Predigt zum 19.9.2021 (Klagelieder Jeremias 3,22-26+31f)

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  • Erstellungsdatum 18. September 2021
  • Zuletzt aktualisiert 18. September 2021

Predigt zum 19.9.2021 (Klagelieder Jeremias 3,22-26+31f)

Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. ... Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Mitchristen, liebe Gemeinde,

eine Einkaufspassage in der Stadt. Kunden mit Masken schieben sich in beide Richtungen, man hört halbe Sätze im Vorbeigehen. Und da, leise, eine Kinder­ stimme, ein Weinen. Vor einem Buchladen, neben dem Grabbeltisch mit den Taschenbüchern ab 2,95 €. Ein Junge, 4 Jahre alt, heult leise vor sich hin. Weit und breit keine Mama und kein Papa. Lauter fremde Gesichter, keins, dem er vertraut. Eine Verkäuferin kommt raus, nimmt ihn an die Hand, setzt ihn im Laden in einen Sessel, drückt ihm die Deko-Tigerente in den Arm. Ihr Chef geht zum Computer an der Kasse, eine Minute später zeigt die digitale Tafel vor der Tür nicht mehr Werbung für den neuen Bestseller, sondern die Worte: “Sohn gefunden, hier abzuholen.” Sofort wird jeder von den fremden Menschen, die vorbeigehen, zum Mithelfer. Die Eltern, die ihren Jungen längst suchen, hören mit einem Mal von allen Seiten, “er wartet im Buchladen, mit der Tigerente.”

“Klagen erlaubt, Hoffnung vorhanden” – so hat es ein Prediger über diesen Abschnitt als Überschrift gesetzt. Tränen, Weinen, Klagen sind “erlaubt”, auch bei denen, die an Gott glauben, wenn einer Grund dazu hat. Das kann die persönliche Katastrophe in deinem Herzen sein. Der Liebeskummer, dein Selbstwertgefühl, das einen Knacks bekommen hat, die Angst vor dem Referat in der Schule oder vor der Untersuchung beim Arzt. Das kann auch die Katastrophe sein, von der alle reden wie im Ahrtal, wo vielen Winzerbetrieben nicht nur die Hänge weggerutscht sind, sondern auch die gelagerten Jahrgänge der letzten Jahre weg sind und die Räume zum Keltern der neuen Ernte. Es kann die Lage von Christen in Afghanistan sein, die von der westlichen Welt verlassen sind und die radikale Auslegung islamischen Rechts durch die Taliban erleben.

Und im Zusammenhang unseres Predigtwortes ist das die Situation des Propheten Jeremia und seiner Landsleute in Jerusalem. Im Jahr 597 vor Christi Geburt sind der König, die politische und religiöse Führungsschicht und die Handwerker mit Gewalt weggebracht worden nach Babylonien. Der Tempel ist zerstört, wo Gott seine Gegenwart zugesagt hatte. Häuser verfallen, Dornen und Disteln wachsen auf den Äckern. Das ist 10 Jahre her. Und jetzt sind die Babylonier wieder da und nehmen auch die übrigen mit Gewalt mit.

In dieser Situation ist das Buch der “Klagelieder Jeremias” entstanden. Jedes der fünf Kapitel darin ist ein Klagelied. Aber in dem dritten, aus dem wir einen Abschnitt gehört haben, gibt Gott dem Propheten auf sein Klagen hin das andere: Die Hoffnung. “Klagen erlaubt, Hoffnung vorhanden.”

Klagen erlaubt, wenn du Grund dazu hast. Dann such dir einen Menschen, der zuhört und dem du vertrauen kannst. Und komm mit deiner Klage zu deinem Vater im Himmel. Der hört Tag und Nacht, was du ihm zu sagen hast. Bei dem ist das Klagen an der richtigen Adresse. Denn er ist Gott und du und ich sind es nicht. Und wer hätte mehr Liebe und Verständnis für uns als er?

“Klagen erlaubt” heißt zugleich, wir gewöhnen uns nicht an, ständig laut zu jammern. Wir sagen nicht, dass ja eigentlich alles schlecht ist in der Welt. Und ein Christ guckt nicht immer nur auf das, was die anderen haben und er selbst nicht. Denn dabei übersieht man ja schnell, wo es einem selbst vielleicht auch besser geht als dem Nachbarn über die Straße oder der Kollegin. Wir sind auch gerne fröhlich mit den Fröhlichen. Und wollen auch nicht vergessen, dass der Lebensstandard in unserem Land weit höher ist als in vielen anderen Teilen der Welt. Und dass wir uns daran freuen dürfen, weil auch das ein Geschenk unseres Gottes ist.

So haben wohl auch Jeremia und die anderen erkannt, dass die Katastrophe nicht das Ende war. Sie hatten die letzten 10 Jahre überlebt. Hatten ein Dach über dem Kopf, fanden irgendwo etwas zu essen. Und sie sahen zwar jeden Tag oben über der Stadt die Ruinen des Tempels, aber sie konnten zuhause weiter Gottes Wort lesen und zu ihm beten.

Ja, es ist eine nationale Katastrophe, was da passiert. Aber das heißt nicht, dass Gott sie verlassen hat. Es heißt nicht, dass seine Güte ein Ende hat. Es heißt auch nicht, dass Gott willkürlich mit uns handelt, nach Lust und Laune, so dass wir nie wissen, woran wir bei ihm sind. Sie fangen an umzudenken, und dieses Umdenken kommt von Gott. Denn so weit der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind seine Gedanken als unsere. So wahr er Gott ist, so viel weiter reichen seine Pläne mit dir als das, was du in der Katastrophe vor Augen hast.

