Predigt vom 19.2.2017 (Markus 4,26-29)

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  • Zuletzt aktualisiert 19. Februar 2017

Predigt vom 19.2.2017 (Markus 4,26-29)

Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Gebet: Herr, wir bitten dich: Lass dein Wort auch bei uns aufgehen und Frucht bringen; dadurch, dass wir es hören, aufnehmen und tun. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Jedes Jahr um diese Zeit müssen unsere Pastoren einen Kirchenbericht erstellen. Nicht nur für Gemeindeversammlungen, sondern für die Kirchenleitung. So habe ich in der letzten Woche Zahlen zusammengesucht: so viele Gottesdienste, so viele Teilnahmen am heiligen Abendmahl, so viele Trauungen und Beerdigungen und Konfirmanden bei der Konfirmation. Jedes Jahr wieder gehe ich da mit gemischten Gefühlen ran, weil ich die Zeit für die Gemeinde auch anders nutzen kann. Inzwischen sehe ich aber auch, dass die Kirchenleitung langfristige Entwicklungen erkennen möchte und darauf reagieren: Nehmen die Gottesdienste ab, nimmt die Teilnahme ab, oder nehmen die Taufen vielleicht zu? Und ich freue mich im Nachhinein noch einmal über jeden Gottesdienst, den wir miteinander gefeiert haben, wo wir Worte des ewigen Lebens gehört haben.

Und ich stelle jedes Mal wieder fest, wie lang die Liste unserer Kreise in der Gemeinde ist. Es gibt ja kaum einen Abend in der Woche, an dem nicht hier im Gemeindehaus ein oder zwei Veranstaltungen stattfinden. Das ist sicher ein Grund zur Freude. Aber ob es auch als ein Erfolg zu sehen ist, ein Erfolg der vielen Mitarbeiter und Aktiven in der Gemeinde?

Menschlich gesehen hängt das natürlich zusammen. Und solche Arbeit ist ganz wichtig. Und wir hoffen auch, dass dadurch möglichst viele Menschen erreicht werden, dass sie christliche Gemeinschaft erleben, und dadurch auch Gemein­ schaft mit Christus. Ob man das als Definition nehmen kann dafür, wie Gottes Reich, wie die Kirche kommt und wächst: Menschen treten in Gottes Dienst, und möglichst viele werden möglichst aktiv, damit der Erfolg möglichst groß wird?

Das Gleichnis, das Jesus uns heute erzählt, bringt eine ganz andere Definition: Mit dem Reich Gottes ist es wie mit einem Menschen, der Getreide sät, sich dann lange Zeit nicht darum kümmert, und dann einfach erntet. Wahr­ scheinlich gibt's einige unter uns, die denken, so ganz realistisch ist das nicht. Es gibt genug Arbeiten in der Landwirtschaft zwischen Saat und Ernte. Und wer meint, dass da­ zwischen alles Urlaub ist, könnte ja mal selbst in die Landwirtschaft gehen – oder vielleicht besser nicht. Denn die Bereitschaft zum Arbeiten auch zu Zeiten, wenn viele Büroarbeiter Feierabend und Wochenende haben, ist da genauso wichtig wie das Fachwissen und die Erfahrung. Aber gucken wir uns mal an, worauf es Jesus ankommt – die entscheidenden Punkte in diesen Bildern überzeichnet er ja oft bewusst. Und denken wir daran, dass es hier beim Säen und Ernten um das Reich Gottes geht:

Das kommt 1. durch Säen, 2. durch gelassenes Warten, und (schließlich) mit der Ernte.

“Mit dem Reich Gottes ist es so”, sagt Jesus “wie wenn ein Mensch Samen auf's Land wirft.” Dabei macht es für das Gleichnis keinen Unterschied, ob man an moderne Maschinen denkt oder an jemanden, der sich ein Tuch umbindet, wie wir das in Botswana erlebt haben, und mit Schwung die Saatkörner auf das Feld wirft. Wichtig ist, dass diese Saat Gottes Wort ist, und damit ist dieses kurze Gleichnis hier sozusagen die Voraussetzung für das andere, längere, das wir als Evange­ liums­ lesung gehört haben, von dem unterschiedlichen Boden, auf den die Saat fällt.

Wer aber ist der Sämann in Gottes Reich? Von “einem Menschen” redet Jesus. Also ein beliebiger Mensch, jeder Mensch? Oder zumindest jeder Christ?

Der, der die Saat ausstreut, liebe Gemeinde, ist zuallererst Jesus selbst. Er spricht zu den Leuten, er sagt ihnen das Wort Gottes, und er zieht dabei hin und her durch das Land. Es ist also, als ob er in seinen unerschöpflichen Vorrat greift und das Wort ausstreut. Also nicht “irgendein Mensch”, sondern Er, der Mensch gewordene Sohn Gottes, der eine, der für die ganze Menschheit einsteht.

