Predigt zum 25.10.2020 (Markus 2,23-28)

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  • Erstellungsdatum 24. Oktober 2020
  • Zuletzt aktualisiert 24. Oktober 2020

Predigt zum 25.10.2020 (Markus 2,23-28)

Und es begab sich, daß Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Ich gehe in einen kleinen Laden in der Gifhorner Innenstadt. Nach zehn Metern sieht mich die Verkäuferin und schickt mich zurück zum Eingang. So geht das nicht – ich soll einen Einkaufskorb nehmen. Ich begreife nicht, warum, auch nicht in Corona-Zeiten. Ich will tatsächlich nur eine kleine Sache kaufen. Das mit dem Korb steht nirgendwo geschrieben, und der sorgt auch nicht 1,5 m Abstand zu anderen Kunden. Aber ich richte mich danach. Ich weiß, nicht immer machen alle Regeln Sinn, und sie hat das Sagen im Laden.

„So geht das nicht“, sagen die Pharisäer zu Jesus, als er mit den Jüngern unterwegs ist. Es ist Sabbath, Feiertag, die Jünger haben Hunger, es ist Erntezeit, und sie tun das, was in Israel jedem Reisenden erlaubt ist: er darf sich Weintrauben pflücken, bis er satt ist, darf dafür auch in einen fremden Weinberg reingehen. Und er darf auf einem Acker Ähren ausraufen, um die Körner zu essen. Nur, er darf seine Taschen nicht damit füllen und nichts mitnehmen; er darf nicht ernten, wo andere gearbeitet haben.

Wo es solche Regeln gibt, wird auch in Deutschland sehr genau geklärt, wie sie anzuwenden sind. Ich habe mal nachgeguckt: Wenn der Nachbar einen Apfelbaum hat und da hängt ein Ast über den Zaun, darf ich das Fallobst behalten, aber ich darf keine Äpfel abpflücken. So eine genaue Festlegung haben auch die Pharisäer gemacht, von denen viele selbst Landwirte waren. In der heiligen Schrift steht es nicht geschrieben. Aber sie haben gesagt: Ährenausraufen ist wie Ernten, Ernten ist Arbeit, und am Feiertag geht das nicht in Israel. Sie verhindern also am Tag des Herrn das, was er so gut geregelt hat: dass der, der nichts hat, etwas bekommt gegen den Hunger. Und sie haben das Sagen in Israel. Aber Jesus lässt sich das nicht von ihnen sagen. Und er lässt es auch seinen Jüngern nicht sagen.

„So geht das nicht“, sagt er. Aber nicht zu den Jüngern, als ob er kurz vergessen hätte, dafür zu sorgen, dass sie die Regeln einhalten. Er sagt es zu den Pharisäern. So geht Gesetzeserfüllung nicht.Und er schafft es, das ganz kurz klarzumachen, ohne lange Diskussion. So klarzumachen, wie sie selbst ihre Regeln immer wieder begründen. Mit einem Beispiel aus der Heiligen Schrift, von David, dem großen König. Da haben wir die Autorität, die seine Zuhörer oft gespürt haben, die Vollmacht. Er hat das Sagen. Lassen auch wir uns deshalb von ihm sagen, wie es nicht geht in unserem Leben. Und wie es geht.

Es geht nicht, sagt er zu den Pharisäern, dass Menschen wegen euch hungrig bleiben, und wenn es nur für einen Tag ist. Ihr habt zugeguckt, wie meine Jünger Hunger haben. Und ihr wisst, was Gottes Wort sagt: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus.“ (Jesaja 58,7) Warum habt ihr uns nicht auf euren Hof eingeladen? Dann hätten meine Jünger mit dem Ährenraufen sofort aufgehört. Aber noch weiter: Euch geht es finanziell gut. Ihr könnt für unterwegs Proviant mitnehmen. Die Regel mit dem Ährenraufen ist für die Armen gemacht. Wenn ihr das verbietet, trifft euch das nicht. Aber es trifft sie. Und es trifft Gott. Denn er hat ein Herz für sie. Er ist barmherzig. Ihr seid es nicht. – Und vielleicht hat Jesus an dem Tag das gesagt, was sein Bruder Jakobus später in seinen Brief aufgenommen hat: „Ein unbarmherziges Gericht wird über den ergehen, der nicht Barmherzigkeit tut.“ (Jakobus 2,13)

Nein, Jesus hat die Regel der Pharisäer nicht vergessen. Aber er hat ein Herz für seine Jünger. Er hindert sie nicht daran, auch am Sabbath das zu tun, was zum Leben notwendig ist. Ja, er nimmt sie in Schutz. Sie sollen das bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und es soll sie niemand dafür verurteilen.

So wie sie hat Jesus auch uns angenommen. Wir sind als Christen seine Jünger. Wir lernen von ihm, wie das mit der Erfüllung des Willens Gottes gehen soll. Und erleben, wie er barmherzig mit uns ist. Wie er uns gibt, was wir zum Leben brauchen. Wir können das so zusammenfassen: Gottes Sohn stillt unseren Hunger. Den körperlichen Hunger, aber auch den Hunger unserer Seele: Den nach Liebe, nach Angenommensein; zu ihm zu gehören, ohne dass wir dafür etwas vorweisen müssen.

Und den Hunger nach Gerechtigkeit. Denn dass er uns in Schutz nimmt, geht noch weiter: Auch wenn wir seine Gebote gebrochen haben, steht er nicht daneben wie die Pharisäer und zeigt mit dem Finger auf uns. Obwohl er als wahrer Mensch und wahrer Gott der einzige ist, der in Gottes Augen gerecht ist. Er stellt sich vor uns, damit der Finger des Anklägers auf ihn zeigt und nicht auf dich und mich. Er stellt sich neben uns als unser Anwalt, und bittet für uns um Gnade. Er erinnert den Vater: Die gleiche Schuld wird nicht ein zweites Mal verurteilt. Wer mich hat, über dessen Schuld hast du schon am Kreuz geurteilt. Den sprich er frei. Der ist gerecht.

