Predigt zum 10.10.2021 (Joh. 8,2-11)

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  • Zuletzt aktualisiert 11. Oktober 2021

Predigt zum 10.10.2021 (Joh. 8,2-11)

Predigt am 10.10.2021 (Johannes 8,2-11)

Und frühmorgens kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.

Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Gebet: Himmlischer Vater, öffne unsere verschlossenen Ohren und Herzen, damit wir durch dein Wort von der Sünde frei werden. Durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen.

Das ist doch ungerecht!“

Liebe Brüder und Schwestern, so wäre wohl die erste Reaktion der meisten unserer Zeitgenossen, wenn sie dort dabei stehen würden auf dem Tempelplatz in Jerusalem. „Wie kann man nur den Tod dafür fordern?! Die Frau, die dabei erwischt wurde, wie sie fremdging, hatte vielleicht nur einen schwachen Moment.“ Es kann durchaus sein, dass die Frau in einer unglücklichen, lieblosen Ehe lebt, in der sie wohlmöglich geschlagen wird.
Wer würde da nicht die Möglichkeit nutzen, diesem Grauen für eine kleine Weile zu entkommen?
Wenn dann auch noch dazu kommt, dass der Liebhaber genau ihren Vorstellungen eines Traummanns entsprach… Da ist es doch vollkommen verständlich, dass so etwas dann passiert. Da kann man doch nicht die Todesstrafe verhängen! Bei uns ist das noch nicht mal strafbar.

Nach dem Gesetz, das Gott durch Mose dem Volk Israel gegeben hatte, aber war klar: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin“ (3. Mose 20,10). Was hier also wirklich ungerecht ist, ist, dass der Mann, mit dem sie die Ehe gebrochen hatte, nicht auch zu Jesus
gebracht wurde. Was die Frau anbelangt, lässt sich – trotz all unserem Verständnis für sie – nichts daran ändern: Sie hat sich vergangen an der Ehe, die Gott schon bei der Schöpfung der Menschen gestiftet hat. Das ist der Glücks- und Schutzort für einen Mann und eine
Frau, wo Gottes Geschenke der selbstlosen, der freundschaftlichen und der sexuellen Liebe genossen und ausgelebt werden sollen. Die Verachtung dieser Ordnung durch den außerehelichen Geschlechtsverkehr ist Sünde und trennt uns von dem Gott, der die Ehe gestiftet hat. Hier gilt, was für alle Sünde gilt: Der Tod ist der Sünde Sold (Röm 6,23).
Daran lässt sich nicht rütteln.

Wie aber reagiert nun Jesus in der Situation? Eigentlich kann er nur falsch reagieren, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten stellen ihm eine Falle mit der Frage „Was sagst du zu diesem Ehebruch?“ Wenn er die Frau gehen lässt, können sie ihm vorwerfen, dass er das Gesetz auflöst. Dabei hat er doch selbst behauptet, dass er nicht gekommen sei, um das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Wenn Jesus sie aber zur Steinigung verurteilt, dann könnten seine Gegner fragen: „Was ist denn aus der Sündenvergebung geworden, die du sonst den Menschen zusprichst? Bist du kein Freund der Sünder mehr?“ Und dann kommt noch dazu, dass die jüdische Geistlichkeit keine Todesstrafe erlassen und durchführen konnte. Dieses Recht lag allein bei der römischen Besatzungsmacht, was wir ja auch an Jesu eigenem Prozess sehen. Jesus ist also in einer Zwickmühle.

Liebe Brüder und Schwestern, was Jesus dann macht, ist völlig unerwartet. Weder sagt er, dass die Ehebrecherin nicht schuldig ist, noch sagt er, dass sie getötet werden soll. Er antwortet gar nicht – zumindest nicht mündlich. Er bückt sich und schreibt mit dem Zeigefinger in den staubigen Boden des Tempelplatzes. Was genau er schreibt, wissen wir nicht. Aber wahrscheinlich etwas, wodurch seine Gegner als Sünder überführt wurden.
Allein schon durch diese Geste erfüllt sich, was beim Propheten Jeremia angekündigt wird:
Alle, die dich [Herr] verlassen, werden jämmerlich umkommen! Ja, alle, die sich von dir abwenden, werden vergehen: Ihre Namen sind in Staub geschrieben, weil sie den Herrn, ihre Quelle, verlassen haben. Dabei sprudelt aus ihm Wasser, das Leben schenkt. (Jer 17,13)