Aber es ist ganz wichtig, dass er dann auch Menschen diese Saat ausstreuen lässt. Er geht hin und beruft zwölf Jünger. Drei Jahre ziehen sie mit ihm, und während dieser Zeit pflanzt er sein Wort immer mehr in sie ein. Das ist ihre Ausbildungs- und Wachstumsphase. Und ihre Ausbildung ist längst noch nicht abgeschlossen, da schickt er sie schon los; zunächst in einem größeren Kreis von 72. Und dann vor seiner Himmelfahrt zu zwölft:

„Geht hin in alle Welt, macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie und lehrt sie halten alles, was ich euch aufgetragen habe.” (Mt 28).

So ist unser Herr Christus der, der das Saatgut gibt. “Wer euch hört, der hört mich”, sagt er ja, und sein Wort ist dieses Saatgut. Er sendet die Apostel, die Pastoren, alle Christen, und zeigt ihnen die Richtung: Hierhin, dorthin, und überallhin sollen sie säen. Überall ist Ackerland, überall soll es wachsen, Wurzeln schlagen und Frucht bringen.

Aber es wird immer wieder gefragt, wie das denn geschehen soll. Was wir denn tun sollen und wie. Wenn wir uns in das Gleichnis hineinversetzen, ist das eigentlich keine Frage. Ein Landwirt muss viel wissen und viel berücksichtigen bei allen Arbeitsgängen. Aber dass er das Saatgut ausbringt, ist für ihn selbst­ verständlich. Davon lebt er, das ist sein Beruf. Wir sollen von Gottes Wort reden, so wie wir es selbst bekommen. Sagen, wer Jesus Christus ist und was er für uns Menschen getan hat.

So ist das Aussäen des Wortes unser Beruf als Christen. Und die Verheißung, dass etwas daraus wird, liegt nicht in einer bestimmten Methode. Sie liegt im Wort. In Jerusalem gab es Kranke und Arme und Witwen, und Gemeindeglieder haben sie besucht, haben geholfen, haben Besitz dafür verkauft. Und als es Missver­ ständnisse und Spannungen gab, haben sie es nicht hingenommen, als könnte es so bleiben. Sie haben mit Gottes Hilfe daran gearbeitet, haben zugesehen, dass sich etwas ändert, denn das wäre ein Widerspruch: Das Wort von der Versöhnung mit Gott durch seinen Sohn auszubreiten, und selbst nicht Versöhnung unter­ einander zu suchen und zu wollen.

Ja, darum geht es beim “Aussäen”: dass jeder von uns mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten als Christ lebt und handelt. Ob es Deutschunterricht ist für Asylbewerber, eine uneigennützige Begleitung eines Berufsanfän­ gers, damit der nicht große Beträge in den Sand setzt, das Gebet für den gott-losen Nachbarn oder eine Themenvorbereitung für einen Gemeindekreis – auf solche Weise wird Gottes Liebe ausgesät. Dazu will er uns brauchen, und dazu gibt er uns seinen Heiligen Geist. Der ist unsere Vollmacht. Der gibt uns den Mut dazu, und die Kraft, und das Recht – nein, die Pflicht, so im Namen Christi zu handeln.

Wenn das die Aussaat ist, liebe Gemeinde, dann könnte man erwarten, dass Jesus uns jetzt in seinem Gleichnis ermahnt, dass wir ja nicht nachlassen dürfen in unserem Eifer. Er könnte dabei ruhig bei dem Bild von der Landwirtschaft bleiben, da ist das ja genauso. Aber stattdessen stellt er uns diesen Menschen als ein Beispiel hin, der einfach schläft und wieder aufwacht, ganz gelassen und ruhig, als hätte er gar nichts zu tun. Ein ziemlich einseitiges Gleichnis!

Genau auf diese eine Seite aber kommt es Christus an: Nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen, nachlassen in unserem Eifer für ihn und meinen, es gibt ja genug andere, die etwas tun können, so viel Zeit oder Geld oder Können habe ich nicht wie die anderen, oder die Gemeinde kann ja so bleiben, wie sie ist.

Doch, er will unseren Einsatz. Aber hier kommt es auf eins an: Dass die Ernte nicht von unserem Einsatz abhängt, auch nicht davon, dass wir in einen Übereifer verfallen, nur noch wirbeln; oder, wie es auch vorkommt, festlegen, um wie viele Personen unsere Gemeinde oder Kirche in den nächsten fünf Jahren wachsen soll, und meinen, dass das mit der richtigen Methode und den richtigen Büchern auch zu schaffen sein muss. Denn der Erfolg in Gottes Reich lässt sich nicht in Doppelzentnern wiegen und an Statistiken ablesen – so sehr wir uns mitfreuen, wenn Menschen getauft werden, wenn Menschen zum Gottesdienst kommen und aus seinem Wort leben.

