Predigt vom 15.3.2020 (Matth. 15,10-11+15-20)

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  • Zuletzt aktualisiert 15. März 2020

Predigt vom 15.3.2020 (Matth. 15,10-11+15-20)

[Jesus] rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Hört zu und begreift's: Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein. [...] Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis! Und Jesus sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? Merkt ihr nicht, daß alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Praktisch jede Stunde gibt es neue Nachrichten zur Ausbreitung des neuen Corona-Virus und zum Umgang damit. Mit einem Mal kommt vieles anders als gedacht. Wirtschaftsprognosen sind hinfällig, Fußball­spiele finden als Geisterspiele ohne Zuschauer statt, Flugreisen fallen aus, ab morgen sind Schulen und Kindergärten in Niedersachsen geschlossen, Prüfungs­termine werden verschoben. Bei VW hat die Schließung der Schulen Auswirkungen auf die Ausbildung und auf den Absatz. Die Berliner Gemeinden unserer Kirche lassen bis auf weiteres alle Gottesdienste und Gemeindekreise ausfallen – nicht, weil sie einen einzigen Corona-Fall in ihren Gemeinden haben, nicht, weil sie Angst davor haben, krank zu werden, sondern weil sie aus Liebe der Empfehlung folgen, soziale Kontakte möglichst einzuschränken aus Rücksicht auf die Gruppe älterer Menschen und solcher mit Vorerkrankungen, für die das Virus gefährlich werden kann.

Der Mensch denkt und Gott lenkt – gerade, wenn es ganz anders kommt, merken wir, dass es ein Stück Hochmut ist, wenn wir meinen, wir hätten die Zukunft in der Hand. Es ist eine Erinnerung, dass Gott lenkt. Der Evangelist Matthäus berichtet von einer Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern, in der es solches Denken geht. Sie stellen fest, dass die Jünger Jesu sich vor dem Essen nicht die Hände waschen. Das war und ist längst nicht überall in der Welt Standard. Aber ihr Volk ist das eine, dem Gott tatsächlich Reinheitsvorschriften gegeben hat. Bei vielen davon ging es offenbar um die Verhinderung von Krankheiten in einer Zeit, in der man noch nichts wusste von der Übertragung von Viren und Bakterien. In einem heißen Klima ohne Kühlmöglichkeit gehört dazu, dass man kein Schweinefleisch isst. Auch das Gebot, Schüsseln, Geschirr und Hände sauber zu halten, das zumindest die Pharisäer sehr genau einhielten, gehört dazu. Aber die Jünger Jesu halten sich offensichtlich nicht daran – zumindest nicht immer und nicht so peinlich genau wie man es nach Meinung der Pharisäer tun sollte. Deshalb stellen sie Jesus zur Rede.

Und Jesus kritisiert nicht die Reinheitsvorschriften. Auch nicht die Reinheitsmaß­nahmen der Pharisäer. Aber er deckt mit seiner Antwort etwas auf, was bei solchen Dingen in unserem Herzen vorgeht. Nämlich, dass wir meinen, wir haben das eigentliche Problem erkannt, wenn wir diese äußerlichen Dinge einhalten, und wir haben es im Griff.

Die Gesundheit spielt in unserer Gesellschaft eine große Rolle, auch in normalen Zeiten. Besonders deutlich ist das bei der Ernährung. Ständig werden wir vor Zusatzstoffen oder Ernährungsfehlern gewarnt. Wir wissen längst, dass nicht alles gut ist, worauf wir Lust haben. Und wer es sich leisten kann, lässt heute oft viel Geld im Bioladen. Es soll nichts Falsches in den Körper reinkommen, nichts Ungesundes und nichts, was unser Leben verkürzen könnte. Sicher, es geht vielen besser, wenn sie darauf achten. Aber wir können unser Leben damit um keine fünf Zentimeter verlängern. Und es gibt einen Zusatzstoff darin, der sehr schädlich sein kann: zu meinen, dass das unser Leben ausmacht.

