Predigt vom 5.4.2020 (Palmsonntag, Joh. 12,12-19)

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  • Erstellungsdatum 6. April 2020
  • Zuletzt aktualisiert 6. April 2020

Predigt vom 5.4.2020 (Palmsonntag, Joh. 12,12-19)

(Diese Predigt is als Videoaufnahme eines Gottesdienstes wegen der Kontaktbeschränkung aufgrund der Corona-Pandemie zu finden unter https://youtu.be/9QDKsaLH90w )

Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, daß Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, daß dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. Die Pharisäer aber sprachen unterein­ ander: Ihr seht, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

Liebe Gemeinde, liebe YouTube-Nutzer und Nutzerinnen,

Wenn dieses Jahr so wäre wie alle anderen seit dem Zweiten Weltkrieg, dann würden wir heute Konfirmation feiern. Dann hätten wir uns heute morgen gefreut, euch festlich angezogen zu sehen, lieber Carl, Joschua, Rafael und Josua, unser Vikar wäre dabei, der euch zwei Jahre lang unterrichtet hat und gerne mich euch feiern würde, wir hätten in der Sakristei ein Vorbereitungsgebet gesprochen und dann wären wir feierlich mit euch eingezogen. Hier vorne würden vier Stühle für euch stehen, ihr wäret sozusagen in der Mitte der Gemeinde und jeder würde euch zugleich zusammen mit dem Kreuz sehen, an dem unser Herr Christus hängt.

Nun ist das alles nicht möglich wegen der Virus-Pandemie. Und trotzdem rede ich euch an in dieser Predigt. Ich denke einfach besonders an euch und freue mich darauf, dass wir das nachholen, sobald wir alle Kirchentüren wieder weit aufmachen können. Ich denke aber auch an die Jahrgänge vor euch, ja die von euern Eltern und Großeltern, die hier in der Gemeinde am Palmsonntag konfirmiert worden sind. Die haben auch hier vorne gesessen. Und sie haben versprochen, dass sie als Christen leben und regelmäßig zum Gottesdienst und zum heiligen Abendmahl kommen wollen.

Und während mir diese Gedanken durch den Sinn gehen, kommt es mir so vor, als wären wir auch ein Teil der großen Menschenmenge, die am Sonntag vor dem Passahfest Jesus vor den Toren von Jerusalem so begeistert empfangen hat. Sicher, das ist lange vor unserer Geburt geschehen. Und manches war anders, als wir es in unserer Zeit und in unserer Umgebung kennen. Aber eins hat sich nicht geändert und wird sich auch nicht ändern:

-               Es gibt Leute, die Jesus zujubeln,

-               Leute, die ihn ablehnen und

-               Leute, die an ihn glauben.

Menschen, die Jesus zujubeln: das füllt den Bericht der Evangelisten vom Einzug Jesu für unsere Augen und Ohren. In Afrika erlebt man das bis heute, dass bei einem besonderen, unerwarteten Ereignis ganz schnell ganz viele Leute dabei sind. Wo die Menschen überwiegend im Freien leben und arbeiten, wo Arbeitszeiten nicht so geregelt sind und wo noch dazu viel mehr Menschen als sonst in der Stadt sind wie damals in Jerusalem vor dem Passahfest, da geschieht das. Das ist gar nicht so viel anders als das, was man heute einen “Flashmob” nennt, wenn ganz viele über ihr Handy erfahren, da und da im Park startet eine große Party, sich von allen Seiten aufmachen und schon unterwegs in Stimmung kommen.

Ja, die Stimmung war schon angekurbelt. Überall wurde erzählt, was in Bethanien passiert war, wenige Kilometer weg von Jerusalem, wo Jesus seinen Freund Lazarus wieder lebendig gemacht hatte. Und das Passahfest war das große Fest der Juden, zu dem viele aus dem ganzen römischen Reich kamen. Das war ihr Fest, die Erinnerung daran, dass Gott sie in Ägypten von einer fremden Macht befreit und ihnen einen Anführer gegeben hatte, der sie da rausführte. Das Passahfest war voll von der Erwartung des Retters, den Gott versprochen hatte, des Messias, und der Erwartung von Freiheit.

Wer dabei die fremde Macht war, war klar. Das waren die Römer, die Steuern und Zölle eintrieben und die dieses kleine Volk der Juden, wo es immer wieder brodelte, unter ihrer Kontrolle hielten.

Noch kriegen die römischen Besatzer es nicht mit. Aber wer die aramäische Alltagssprache kann, hört es. In kurzer Zeit kommen sie von allen Seiten vor dem Stadttor zusammen, Männer, Frauen und Kinder. Sie tun das, was sie bei dem zweiten großen jüdischen Fest tun, dem Laubhüttenfest. Sie holen sich grüne Zweige von den Büschen vor der Stadt. Und in dieser Feststimmung haben sie vielleicht den 118. Psalm im Ohr, den wichtigsten Psalm bei diesen Festen, mit dem gegenseitigen Zuruf: “Der Herr ist meine Macht und ist mein Heil; / tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit, daß ich durch sie einziehe. / Das ist das Tor des Herrn; die Gerechten werden dort einziehen./ Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. / O Herr, hilf! / O Herr, lass wohlgelingen!”

