Predigt vom 2.2.2020 (2. Mose 3,1-14)

  • Version
  • Download 6
  • Dateigrösse 183.46 KB
  • Datei-Anzahl 1
  • Erstellungsdatum 2. Februar 2020
  • Zuletzt aktualisiert 2. Februar 2020

Predigt vom 2.2.2020 (2. Mose 3,1-14)

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, daß er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, daß ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, daß ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, daß ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge. Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Liebe Gemeinde in Christus,

Stellt euch mal den Mose vor, dort mit den Schafen in der Wüste. Sieht so ein Prinz aus? Er sieht doch genauso aus wie einer der vielen Nomaden, die in der Landschaft Midian mit ihren Herden umherziehen, immer auf der Suche nach etwas Weide. Kaum zu glauben, dass er am ägyptischen Hof aufgewachsen ist wie ein vornehmer Prinz.

Oder sieht so ein Totschläger aus? Wenn man den Mose so bei diesem Busch sieht, würde man nicht meinen, dass er mit 40 Jahren einen Ägypter erschlagen hat, der einen der jüdischen Sklaven misshandelt hatte. Damals musste er fliehen, weil sein Verbrechen sofort rausgekommen war. Inzwischen aber ist Mose 80. Er hat geheiratet und hat mit seiner Frau Zippora zwei Söhne. Seitdem hütet er für seinen Schwiegervater die Schafe.

So auch an diesem Tag. Er hatte seiner Herde aus der trockenen Steppe in das Bergland getrieben, in der Hoffnung, hier oben noch etwas Weidegras für sie zu finden. Es ist einsam hier. Aber er hat sich längst an das Alleinsein gewöhnt. Und er kennt sich aus in der Natur. Er kennt die Bäume und Sträucher. Er weiß, wie er Schutz findet vor den trockenen, heißen Stürmen, und wie er etwas zu essen findet für sich und das Vieh.

Da sieht er mit einem Mal etwas, was er noch nicht kennt: Einen Dornenstrauch, der brennt, und doch offensichtlich nicht verbrennt. Mose ist neugierig. Und redet mit sich selbst, wie einer das tut, der viel allein ist.

“Ich will hingehen und mir diese seltsame Erscheinung ansehen, warum der Busch nicht verbrennt.”

Aber Mose ist nicht allein. Aus dem Busch ruft ihn eine Stimme: “Mose, Mose!” Und er antwortet: “Hier bin ich!”

Darum geht es in unserem Abschnitt heute: Um diese Stimme. Um die Stimme Gottes, mit der er sich offenbart, sich zu erkennen gibt. Und um die Antwort des Menschen, der sagt: “Hier bin ich!”

Gott offenbart sich. Er tut es im Feuer. Wie Menschen das Feuer brauchen, um zu kochen und sich zu wärmen, aber doch nicht ganz herantreten können, ohne sich zu verbrennen, so ist Gott in seiner Herrlichkeit: Wir brauchen ihn zum Leben. Er lässt sich sehen aus einiger Entfernung, aber er lässt sich nicht in die Hand nehmen. Er ist keine Ziege im Streichelzoo, mit der man machen kann, was man will. Ja, wer mit Gott spielen will, verbrennt sich an ihm mehr als nur die Finger.

Dass Gott sich offenbart und doch letztlich ein Stück un-nahbar bleibt, zeigt sich auch, als Mose nach seinem Namen fragt. Da sagt er:

“'Ich werde sein, der ich sein werde', … das ist mein Name.”

