Predigt zum 13.9.2020 (Lukas 19,1-10)

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  • Zuletzt aktualisiert 13. September 2020

Predigt zum 13.9.2020 (Lukas 19,1-10)

Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Gemeinde in Christus,

Ich war 16, wir waren auf einer Freizeit im Missionshaus in Bleckmar, und wir haben mit einem Pastor Handpuppen gebastelt – Figuren aus der Erzählung von Zachäus. Erst die Köpfe schön geformt, dann Kleider dazu gemacht, und dann haben wir zu üben angefangen. Am großen Bleckmarer Missionsfest haben wir das ja für die Kinder aufgeführt.

Im Internet kann man auf Fotos von Maulbeerfeigenbäumen sehen, dass die weit ausladende Äste haben, fast waagerecht, und dichte grüne Blätter. Man kann sich gut vorstellen, dass da jemand auf einem Ast steht und selbst fast nicht zu sehen ist. So einen Baum hatten wir natürlich nicht. Aber hinter dem Missionshaus auf der Wiese standen zwei Apfelbäume (einer davon steht da immer noch). Wir haben eine Decke zwischen die Bäume gespannt, das war unsere Puppenbühne. Da ist Zachäus mal auf einen Apfelbaum gestiegen. Aber der Effekt war der gleiche: er war höher als alle anderen, und konnte selbst kaum gesehen werden.

Aber kommen wir zum ersten Akt. Es herrscht so eine Art Feiertagsstimmung. Viele in Jericho haben an dem Tag ihre Alltagsarbeit liegen lassen und sind an einer Stelle zusammengekommen. Der Grund ist, dass sie Jesus sehen wollen. Noch besser, sie wollen hören, was er sagt. Das ist so wie bei uns. Darum sind wir ja heute hier.

Zachäus hat also seine Arbeit sein lassen. Vielleicht würde er sonst gerade die Runde machen bei denen, die für ihn die Steuern eintreiben. Aber das kann warten. Im Moment denkt er mal nicht an sein Geld. Nicht, wie noch mehr davon rein kommt. Und auch nicht, wofür er es ausgeben kann.

Zachäus läuft also weder zur Arbeit noch zum Einkaufen. Heute läuft er dahin, wo Jesus hinkommt. Nur hat er den Nachteil, dass er oben ein bisschen zu kurz geraten ist. Wenn einer unserer Konfirmanden vor ihm stehen würde, könnte er kaum drüber gucken. Aber da steht ja ein ordentlicher Baum. Also klettert er da rauf.

Und nun kommt Jesus. Kommt nicht nur allgemein zu den Leuten von Jericho,  sondern kommt direkt zu Zachäus. Das hat der nicht erwartet. Das ist so, wie Gott mehrmals in der Heiligen Schrift  sagt: Ehe du mich rufst, will ich dich hören. Ehe du merkst, wie groß deine Not ist, will ich dich retten.

Das war so mit dem Volk Israel. Die dachten, Gott würde nicht merken, wie furchtbar sie als Sklaven in Ägypten litten, wie sie nur für die Arbeit lebten; dass Krankheit und Tod ihnen ganz nah waren. Und Gott sagte, vor 80 Jahren schon habe ich den Mose aus dem Wasser gezogen, habe ihn vorbereitet, als die meisten von euch noch gar nicht geboren waren, damit ich euch durch ihn jetzt da raus führe. Und er sagte zu uns: als ihr noch nicht geboren wart, da habe ich meinen Sohn geschickt, damit ihr hören könnt, was ich sage; was euch rettet.

So kommt Jesus jetzt zu Zachäus und sagt, heute morgen bin ich aus dem Haus gegangen und habe an dich gedacht, noch bevor du deine Arbeit liegenlassen hast und hierhergekommen bist. Deshalb muss ich heute in dein Haus kommen. Dieses „Muss“ ist ein ganz starkes Wort. Man kann es ein göttliches Muss nennen. Immer wo Gottes Wort so spricht, da geht es um Rettung für Menschen.

Und Zachäus rutscht runter, und geht mit Jesus zu sich nach Hause. Seine kurzen Beine können wahrscheinlich kaum Schritt halten. So eine Chance wie Zachäus haben wir heute auch. Wir haben die Arbeit zu Hause gelassen. Heute ist der Tag, den Gott als freien Tag in die Woche gesetzt hat. Und Jesus sagt: Freut euch. Ich muss heute zu euch kommen.

Ich stell mir vor, Zacharias kommt rein und ruft sofort seinen Leuten zu, dass sie etwas zu essen machen sollen. Und dann setzt er sich mit Jesus hin. Von so einem Moment singt Paul Gerhardt in einem Lied in unserem Gesangbuch:

Freu dich, Herz, du bist erhöret, / heute zieht er bei dir ein; sein Gang ist zu dir gekehret, / heiß ihn nur willkommen sein / und bereite dich ihm zu. Gib dich ganz in seine Ruh, / öffne dein Gemüt und Seele, / klag ihm, was dich drück und quäle.

