Predigt zum 22.11.2020, Ewigkeitssonntag (1. Kor. 15,35-44)

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  • Erstellungsdatum 21. November 2020
  • Zuletzt aktualisiert 21. November 2020

Predigt zum 22.11.2020, Ewigkeitssonntag (1. Kor. 15,35-44)

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. + Amen.

Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen? Du Narr: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will, einem jeden Samen seinen eigenen Leib. – So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.

Liebe Schwestern und Brüder in unserem Herrn Jesus Christus,

Es gibt Namen. Und es gibt Spitznamen. Manche sind ganz treffend. So wie bei Franz Beckenbauer, der mit der deutschen Nationalmannschaft 1974 die Welt­meisterschaft gewonnen hat und bis heute bei vielen einfach „der Kaiser“ heißt. Aber manche Spitznamen sind so „spitz“, dass man damit nicht genannt werden möchte. Stan Laurel und Oliver Hardy, die beiden Stars der Schwarzweißfilme in Amerika, heißen auf Deutsch Dick und Doof. Irgendwie passend, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Frauen sie so genannt haben.

Eine Art Spitznamen hat auch der heutige Sonntag, der letzte vor dem Advent. „Totensonntag“ heißt er in vielen Kalendern. Sicher, wenn die Tage kürzer werden, und die Bäume kahl, denken viele auch an das Ende von lieben Menschen. Viele richten die Gräber auf dem Friedhof für den Winter her. Und sicher: es ist gut, das nicht zu verdrängen; daran zu denken. Aber dieser Spitzname trifft nicht das, was diesen Sonntag ausmacht, zumindest im Kirchenjahr. Denn da geht es gerade um das, was über den Tod hinausgeht, um die Auferstehung.

So wie in dem ganzen 15. Kapitel des ersten Korintherbriefes. Nimm dir's mal zuhause vor, lies es mal am Stück, gerade jetzt, wo wir im Gottesdienst vieles kürzen, aus Rücksicht aufeinander. Das Kapitel fängt so an, wie wir es sonntäglich im Glaubensbekenntnis sprechen (. Kor. 15,1-8):

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, daß ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.

Und dann setzt Paulus sich mit denen auseinander, die sagen, Christus ist nicht auferstanden. Dass Menschen meinen, am Karfreitag ist Jesus gestorben, aber irgendwie haben die Jünger sich wieder eingekriegt und ihre Hoffnung ist doch nicht ganz gestorben – das kann man heute ja auch am Ostersonntag von mancher Kanzel hören. Aber wenn er nicht auferstanden ist, sagt der Apostel, dann sind wir die elendesten von allen Menschen. Dann machen wir uns eine Hoffnung, die sich am Ende in Nichts auflöst, genau dann, wenn wir darauf angewiesen sind, wenn es ans Sterben geht. Dann sind wir schlimmer dran, als die, die meinen, ihre Lieben leben halt in der Erinnerung weiter oder im Stern 257. Aber, sagt er, Jesus ist auferstanden. Das heißt, wir, die wir in ihn hineingetauft sind, die im Glauben an ihm hängen, werden auch auferstehen. Nicht nur in irgendeiner allgemeinen Art von „Auferstehung der Toten“. Sondern mit einer Auferstehung des Fleisches, unseres Körpers, mit Zungen, mit denen wir singen, mit Augen, die unseren auferstandenen Herrn dann endlich auch buchstäblich sehen.

Und dann geht Paulus auf einen Einwand ein, der in der Gemeinde sicherlich da ist, als dieser Abschnitt im Korinth im Gottesdienst vorgelesen wird, und heute genauso. Er führt ein Predigtgespräch. „Was für ein Leib soll das denn sein?“ ist der Einwand. „So etwas gibt’s doch gar nicht.“ Oder genauer: „So etwas gibt’s doch bisher gar nicht.“ Und noch einmal: „Mit was für einem Leib werden die, die gestorben sind, bei der Auferstehung kommen?“ Da wird der Apostel zumindest ernstgenommen, denn ein Kommen meint er, ein Herauskommen aus unseren Gräbern und Hineinkommen in die unvorstellbar herrliche Gegenwart Gottes, also – noch einmal – eine körperliche Aufer­stehung.

Und Paulus antwortet so, wie es Jesus oft getan hat. Mit einem Gleichnis. Ein Getreidekorn wird gesät. Da kommt ja nicht hinterher genauso ein Getreidekorn wieder hoch aus der Erde. Das zersetzt sich. Und dann wächst da ein grüner Halm, wird größer, bildet die Ähre aus und schließlich viele Körner. Ja, da im Verborge­nen, wo kein Licht hinkommt, entsteht neues Leben.

Was gesät wird, ist klein und unscheinbar. Was geerntet wird, ist viel mehr. Und wenn unsere Erfahrung nur bis zum Aussäen reichen würde, könnten wir an dem Samen noch gar nicht erkennen, was daraus für eine Pflanze wird.

