Predigt vom 8.12.2019

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  • Erstellungsdatum 8. Dezember 2019
  • Zuletzt aktualisiert 8. Dezember 2019

Predigt vom 8.12.2019

Liebe Gemeinde,

wer wäre lieber ein Baum? Sicher, das ist eine merkwürdige Frage. Aber heute hören wir von jemandem, der sagen würde: Ja, ich. So lustig wie die Sache zuerst klingt, ist sie allerdings nicht. Denn wenn ein Mensch lieber ein Baum wäre, dann muss da etwas vorgefallen sein. Und sicher keine Kleinigkeit. Etwas Einschneidendes wird er erlebt haben. Aber was?

In seinem Wohnort heißt es, er war ein gläubiger Mensch, war großzügig und freundlich zu allen. Außerdem erfolgreich und sehr reich. Mit jeder Menge Arbeitern und riesigen Viehherden. Aber alles hat er verloren. Und noch viel schlimmer: Von seiner großen Familie ist ihm allein seine Frau geblieben. Und nicht einmal bei ihr darf er noch wohnen. Er hat ja diese schreckliche Hautkrankheit. Und die ist nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern wahrscheinlich auch ansteckend. Außerdem kann man es in seiner Nähe kaum aushalten: Dieses Leid, der Anblick und seine düstere Stimmung.

Aber ein paar seiner alten Freunde besuchen ihn wohl gerade. Nur sie glauben ihm nicht, dass er unschuldig ist an seinem Unglück. Etwas wird er falsch gemacht haben, dass es ihm so schlecht geht. Doch er sieht es nicht ein. Ob wir auch zu ihm gehen wollen? Nun, ja, wir kennen ihn zwar nicht persönlich. Aber vielleicht können wir etwas von ihm über das Leben lernen. Mal sehen, was er heute sagt, wie er mit Gott redet. Es steht im Buch Hiob im 14. Kapitel:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er? Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest! Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt. Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

Jetzt wird klar, was er an dem Baum so gut findet: Mit dem ist es nicht vorbei, wenn er abgehauen wird: Der kann wieder ausschlagen; an der Seite vom Stumpf oder rundherum wachsen Schösslinge aus der Wurzel im Boden. Schon wenn das Wasser nur in seine Nähe kommt. Wie anders geht es uns Menschen! So alt wie ein Baum werden wir nicht. Und tiefe Wurzeln haben wir nicht. Sondern wir eilen herum und sind unruhig. Denn wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist.

Darum gleichen wir eher einer Blume: Gerade ist sie aufgeblüht, doch scheint die sengende Sonne und heiße Winde wehen – da ist es vorbei: Mit einem Mal fällt sie vertrocknet ab. Machtlos stehen wir da, wenn ein Mensch gestorben ist. Und wir wissen: Auch uns wird es so ergehen. Denn wir sind geboren. Und das nicht aus uns selbst. Insofern sind wir von Anfang an passiv. Wir entscheiden nicht darüber, ob wir vergehen wie die Blume.

Nein, wir können nicht frei über unsern Tod bestimmen, wie es uns vorgetäuscht wird. Die Zeit läuft ab – und nur Gott weiß wie spät es ist. Wie viele Tage, wie viele Monde, also Monate noch kommen. Schnell zieht die Wolke vorbei – und der Schatten verschwindet. So hat Gott die Grenzen für uns festgelegt und kein Mensch kann sie überschreiten.

Natürlich versuchen es Menschen: Als Berühmtheit wollen sie in den Gedanken anderer bleiben, oder in der nächsten Generation fortbestehen; oder sie lassen sich im Wurzelbereich eines Baumes bestatten – mit dem Gedanken in ihm weiterzuleben; in Zukunft werden sie vielleicht ein elektronisches Abbild von sich speichern – um in einem Computersystem o. Roboter weiterzuleben.

Doch wir selbst bleiben so nicht. Hiob will das nur von dem ganzen Menschen gelten lassen, mit Leib und Seele untrennbar verbunden: So steht der Mensch nicht wieder auf, wenn er gestorben ist. Nein, solange Himmel und Erde bestehen, ist das unmöglich.