Und so kann es durchaus sein, dass der Herr Christus hier die Namen der Männer auf den Boden schreibt, die ihm die Frau gebracht haben. Sie wollten, dass er Gericht hält, um ihn anklagen zu können, und jetzt hält er Gericht. Nur nicht so, wie sie es sich erhofft haben:
Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Dadurch sitzen Jesu Gegner mit auf der Anklagebank. Sie sind ebenfalls Angeklagte des Ehebruchs, denn sie haben sich vom Herrn abgewendet. Sie haben den Bund Gottes mit seinem Volk gebrochen, der auch immer wieder mit dem Bild der Ehe beschrieben wird (siehe Hosea, etc.). Das haben sie getan durch ihren Unglauben an den Gott, der fleischgeworden vor ihnen kniet und in den Staub schreibt.
Dieser Unglaube führt dazu, dass auch sie gegen Gottes Gebote schuldig geworden sind, denn Jesus macht in der Bergpredigt klar: Sünde ist nicht erst die Ausführung des Ehebruchs. Sie beginnt damit, dass wir uns nach einem anderen Ehepartner sehnen. Da spricht er: „Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen“ (Matth 5,28)

Wenn Jesus sagt „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“,  dann sind aber nicht nur die Schriftgelehrten und Pharisäer angesprochen,  sondern auch wir. Welcher Mann hat wohl noch nie eine Frau begehrlich angesehen,  die nicht seine Frau ist oder es werden kann? Und welche Frau hat noch nie davon geträumt,  in den Armen eines Mannes zu liegen,  der nicht ihr Mann ist oder es werden kann? Aber selbst wenn das auf einige nicht zutreffen sollte,  dann sündigen sie in anderer Hinsicht nicht weniger schwer. Erinnert euch an die zehn Gebote! Betrachtet euer Leben in ihnen wie in einem Spiegel und beachtet, wie Jesus diese Gebote in der Bergpredigt ganz streng auslegt! Ihr werdet sehen, es führt kein Weg drumherum, sich einzugestehen: „Auch ich bin wie die Ehebrecherin,  die zu Jesus geführt wird, des Todes schuldig.“

Daher habe ich einerseits kein Recht,  mich wie die Gegner Jesu über die Frau zu erheben und sie in die Hölle zu verdammen. Andererseits steht es mir aber auch nicht zu,  nur weil ich Verständnis für sie habe, Gottes Gesetz klein zu machen und die Frau für unschuldig zu erklären.

So wenden sich die Pharisäer und Schriftgelehrten beschämt ab und verlassen den Ort des Geschehens. Keiner traut sich,  der Aufforderung Jesu nachzukommen und den ersten Stein zu werfen – vielleicht auch,  um keinen Stress mit den römischen Behörden zu bekommen.
Sie und wir sind nicht zuständig dafür,  hier zu richten.

Liebe Brüder und Schwestern,  schließlich bleiben Jesus und die Ehebrecherin allein zurück.
Hier der, der allein sündlos ist und das Recht hat, das Todesurteil zu sprechen und zu vollstrecken, und da die Schuldige. Jetzt erst wendet sich die Barmherzigkeit in Person der unglückseligen Frau zu: „
Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?“ „Niemand, Herr?“ „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Das dürfen wir nicht so verstehen, als ob Jesus sich wie die Pharisäer und Schriftgelehrten aus der Affäre zieht und sich für nicht zuständig erklärt. Sondern was er hier tut, kommt dem gleich, was der Herr Christus in der Beichte zu uns spricht: „Dir sind deine Sünden vergeben. Geh hin in Frieden.“ Er lässt uns und die Frau gehen, nicht weil er halt mal ein Auge zudrückt, sondern weil er selbst das Todesurteil auf sich nimmt. Das Todesurteil wurde gesprochen und vollstreckt – nicht über uns, nicht über der Ehebrecherin. Am Kreuz auf Golgatha wird die Strafe, die uns zusteht, an unserem Herrn Christus vollstreckt. Da hat er alle Schuld der Welt auf sich genommen und weggeschafft. Da hat er alles aufgegeben für dich und für mich. Die schlimmsten Auswirkungen von Gottes heiligem Zorn über unser alle Sünde und Schuld hat er am Kreuz für dich erlitten. Er wurde von seinem himmlischen Vater völlig verlassen, damit du das in deinem Leben nie erleben musst. Nur deswegen kann er sprechen: „Ich verdamme dich (auch) nicht; geh hin und sündige nicht mehr.“

Ja, deswegen wird es auch so sein, wenn der Herr Christus zum jüngsten Gericht wiederkommt: Der Teufel wird uns wie die Pharisäer und Schriftgelehrten alle unsere Sünde vorhalten, in die wir trotzdem noch auf unserem weiteren Lebensweg bewusst und unbewusst fallen. Wir aber haben Jesus als unseren Verteidiger an unserer Seite, der Fürsprache für uns hält. Und am Ende wird dieser Verteidiger sich auf den Richterstuhl setzen und verkünden: „Du bist frei, denn ich habe deine Strafe bezahlt, getragen und abgegolten für alle Zeit und Ewigkeit.“ Amen.

(19. Sonntag nach Trinitatis

Felix Hammer, Vikar)