Predigt zum 2.1.2022 (zum Choral „Vom Himmel kam der Engel Schar“)

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  • Zuletzt aktualisiert 1. Januar 2022

Predigt zum 2.1.2022 (zum Choral "Vom Himmel kam der Engel Schar")

Liebe Mitchristen,

1683 belagerte das türkische Heer die Stadt Wien. Es war der zweite Versuch, das türkische Reich bis nach Westeuropa auszudehnen. Die Wiener konnten sich aus ihrer Lage nicht selbst befreien. Aber sie hatten Verbündete. Ein sogenanntes „Entsatzheer“ zur Befreiung der Eingeschlossenen war unterwegs mit Truppen unter anderem aus Sachsen und Bayern. Am 12. September kam es am Kahlenberg 8 km vor Wien zur Schlacht. Das türkische Heer wurde geschlagen. Ein historisches Ereignis und ein historisches Datum.

Historisch ist auch das Eintreffen einer Armee südlich von Jerusalem fast 1700 Jahre vorher, auch wenn es in keinem Geschichtsbuch steht. Denn damit beginnt ein Ereignis, das den Lauf der ganzen Welt verändert. Aber es ist eine Armee ohne einen einzigen menschlichen Soldaten. Eine, die ganz friedlich kommt. Und eine, die singt. Es sind die himmlischen Heerscharen, auf hebräisch „Zebaoth“.

Historisch ist der Tag dennoch. Denn er lässt sich ziemlich genau einordnen in die Regierungszeit von Herodes dem Großen und dem römischen Kaiser Augustus.

Vom Himmel kam der Engel Schar“, so dichtet Martin Luther. Und sie erschien den Hirten. Da haben wir das Gelände, wo diese Armee zu sehen war, die grünen Hügel bei Bethlehem. Dort waren die einzigen Menschen zu dieser Uhrzeit Schafhirten, die auch im Dunkeln nie ganz schlafen, weil sie mit Viehräubern rechnen müssen. Ja, diese Truppen erscheinen ihnen „offen-bar“, offen sichtbar. Was bis dahin nur die Propheten in einer Vorausschau gesehen haben, das ist jetzt öffentlich zu sehen. Und öffentlich zu hören ist der „Frontbericht“ von einem Kind in einem Futtertrog. Frontbericht? Ja, denn da beginnt eine entscheidende Schlacht. Und die wird allein von dem Oberbefehlshaber dieser Heerscharen geschlagen. Dem, der als zartes Kind kommt und in einer harten Krippe liegt, aus Stein gehauen in einer Felswand, oder aus rohem Holz zusammengenagelt.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir uns klarzumachen, was die Hirten vor Augen haben. Die heilige Schrift beschreibt die Engel nicht als kleine Mädchen in weißen Nachthemden, auch nicht als Frauen mit langen, blonden Locken. Auch Flügel haben sie nicht immer. Sondern wenn sie einen direkten Auftrag für uns Menschen haben, dann erscheinen sie als Männer wie bei der Ankündigung der Geburt Jesu:

1    Vom Himmel kam der Engel Schar, / erschien den Hirten offenbar; / sie  sagten ihn': “Ein Kindlein zart / das liegt dort in der Krippen hart.

Zu Bethlehem in Davids Stadt“ liegt dieses Kind. Mehr erfahren wir als Bibelleser nicht, und reicht wohl für die Hirten. Sie kennen die Schafställe im nächsten Ort und brauchen sie nur nacheinander abzulaufen. Sie kennen auch die Unterkünfte, wo Reisende im Innenhof über Nacht ihren Esel oder ihr Pferd anbinden.

Aber als Bibelleser werden sie auch angesprochen: „Davids Stadt“, das erinnert sie an das, was sie von dem Hirtenjungen David wissen, den Gott zum König gemacht hat. So wird dieser Junge, von dem sie als erste erfahren, zu einem großen König werden. Und er gehört in die Familie Davids, sowohl von seiner Mutter Maria als auch von seinem Stiefvater Josef her. Zugleich ist er der Sohn des himmlischen Königs. Und sie erinnern sich an das, was der Prophet Micha längst verkündet hat: Der, der im Volk Gottes, Herr sein wird, kommt aus Bethlehem.

Und nun dichtet Luther einen feinen, aber wichtigen Unterschied. „Es ist der Herr Jesus Christus“ sagen die Engel in der zweiten Strophe. Er ist auch ihr Herr. Aber dann sagen sie: „der euer aller Heiland ist.“ Die Engel sind frei von Sünde. Aber wir Menschen sind darin eingeschlossen. Wir brauchen einen Retter von außen. Dass der nun zur Stelle ist, darüber jubeln die Engel mehr als die Wiener im September 1683.