Zumindest dieser letzte Ruf, der drängt sich praktisch auf. Und wie im Stadion, wenn einer eine Zeile anstimmt, singen die anderen mit und dann tut's die ganze Menge: “O Herr, hilf!”, in ihrer Sprache: “Hosianna!” Und dieser Ruf nach Hilfe ist zugleich die Erinnerung daran, dass Gott geholfen hat. Damals, beim ersten Passahfest, als sie aus der Unterdrückung rauskamen, und immer wieder, und – ja, dieser Jesus hat's doch auch getan, hat Menschen Brot gegeben, die nichts zu essen hatten, hat Kranke gesundgemacht, und gerade erst den Lazarus aus dem Grab geholt. Der kann das doch: “Hosianna” – nun hilf uns auch!

Was für eine Begeisterung, liebe Mitchristen. Fußballer werden zum Erfolg getragen von so einer Welle (und genau das fehlt, wenn sie Geisterspiele austragen müssen ohne Zuschauer). Wenn da Tausende singen, “noch ein Tor”, dann bringen sie das oft auch mit solchem Heimvorteil. Jeder Popstar würde in der Begeisterung der Massen baden. Und jeder Politiker würde so einen Tag als Erfolg verbuchen, würde die Menschen hinter sich sammeln, würde sie auf ein gemeinsames Ziel einschwören und sich selbst an die Spitze setzen.

Aber Jesus tut das nicht. Der Evangelist Johannes überliefert uns kein einziges Wort von ihm bei diesem Einzug, obwohl gerade JOhannes sonst die langen Reden aufgeschrieben hat, als will er sagen: achtet auf das Wort, das Jesus spricht. Aber es ist, als ob Jesus sagt, ja, sie haben da etwas erkannt, ja, auch so eine Begeisterung am Anfang kann Menschen zu ihm bringen. Aber er ist kein Spitzenpolitiker, er macht sich nicht abhängig von dem, was Menschen von ihm denken und erwarten. Denn er weiß, dass er immer wieder für viele einfach die Leinwand ist, auf die sie ihre Wünsche und Hoffnungen projizieren, vom politischen Erfolg bei den Kreuzzügen über die versprochenen Heilungen bei den Großveranstaltungen mancher Kirchen bis zu der ganz persönlichen Vorstellung von einem gelingenden Leben.

Aber überlegen wir einmal ganz persönlich und denken wir dabei noch einmal an die Konfirmation, die in dieser Gemeinde so eng mit dem Palmsonntag verbunden ist: Was sehen wir in ihm? Was lässt uns bei der Konfirmation oder irgendwann im Leben Ja sagen zu ihm und zur Kirche? Erwarten wir, dass er alle unsere Probleme löst? Dass wir bei ihm ein Gefühl der Geborgenheit finden? Dass er uns in Ruhe lässt, wenn wir nicht von ihm etwas wollen? Dass er für alles Verständnis hat und mindestens ein Auge zudrückt?

Jesus macht sich nicht abhängig von dem, was Menschen von ihm erwarten und denken. Wir sollten genau auf das einzige achten, was Jesus in diesem Bericht bei Johannes selber tut: Er setzt sich auf einen Esel. Den hat er die Jünger vorher organisieren lassen als noch keiner wusste, dass es zu diesem Massenereignis kommt. Die Menschen rufen ihn zum König aus – er setzt sich auf einen Esel. Das ist kein Kriegstier wie ein Pferd, nichts Repräsentatives, das ist das Arbeits- und Lasttier der einfachen Leute. Und der Esel ist noch dazu geborgt. Keine Limousine für den Staatsempfang, würden wir sagen, keine Motorradeskorte. Sondern so etwas wie ein geliehenes Studentenfahrrad.

Jesus sagt damit: „Ich bin nicht der Glücksbringer, den man sich in die Tasche steckt. Ich komme, um eine Arbeit zu tun. Um mir die Last eurer Sünden aufladen zu lassen wie ein Esel, dem man so viel aufpackt, bis er zusammenbricht. Ich komme als Retter vom ewigen Tod. Und wo ich komme, das erkennt man nicht an der Begeisterung der Massen.“ Einen Menschen auf einem Esel sieht man schon in der zweiten Reihe nicht, wenn man in so einer Menschenmenge steht. „Ich mache mich klein und komme mit meinem Wort. Ich komme in dem, was die Konfirmanden zwei Jahre lang davon gelernt haben. Ich komme im Brot und im Wein.“ – Was für ein “eselhafter” Gedanke wäre das, liebe Zuhörer, wenn er nicht von ihm wäre.

