Predigt vom 25.12.2019 (Titus 3,4-7, 1. Weihnachtstag)

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  • Zuletzt aktualisiert 25. Dezember 2019

Predigt vom 25.12.2019 (Titus 3,4-7, 1. Weihnachtstag)

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig – nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.

Liebe Weihnachtsgemeinde,

Oma Lotte hat viel Weihnachtserfahrung. Sie war die älteste Tochter, hatte fünf jüngere Geschwister und hat schon als Kind dafür gesorgt, dass die Zeit bis zur Bescherung nicht zu lang wird. Sie hat ein Talent dafür entwickelt, jeden mit einzubeziehen. So hat sie es später mit ihren eigenen Kindern gemacht, und so macht sie es bis heute. Auch dieses Jahr gibt's bei ihr am 25. Dezember abends das Weihnachtsessen. Und jeder hat dabei seine Aufgabe. Ihre beiden Töchter kreieren die Salate, die Schwiegersöhne tüfteln an der Weihnachtsbeleuchtung in der Stube und die Enkel sollen den Tisch decken.

Nur Jan fehlt noch, ihr jüngster Sohn. Sein Zug hätte längst da sein sollen, und eigentlich – ja, eigentlich hält er die Kinder jedes Jahr bei Laune mit seiner Geige, spielt und singt für sie Weihnachtslieder rauf und runter, bis alles bereit ist. Jetzt werden sie langsam kribbelig, und Oma Lotte muss ihnen erstmal den Karton mit den Servietten in die Hand drücken, damit sie die schönsten aussuchen.

Tatsächlich sitzt der Zug fest, zwei Stunden schon. Eine Störung in der Oberleitung. Der Großraumwagen ist übervoll, das Licht brennt nur noch schwach, und jeder will nach Hause. Aber jetzt holt eine Studentin eine große Keksdose raus und reicht sie herum. Ihr Freund macht zwei Flaschen Eierlikör auf, jemand hat ein paar Becher, alles wird weitergegeben, bis die Flaschen leer sind. Und Jan denkt, was er bei Oma Lotte kann, kann er auch im Zug. Nimmt seine Geige aus dem Kasten und fängt an zu spielen. Erst von der Weihnachtsbäckerei. Dann von Schlittenglockenbimmeln. Und dann “O du fröhliche”. Vom anderen Ende des Wagens kommt eine Blockflöte dazu, immer ein bisschen hinterher, aber das macht nichts. Und dann singen welche mit und es werden mehr. Nicht schön, aber kräftig. Und zusammen kennt man anscheinend mehr Texte, als man denkt.

Zuhause und unterwegs, liebe Gemeinde, sind Oma Lotte und Jan mit Menschen zusammen – mit der Familie und mit Fremden. Und es ist Weihnachten für sie.

Gott freut sich auch, wenn er mit Menschen zusammen ist. Das sehen wir beson­ ders an Weihnachten. Paulus schreibt in unserem Abschnitt an Titus von Gottes Menschenfreundlichkeit. Luther hat eigentlich übersetzt, “Leut-seligkeit”: Wenn Gott mit Leuten zusammen ist, ist er selig, glücklich. Weil er unser Freund sein will.

Wir sehen das gleich am Anfang in der heiligen Schrift, wo es in einem Nebensatz heißt, dass Gott am Abend im Paradies einen Spaziergang macht – vorstellen kann ich mir das nicht, aber Adam und Eva waren es anscheinend gewohnt: Gemeinsam unterwegs mit Gott. Dann ist es Abraham, der unterwegs ist in das versprochene Land, in dem er doch nie eine feste Adresse hat. Aber immer ist Gott bei ihm, will bei ihm sein. Und will noch mehr: Will, dass aus Abraham ein großes Volk wird, damit Gott mit ganz vielen zusammen ist und ganz viele mit ihm. Und als aus Abrahams Nachkommen dann ein ganzes Volk geworden ist, sind sie wieder unterwegs, nach Ägypten und zurück, nach Babylonien und zurück. Und Gott will bei ihnen sein. Auch wo sie viel länger unterwegs sind als gedacht, wo es ihnen dreckig geht, wo ihnen die Heimat fehlt, der schöne Gottesdienst zuhause.

