Predigt vom 26.2.2020 (2. Mose 32,1-6+15-20 und 1. Joh. 3,18-24)

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  • Erstellungsdatum 27. Februar 2020
  • Zuletzt aktualisiert 27. Februar 2020

Predigt vom 26.2.2020 (2. Mose 32,1-6+15-20 und 1. Joh. 3,18-24)

Als aber das Volk sah, daß Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurück­ kam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. Da riß alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest. Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben. [...]

Mose wandte sich und stieg vom Berge und hatte die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand; die waren beschrieben auf beiden Seiten. Und Gott hatte sie selbst gemacht und selber die Schrift eingegraben. Als nun Josua das Geschrei des Volks hörte, sprach er zu Mose: Es ist ein Kriegsgeschrei im Lager. Er antwortete: Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg, und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz. Als Mose aber nahe zum Lager kam und das Kalb und das Tanzen sah, entbrannte sein Zorn, und er warf die Tafeln aus der Hand und zerbrach sie unten am Berge und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und ließ es im Feuer zerschmelzen und zermalmte es zu Pulver und streute es aufs Wasser und gab's den Israeliten zu trinken.

 

Meine Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, daß, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und erkennt alle Dinge. Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Zuversicht zu Gott, und was wir bitten, werden wir von ihm empfangen; denn wir halten seine Gebote und tun, was vor ihm wohlgefällig ist. Und das ist sein Gebot, daß wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus und lieben uns untereinander, wie er uns das Gebot gegeben hat. Und wer seine Gebote hält, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, daß er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.

 

Liebe Gemeinde,

Auf dem Melatenfriedhof in Köln steht ein rotbrauner Grabstein, oben etwas abgerundet, darunter 5 Notenlinien, vorne ein Violinschlüssel, ein “b” als Vor­zeichen, Dreivierteltakt, und dann 4 Takte mit Noten. Und darunter steht der Text: “am ascher-mittwoch ist alles vorbei.” Und dann der Name: Jupp Schmitz, den wohl jeder echte Kölner kennt, der Komponist und Sänger dieses Karnevalsschlagers, gestorben 1991.

Klar, seit gestern sind die Narrensitzungen in Köln oder Mainz vorbei (endlich, würde mancher Norddeutsche sagen). Kein Helau und Alaaf mehr, kein Tusch mehr zu manchmal recht geistreichen Kommentaren zu Politik und Kirche, und noch öfter ziemlich flachen. Ab heute schweigen die Karnevalsschlager. Die Feiern sind vor­bei, das Kostümieren und, was mir als Außenseiter wie eine ziemlich ernste Angelegenheit vorkommt, die Sitzungen der Karnevalsorden, auf die sie sich das ganze restliche Jahr vorbereiten.

Aber man möchte fragen: Wie geht's denn weiter? Business as usual, alles wie vorher in der Schule und am Arbeitsplatz und in der Familie? Damit würde alles auf den Kopf gestellt werden, nicht nur vor der Fastenzeit, sondern das, wozu sie eigentlich da ist.

Die Fastenzeit vor Ostern ist im frühen Mittelalter entstanden als eine Zeit der Enthaltsamkeit. Bald gab's Gesetze dazu, damit sie einheitlich einge­ halten wurde. Kein Tanz und Feiern, keine bunte Kleidung. Nur eine Mahlzeit am Tag, und die ohne Milch- und Fleischprodukte. Keine Butter, keine Milch, kein Käse, kein Schnitzel oder Steak. Sieben Wochen vegane Diät, von der Kirche verordnet (weshalb man allerdings bald getrickst hat und gesagt, Fisch und Geflügel ist kein Fleisch). Da wundert es kaum, dass man sich vorher noch mal richtig ausgelebt hat, und dass dabei die Kirche ihr Fett abbekam. Nicht umsonst sieht die “Bütt” aus wie eine Faschings-Kanzel.

Doch wenn es ab Aschermittwoch zurück in den Alltag geht wie vorher, dann hat der seinen Sinn als Bußtag verloren, und die Fastenzeit vor Ostern auch. Denn Fasten, biblisch verstanden, heißt ja, eine Zeitlang auf etwas verzichten, was mir freisteht, damit ich nicht abhängig davon werde. In Freiheit nicht immer nur Ja zu allem zu sagen, was möglich ist, sondern auch mal Nein. Wenn wir das tun, brauchen wir in der Zeit an manche Dinge auch nicht zu denken und können an das denken, was wir zum Leben an erster Stelle brauchen: Gottes Wort, Gottes Freundschaft in seinem Sohn Jesus Christus, Gottes Vergebung, Gottes Gnade.

“Am Aschermittwoch ist alles vorbei”? Das gilt nur für den, der nicht hören will, der nicht umkehren will, der so weitermachen will wie bisher und sich höchstens ärgert, dass die Kirche meint, sie müsste sich auch dazu kritisch äußern und sich damit in seinen Privatbereich einmmischen.

“Seit Mose wieder vom Berg runter ist, ist alles vorbei” – so hätten die Israeliten sagen können an dem Tag, von dem wir in der ersten Lesung gehört haben. Ihr nachgemachter Gottesdienst mit dem goldenen Stierkalb, Sinnbild für alles Materielle und die grenzenlose sexuelle Lust, war ja durch­ aus eine Kritik an dem Gottesdienst, den sie kannten: Der Gott, den Mose ihnen predigte, war nicht zu sehen. Sie aber wollten einen sichtbaren. Der Gott, von dem er redete, verlangte die Achtung der Ehe und Enthaltsamkeit außerhalb der Ehe. Sie aber wollten sich ausleben. Und schnell hatte jemand einen neuen Text zu den bekannten Liedern. Dazu konnte man schunkeln. Schnell stellte sich jemand vorne hin und predigte, dass alles erlaubt ist. Und diese Predigt, die haben sie sofort umgesetzt. Kaum war das Amen gesprochen, da war alle Selbstbeherrschung vorbei. “Sie setzten sich, um zu essen und zu trinken” – zu saufen, kann man wohl sagen – “und standen auf, um ihre Lust zu treiben”, jeder mit jedem oder jeder.

