Bildbesinnung zum Altjahrsabend, 31.12.2021 (Lukas 2,22-35)

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  • Zuletzt aktualisiert 30. Dezember 2021

Bildbesinnung zum Altjahrsabend, 31.12.2021 (Lukas 2,22-35)

Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen, wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn: »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben«. Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel. Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

[Hinweis: Die im folgenden genannten Bilder sind zu finden unter https://rkd.nl/en/explore/images/2927 und https://en.wikipedia.org/wiki/Simeon_in_the_Temple.]

I                 Das Jahr 2021 war einmal “neu”

Wir sehen heute zwei Bilder. Beide gemalt von demselben Maler. Eins, als er jung war und das Leben vor sich hatte. So wie das Jahr 2021 jung war, als wir es vor uns hatten. Das andere gemalt in seinem Sterbejahr. Als er sein Leben zum großen Teil hinter sich hatte. Und beide zeigen die gleiche Szene. Bei beiden ist Jesus im Zentrum. So wie wir dieses Jahr im Namen Jesu begonnen haben und es in seinem Namen beschließen.

Aber der Maler hat vom Anfang und vom Ende her einen unterschiedlichen Blick darauf. Sehen wir uns das mal an. Dieses Bild hat der Holländer Rembrandt van Rijn geschaffen. Gelebt hat er von 1606 bis 1669. Er gilt bis heute als einer der größten Meister der bildenden Kunst. Er hat es gemalt, als er 25 war. Was zeigt er uns hier?

Wir sehen einen Augenblick, den Lukas im zweiten Kapitel seines Evangeliums beschreibt. Josef und Maria kommen mit Jesus in den Tempel. Er ist 40 Tage alt,  knapp sechs Wochen. Sie bringen ihn vor Gott, den Vater. Und sie bringen das vorgeschriebene Opfer für den erstgeborenen Sohn. Eigentlich soll das ein Lamm sein. Aber sie gehören zu den Armen, die stattdessen zwei Tauben opfern.

Da kommt im Tempel ein alter Mann auf sie zu. Simeon. Gottes heiliger Geist hat ihm gesagt, er wird nicht sterben, bis er den Messias, den Retter mit seinen Augen gesehen hat. Derselbe Geist sagt ihm: das Kind dieser Mutter, das aussieht wie Hunderte anderer, die er so im Tempel gesehen hat, das ist der versprochene Retter.

Diesen Moment malt Rembrandt. Er ist als junger Erwachsener schon ein großer Meister. Er legt viel hinein in sein Bild. Er malt die großartige Architektur des Tempels. Er malt Menschen wie aus dem Leben – er hat immer wieder Kontakt zu seinen jüdischen Mitbürgern in Holland gesucht, wenn er biblische Szenen gemalt hat, weil er die Menschen der Heiligen Schrift so malen wollte, wie sie sind.

Im Zentrum zeigt er uns Jesus. Das ist ganz christlich gedacht. Ja, es ist eine Predigt für unsere Augen. Und es ist eine Predigt, die mit dem Anfang und dem Ende zu tun hat. Diese Lesung ist für den ersten Sonntag nach Weihnachten vorgesehen. Der fällt vom Datum her irgendwo zwischen den 27. Dezember und, wie dieses Jahr, den 2. Januar. Also zwischen Jahresende und Jahresanfang. Aber im Hintergrund sind auf dem Bild ungefähr zwei Dutzend weitere Personen zu sehen. Jede davon hat ihre Geschichte, auch wenn wir sie nicht kennen. Manche scheinen mehr mit sich und miteinander beschäftigt zu sein als mit dem, was vor ihnen geschieht.

Rembrandt hat sein Leben vor sich, als er das malt. Jesus im Zentrum – und doch wird der Maler in seinem Leben mit vielen anderen zu tun haben. Dieser eine im Zentrum – so haben wir dieses Jahr begonnen. Wir hatten Anfang Januar nicht viele Menschen um uns. Mancherorts waren die Kirchtüren geschlossen, Gottes Wort wurde zuhause gelesen. Aber das Jahr hat uns trotzdem Begegnungen mit Menschen gebracht, von denen wir da noch nicht viel wussten.