2    zu Bethlehem in Davids Stadt, / wie Micha das verkündet hat, / es ist der Herre Jesus Christ, / der euer aller Heiland ist.”

Des sollt ihr billig fröhlich sein“, so singt das himmlische Heeresmusikkorps weiter. „Billig“ heißt, mit gutem Grund. Denn Gott wird eins mit euch, ein Mensch wie ihr aus Fleisch und Blut. Der, der als einziger ewig ist, durch den alles geschaffen ist, ohne den nichts existiert, der wird euer Bruder. Der Schöpfer wird mit seiner menschlichen Natur ein Nachkomme der Eva. Ein verletzlicher Mensch, dem Krankheiten zusetzen und Viren, mit Hunger und Schmerzen, mit Anfech­tungen. Ein Mensch, der sterben muss. Das aber heißt: Du bist darin nicht mehr allein. Dein Bruder ist bei dir. Er kennt das alles. Aus eigener Erfahrung.

3    Des sollt ihr billig fröhlich sein, / daß Gott mit euch ist worden ein; / er ist geborn eur Fleisch und Blut, / eur Bruder ist das ewig Gut.

Was uns bedroht, sind nicht nur die Sorgen des Alltags. Nicht nur die Ungewissheit im Blick auf die nächsten Wochen oder das nächste Jahr. Sünde und Tod haben uns auf allen Seiten eingeschlossen. Aber wenn uns Existenzangst überfällt, wenn mancher in eine Depression rutscht, wenn die Angst vor dem Sterben kommt, dann sagt uns das himmlische Heer: „Was kann euch tun die Sünde und der Tod? Ihr habt mit euch den wahren Gott. Lasst den Teufel und die Hölle zürnen“ bei allen Angriffen auf die, die zu Gott gehören: Gottes Sohn ist euer Geselle, euer Freund geworden. Und das heißt, so seltsam es klingt, in diesem geistlichen Krieg ist es nur an der Front sicher, bei dem, der den Kampf gegen unseren Feind aufnimmt. Deshalb schicken die Engel die Hirten zur Krippe. Deshalb leiten die Evangelisten uns dorthin. Deshalb ändert dieses Ereignis bis heute alles für den, der zu dem Herrn der Heerscharen in der Krippe kommt.

4    Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott; / laßt zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden eur Gesell.

Der aber ist, wie er selbst von sich sagt in der Rede vom Hirten, kein Söldner. Er kann und will die nicht lassen, die auf ihn ihre Zuversicht setzen. Bei ihm bist du sicher in allem, was dich im neuen Jahr angreifen will. Was dir Angst macht im Herzen, was dir zusetzt von deinen Mitmenschen, und vor dem, der deinen Glauben angreifen will. Dem kannst du in seinem Namen trotzen und sagen: Du kannst mich zwar angreifen, aber besiegen kannst du mich nicht. Denn mein Name ist Christ, und Christus hat dich besiegt.

 

5    Er will und kann euch lassen nicht, / setzt ihr auf ihn eur Zuversicht; / es mögen euch viel fechten an: / dem sei Trotz, der's nicht lassen kann.

Bei der Belagerung Wiens haben beide Seiten Tunnel unter die feindlichen Linien gegraben. Es wurde im Untergrund gekämpft. Zeitweise drangen die Angreifer bis hinter die Stadtmauern vor. Entsprechend gut war die Stimmung bei ihnen, und es sah nicht gut aus für die da drinnen. Aber auf den Ausgang des Krieges kam es an. Und den haben die Verbündeten von außen gebracht.

6    Zuletzt müßt ihr doch haben recht, / ihr seid nun worden Gotts Geschlecht. / Des danket Gott in Ewigkeit, / geduldig, fröhlich allezeit.          (Martin Luther, 1543)

Die Wiener haben ihre Befreiung 100 und 200 Jahre später groß gefeiert. Wir haben jedes Jahr wieder Grund, unsere Befreiung zu feiern. Denn dazu ist Christus gekommen. Er ist unser Verbündeter, der uns frei macht. Und er macht auch uns zu Friedensboten, wo wir die Botschaft der himmlischen Heerschar weitersagen. Amen.

Immanuelsgemeinde Groß Oesingen (ohne Predigtreihe)

Daniel Schmidt, P.