So spricht der Prophet in diesem Klagelied das aus, was alle sagen. Er spricht es so aus, dass alle mit klagen können. Ja, auch die, denen der Glaube an diesen Gott zerrinnen will, als ob das Herz irgendwo ein Leck bekommen hat, hören es damit: die anderen können noch zu Gott klagen, und klagen für sie mit. So wie die Gemeinde für dich mitklagt und bittet, wenn dir die Worte ausgehen. Und über diesem Klagen, das sich an die richtige Adresse richtet, gibt Gott dem Propheten für sie alle Worte der Hoffnung. Er gibt ihnen einen neuen Blick auf das, was mit ihnen passiert.

Gott garantiert niemandem, dass sich die Lebensverhältnisse, die wir uns wünschen, wieder herstellen lassen; dass ich Besitz und Gesundheit, Familie oder Ehe wieder so zurückbekomme, wie es mal war. Er verspricht uns auch nicht, dass unser Lebensstandard immer besser wird. Aber wer Gott sucht, und sei es mit einer solchen Klage, der wird die Erfahrung machen, dass Gott ihn tröstet. Das verspricht er uns. Das ist kein ungewisser Trost, kein Schulterklopfen mit einem wenig hilfreichen “das wird schon wieder”. Nein, Gottes Trost ist verlässlich. Er ist klar und wunderbar: “Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind”, nicht am Ende.

Die größte Katastrophe, die die Jünger erlebt haben, war das, was am Karfreitag passiert ist. Die Festnahme Jesu, das brutale Verhör mit der Folter, sein qualvolles Sterben am Kreuz. Und immer mehr der Gedanke: Es ist aus. Wir haben Gottes Güte vertraut, haben gesehen, wie viele Menschen bei Jesus Hilfe gefunden haben, haben selbst die Erfahrung gemacht, dass wir ihm im Alltag vertrauen können, dass er dafür sorgt, dass wir zu essen haben und einen Platz, wo wir unterkommen. Aber jetzt ist es aus. Gottes Güte hat ein Ende. Und mittendrin die noch größere persönliche Katastrophe für Petrus. Er hat abgestritten, dass er mit Jesus etwas zu tun hat. Er hat sich von ihm losgesagt.

Aber die Jünger und die Frauen bleiben zusammen mit ihren Tränen, ihrer Klage. Und Petrus bleibt dabei. Er will ja nichts lieber, als doch zu Jesus zu gehören. Und auch, wenn sie jetzt bei ihm keine Hoffnung sehen, weil sie ihn nicht mehr sehen, wissen sie: woanders finden sie keine. So hoffen sie gegen den Verstand. Und sie stellen am Karsonnabend fest: Wir leben noch. Der Einsatztrupp ist noch nicht gekommen, um uns auch zu holen, obwohl jeder uns mit diesem Jesus gesehen hat. Wir leben noch, dank der Güte Gottes. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, hält sie. Und dann kommt der Tag, wo sie den Trost hören und sehen, ganz schnell ist er da. Der Ostermorgen, wo der Engel sagt: Er ist nicht tot, er ist auferstanden. Das dunkle Grab, auf das sie zukommen, ist hell und leer. Der Morgen bricht an und Jesus kommt zu ihnen. Auferstanden.

Das heißt: er ist durch die Hölle gegangen. Und die Hölle hat ihn nicht besiegt. Er hat die Hölle besiegt. Deshalb: wenn du durch die Hölle gehst, ist er schon da. Und es heißt: Wir leben noch – dank der Güte Gottes. Gott mag uns Schweres zumuten, aber verstoßen will er uns nicht. Und er trägt es mit uns. Es wird nie mehr sein, als wir mit ihm tragen können, jeden Tag. Und wir werden weiterleben, komme, was da wolle. Jesus ist gestorben, damit wir ewig leben. Leben heißt ja nichts anderes, als dass Gott bei uns bleibt und wir bei ihm.

So kann das, was wir hier verlieren, schon ein Einüben sein, dass wir am Ende hier loslassen, um dort das ewige Leben zu bekommen. Es ist auch eine Erinnerung, dass wir nichts von dem verdient haben, was wir an Gutem bekommen. Wir haben keinen Anspruch darauf.

Und wo's uns gut geht, lernen wir so, auch das recht geistlich zu verstehen als Hinweis auf Gottes unverdiente Liebe.

Denn so einen Gott haben wir. Der uns unverdient viel mehr gibt, als wir zum Überleben brauchen. Ja, der uns das Beste gibt: die Gewissheit, dass er, der die Welt geschaffen hat, der ihren Lauf lenkt, auf unsere Seite gekommen ist. Und dass er auch dann, wenn's nicht so aussieht, das will und das tut, was zu unserer Rettung dient. Zu unserer ewigen Rettung. Deshalb ist es ein köstliches Ding, wie der Prophet sagt, geduldig zu sein und auf die Hilfe des Herrn zu hoffen. “Geduldig sein”, das kann man auch mit “leise klagen” übersetzen. Wie der Junge im Einkaufszentrum, der leise weint, und er wird gehört, und Hilfe kommt und alle tragen dazu bei, dass sein Vater und seine Mutter kommen, noch bevor er's weiß.

„Die Güte des HERRN ist's, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. ... Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Lasst uns einen Moment still sein, dass du ihm klagst, wenn du Grund zum Klagen hast, und wenn nicht, dass du ihm dankst, dass Hoffnung vorhanden ist für dich und für deinen Bruder und deine Schwester. “Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. [Denn] wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.” Amen.

(16. Sonntag nach Trinitatis, Predigtreihe III neu)

Daniel Schmidt, P.