Predigt vom 29.12.2019 (Hiob 41,1-6 und Luk. 2,29-32)

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Predigt vom 29.12.2019 (Hiob 41,1-6 und Luk. 2,29-32)

Hinweis: Zu den beiden Sprechern in dieser Predigt, Hiob und Simeon, gibt es von Gonzalo Carrasco (1881) bzw. Jan van t’Hoff (zeitgenössisch) je ein eindrucksvolles Bild (http://cdn2.hubspot.net/hubfs/465210/BLOG_images/jobonthedunghill_GonzaloCarrasco.jpg; https://www.artrevisited.com/en/information/artists/jan_van_t_hoff/15591/simeon-en-anna

 

Hört noch einmal die Worte Simeons aus dem Evangelium nach Lukas im 2. Kapitel, der das Kind Jesus auf seine Arme nahm, Gott lobte und sprach:

Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Hört dazu aus dem Buch Hiob im 42. Kapitel:

Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach: Ich erkenne, daß du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. »Wer ist der, der den Ratschluß verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. »So höre nun, laß mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Bild:  SIMEON und Hanna

Ich bin Simeon. Ich bin alt. Meine Augen haben viel gesehen im Leben. Ich habe Menschen feiern sehen, wenn die Ernte gut war und sie gegessen haben. Ich habe trockene Jahre gesehen, und Menschen, die krank wurden.

Ich habe die Römer gesehen, als sie mit ihren Soldaten kamen und Palästina zu einer Provinz gemacht haben in ihrem Reich. Ich habe Herodes gesehen, den sie zum König gemacht haben – einen, der nicht aus unserem Volk kommt.

Und ich habe den Tempel gesehen. Als Kind, unten aus der Stadt, mit der Rauchsäule über den Tempelmauern, zur Zeit des Schafopfers am Morgen, und am Abend.

Und ich war im Tempel und habe die Dankopfer gesehen, wenn jemand erfolgreich war im Handel; die Erntedank-Opfer; und die Sündopfer, wenn jemand mit einer Schuld zu Gott kam.

Ich habe Menschen durch das Tor zum Gottesdienst hereinkommen sehen. Fromme Menschen, die es ernst meinten mit den Regeln, die Gott uns gegeben hat. Die wie selbstverständlich mit ihren Opfern kamen. Großen Opfern.

Und Arme, die von der Hand in den Mund lebten und doch ihr Ernteopfer gebracht haben; dankbar, dass Gott sie versorgt.

Und die noch Ärmeren, die voll Verzweiflung kamen. Frauen, die ihre Männer verloren hatten. Eltern, die ein Kind beerdigen mussten. Und solche, die mitten im Leben schwerkrank wurden. Ich habe sie stehen sehen, die leeren Hände zum Himmel gestreckt, die Augen nach oben: “Mein Gott, WARUM?!” Mein Gott, wie lange soll das so weitergehen?!”

Und ich habe gebetet. Gebetet, dass ich den Tag sehen möge, an dem ein neuer Prophet aufsteht. 400 Jahre lang hat Gott geschwiegen. Hat er die Not seines Volkes nicht gesehen? Die Tränen in ihren Herzen? Hat er nicht gesehen, dass unsere geistlichen Anführer das Gesetz hochhalten über alles, aber denen kein Wasser schöpfen aus seinem Wort, die nach ihm dürsten? Die Hunger haben nach seiner Barmherzigkeit? Wir wollten ihn doch gerne finden. Aber er hält sich verborgen.

Und ich habe gehört. Ich habe gehört von Johannes, der in der Wüste gelehrt hat. “Bereitet dem Herrn den Weg”, hat er gerufen. “Der Herr ist nahe.”

Und meine Augen haben in seiner heiligen Schrift nach ihm gesucht. Tag für Tag habe ich gebetet, im Tempel: “O Herr, lass mich doch deinen Heiland sehen, mit diesen meinen Augen. Dann werde ich Frieden haben. Und er wird den Armen Frieden bringen.”

Bild:  HIOB

Ich bin Hiob. Ich habe viel gesehen im Leben. Viel Gutes. Frau und Kinder hat Gott mir gegeben. Land zum Ackerbau so weit man sehen kann. Und Weide für das Vieh. Ich habe Gott meinen Dank dafür gebracht, Jahr für Jahr. Ich habe gesehen, wie meine Kinder heranwuchsen. Und ich habe für sie gebetet. Dass sie den Herrn nicht vergessen. Dass sie der Versuchung nicht folgen und ihren Weg nicht ohne ihn gehen. – Ich habe für sie Opfer gebracht. Schuldopfer und Dankopfer.