Zweitens, so zeigt uns der Evangelist Johannes, gibt es schon damals nicht nur Leute, die Jesus zujubeln, sondern auch solche, die ihn vehement ablehnen. Auch das ist ein Thema der heiligen Woche, die heute anfängt: wie schnell Begeisterung bei uns umschlagen kann. Wie schnell aus dem “Hosianna” vom Palmsonntag das “Kreuzige ihn!” am Karfreitag wird. Der Gegner Jesu, der Teufel, hat nichts dagegen, wenn Menschen sich für Jesus begeistern. Der wartet nur, bis sie auf den Teppich zurückkommen und packt sie dann. Wo die Begeisterung groß war, da ist die Enttäuschung leicht noch größer. Ab und zu bekommt man es mit, wenn jemand erzählt, warum er nicht mehr zur Kirche kommt, und kann es fast verstehen, so wie er oder sie manchmal die anderen in der Kirche und das Miteinander erlebt hat oder mit dem, was aus seinen Hoffnungen geworden ist. Aber gerade dann ist das die Frage an uns: Bist du beim Gottesdienst nur solange dabei, wie deine Freunde auch hingehen? Solange du den Eindruck hast, es bringt dir etwas? Bleibst du weg, wenn's zu unbequem wird, wenn dein Freund oder deine Freundin es für peinlich hält, dass du zu Hause deine Bibel benutzt und ein “Andachtsbuch” hast, in dem du liest? Verstummt dann auch dein “Hosianna”, deine Bitte um Hilfe im Alltag, für deinen Glauben, für deine Entscheidungen? Versteckst du dich dann auch in der Menge, die von Jesus nichts mehr wissen will?

Liebe Mithörer auf das, was der Evangelist Johannes hier für uns aufgeschrieben hat, er spricht schließlich auch noch von einer dritten Gruppe, die noch einmal anders reagiert als die, die Jesus zujubeln, und die, die ihn heftig ablehnen. Das sind die Jünger. An diesem Tag begreifen sie erst einmal gar nichts. Drei Jahre lang hatten sie mit ihm gelebt, hatte er ihnen das Wichtigste immer wieder gesagt, bis sie es sich eingeprägt haben. Wenigstens sie hätten begreifen können, dass Begeisterung noch kein tragfähiger Glaube ist. Sie, die den Esel für ihn geholt haben, hätten die Stelle beim Propheten Sacharja im Ohr haben können, wo es heißt: „Siehe, dein König kommt zu dir, arm und reitet auf einem Esel.” Arm als einer, dem sie in den nächsten Tagen alles nehmen werden, seine Kleider, seine Würde, seine Gesundheit, sein Leben. Arm, das heißt in der biblischen Sprache, der hat keinen Menschen, der ihm hilft, der ist ganz auf Gott angewiesen. “Hosianna, Herr, hilf doch”, das ist sein eigener Ruf. Im Garten Gethsemane betet er noch, dass der Vater ihm helfen möge, indem er diesen Kelch mit dem Gift unserer Sünde an ihm vorübergehen lässt. Doch er betet sich in den Willen des Vaters hinein und ist bereit, ihn zu trinken, wenn es sein muss. Und es muss sein. Für uns. Das ist die Hilfe, die wir nötig haben. “Herr, hilf doch”, gib uns doch einen, der für uns in den Zweikampf mit unserem großen Feind geht, der die Strafe für unsere Schuld trägt, der es für uns mit dem Tod aufnimmt. Der uns nicht im Stich lässt, wenn bei uns von der Begeisterung, die vielleicht mal da war, nicht mehr viel da ist.

Hier, lieber Mitchrist, hast du ihn. Im heiligen Evangelium. Wenn du selbst konfir­ miert oder als Jugendlicher oder Erwachsener getauft bist, dann hast du mal ver­ sprochen, bei ihm zu bleiben. So oder so, lass dich von dem prägen und leiten, was die Heilige Schrift dir von ihm sagt. Dann hast du einen festen Halt, auch wenn dir der Wind im Leben mal kräftig ins Gesicht bläst. Ja, halte dich an ihn in dieser Zeit, auch wenn du allein diesen Gottesdienst hörst und siehst oder mit den wenigen, mit denen zu zusammenbist; so wie die Gemeinde im Konfirmationsgottesdienst die Konfirmanden vor dem Kreuz sieht. Und wenn wir dann wieder alle gemeinsam Gottesdienst feiern können, dann komm mit deinen Mitchristen zusammen.

Wenn unsere Konfirmanden in anderen Jahren an diesem Sonntag zum ersten Mal mit uns am Altar Christi Leib und Blut empfangen, dann singen wir in der Bereitung darauf: “Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn”. Zur Zeit können wir das Sakrament nicht miteinander feiern. Aber er kommt, wo wir ihn anrufen. Er ist der Helfer gegen den, der uns den Mut und den Glauben nehmen will. “Hosianna, hilf doch – und dir, unser Herr, sei Dank, dass du's tust, überall, wo Menschen an dich glauben und diese Hilfe bei dir suchen, in der unzählbaren Menge der Christen in der ganzen Welt!“ Amen.

Immanuelsgemeinde Groß Oesingen

Daniel Schmidt, P.