Predigt vom 5.12.2021, 2. Adventssonntag (Jes. 63,14-15+19b; 64,1-3)

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  • Zuletzt aktualisiert 4. Dezember 2021

Predigt vom 5.12.2021, 2. Adventssonntag (Jes. 63,14-15+19b; 64,1-3)

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. ...

Ach daß du den Himmel zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, daß dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müßten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen! – und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Liebe Schwestern und liebe Brüder in Christus,

in Gabis Gemeinde war vom Adventsbasar ein einziger Türkranz übriggeblieben. Aber an ihrer Tür hing schon ein Gesteck, und einen Adventskranz wollte sie dieses Jahr eigentlich nicht. Ja, wenn das mit ihrem Freund nicht wäre, dann hätte sie alles so gerne schön gemacht. Aber er schien kaum noch Zeit für sie zu haben. Zweimal wollten sie essen gehen. Das hatte er kurz vorher abgesagt. Klar, die Arbeit in der Vorweihnachts­ zeit, Corona – vielleicht gab es Gründe. Aber sie fühlte sich allein. Auf dem Küchentisch stand eine einzige rote Kerze. Auf einer Weihnachtsserviette. Das sollte reichen. Aber dann hatte sie den Kranz doch mitgenommen. Das Geld war ja für einen guten Zweck. In der untersten Schublade waren gerade noch drei Kerzen, alles verschiedene Farben. Jetzt hatte sie einen Adventskranz in Rot, Gelb, Weiß und Lila.

Und dann war bei dem Sturm vor vier Tagen der Strom ausgefallen. Dummer­ weise war ihr Handy-Akku gerade leer. Aber die Streichhölzer hatte sie im Dunkeln gefunden. Und hatte beschlossen, dass man dann auch schon mal alle vier Kerzen anzünden kann. So konnte sie wenigstens noch mal kurz in die Zeitung gucken.

“Weihnachtsmarkt mit 2G+”, nein danke: Impfausweis mitnehmen und dann auch noch testen lassen. Und die Weihnachtsfeier im Betrieb war auch abgesagt. Na ja, bei dem kalten Regen war's zuhause sowieso gemütlicher. Das Klopfen hatte sie erst gar nicht gehört. Die Klingel ging ja nicht. Aber dann kam er rein. Und es war gut. Sie waren zusammen. Es wurde warm im Kerzenschein.

Liebe Gemeinde, viele machen es sich in der Vorweihnachtszeit gerne zuhause etwas gemütlich. Gerade, weil es draußen nicht gemütlich ist. Und vor allem die Winter-Weihnachtslieder klingen ja nach einer heilen Welt irgendwann früher. Das ändert allerdings nichts daran, dass wir seit zwei Jahren in den Nachrichten täglich mit einem Virus zu tun haben. Und wer einsam ist, wird noch einsamer. Da kommt schon mal der Gedanke “Früher war es besser”. Und man denkt vielleicht als Christ: “Um Gottes willen, ist es nicht Zeit, dass er endlich eingreift?”

So ging es dem Volk Israel zu der Zeit, von der wir heute im Jesajabuch hören. Sie sind wohl aus der Verbannung in Babylon zurück. Aber Jerusalem liegt am Boden. Der Tempel ist eine Ruine. Und die, die ihre Häuser und Äcker in der Zwischenzeit besetzt haben, tun alles, um den Wiederaufbau zu verhindern. Die Israeliten können nur jeden Tag versuchen, ein kleines bisschen gegen das anzu­ gehen, was da draußen los ist. Aber aus der Welt schaffen können sie es nicht.

Und sie fühlen sich allein. Ohne ihren Gott. Sie können keinen Gottesdienst im Tempel halten, wo er versprochen hat, dass sie ihn in seiner Gnade finden.