Und dann ist Gott selbst wieder unterwegs, zunächst noch vor der Geburt, Maria muss sein Gewicht tragen. Er will gerne bei den Menschen in Bethlehem sein, aber bekommt keinen Platz bei ihnen. Weil es so viele sind. So ist seine erste Gesellschaft außer Maria und ihrem Josef wohl das Vieh. Und so geht's weiter. Seinetwegen müssen sie nach Ägypten, dann zurück, dann sind sie in Nazareth. Aber auch das ist nur vorübergehend. Vielleicht denkt der Evangelist Johannes dáran, als er im ersten Kapitel den Satz schreibt, “das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns”. Denn für “wohnen” steht da wörtlich, “er schlug sein Zelt auf”; wie einer, der sich eine Weile irgendwo aufhält und dann weiterzieht.

Und so geht's weiter. Als Gottes Sohn rund 30 Jahre alt ist, geht er in die Wüste zu Johannes, will dort mit den Sündern zusammen sein, die umkehren wollen. Das ist der Anfang der drei Jahre, in denen er zu den Menschen hingeht und doch nirgendwo fest bleiben kann, weil er zu allen hin will, aber auch, weil das Drängen von denen manchmal zu groß wird, die ihn vor allem als Arzt haben wollen, und weil die da oben in Jerusalem das nicht annehmen wollen: dass Gott so zu ihnen kommt.

Aber er tut es. Weil er bei uns Menschen sein will. Er hat ja den Menschen nach seinem Bild gemacht. Der Mensch ist das eine Geschöpf, das sein Wort hört und das ihn erkennen kann. Aber dann hat das, was Adam und Eva im Paradies getan haben, aus “Gott” und “Mensch” einen Gegensatz gemacht: auf der einen Seite Gott mit seiner unbegrenzten Liebe zu uns, die Gerechtigkeit und Heiligkeit selbst. Auf der anderen Seite wir Menschen, die wir uns mit unserer Eigenliebe immer selbst am nächsten sind und von solcher Heiligkeit höchstens noch einen kleinen Schein haben. Wenn man im Freundeskreis bei einem Paar so einen Gegensatz sehen würde, würde man sagen: Die passen nicht zueinander. Das geht nicht gut.

Aber Gott will uns zurückgewinnen. Deswegen kommt er in unsere Nähe. Und er macht, dass Gott und Mensch wieder zusammenkommen. Gestern haben wir's gehört, heute auch, und sehen's in unserer neuen Krippe aus Bethlehem: Gott und Mensch werden eins im Leib der Maria, Gottes Sohn kommt als kleines Baby zur Welt. Seitdem sind Gottheit und Menschheit in ihm untrennbar verbunden und für immer. Auch wenn wir's nicht beschreiben können: wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind, da ist er als Gott und Mensch da. Auch hier heute am Weihnachtstag in unserer Kirche.

Dass Gott und Mensch wieder zusammenkommen, das ist sein Weihnachts­ geschenk. Und das ist auch für jeden von uns sein großes Geschenk. Denn das geschieht, wenn ein Mensch zur Taufe kommt. Der Evangelist Markus hat an den Schluss seines Evangeliums einen ganz wichtigen Satz gestellt (die Stelle ist leicht zu merken, Kapitel 16, Vers 16): “Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden” – der kommt mit Gott zusammen. Das ist die Bedeutung von unserem Wort “fromm”, was ja im guten Sinne heißt, mit Gott zu leben. Luther sagt dafür “gottselig”. Das ist ein Mensch, der “selig” ist, weil er mit Gott zusammensein kann, weil Gott den Gegensatz überbrückt hat; einer, der sich darüber immer wieder freut.