Daher sind wir eher wie die Wüstenbäche: So plötzlich sie in der Regenzeit entstanden sind, so schnell sind sie in der Hitze wieder verschwunden. Das Wasser ist verdunstet und versickert. Und es bleibt nichts von uns, was man sehen könnte.

Wie kann ein Mensch dann wieder leben? So recht vorstellen kann sich Hiob das nicht. Und wer kann das schon? Zu deutlich zeigt sich, wie alles vergeht.

Aber Gott hat sich das anders gedacht. Es ist die Sünde, die den Tod gebracht hat. Unter ihr leiden wir und tun sie doch zugleich. Daher gibt es nicht nicht einen Reinen. Und deshalb ist das Schlimmste für Hiob noch etwas anderes. Nicht die Vergänglichkeit, nicht einmal der Tod. Sondern unter dem Gericht Gottes zu leben. Und zwar als Sünder. Er hat kein großes Unrecht getan; er war ein frommer Mann, heißt es. Und er wird zu den besonders Gerechten gezählt. Und doch ist er vor Gott im Unrecht.

Und gerechter als Hiob sind wir sicher nicht. Das heißt: Selbst wenn uns gerade keine Sünde bewusst ist – wir gehören zu den Unreinen. Und das ist keine Entschuldigung, etwa auf die Weise: Wenn der Mensch schwach ist und jeder etwas sündigt – dann kann es ja nicht so schlimm sein. Und dann sagt man noch einen biblischen Spruch dazu: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist eben schwach.

Ja, wir sind anfällig für die Sünde und wir stecken von Anfang an darin. Aber wer in eine Sache verstrickt ist, der ist auch mit schuldig. Und so hilft es nicht, nur einer von den vielen Unreinen zu sein. Vielleicht kommt man sonst im Leben damit durch, wenn viele das gleiche tun. Es mag sein, dass es nicht auffällt. Aber Gott sieht es. Deshalb kann sein Blick so unangenehm sein, seine Nähe beunruhigen und das Gewissen quälen.

Daher wünscht sich Hiob, dass Gott für die kurze Zeit unseres Lebens wegsieht. Er will sein wie jemand, der von dem Lohn lebt, den er für den Erntetag bekommen hat. Der wenigstens den Feierabend genießen kann. So will er sich einfach an den Vergnügungen des Lebens freuen– ohne von Gott gestört zu werden. Und so tun es ja viele Menschen um uns herum. Würde es uns dann besser gehen? Sollten wir es den Menschen nachmachen, die sich nicht von Gott stören lassen?

Aber an der Wirklichkeit ändert das nichts. Und sie zu verdrängen, macht es nicht besser. Auch die Menschen, die das tun, bekommen Gottes Zorn zu spüren. Natürlich würden sie es nicht so nennen. Vielleicht sagen sie Schicksal dazu, wenn ihnen so etwas wie Hiob passiert. Oder sie denken gar nicht darüber nach. Doch auch ihr Leben ist kurz, unruhig und bruchstückhaft. Wie alle Menschen, die geboren sind: Sie leiden an ihrer Vergänglichkeit; sie sterben und blühen nicht wieder auf. Menschen sind eben keine Bäume.

Doch nein, Hiob will auch kein Baum sein. Er will mit Gott reden - als Mensch wie er geschaffen wurde. Und er tut es ja schon die ganze Zeit. Er schreit zu Gott wie er ihn von früher kennt. Der wird sich nach seinem Geschöpf sehnen. Auch wenn ein Mensch gerade vor ihm leidet. Wenn er gerade nur seine Vergänglichkeit und Gottes Gericht spürt. Das kann nur eine begrenzte Zeit sein. Wenn Gott das Leben begrenzt, so kann er auch dem Leid ein Ende setzen.