„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab“, so beten sie. Das ist kein Klagen, dass früher alles besser war. Im Gegenteil. Sie wissen, dass sie sich selbst in die Sackgasse geritten haben. Weil sie ihr Leben ohne Gott eingerichtet haben. Deshalb sind sie jetzt allein. Und sie können ihn nur noch da packen, wo er sich packen lässt. Er sagt ja, dass er wie ein Mann ist, der seine Frau liebt, sein Volk: „Dann kämpfe doch für uns. Ja, kämpfe doch um uns,“ rufen sie ihm entgegen. „Zeig doch, dass dir an dieser Welt liegt. Und an uns. Komm doch zu uns.“

Das, liebe Brüder und Schwestern, ist wie ein Ehepartner oder ein Freund, der zum andern sagt: Wir müssen reden. Nun könnte Gott antworten: Ich klopfe ja die ganze Zeit. Aber ihr hört mich nicht. Aber er will uns ja helfen. Allerdings: er sagt von sich selbst, dass er „eifersüchtig“ ist. Seine Liebe und Gnade für uns ist unbe­ grenzt. Und er will uns genauso ganz haben: Mit ungeteiltem Herzen. Das Bild hier hat man sofort vor Augen: Reisig, also ein Haufen Zweige, ein Streichholz angerissen, das brennt lichterloh. Und weiter im selben Bild: Ein Topf mit Wasser draufgestellt, bis es kocht. Das bleibt nicht unterm Deckel. Das kocht über.

Im Jesajabuch sind es die anderen Völker, die diese Macht, diese Hitze zu spüren bekommen. Gemeint ist damit alles, was uns davon abbringen will, als Gottes Volk zu leben. Nicht nur von außen, auch von innen. Alles, was uns wichtiger ist als das Leben mit ihm. Als die Frage: Was willst du von mir in dieser Situation? Als die Bitte: Hilf mir, keinen Kompromiss mit deinen Geboten einzugehen. Den anderen so zu lieben wie mich selbst. – Aber das meint auch eine Situation wie die Pandemie, die uns alle an die Grenzen bringt.

Ein eifersüchtiger Ehemann kennt keinen Kompromiss. Er will seine Frau nicht mit einem anderen teilen. Und in der Ehe gibt’s kein Ausprobieren mehr. Da haben  sich beide versprochen, dass sie ihr Leben als eins führen. Wo das auf die Kippe gerät, da macht das viel Not.

Nun ist nicht jeder von uns verheiratet. Aber das Bild einer so engen Freund­ schaft, das verstehen wir. Und wir haben ja den einzigen, der uns so vorbehaltlos liebt. Und wenn du manchmal nicht verstehst, warum du seine Hilfe noch nicht siehst, dann sagt dir Gottes Volk hier: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer unserem, der so wohltut denen, die auf ihn harren“, also geduldig und mit jeder Faser warten, dass er kommt.

Man könnte natürlich einwenden, dass man erst hinterher weiß, ob sich das Warten auf etwas lohnt. Ich habe als junger Mensch gehofft, dass die Mauer irgendwann fällt. Gerechnet habe ich damit nicht. „Ein ganz normales Wunder“, so stand es vor zwei Jahren über einem Artikel zum Mauerfall. Das gefällt mir. Da steckt das Unerwartete drin und die Tatsache. Das Warten hat sich gelohnt.

Aus Gottes Sicht ist es ein ganz normales Wunder, dass das Volk Israel damals den Tempel wieder aufbauen konnte. Dass sie wieder dicht gedrängt und laut und fröhlich Gottesdienst feiern konnten. Für ihn ist es auch ganz normal, dass er in unsere Welt kommt. Lange hatten die Menschen darauf gewartet, dass er selbst kommt und eingreift. Dann war für ihn die Zeit da und er ist Mensch geworden. Und hat eine neue Tatsache geschaffen: Wir sind nicht mehr allein. Nicht mit dieser Welt. Nicht mit unserer Sehnsucht nach Liebe. Nicht mit unserer Schuld. Seit der heiligen Nacht in Bethlehem sitzt er mit uns im Gottesdienst und am Tisch mit dem Adventskranz, wenn wir die Kerzen anzünden. Unser Helfer und Retter. Der unsere Schuld nicht nachträgt, sondern sie für uns trägt, und der uns wieder annimmt. Der für uns und um uns kämpft. Weil er uns liebhat wie kein Zweiter. Amen.

                                                                                                            (Predigtreihe IV neu,

Daniel Schmidt, P.)