Das leuchtet ein. Aber Paulus sagt eben nicht, „so macht's die Natur.“ Sondern er sagt, „so macht's Gott“. Sicher ist die Pflanze in den Genen angelegt, aber er hat sie darin angelegt. Er macht, dass die Gene sich entfalten: „Gott gibt, wie er will, jedem Samen seinen eigenen Leib.“

Und dann folgt ein wunderbarer Abschnitt. Dreimal spricht er von dem, was gesät wird, und was aufersteht. Und das reimt sich noch viel besser als im Deutschen. Und auch in den anderen Wörter stecken Reime: verweslich und unverweslich, irdischer Leib und himmlischer Leib. So, als ob jemand sagt: Mit dem, was ich in dieser Welt erfahre und kenne, kann ich mir auf das christliche Bekenntnis von der Auferstehung der Toten keinen Reim machen. Aber Paulus macht einen Reim daraus.

Ich habe überlegt, ob er dabei an das denkt, was er sicherlich in der ersten Gemeinde in Jerusalem von den anderen Aposteln und den Frauen gehört hat: Wie Jesus die Tochter des Jairus vom Tod auferweckt hat, oder Lazarus in Bethanien. In Ephesus hat Paulus selbst erlebt, wie bei einer langen Predigt von ihm ein Zuhörer eingeschlafen und aus dem offenen Fenster gefallen ist, und Gott hat ihm das Leben wiedergegeben. Aber diese Menschen haben alle ihr irdisches, vergäng liches Leben wiederbekommen.

Aber Paulus ist dem auferstandenen Herrn Christus begegnet, wie wir gerade gehört haben. Er beschreibt diese Begegnung nicht, aber es ist klar: Der Auferstan­dene wird durch nichts mehr eingeschränkt, nicht durch den Raum oder die Zeit. Es ist gewiss keine Müdigkeit mehr an ihm und nichts Unvollkommenes. Dieser Christus hat ihn als Apostel beauftragt und bevollmächtigt. Gerade unter diesem Auftrag hat er selbst oft Todesangst erlebt, im zweiten Korintherbrief zählt er es lang auf (2. Kor .11,23-33). Ihm ist auch bange gewesen davor, alles loslassen zu müssen (2. Kor. 5,4). Aber dann atmet er tief auf und sagt: „Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“ (2. Kor. 5,8).

Es gibt Bereiche in unserer Gesellschaft, da erwarten wir ständig eine Entwick­lung zum Besseren. Wir warten auf einen Impfstoff, dann soll das neue Coronavirus keine solche Bedrohung mehr sein, mit den Bildern von endlosen Reihen von Särgen, wie wir sie von Norditalien oder New York vor Augen haben, und Kranken­hausangestellten in Ganzkörperschutzanzügen. Ein Landwirt, der sich halten will, muss pro Hektar und pro Maschinenstunde immer mehr herausholen. Das Brutto­sozialprodukt muss steigen, sonst ist es ein Abstieg. – Aber wir vertun uns, wenn wir denken, so ist das mit uns Menschen auch. Im Gegenteil: Wer schwere Krankheit oder Depression erlebt oder einfach das normale Älterwerden, erlebt etwas von der Vergänglichkeit. Genauso ist es, wenn einem im Herzen mal nicht nach Singen und Loben zumute ist, wenn man erlebt, wie elend es einem Menschen gehen kann. Das aber bestätigt, was Paulus vom Absterben und Neuwerden sagt: Es muss etwas Neues kommen. Nicht ein verbessertes Modell wie beim Traktor oder Computer. Sondern etwas wesentlich Neues.

Erfunden hat Gott das schon längst. Als unsere Kinder klein waren und die Jüngeren gefragt haben, wo sie waren, als die Älteste geboren wurde, haben wir gesagt: In Gottes Gedanken. Ja, da warst du schon vor deiner Geburt. Und so bist du schon jetzt in seinen Gedanken als Auferstandener oder Auferstandene. So, wie du bei ihm einmal sein wirst. Unvergleichlich damit, wie wir uns selbst jetzt kennen, wo wir mit Zahnspange und Brille und Hörgerät und Makeup und geschickter Kleidung manchem abhelfen, was nicht vollkommen ist. Und doch wirst du du selbst sein, und du wirst es wissen. Noch mehr aber: Du wirst dann ganz gewiss sein, dass dein Glaube hier keine Illusion war.

So schreibt es der Apostel auch uns: „Ich erinnere euch aber, liebe Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch ange­nommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe.“ Noch fehlt uns diese Erfahrung unserer eigenen Auferstehung. Aber das ist kein Grund, daran zu zweifeln. Unsere Lieben, die im Glauben heimgegangen sind, haben sie schon gemacht. Und uns sagt Christus diese Erfahrung gewiss zu. „Ewigkeitssonntag“: was für ein schöner Name. Ich liebe ihn. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben. Amen.

Predigt zum Ewigkeitssonntag (Reihe II neu)

(Daniel Schmidt, P.)