Dieser Name, liebe Gemeinde, ist für die Juden so heilig, dass sie ihn schon lange nicht mehr aussprechen. Wenn sie die Buchstaben dafür in der hebräischen Bibel sehen, lesen sie stattdessen das Wort “Herr”. Und weil in ihrer Schrift ursprünglich nur die Mitlaute geschrieben wurden, wusste man nicht mit Sicherheit, wie der Name heißt. Deutsche Forscher haben ihn im 19. Jahrhundert als “Jehova” gelesen, wie wir es aus manchen älteren Liedtexten kennen, etwa in “Dir, dir, Jehova, will ich singen”. Richtig wäre wohl eher “Jahve”. Entscheidend aber ist, dass das ein Name ist, der zugleich keiner ist. Wer den Namen von jemandem kennt, hat damit Einfluss auf ihn. Er kann ihn rufen, er kann ihn bitten, er kann ihn fragen und eine Antwort erwarten, er kann ihm vielleicht auch eine Aufgabe geben, und er kann über ihn zu anderen reden. Gottes Name aber bedeutet, “Ich werde sein, der ich sein werde.” Ja, er sagt uns seinen Namen. Er will, dass wir ihn anrufen, in allen Nöten, dass wir zu ihm beten, ihn loben und ihm danken. Aber dadurch wird er nicht so, wie wir ihn uns vorstellen. Wir tendieren dazu, ihn zu einem “Gottchen” zu machen: ein bisschen weniger heilig, so dass es ihm nichts macht, wenn wir unheilig sind und leben; wir denken einfach, wir kommen am Ende doch zu ihm. Und weniger “zornig”, denn auch wenn wir es gut finden, dass Gott das Böse in der Welt irgendwie strafen sollte – das, was davon in uns steckt, kann er ja nicht meinen.

Gott aber wird sein, der er sein wird. Wenn er zu Mose am Berg Sinai 10 mal sagt: “Du sollst” oder „Du sollst nicht“, dann meint er das so. Das ändert sich nicht, auch nicht nach über 3000 Jahren. Aber er bleibt auch in seiner Treue zu den Menschen so wie er ist. Er hat gesagt, was er will: dass wir unheiligen Menschen zu ihm kommen. Er hat seinen Sohn geschickt, der seine Heiligkeit verborgen hat, damit Menschen keine Angst vor ihm haben. Er ist zu denen gekommen, die sich selbst nicht helfen können. Und dazu gehören zuallererst die Sünder. Die, die erkennen, dass sie unheilig sind und dass nur der heilige Gott uns heilig machen kann.

Das ist wohl der Grund, liebe Schwestern und Brüder, warum Mose seine Schuhe ausziehen soll. Ob er Schuhe anhat oder barfuß ist, kann Gott egal sein – aber Mose soll mit Leib und Seele mitbekommen, dass der Boden, auf dem er steht, heilig ist. Dass man nicht gedankenlos in Gottes Gegenwart kommt. Weil hier der wahre Gott gegenwärtig ist und sich zeigt. Im Feuer, das den Strauch verzehren müsste, aber doch nicht verzehrt. In Heiligkeit, die uns verzehren müsste, aber doch nicht verzehrt, wenn wir auf seinen Ruf hören.

Wer aber ist der Gott, der für sich beansprucht, dass er der allein Heilige ist? Er stellt sich Mose selbst vor:

“Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.” (V. 6)

Er ist kein Fremder für Mose. Seine Eltern und Großeltern haben ihm von diesem Gott erzählt. Er ist der Herr, der Himmel und Erde geschaffen hat und Adam und Eva; der Abraham aus dem Land Ur geführt und ihm das Land Kanaan ver­ sprochen hat; der Jakob mit seinen 12 Söhnen nach Ägypten gebracht und dort aus ihnen ein großes Volk gemacht hat. Diesen Gott kennt Mose aus der Überlieferung und dem Bekenntnis seiner Vorfahren. Das ist so ähnlich wie unser Glaubensbekenntnis. Mose muss seine eigene Erfahrung mit Gott machen, aber diese Erfahrung muss aufbauen auf dem, was Generationen vor ihm geglaubt und bekannt haben.