Solange könnte er den Menschen weit weg verstecken, etwa in der Erde, in der Unterwelt. So wie man sich am liebsten verkriechen will, wenn man öffentlich bloßgestellt wird. Nur dass Gott hier vor seinem eigenen Blick schützt. Und dann, eines Tages, wird er sich wieder erbarmen, freundlich an Hiob denken, ihn retten aus der Vergänglichkeit.

Dazu stellt Hiob sich vor, wie Gott ihn ruft. Endlich spricht er wieder mit ihm. Und Hiob will Gott ganz sicher antworten. Dann könnte alles anders sein: Gott sieht ihn liebevoll an, er achtet auf ihn; aber nicht mehr auf seine Sünden. Die stopft er in einen Beutel und ihn bindet ihn zu, mit Siegel obendrauf. Das dürfen auch die anderen nicht mehr aufmachen; seine Freunde können ihm nicht mehr vorhalten, was er alles falsch gemacht habe; was ihn angeblich in diese Lage gebracht hat.

Ach, ja, wenn er bloß diese Aussicht hätte! Wenn er sich sicher wäre, dass er in seiner Leidenszeit abgelöst wird: Leid und Tod würde er geduldig ertragen! Wenn er nur Hoffnung hätte, dass Gott ihn wieder neu aufleben lässt - so wie der Baum seine Blätter wechselt, die jetzt abgefallen sind; sie im Frühjahr tauscht und neu ausschlägt. Aber hat das schon jemand von einem Menschen gehört?

Ja, oft sogar. Und besonders in der Adventszeit:Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ So sagt es Jesaja von Isai, Davids Vater. Der ist wie ein Baumstumpf, der neu ausschlägt; eine frische Pflanze wird aus seiner Wurzel wachsen. Das wird der Retter sein. Der eine Reine unter all den Menschen. Weil er aber durch unsere Sünde verwundet wird, muss er leiden und sterben. Das Lamm, dessen Blut die Deckkraft hat, unsere Schuld zu übermalen.

Nein, Isai hat nicht in ihm weitergelebt. Aber von diesem Erlöser zu wissen, das war auch der größte Lichtblick für Hiob. Nach nichts hat er sich mehr gesehnt als Gott so zu sehen: Als jemanden, der auf seiner Seite steht; der ihn freundlich ansieht, der ihn verteidigt, der alle Unreinheit überstreicht. Ja, in solchen Momenten vergisst er all seine Krankheit, seinen Verlust, sein Leiden und den Tod. Hin- und wieder kommen ihm solche guten Gedanken.

Sein Leiden zieht sich noch eine lange Zeit hin. Aber einen Teil seiner Bitten erhört Gott schon zu seinen Lebzeiten: Gott denkt gnädig an ihn, er spricht mit ihm; er gibt ihm Recht gegenüber seinen Freunden: Es ging Hiob nicht deshalb so schlecht, weil er sich falsch verhalten hat. Und er kann sich wieder freuen in dem kurzen Menschenleben: Er wird gesund, bekommt Kinder, es geht ihm gut. Nur am Ende muss auch er sterben.

Und so ist es mit allen Menschen bis heute, zweieinhalbtausend Jahre später, – ob in kurzen oder langem Leben, mit viel oder wenig Leid: Es bleibt bruchstückhaft, vergänglich. So ist es in der Welt – wie von Hiob beschrieben.

Doch vor uns ist schon wirklich geworden, was Hiob kaum für möglich hielt: Gott hat sich über den Menschen erbarmt und hat ganz neu angefangen. Mit einem neuen Schössling hat er angesetzt. Er hat das getan, was unvorstellbar ist, solange Erde und Himmel bestehen: Ihn vom Tod auferweckt.

Denn damit hat eine neue Schöpfung begonnen. Das ist keine Verlängerung des Lebens und keine Rückkehr in das alte Leben. Wir werden nicht wie ein Baum, der neu ausschlägt. Und wer wäre schon lieber ein Baum?

Nur ein Beispiel ist der Baum, dass wir sicher sein können: Es wird sich ändern, was Hiob und wir Menschen bis heute erleben: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“ Amen.

(2. Adventssonntag, J. Achenbach)