So wie Gott sich freut, mit uns Menschen zusammenzukommen. “Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands” – als er in diese Welt gekommen war, “machte er uns selig” durch die Taufe, nämlich “durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist”, schreibt Paulus. So viel also haben Weihnachten und unsere Taufe miteinander zu tun. Man kann auch sagen: Gott wird ein Menschenkind, damit wir Menschen Gotteskinder werden. Beides geschieht durch eine Geburt, und kann ja auch gar nicht anders sein. Durch die Geburt Jesu durch Maria, und durch unsere Wieder-Geburt durch ihn.

Oder man sagt's so: Weihnachten ist ein Familienfest. Die Jungfrau Maria wird zur Mutter, Gott der Vater hat einen Sohn in dieser Welt, und alle, die getauft werden, macht er zu seinen Brüdern und Schwestern. Deshalb, liebe Gemeinde, feiern wir Weihnachten in der Kirche, mit der geistlichen Familie Gottes.

Und was da geschieht, ist ein echtes Geschenk für uns. Das ist keine Gegen­ leistung von Gott für etwas Gutes, das wir ihm getan haben – “nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten”, schreibt Paulus. Also nicht, weil wir im großen und ganzen ganz gut gewesen sind, und er uns jetzt dafür eine Freude machen will. Sondern im Gegenteil: Weil es ihm ans Herz gegangen ist, dass die Gemeinschaft mit uns zerbrochen war. Da hätte er Grund gehabt zu sagen, ihr bekommt keine Geschenke. Nicht dieses Jahr und überhaupt nicht. Er hätte Grund, uns auch unser tägliches Brot nicht mehr zu geben. Wie bei erwachsenen Kindern, denen ihre Eltern egal geworden sind und dann von ihnen auch keine Überweisung mehr bekommen. Aber Gott weiß, dass wir von uns aus nicht mehr zu ihm kommen können. Dass er trotzdem auf uns wartet wie ein Vater auf seinen Sohn oder seine Tochter, das sollen wir daran merken, dass er uns täglich weiterhin ganz viel schickt; daran, dass er uns unser Auskommen gibt im Leben, und dass viele von uns so viel darüber hinaus haben, dass wir füreinander einiges Schöne besorgen können zu Weihnachten.

Das tut er täglich, seitdem diese Welt sich dreht. Aber mit dem, was Weihnachten geschieht, schenkt er uns das Liebste, was er hat: seinen Sohn. Ja, er schenkt sich uns selber, um uns neu in seine Liebe hineinzuholen. So, wie er sich Maria in den Arm legt, legt er sich in unsere Hände.

Bei Menschen, die wir liebhaben, macht ein Geschenk ja deshalb Freude, weil da etwas vom anderen selbst mit drinsteckt. Das kann das Buntstiftbild der Enkelin sein, die ihren Namen noch nicht so gut schreiben kann; aber ein Herz kann sie draufmalen. Das können die Plätzchen sein, die man sich so ähnlich auch im Laden kaufen könnte, aber sie würden nicht nach so viel Liebe schmecken.

So können wir das wohl verstehen, wenn Paulus in seinem Brief weiter schreibt, dass Gott uns in der Taufe selig macht durch den heiligen Geist, den er reichlich über uns ausgegossen hat. Stellen wir uns das ruhig vor wie das Wasser aus der Taufkanne. Der Heilige Geist hat die Aufgabe, uns beizubringen, dass Gott uns mit der Geburt seines Sohnes sein ganzes Herz schenkt. Dass er keine größere Freude hat, als wenn Gott und Mensch wieder zusammenkommen. Dass dieses Geschenk ganz und gar umsonst ist. Und dass wir von uns aus das nicht wieder aufgeben sollen.

Und vielleicht können wir dabei auch an eine Dusche denken nach einem anstrengenden Tag, wo man nicht nur sauber wird, sondern wiederbelebt. Ich weiß, das ist ein schwacher Vergleich. Aber darum gießt Gott immer weiter seinen Geist aus, wo wir sein Wort hören, wo wir als seine Familie zusammenkommen, dass er die Beziehung zu ihm immer neu belebt.