Geht es uns nicht genauso wie Mose? Hätten wir an seiner Stelle überhaupt damit gerechnet, dass Gott irgendwo in dieser Welt so da ist, dass wir ihn finden können? Oder stellen wir uns das manchmal so vor, dass Gott zwar in der Kirche irgendwie da ist, aber nicht da, wo ich arbeite oder esse oder schlafe? Und wohl kaum draußen im Garten?

Offenbar – das können wir jetzt mit Mose sagen – ist er ein Gott, der sich finden lässt. Wo wir Not haben, da hört und sieht er das. Und es lässt ihn nicht kalt. Ja, was der böse Feind mit der Schöpfung macht, seitdem unsere ersten Eltern Gott den Rücken gekehrt haben, das ist ein Angriff auf Gottes Heiligkeit. Denn er hat ja den Menschen nach seinem Bild gemacht. So offenbart Gott seine Heiligkeit im brennenden Dornbusch, als sein Volk in Ägypten in den Dreck getreten wird, als die neugeborenen Jungen der Israeliten umgebracht werden, als ihr Leben ein Sklavenleben ohne Ausweg ist. Und er kommt dann selbst zu ihm, im Dreck eines Stalls. Er lässt seine Heiligkeit beschmutzen, lässt sich die Dornenkrone auf den Kopf drücken, lässt sich brennende Schmerzen zufügen, fällt in den Dreck unter dem Kreuzesbalken. Und das alles, weil er Erbarmen mit uns Menschen hat. Weil er nicht will, dass wir in seinem heiligen Zorn vergehen, wir, die wir uns Christen nennen und doch so oft nicht so leben und reden; die so seinen heiligen Namen mit Füßen treten und achtlos darüber hinweggehen;

Ja, er sieht auch unser Stöhnen und Schreien unter dem geistlichen “Sklaven-treiber”. Das ist unsere eigene menschliche Natur, die Dinge will, die Gott nicht will. Und das ist der Feind Gottes, der Teufel. Und die Unfreiheit darunter ist noch schlimmer als die von Israel zur Zeit Moses. Denn dieser Feind will uns einreden, dass es keinen Gott gibt; keinen heiligen Gott, vor dem wir uns fürchten müssten – so dass wir Dinge tun, die wir nicht tun sollten (wie der Totschläger Moses); aber auch keinen helfenden Gott, der Erbarmen mit uns hat.

Das ist die schlimmste Unfreiheit, die es gibt. Sie kann dazu führen, dass es ganz finster um einen wird, dass selbst ein Mensch, der Gott kennengelernt hat, der getauft ist, mit seinem Schreien nicht mehr zu ihm durchdringt.

Doch während viele von den Israeliten gar nicht mehr mit Gottes Anwesenheit rechneten, war er längst da. Und er ist längst da, während viele heute mit seiner Anwesenheit eigentlich nicht rechnen – womöglich auch viele Christen. Er ist längst heruntergekommen zu uns, in Christus, und er hat längst seinen Plan, wie er dich und mich aus dieser Situation herausholen will, durch den ganzen Raum und die ganze Zeit, bis er uns die Heimat im Himmel gibt.

Und zu diesem Plan gehört, dass er Menschen beruft. Gott lenkt die Geschichte und die Heilsgeschichte nicht ohne Menschen. Er führt Israel nicht ohne einen Mittler in die Freiheit. Dazu beruft er Mose. Er führt uns nicht ohne einen Mittler in die Freiheit von der Sünde und vom Tod. Dazu hat er seinen Sohn gesandt. Und was Gott im heiligen Feuer des Dornbuschs offenbart hat, das offenbart er uns in seinem heiligen Wort.

Dazu aber gehört in beiden Fällen die Antwort des Menschen, der sagt: „Hier bin ich!“ Bis Mose allerdings so weit ist, dass er diese Worte sagt, ist es ein langer Weg. Schon in seiner Jugend hatte er sich berufen gefühlt, etwas gegen die Not seines Volkes zu tun. Wenn nötig, mit Gewalt. Der Versuch, die Israeliten, die als Sklaven immer unter dem Vorzeichen des Todes lebten, mit seiner eigenen Kraft zu befreien, hatte so geendet, dass er einen Menschen getötet hatte.