Die Frage ist, ob wir genauso darauf achten, was in unser Herz reinkommt. Ja, wie gesund oder ungesund ist das, was uns an Botschaften über Handy, Radio und Zeitung und Internet erreicht? Es ist Christen-Aufgabe zu allen Zeiten, dass wir Gottes Wort und seine Gebote kennen. Dass wir an diesem Maßstab prüfen, was uns die Welt da unter die Augen und die Ohren hält und was da alles reingemischt ist, ja, was wir sowieso schon alles in uns drin haben. Nehmen wir uns dazu die Zeit?

Wir haben zwei Bibelkreise in der Gemeinde, beide sehr überschaubar. Das macht ein sehr persönliches Gespräch möglich. Aber wenn manche Gemeinden jetzt vor der Frage stehen, ob sie solche Wochenaktivitäten einstellen – ist das nicht ein Bußruf für uns alle? Würden wir's als Gemeinde überhaupt vermissen? Oder würde es uns so gehen wie vielen Menschen in unserem Land, die's gar nicht merken würden, wenn ab jetzt alle Gottesdienste ausfallen würden? Wäre es nicht angemessen, wenn wir uns jetzt erst recht mit Gottes Wort versorgen, angefangen zuhause, und wenn sich nach dem Abklingen der Krankheitswelle neue Bibelkreise bilden, für andere Altersgruppen oder an anderen Wochentagen?

Jesus sagt, „was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert“, sprich, die Toilette. „Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.“

Nein, liebe Gemeinde, wir haben unser Leben nicht im Griff, wenn wir meinen, das Hauptproblem ist eine neuartige Virusinfektion, für die es bisher keinen Impfstoff gibt; und die Lösung ist Hand- und Mundhygiene und das Vermeiden aller sozialen Kontakte. Diese Krankheit wird, so Gott will, vorübergehen. Aber was würde es dem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele? Dass wir uns viel mehr Sorgen um unsere körperliche als um die geistliche Gesundheit machen, liegt wohl in unserer Natur. Aber es ist dumm. Es ist so wie bei einem, dem der Arzt irgendwann nach dieser Epidemie sagt: Sie haben eine Ansteckung mit dem Corona-Virus erfolgreich vermieden. Nur leider haben Sie vergessen, was ich Ihnen die ganze Zeit gesagt habe: Sie haben ein Problem mit dem Herzen. Und jetzt ist es zu spät.

Liebe Schwestern und Brüder, Martin Luther hat in seiner Zeit als Professor in Wittenberg mehrere Pest-Epidemien miterlebt. Die Frage, ob man davor fliehen darf, hat er bejaht. Das gelte aber nicht für die, die ein Amt haben, ein weltliches oder geistliches. Denn ihre Aufgabe ist es, zu schützen, Schaden abzuwenden und denen zu helfen, die besonders betroffen sind.

Die Bedrohung hat er also ernstgenommen. Aber er selbst ist in der Stadt geblieben. Was wir in diesen Wochen erleben, ist keine Pest. Aber wir brauchen jetzt besonders die Politiker an ihrer Stelle und die Mitarbeiter im medizinischen Bereich. Und wir brauchen die Kirche und den Gottesdienst. Ja, wir brauchen ihn wohl mehr als sonst. Deshalb soll bei uns kein Gottesdienst ausfallen. Solange wir in unserem überschaubaren Umfeld unsere Sonntagsgottesdienste hier in der Kirche feiern können, wollen wir das tun. Und sonst lasst uns unsere Gottesdienste „hier und da in den Häusern“ feiern, wie es in der Apostelgeschichte heißt, in unseren Familien. Bibel und Gesangbuch haben wir. Nehmen wir diese Medizin regelmäßig ein.