Aber meine Augen haben gesehen, was ich nicht erbeten habe. Ich habe meine Kinder beerdigt.

Mein Herz ist rein. Aber meine Seele ist krank. Ich bin geworden wie die Armen, denen keiner hilft. Und mein Körper ist krank. Meine Frau schrickt vor mir zurück.

WARUM, mein Gott?! Und warum ICH?! Ich seh's nicht, ich kann es nicht sehen.

 

Meine Freunde sind gekommen, um nach mir zu sehen. “Es gibt für alles einen Grund”, sagen sie. “Gott ist gut. Gott ist gerecht. Er gibt jedem, was er verdient.” Und: “Es steckt bestimmt etwas Gutes darin, dass es dir jetzt so schlecht geht.” Sie sagen, sie haben Medizin für mich. Aber sie machen mich noch mehr krank damit.

Mein Gott, womit habe ich das verdient? – Antworte mir: wie kannst du so etwas zulassen? Wie soll ein Mensch noch an dich glauben, dem es so geht wie mir? Meine Kinder habe ich gelehrt, deine Liebe zu sehen. Und nun bist du wie ein blindes Schicksal für mich.

Mein Gott, was hast du gegen mich? Wenn einer zu mir gekommen ist, der in Not war, habe ich ihn je weggeschickt? Du weißt, es ist keiner hungrig von mir weggegangen. Habe ich die Augen zugemacht vor dem Unrecht um mich herum? Bin ich nicht zu ihnen hingegangen? Habe ich nicht manchem, der kein Recht bekam, zu seinem Recht verholfen?

Habe ich denn kein Recht vor dir? Sag mir, was ich falsch gemacht habe – wenn du gerecht bist, und ich nicht.

 

So habe ich gebetet. Und habe Gott doch nicht gesehen, habe ihn doch nicht erkannt. Vom Hörensagen kannte ich ihn, kannte seine Worte auswendig. Anderen konnte ich sagen, was über ihn in den heiligen Schriften steht. Aber ihn hatte ich nicht gesehen.

Und nun hat er mein Reden gehört. Er hat mit mir gesprochen. Nein, er hat sich nicht gerechtfertigt. Er hat mir keine Antwort gegeben auf meine Fragen. Er hat mir Fragen gestellt, seine Fragen: Ob ich ihn schuldig sprechen will. Ob ich über ihn urteilen will. Wenn ich ihn ungerecht nenne, ob ich die Welt besser machen könnte.

Und ich habe gesehen: Ich wollte selbst der Richter sein. Aber ich bin ein Mensch. Ich bin nicht Gott. Ich kann nicht alles beurteilen. Und ich könnte den Lauf dieser Welt nie gut machen. Nicht in der Natur. Und nicht bei den Menschen.

Da habe ich zu ihm gesagt: “Ich erkenne, dass du alles vermagst.” Du bist nicht gebunden an Regeln, die wir erkennen können. Du bist es, der die Natur regelt. Aber du kannst auch anders handeln. “Nichts, was du dir vornimmst, ist dir zu schwer.”

Ich habe von dir gewusst. Ich habe an dich geglaubt. Und habe mir doch ein Bild von dir gemacht, wie es sich ein Mensch macht. Ich erkenne vieles nicht von dir. Aber es liegt nicht daran, dass du dunkel bist. Es liegt an meinen Augen. “Ich habe unweise geredet, was über meinen Kopf geht und ich nicht verstehe. … Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße.”

Aber nun Herr, damit ich dich sehen lerne: Lass mich noch einmal neu anfangen zu fragen. Nicht solche Fragen, wie sie ein Ankläger stellt, um die Schuld des anderen festzustellen. Sondern um dich zu hören, mein Gott; um von dir zu lernen mit dem Herzen. Um dich zu finden.

 

Bild:  SIMEON

Ich, Simeon, habe lange gewartet. Meine Augen sind schwach geworden darüber. Sie sehen nur noch, was ich kenne. Aber eins, eins hat mir der Heilige Geist zugesagt: Bevor ich die Augen für immer schließe, werde ich den Heiland sehen.