Da kommt Mose vom Berg, die beiden Gesetzestafeln im Arm, auf denen Gott selbst seine 10 Gebote eingraviert hat, in ihrer Sprache, dass sie es lesen können. Und ihn packt der Zorn. Er schmettert die Tafeln auf den Boden, dass sie zerbrechen. Er nimmt das Stierkalb, zermahlt das Gold zu Pulver, mischt es ins Wasser. So einen lächerlichen Gott haben sie sich gemacht, den man einschmel­zen und zermahlen kann. Dann sollen sie ihn auch verinnerlichen. Und er gibt ih­nen dieses Wasser mit dem Goldpulver zu trinken. Wo ist nun euer Gott? Merkt ihr jetzt, dass er nur das ist, was wir Menschen sowieso in uns drin haben; die Stimme, die uns sagt, dass wir uns ausleben sollen ohne dass uns jemand dreinredet?

Aber ist da nicht etwas dran, dass das Leben einfacher wäre ohne diese Tafeln, ohne solche Regeln von Gott? Wäre es nicht auch für uns als Christen einfacher, wenn wir nicht an etwas gebunden wären, was die Gesellschaft um uns herum vielleicht noch als Tradition kennt, aber durchaus nicht auf sich selbst anwendet, schon gar nicht so, dass Gesetzgeber ihre Gründe für Gesetzesänderungen daran messen, dass Menschen ihre Gedanken und die Motive für ihr Handeln daran prüfen? Würden nicht vielleicht auch mehr Leute zur Kirche kommen, wenn die sich nicht in ihr “Privatleben” einmischen würde?

Nein, liebe Schwestern und Brüder, manche Israeliten haben an dem Tag ange­fangen umzudenken und haben's wohl auch ihren Kindern später anders erzählt: “An dem Abend fing alles an. Gott war zornig, weil wir uns hatten verführen lassen. Essen und Trinken sind etwas Gutes, die Sexualität auch, und den Besitz gibt uns Gott zum täglichen Leben und für manches Schöne darüber hinaus. Aber wir wollten das alles ohne ihn haben.” Fastenregeln sind von Menschen gemacht. Wer die nicht einhält, der tut kein Unrecht. Aber die Regeln, die Gott uns gibt, sind ein Schutz für unser Leben und unser Zusammenleben. Wer die nicht einhält, wirf die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott weg, der verliert am Ende das Leben. Wenn Mose das Treiben dort am Berg Sinai nicht abgebrochen hätte, wäre Gottes Volk in der Wüste geblieben. Keiner, der ihnen das tägliche Brot gegeben hätte. Keiner, der sie in die versprochene Heimat gebracht hätte.

Gott hat uns, liebe Gemeinde, einen anderen Führer in die Freiheit gegeben, der nicht mit dem Gesetz in der Hand gekommen ist. Der das Gesetz nicht gebrochen hat, weil wir's nicht halten können, sondern der es deshalb selbst gehalten hat. Ja, Gott ist selbst sichtbar zu uns gekommen, nicht als Tier, sondern als Mensch. Hat die Sünde der Ehebrecherin auf sich genommen und die Geldgier des Zachäus. Und hat selbst den Anfang gemacht für einen neuen Gottesdienst. Dass wir frei werden von dem Götzen in uns drin, der uns nur bestärkt in dem, was wir von Natur aus wollen, ein Leben ohne Gott.

Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass Mose geschrien hat an dem Abend, als er die Steintafeln zerschmettert hat. Und dass er laut gerufen hat, mit der Autorität, die Gott ihm gegeben hat, dass sie alle kommen und dieses Wasser mit ihrem pulverisierten Gott trinken.

Christus ruft uns zu Beginn der Fastenzeit leise und ohne Zorn. “Kommt her zu mir”, sagt Jesus. “die ihr mühselig und beladen seid. Fangt heute am Ascher­mittwoch neu an. Gebt mir euer Versagen, euren Kleinglauben, eure Angst und eure Sorge. Gebt mir eure Sünde, mit der ihr euch beladen habt. Denn damit soll es heute, am Aschermittwoch, vorbei sein. Dann kommt für euch heute etwas anderes zum Schweigen als das Tanzen und Singen der Israeliten um das goldene Kalb und als das Karnevalstreiben. Dann schweigt die Anklage gegen euch. Die von außen, von Gottes Gesetz, denn Christus hat es für euch gehalten. Und die von innen, im Gewissen, wie es der Apostel Johannes ganz seelsorglich an seine Gemeinden schreibt. Denn dann “können wir unser Herz vor ihm damit zum Schweigen bringen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz.” Und er schreibt weiter: “Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Zuversicht zu Gott, und was wir bitten, werden wir von ihm empfangen”, zuerst solchen Glauben an ihn, dass es wahr ist und es keine Anklage mehr gibt für den, der an Christus glaubt. Und dann auch neue Liebe, dass wir gerne tun nach seinen Geboten. Das wird eine Freude sein, die keinen Karneval braucht. Amen.

Aschermittwoch, 26.2.2020 (Abendlesung)

Bußgottesdienst, 19:30 h

Daniel Schmidt, P.