das größte Problem heute ist. Und mindestens ein anderes Problem wurde auch besser, nämlich die Luftwerte in unseren Städten.

Ich bin allerdings nur ein bisschengespannt. Denn bisher halte ich das noch immer für Spekulation. Wir werden's ja sehen. Und das Herz des Menschen wird sich dadurch nicht ändern. Wir merken's ja jetzt schon, dass die Autos wieder unterwegs sind, und die Flieger voll.

Das Herz des Menschen, das ist das größte Problem. So sieht es der Prophet Micha, von dem wir gerade ein kurzes Wort gehört haben. Micha hat im 8. Jahr­ hundert vor Christi Geburt gelebt. Das kurze Buch, in dem seine Worte aufge­ schrieben sind, ist voll von Kritik: Die Reichen beuten die Armen aus – klingt ganz ähnlich wie das, was heute von Gegnern der Globalisierung zu hören ist. Die Schwächsten fallen hinten runter – das klingt wie die Mahnungen, die wir seit Mai zunehmend hören: die Kinder leiden unter den Schutzmaßnahmen gegen Corona, macht die Schulen wieder auf. Die Familien von Migranten leiden, wenn sie sich integrieren wollen, aber gar nicht können mit den eingeschränkten Kontakten. Die Selbständigen und die Musiker leiden. Und die Arbeiter, die in der Fleischindustrie bedenkenlos ausgenutzt werden.

Wo so etwas in der Gesellschaft los ist – und es gibt kein Land, wo das nicht vorkommt, das hat mit unserer menschlichen Natur zu tun –, da liegt das nicht nur an den “anderen”. Wo es solche Zustände gibt, da sind die gefragt, die Gott kennen, die sich zu ihm rechnen. Aber da geht die Klage des Propheten Micha noch tiefer: “Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten”, sagt er am Anfang dieses Kapitels hier. Er sucht nach Leuten, die darüber nicht nur klagen, weil “früher war alles besser”. Sondern die darüber erschrecken, weil es ein Zeichen dafür ist, dass wir Menschen Gott vergessen haben. Wo wir darüber aber nicht mehr erschrecken, da haben wir wohl inzwischen schon vergessen, dass wir ihn vergessen haben.

Aber nun zieht der Prophet nicht die Konsequenz und sagt, dann hat mein Beruf auch keinen Sinn mehr. Ich packe meine Prophetensachen ein. Was ich tue, ändert nichts, und die Gesellschaft braucht offenbar keine mehr wie mich. Sondern er stimmt ein Bekenntnis an. Und ob das zuerst im Gottesdienst gehört wird von denen, die noch kommen, oder von den anderen, ist egal. Er bekennt, wie schön es ist, zu diesem Gott zu gehören, der barmherzig ist, der Schuld vergibt. Der derselbe ist gestern und heute und in Ewigkeit und von dem wir deshalb mit Gewissheit sagen können, dass er das hält, was er den Generationen vor uns zugesagt hat.

Wie Blumen auf einem Misthaufen, hat jemand gesagt, sind diese Worte Michas in seiner Zeit und in seiner Gesellschaft. Nein, er sagt nicht, du kannst dir deinen Gott aussuchen. Das tun die Heiden. Er staunt darüber, wie schön es ist, dass dieser Gott, der einzige wahre Gott, unsausgesucht hat. Denn bei ihm ist Barmherzigkeit.

Das heißt nicht, dass es ihm egal ist, ob wir Menschen gerecht leben, wie wir miteinander umgehen, welchen Schmutz wir in unser Herz hineinlassen und welches Unkraut wir da unbesorgt wachsen lassen. Denn was wäre das für ein Gott? Dem wäre ja auch unser Zusammenleben egal. Denn was der Prophet da in der Gesellschaft kritisiert, kommt ja aus diesen Dingen.

Barmherzigkeit aber heißt, es gibt Hoffnung. Hoffnung für unsere Gesellschaft, wenn sie denn den Ruf zu ihm hört. Hoffnung für dich und mich, wo wir über das erschrecken, was wir manchmal selbst in unserem Herzen feststellen; und noch mehr, wenn wir uns von Gott sagen lassen, dass das ja nur die Spitze des Eisbergs ist, denn wie der Psalmbeter sagt, “wer kann merken, wie oft er fehlt”, also wie oft wir Gottes Ziel verfehlen. Ganz starke Worte hat der Prophet dafür: Gott trägt unsere Schuld weg – dazu muss er sie ja erst selbst in die Hand nehmen und tragen. Er geht gnädig an unserer Verfehlung vorüber: er sieht sie, aber er gibt keinen Schulverweis. Er tritt sie unter seine Füße wie etwas, das in den Müll kommt. Und er wirft sie ins äußerste Meer, wie wir's in einem Lied aus unserem Jugendliederbuch singen.

Aber das alles nicht so, als ob keinem Menschen mehr etwas passieren kann. So denkt sich das ein Herz, das sich nicht ändern will. Denn der einzige, der deine Schuld wegnehmen kann, ist dein Herr Christus. Das, was deine Sünde “platt­ macht”, um es ganz einfach zu sagen, ist sein Kreuz. Nur wer ihn hat, der hat diese Hoffnung. Nein, den Namen “Jesus” kennt Micha noch nicht. Aber er kennt den Eid, den Gott Abraham geschworen hat. Und er glaubt daran, dass ein Nachkomme von Abraham kommen wird, durch den alle gerettet werden, die an ihn glauben.

Und wir kennen das, was er uns mit einem feierlichen Eid zugesagt hat: “'So wahr ich lebe,' spricht der Herr, 'ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe.'” (nach Hesekiel 18,23) Und wir haben unseren Herrn Christus, der uns das predigt: “Wer an mich glaubt, der kommt nicht in das Gericht, sondern ist schon vom Tod zum Leben hindurchgedrungen.” (Johannes 5,24) Ja, so steht es in seinem Testament, dass sein Leib für uns gegeben ist und sein Blut für uns vergossen; dass wir dadurch ein Christenleben lang seine Gnade und seine Barmherzigkeit ausgezahlt bekommen.

So lasst uns auch uns zu ihm bekennen. Wo uns das Gewissen schlägt. Wo andere solche Hilfe suchen. Und lasst uns bedenken: Jeder Gang zum Gottes­ dienst ist so ein Bekenntnis für die Menschen um uns herum, auch ohne Worte. Und der immer neue Anfang davon, dass es besser mit uns wird. Denn das ist sein Ruf an uns jeden Sonntagmorgen: Kommt, denn es ist alles bereit, holt euch meine Barmherzigkeit. Und sein Ruf jetzt nach der Predigt: kommt zum heiligen Abendmahl, komm jetzt, wo du diese Einladung hörst. Und wenn die Austeilung dadurch ein paar Minuten länger dauert, weil viele kommen, dann ist das der Anfang der ewigen Freude bei den Engeln im Himmel und für dich und mich. Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe II neu), Daniel Schmidt, P.