Ich hab's den anderen gesagt. Hanna, die seit Jahrzehnten hier ist, die “die Prophetin” genannt wird. Die gar nicht mehr vom Tempel weggeht. Die auf den Heiland wartet wie ich. Ich habe es den anderen gesagt, die in ihrer Not nach Gott schreien. Und ich habe mir gesagt: Nun ist es mir gleich, ob es noch Jahre sind oder Tage. Nun geht das in Erfüllung, was die Propheten gesagt haben. Und was Johannes gepredigt hat. Das ist besser als ein neuer Prophet.

Bild:  HIOB

Ich, Hiob, habe doch recht gehabt. Gott macht mit mir, was er will. Aber ich habe doch unrecht gehabt. Er will nicht mein Ende. Er will, dass ich lebe. Und er will, dass ich nicht auf das sehe, was ich nicht begreife; nicht auf das Dunkle, hinter dem auch sein Gesicht sein muss; das mir verzerrt scheint wie eine Fratze. Dort kann kein Mensch begreifen, wie Gott ist.

Er will, dass ich auf das sehe, was der Anfang des Glaubens ist: “Ich bin der Herr, dein Gott. Ich halte dich. Ich kenne deine Not. Ich lasse dich nicht allein in deinem Leiden. Ich bin der Herr, dein Arzt; ich heile deine Seele. Ich bin dein Erlöser. Das Böse und der Böse haben nicht das letzte Wort über dich. Ich habe es.

Bild:  SIMEON

Heute ist er zu mir, Simeon, gekommen, mein Heiland und mein Erlöser. Auf dem Arm seiner Mutter. Froh sind sie durch das Tor gekommen, wie Eltern mit ihrem ersten Kind. Aber sie haben für ihren Sohn das Arme-Leute-Opfer gebracht; nicht ein Lamm, sondern zwei Tauben.

Meine Augen sind nicht mehr gut.  Halbdunkel ist die Welt vor mir geworden. Ich sehe nur noch gut, was ich kenne. Aber das habe ich gesehen. Von Johannes heißt es, er hat seinen Herrn schon im Mutterleib erkannt. Ich kenne meinen Heiland. Ich habe auf ihn gewartet. Und heute haben meine Augen ihn gesehen.

Auf den Arm habe ich ihn genommen. “Du bist zu mir gekommen, mein Herr und Heiland. Nun ist der Weg frei. Nun brauche ich kein anderes Opfer mehr hier im Tempel. Nun kann ich zu dir kommen. Herr, dir habe ich gedient mein Leben lang und meine Opfer gebracht. Und nun schenkst du mir dein Liebstes und Bestes. Du bringst mir deinen Sohn. Heute legst du dich selbst in mein Herz.

Nun kann ich in Frieden meine Augen schließen.

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Wir schließen mit drei kurzen Gedanken:

Der erste ist ein Wort von Hiob aus dem 19. Kapitel, wo er von sich selber wie ein Prophet so spricht, wie es Simeon erlebt hat:

“Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt [...] Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.” (Hiob 19,25+27)

Der zweite ist das, was uns von den Hirten berichtet wird in der heiligen Nacht:

“Sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.” (Lk 2,16-17)

Das dritte ist aus dem Lied “Vom Himmel kam der Engel Schar”, das Martin Luther gegen Ende seines Lebens geschrieben hat (ELKG 17):

3  Des sollt ihr billig fröhlich sein, / daß Gott mit euch ist worden ein;

er ist geborn eur Fleisch und Blut, / eur Bruder ist das ewig Gut.

4  Was kann euch tun die Sünd und Tod? / Ihr habt mit euch den wahren Gott;

laßt zürnen Teufel und die Höll, / Gotts Sohn ist worden eur Gesell.

5  Er will und kann euch lassen nicht, / setzt ihr auf ihn eur Zuversicht;

es mögen euch viel fechten an: / dem sei Trotz, ders nicht lassen kann.

6  Zuletzt müßt ihr doch haben recht, / ihr seid nun worden Gotts Geschlecht.

Des danket Gott in Ewigkeit, / geduldig, fröhlich allezeit.

Amen.

(Sonntag nach dem Christfest, Predigtreihe II neu.

Daniel Schmidt)