Ja, Gott hat das Gesetz nicht gegeben, um uns das Leben schwer zu machen, weil wir es nie ganz halten können. Und nicht, um uns zu verdammen. Sondern damit wir miteinander barmherzig umgehen. Das kann man vom dritten bis zum zehnten Gebot durchbuchstabieren. Und das tut er mit uns, damit wir's erfahren und von ihm lernen.

Wer das tut, der wird als Christ zuerst zu sich selbst sagen: So geht es nicht. Dass ich zuerst auf andere gucke, wenn es um Gottes Gebote geht, und dann auf mich. Es geht nur umgekehrt. Dazu mag auch gehören, dass ich Kritik von anderen anhöre. Das ist nicht leicht. Aber wo sie angebracht ist, da mag sie sogar Gottes Art sein, mich zurückzuholen, auch wenn mir das nicht passt. Damit mir neu klar wird: Es geht nicht, dass ich mir Gottes Gebote zurechtbiege. Was bei den Pharisäern so fromm aussieht, worum sie sich sehr angestrengt haben, ist genau das: Ihre Auslegung ist unbarmherzig. Und damit gegen Gottes Willen.

Lasst uns das mal auf unseren Feiertag anwenden. Auf die Sonntagsheiligung. Es war bis vor ein oder zwei Generationen in unseren Gemeinden nicht selten, dass ein Landwirt sagte, am Sonntag geht er nicht auf den Acker, auch nicht in der Zeit der Aussaat oder der Ernte. Aber gemolken und gefüttert wurde auf dem Hof trotzdem. Noch etwas länger ist es her, dass die meisten im Ort am Sonntag­ vormittag in der Kirche waren. Das waren gute Grundsätze. Aber es wäre unbarmherzig, daraus lauter Einzelregeln zu machen.

Das heißt nicht, dass das dritte Gebot etwas Beliebiges ist. Dass wir den Feiertag heiligen sollen, dass wir die Predigt und sein Wort gerne hören und lernen sollen, das steht geschrieben. Aber wer bricht dieses Gebot? Die, die jedes zweite Wochenende im Seniorenheim in der Küche arbeitet, damit die Senioren zu essen haben, und die ihre Sonntagsandacht am Abend zuhause macht? Oder der, der zur Kirche kommt, aber nicht tut, was Gottes Wort sagt?

Das heißt, wer ohne Not den Sonntag zu einem ganzen Arbeitstag macht, der bricht Gottes Gebot. Und wer ihn zu einem ganzen Freizeittag macht, ohne Zeit für den Gottesdienst, der bricht es auch. Und wer sonntags Christ ist, aber montags nicht, gehört auch dazu. Aber noch einmal: Nicht darüber urteilen sollen wir. Sondern jeder Christ soll sich selbst ins Herz gucken und sagen: So geht’s nicht.

Und dann sollen die anderen von uns erfahren: Es geht anders. Gott schreibt sein Gebot in unser Herz, dass wir seinen Willen gerne tun, so gut wir können. Und dass wir damit nicht unbarmherzig werden. Nicht mit uns selbst. Sondern glauben, dass Gott gerne dem vergibt, der mit seiner Unvollkommenheit zu ihm kommt. Damit gerade deshalb am Sonntag dabei sind, das Schuldbekenntnis am Anfang mitsprechen, und für uns selbst in der Woche für die Liedverse aufsagen oder singen, die wir heute zum Eingang gehabt haben.

Und damit wir nicht mit anderen unbarmherzig werden. Sondern gerne vergeben und gerne für jeden Mitmenschen Gott um Barmherzigkeit bitten. Dass er oder sie durch Gottes Barmherzigkeit auch zum Glauben an den menschgewordenen Gottessohn findet, der unsere Gerechtigkeit ist. Und in uns das tut, was Gott Gerechtigkeit nennt: Dass wir uns täglich einüben in die Liebe zu ihm und zu denen, die er genauso lieb hat wie uns, in der Gemeinde und außerhalb von ihr.

Es gibt in meiner Familie eine Erfahrung, die für mich wie ein Beispiel dafür ist. Ein Großonkel von mir hat sie im hohen Alter aufgeschrieben. In Hirschberg in Schlesien kam vor jetzt rund 100 Jahren eine junge Frau zur Kirche. Es war ihr erstes Mal, sie kam aus einer anderen altlutherischen Gemeinde, aber sie wusste, da ist ihre geistliche Heimat. Sie war früh dran, setzte sich still in eine Bank und sprach leise ihr Gebet. Nach und nach füllte sich die Kirche. Und sie merkte voller Schreck, dass sie sich auf die Männerseite gesetzt hatte. Aber wenn sie sich jetzt umsetzte, würden alle sie ansehen. Da stand eine alte Großmutter auf, ging mühsam zu ihr rüber und setzte sich neben sie. Mein Großonkel hat diesen Sonntag immer in Erinnerung behalten. Denn die junge Frau hat er geheiratet. Und die alte Frau war seine Großmutter. Die wurde damit ihre Schwiegeroma. Und sie hatte der Gemeinde gezeigt, dass eine Tradition, die an sich nicht verkehrt war, die sie selbst freiwillig hielt, nicht für einen anderen zur Not werden sollte. Amen.

(Daniel Schmidt, P.)

20. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe II neu)