Ja, das war das Ende gewesen. Er hatte nichts erreicht. Er hatte fliehen müssen. 40 Jahre hat er inzwischen Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Ich stelle mir vor, Mose ist einer von den Menschen, die bis ins Alter den Gedanken nicht loswerden: Ich habe mein Lebensziel nicht erreicht. Ich habe es nicht geschafft, das zu tun, was ich hätte tun müssen. Da wird der Mensch klein. Und sagt sich vielleicht irgendwann: Schafe hüten, das kann ich noch. Zu mehr tauge ich wohl auch nicht.

Solches Kleinwerden gehört zu dem langen Weg, den Mose bis zu dem Dornbusch zurückgelegt hat. Demut hat er gelernt. So einen Menschen aber ruft Gott in seinen Dienst. Der nicht sagt: „Ich schaff das schon!“ Der nichts mehr mitbringt. Zu dem sagt er: „Ich sende dich. Geh hin. Du sollst mein Wort weiter­ sagen.“

Für so eine Berufung muss ich nicht Mose sein. Nicht einer der Großen des Alten Testaments, der selbst für unseren Herrn Christus so groß ist, dass er mit ihm und Elia auf dem Berg der Verklärung über seinen dornigen Leidensweg spricht, als er selbst in seiner Heiligkeit leuchtet wie das helle Licht. Nein, dazu genügt es, dass ich getauft bin, vielleicht gerade als ganz kleiner Mensch. Da hat Gott mich beim Namen gerufen wie den Mose auf dem Berg Horeb. Und da hat er mir die Botschaft mitgegeben, die er ihm mitgibt: Befreiung für jeden, der von seinem schlechten Gewissen, auch von seiner Haltlosigkeit in diesem Leben oder von einem schweren Schicksal unterdrückt ist. Für den Unterdrücker aber, den Teufel, den großen Gegner Christi heißt das wie für Pharao: Lass diesen Menschen los. Du musst ihn gehen lassen. Der Herr befiehlt es dir!

Aber wenn wir unsicher sind, ob wir das schaffen? Dann sollen wir nicht vergessen, dass unser Auftrag wie ein Puzzlestück in dem großen Heilsplan Gottes ist. Er hat das fertige Bild längst vor Augen. Als Mose unsicher ist, gibt Gott ihm seinen Bruder Aaron an die Seite. Und er gibt ihm ein Zeichen, das noch in der Zukunft liegt. Aber dafür ist es ganz konkret: Auf diesem Berg wird mir das Volk, wenn ihr aus Ägypten auszieht, mit seinen Opfern dienen. Das heißt: Sie werden dem Wort Gottes glauben. Und sie werden frei werden.

Auch für uns hat der Herr das fertige Bild längst vor Augen. Es geht nicht darum, wer von uns etwas besonders Großes schafft in der Kirche. Es geht um die Ehre des Namens Gottes, der sich an uns offenbart als der, der er ist: Heilig und barmherzig und treu; und der sich so von uns finden lässt. Nicht mehr nur in einem Strauch auf der Sinaihalbinsel für kurze Zeit, sondern seit der Menschwerdung des Sohnes Gottes immer und überall, wo Sein Wort gehört wird und seine Sakramente ausgeteilt und empfangen werden. Ja, wenn wir gleich das heilige Abendmahl miteinander feiern, dann hör's als eine Einladung: Da kommt der heilige Gott zu dir. So, dass du nicht vergehst. Und macht dich heilig, wenn du den Leib und das Blut deines Sohnes empfängst. Der führt dich aus der Sünde und dem Tod in die Freiheit. Heute hier. Und einmal werden du und ich ihm vor seinem Thron das Opfer unseres Lobes und Dankes bringen. Amen.

Letzter Sonntag nach Epiphanias (Predigtreihe II neu)

Daniel Schmidt, P.