So aber geschieht das, was viele sich vom Weihnachtsfest wünschen: dass die Gemeinschaft gut wird. Wir wissen, dass das nicht immer klappt, dass es gerade im Endspurt zum heiligen Abend manchmal Stress gibt, und dass da, wo sonst Spannung ist, nicht einfach mit einem Mal eitel Friede und Sonnenschein ist. Aber Gott macht die Gemeinschaft mit uns neu zu Weihnachten. Er kann sie auch unter uns neu machen. Und er freut sich, wenn wir ihn darum bitten. Dafür ist er Gott und wir sind's nicht.

Das steckt auch in dem nächsten drin, wenn Paulus weiter schreibt, “durch Gottes Gnade” sind wir “gerecht geworden”. Also: Gott hat's getan, weil wir's nicht können. Und: “gerecht” hat mit Gemeinschaft zu tun, mit Zusammenlebenkönnen. Vorhin haben wir gesehen, Gott und Mensch, das passt nicht zusammen. Aber Gott und wiedergeborener Mensch, das passt zusammen und gehört zusammen. Denn da hat Gottes Treue unsere Untreue wieder gutgemacht.

Wo wir uns das sagen lassen und wo er neu in unser Herz kommt, da brauchen wir keine Sorge zu haben, dass das vielleicht nur über die Feiertage so schön sein könnte, und danach ist wieder alles wie vorher. Seit dieser einen Nacht in Bethlehem ist die Tür zum Paradies weit offen, und du kannst durch sie eintreten jedesmal, wenn hier die Glocken läuten. So schön die Weihnachtsstimmung ist, Weihnachten geschieht etwas noch viel Wichtigeres: Gott macht die Beziehung zu ihm neu. Und das heißt, er macht uns zu seinen Kindern und zu seinen Erben, die ewig leben wie er selbst.

Ich möchte mit zwei Gedanken schließen. Der erste ist eine Einladung. Heute gibt es ein kostenloses Essen. Nicht hier, sondern in Irland, in der kleinen Stadt Carling­ ford. Dort macht ein indisches Restaurant ein besonderes Angebot, wie die Besitzer am 12. Dezember auf Facebook geschrieben haben: Alle Familien, denen es finanziell schwerfällt, ein Weihnachtsessen auf den Tisch zu bringen, oder alle, die einfach sonst allein wären, können heute zwischen 13 und 16 Uhr dort kostenlos essen oder Essen mitnehmen. Die Besitzer stellen keine Fragen. Auf Facebook steht dabei ausdrücklich, man soll diese Einladung weitergeben. Ich stelle mir vor, dass das ein ziemlicher Andrang wird, vielleicht stehen da jetzt schon welche Schlange. Auf jeden Fall ist das ein Geschenk, das sich keiner verdient hat und für das keiner etwas bezahlt. Und die Familie, der das Restaurant gehört, wird Weihnachten mit ziemlich vielen Menschen zusammensein – das ist offenbar genau das, was sie wollen, wenn man den Eintrag auf Facebook liest.

Der zweite Gedanke geht zurück zu dem Zugwagen, von dem wir am Anfang gehört haben. So eine Szene hat es vor ein paar Jahren irgendwo in Deutschland gegeben. Ob da einer mit dem Namen Jan dabei war, weiß ich nicht. Und auch nicht, ob “O du fröhliche” gespielt wurde, obwohl das nicht unwahrscheinlich ist. Auf jeden Fall hat das Lied etwas zum Mitnehmen im Ohr, wo wir's auch hören: “Welt ging verloren, Christ ist geboren.” Und “Christ ist erschienen, uns zu versühnen.” Und ist das nicht ein Grund noch mal für einen neuen Blick in die Krippe, wo wir das sehen: Gott ist selig, wenn Gott und Mensch zusammenkommen? Und er bezieht uns zu Weihnachten alle da mit ein. Um uns selig zu machen. O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit! Amen.

Daniel Schmidt, P.