Die Jünger haben wohl in solchen „greifbaren“ Ergebnissen gedacht. Sie waren stolz, als sie von ihrem ersten, begrenzten Auftrag zurückkamen: “Sogar die bösen Geister mussten uns gehorchen.” Und sie waren verzweifelt, als dann am Karfreitag alles zusammenzubrechen schien mit Jesu Gefangennahme, Verurtei­ lung und mit seiner Hinrichtung. Wer da auf den sichtbaren Erfolg sah – das heißt eigentlich auf solchen Misserfolg, der konnte da nur den Aus-Schalter drücken.

Was aber tut der Mensch in dem Gleichnis, das Jesus erzählt? Er schläft und isst und trinkt. Er geht also gelassen seinem normalen Tagesablauf nach. Er macht sich keine Sorgen. Er weiß, sein Einsatz ist wichtig und nötig, aber der “macht's” nicht. Bis heute kann ja kein Landwirt etwas daran ändern, wie lange es Frost gibt im Winter oder wie viele Hitze- oder Regenperioden es bis zur Ernte gibt. Er muss sich darauf einstellen. Und die Saatkartoffeln produziert zwar auch ein Landwirt, aber er vermehrt sie eben immer nur – er kann nur von dem etwas nehmen, was Gott vorher hat wachsen lassen.

Nein, liebe Gemeinde, kein Pastor und kein Mitarbeiter in der Gemeinde hat einen Grund, auf sich selbst stolz zu sein, wenn etwas aufgeht in der Gemeinde. Und er hat keinen Grund, zu verzweifeln, wenn alles nach einem Misserfolg aussieht – nach den Gründen sollte er wohl fragen, auch danach, was sich ändern sollte und ändern lässt. Aber verzweifeln nicht. In der Augsburger Konfession, die als Bekenntnis der lutherischen Kirche hinten in unserem Gesangbuch abgedruckt ist, heißt es im fünften Artikel:

“Damit wir zum Glauben kommen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt, das Evangelium und die Sakramente gegeben. Durch diese Mittel gibt Gott den Heiligen Geist, der bei denen, die das Evangelium hören, den Glauben schafft, wo und wann er will.”

Wie das geschieht, darüber könnten wir nur spekulieren, und das bringt nichts. Aber es geschieht “von selbst”: nicht durch unsere Kraft, sondern durch Gottes Kraft. Das zu wissen gibt Gelassenheit. Es hilft uns, mit gutem Gewissen auch als Christen voller Hoffnung in der Gemeinde zu arbeiten, zu essen und zu schlafen, unsere Freizeit zu genießen, oder eine langjährige Aufgabe abzugeben an jemand anders in der Gemeinde; nicht zu meinen, ich bin der einzige, der das kann, sondern: Wen Gott beruft, den macht er auch fähig dazu. Die Ernte wird kommen.

Das ist der Grund, warum Martin Luther nicht daran gedacht hat, Gottes Reich mit menschlichen Mitteln herbeizuführen. Johannes Calvin in Genf und Andreas Karl­ stadt in Münster haben versucht, mit einer staatlichen Regierung und ihren Geset­ zen, vor allem auch damit, dass sie die Kirchenältesten zu “Polizisten” gemacht haben, eine durch und durch fromme Gesellschaft zu schaffen, Gottes Reich durch­ zusetzen. Luther aber hat sich an das Wort gehalten, dass der Mensch das erntet, was er sät: Wer auf das Fleisch sät – auf menschliche Aktionen und Fähigkeiten, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, auf das, was der Heilige Geist tut, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

Der Satz, den ich vorhin aus dem Augsburger Bekenntnis zitiert habe, geht so weiter: Das Evangelium, durch das Gott den Heiligen Geist gibt,

“lehrt, dass wir durch Christi Verdienst und nicht durch unsere Verdienste einen gnädigen Gott haben.”

Das ist die Lebenskraft, die in der Saat des Wortes Gottes steckt. Das ist die Kraft, die Christus meint, wenn er sagt, die Saat wächst “von selbst”. Es ist Gottes Wort, und es ist Gottes Kraft darin. Das ist es, warum Luther im Kleinen Katechismus die Bitte “Dein Reich komme!” so auslegt:

Gottes Reich kommt wohl ohne unser Gebet von sich selbst“ (aber wir machen es nicht). „Aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.” Und das geschieht, indem “Gott alle bösen Pläne und jeden bösen Willen bricht und hindert, die sein Reich nicht kommen lassen wollen – das ist der Wille des Teufels, der Welt und unser eigener.”

Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns nicht bequem werden, lasst uns sein Wort weitersagen. Ja, lassen wir uns von ihm hineinnehmen in solche Saat- und Erntearbeit. Und dann auch in solche ruhige Sorglosigkeit. Dann wird er damit zugleich sein Wort auch in uns säen, dann werden wir lernen, dass er auch mit uns Geduld hat, bis die Frucht bei uns wächst, und wir werden selbst am letzten Tag mit zu seiner großen Ernte gehören, und viele, viele mit uns. Zu der Ernte, über die er sich von Herzen freuen wird! Amen.

Sonntag Estomihi (Predigtreihe III)

Daniel Schmidt, P.