Und jetzt kommt der zweite Akt. Jesus ist bei uns. Der heilige Gott. Da wird einem mit einem Mal klar, dass man nicht heilig ist. Wie oft verrennen wir uns in Schuld. Und wie oft machen wir Dinge weiter, die wir ändern sollten. Auf zweie werde ich hier in Oesingen manchmal angesprochen: die Ehrlichkeit im Geschäft, in der Abrechnung mit anderen, mit der Versicherung, bei der Steuer. Das gehört auf denselben Haufen wie die Schuld des Zachäus, die er selber gleich aussprechen wird. Und das schlechte Reden über andere. Auch das höre ich nicht erst seit gestern. Aber ich höre, dass jemand, den das bei anderen stört, sagt, Da muss ich selbst aufpassen.

Wenn Gottes Wort von Sünde redet, dann heißt das nicht, du musst dir jeden Schuh anziehen. Aber wir sollen aufpassen, wenn es so redet: Welcher Schuh ist meiner? Wie bin ich unterwegs? Was muss ich ausziehen und sein lassen? (Auch das ist ein göttliches „Muss“.) Das braucht bei Zachäus keine lange Predigt. Das braucht nur Ohren, die zuhören, wenn Jesus spricht.

Lang sind die Predigten bei uns in der Corona-Zeit auch nicht. Umso mehr gebe uns Gott Ohren, die hören. Und gebe uns, dass wir den sehen, der zu uns kommt: kein Jesus aus Papier, kein gemalter Jesus, sondern der echte aus Fleisch und Blut, der für dich Mensch geworden ist, der für dich gestorben ist und auferstanden, der zu dir kommt. Und den hast du. Der sitzt jetzt neben dir, wie an dem Tag neben Zachäus.

In einem Film, der nach dem Lukasevangelium gedreht worden ist, sieht man Zachäus mit Jesus mit vielen Leuten an seinem Tisch. Da merkt der Zöllner, der andere jeden Tag ausnimmt, dass sich etwas ändern muss. Er steht auf, geht zu einem Wandteppich, schiebt ihn etwas zur Seite, zieht einen losen Stein aus der Wand, und holt einen großen Geldbeutel raus. Dann sagt er zu Jesus: Wo ich jemanden betrogen habe und das noch wieder gutmachen kann, gebe ich ihm viermal so viel zurück. Und die Hälfte von dem, was ich habe, gebe ich den Armen.

Seine Gäste lachen. Zachäus ist übergeschnappt. Dass jemand etwas umsonst haben will, das kennt man. Aber dass jemand etwas umsonst weggibt? Und Zachäus lacht auch. Aber es ist ein befreites, fröhliches Lachen. Denn Jesus zeigt ihm, was Paul Gerhardt in demselben Lied in der nächsten Strophe so singt:

„Was du Böses hast begangen, das ist alles abgeschafft.“

Weggeräumt. Nicht mal kurz übersehen von Gott, sondern ganz abgeschafft. So weg, dass Gott selbst nicht mehr daran denkt.

„Gottes Liebe nimmt gefangen deiner Sünden Macht und Kraft.“

Ja, unsere Sünden haben Macht und Kraft. Uns sozusagen immer wieder abzuholen und zu verführen. Uns zu verfolgen, wenn wir sie getan haben. Aber das nimmt Christus weg. Das ist Vergebung.

Und jetzt kommt der dritte Akt. Jesus sagt, dem Zachäus ist Heil widerfahren. Denn auch er ist Abrahams Samen. Auch ihm hat Gott versprochen, dass er jeden, den an den versprochenen Christus glaubt, rettet. Das heißt, dass Zachäus wissen darf:

„Alles dient zu deinem Frommen (das heißt, zu deinem Nutzen), was dir bös und schädlich scheint.“

Dass Gott dir das ewige Leben schenken und dich für immer bei sich haben will, das steht fest. Daran kann auch das Schrecklichste, was du im Leben erlebst, und deine eigene Niedergeschlagenheit und Müdigkeit und Hilflosigkeit nichts ändern. In dein Herz und in dein Leben „muss“ er heute wieder neu kommen. Machen wir ihm auf. Und sagen mit Paul Gerhardt, so wie es Zachäus sagen konnte:

Mich hat Christus angenommen, / der es treulich mit mir meint. / Bleib ich dem nur wieder treu, / ist's gewiss und bleibt dabei, / dass ich mit den Engeln droben / ihn dort ewig werde loben. Amen.

14. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe II neu)

Daniel Schmidt, P.