Es hat in der Geschichte einige Ärzte gegeben, die Impfstoffe gegen Epidemien gesucht haben. Einer davon war der amerikanische Arzt Jonas Salk. 1952 nahm er Proben von Kinderlähmungsviren, die im Labor gezüchtet waren, tötete sie ab und machte erste Tests damit als Impfstoff. 1953 testete er ihn an sich selbst, seiner Frau und ihren drei Söhnen. Die Impfung setzte sich durch, heute ist die Kinder­lähmung fast ausgestorben.

Wir haben einen Arzt, der sich selbst das Virus unserer geistlichen Krankheit hat injizieren lassen. Deshalb hat er sich nicht verteidigt, als ihm im Prozess Gotteslästerung vorgeworfen wurde. Denn unsere Sünde ist ja im Kern das: Dass wir Gott nicht über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Deshalb hat er sich nicht gewehrt, als sie ihn ans Kreuz geschlagen haben. Und er hat nicht auf die Versuchung gehört, als sie ihn am Kreuz verspottet haben mit dem Satz: Arzt, hilf dir selber.

Aber mit seinem Sterben hat er diese Krankheit besiegt. Wenn der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt, wir sind in seinen Tod und seine Auferstehung hinein getauft, dann kann man das vielleicht damit vergleichen, dass ein Arzt den Patienten mit einem abgeschwächten Erreger impft, damit die eigentliche Krankheit ihm nicht mehr schadet. Denn solches geistliches Sterben in der Taufe schadet uns nicht. Es ist der Anfang eines neuen Lebens.

Und in diesem neuen Leben haben wir eine Medizin, die er uns regelmäßig gibt. Das ist sein Leib und Blut. Wer davon lebt, in dessen Leben kann sich die tägliche Sünde nicht weiter ausbreiten. Deshalb ist diese Medizin auch das Mittel gegen das Virus der Angst und der Sorge. Denn wenn Gott uns seinen Sohn gegeben hat, den er über alles liebt, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wenn unser Leben in seiner Hand ist, was kann uns Krankheit oder Tod schaden?

Christus sagt: „Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben.“ Er ist unser Arzt. Der Gottesdienst ist die Sprechstunde, in der es um unsere Gesundheit geht, um die geistlichen Symptome bei uns und um ihre Behandlung. Wer bei diesem Arzt in Behandlung ist, der wird leben. Zu ihm lasst uns beten für alle, die von dem neuen Virus betroffen sind, für alle, denen die Situation Angst und Sorge macht und für alle, die in diesen Wochen Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen müssen. Lasst uns beten für uns selber, dass wir über dieser zeitlichen, äußeren Bedrohung die größere, geistliche ewige Bedrohung unseres Leben nichts vergessen. Und dass wir uns weder von der einen noch von der anderen die Zuversicht nehmen lassen. Denn er hat uns das Leben gerettet. Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!

Ich schließe mit einigen Sätzen unseres Bischofs:

Es wird an der gegenwärtigen Situation erkennbar, wie hoch die Gnadenmittel zu schätzen sind, die Gott uns in den Gottesdiensten schenkt. Eine solch epidemische Situation zeigt uns zugleich, wie abhängig wir von Gottes Hilfe und Gnade sind. Deshalb lasst uns in diesen Tagen nicht müde werden im Gebet. Lasst uns beten:

Du Dreieiniger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir danken dir, dass du uns deine Gnadengaben in deinem Wort, in Taufe, Beichte und Abendmahl bisher so reichlich hast austeilen lassen. Vergib, wo wir diese Gnadenmittel achtlos für selbstverständlich gehalten haben und erhalte uns alle Gottesdienste, weil du uns ja darin suchst und uns darin zum ewigen Leben geleitest.

Dies bitten wir um Christi willen. Amen.“

Sonntag Okuli, Predigtgottesdienst (ohne Predigtreihe)

(Wahl des Predigtwortes veranlasst duch die SARS-CoV2-Pandemie)

Daniel Schmidt, P.