 

II                Was haben wir für Begegnungen gehabt?

Wem bist du im vergangenen Jahr begegnet? Liebe Menschen, mit denen du schon lange unterwegs bist? Für die du immer neu dankbar bist? Hast du neue Bekanntschaften geschlossen? Hat sich jemand von uns verliebt? Wo ist ein Kind geboren worden? Von wem mussten wir Abschied nehmen?

Ist es vielleicht zu einer Versöhnung gekommen in der Familie, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft? Ist eine Beziehung auseinandergegangen?

Vieles war eingeschränkt in diesem Jahr. Geburtstage und Jubiläen wurden kaum gefeiert. Hochzeiten wurden aufgeschoben. Beerdigungen fanden in kleinem Kreis statt, so dass ich das Gefühl hatte, wir konnten kaum zusammen als Gemeinde Abschied nehmen.

Viele haben dieses Jahr unter Einsamkeit gelitten. Schulkinder, die sich wenig mit Freunden treffen konnten. Senioren in den Heimen. Für andere war es eine Belastung, jeden Tag so eng beieinander zu sein – Arbeit und Schule und Haushalt und Freizeit alles auf demselben Raum mit denselben Personen.

Die Pandemie hat sich auch in unseren Gemeinden ausgewirkt. Wir haben uns lange Zeit kaum in den Kreisen getroffen. Die Gemeinschaft in den Chören, im Seniorenkreis, im Jugendkreis war so nicht möglich.

Umso wertvoller war das, was an Zeichen hin und her da war. Anrufe, Karten, Video-Anrufe über Handy und Computer und die Zeit im Sommer, wo draußen dann doch einiges möglich war, die erste Chorstunde wieder, die Gottesdienste auf dem Rasen mit Posaunenchor. Und die Orgel, die uns die ganze Zeit hindurch begleitet hat, ein Stück Beständigkeit in einem schwierigen Jahr.

III               Wo war Christus in alledem?

Wir waren jetzt gedanklich sozusagen bei den Menschen, die der junge Rembrandt auf seinem Bild im Hintergrund zeigt. Wo war Christus für uns in diesem Jahr?

Rembrandt komponiert seine Bilder mit dem Licht. Hier fällt der Lichtschein auf Maria, von ihr schräg rechts nach oben auf Jesus und das Gesicht des alten Simeon. Maria ist ganz bei Jesus. Ihre Augen sind auf ihn gerichtet. Die linke Hand hat sie am Herzen, die rechte kurz darunter, als will sie sagen: Von Gottes Liebe habe ich dieses Kind empfangen. Im Herzen, wie wir, die wir an ihn glauben. Und für Maria ganz wörtlich, im Sinn ihrer Schwangerschaft. Durch sie als Mutter ist Gottes Sohn Mensch geworden. Einer von uns. Schwach, versuchbar, ange­fochten. Doch ohne den Fehler, der von der Empfängnis an in uns steckt, die sündige Natur.

Jesus und Simeon aber haben die Augen auf einen Mann gerichtet, den wir von hinten sehen. Ist es ein Priester? Oder ein Levit, ein Chorsänger und Helfer der Priester? Hat er die Hände zum Segnen gehoben? Oder zum Lob Gottes? Vielleicht ist es beides, so wie das Lateinische für beide dasselbe Wort hat: benedictio, wörtlich “Gut-Sagen”. Auf jeden Fall ist an dieser Stelle eine große Bewegung im Bild. So viel geschieht hier. Ja, das Lob Gottes ist fast zu hören!

Wo war Christus für dich in diesem Jahr, das heute zu Ende geht? Gottes Sohn, Mensch geworden? Kann es sein, dass du manchmal mehr mit dir und mit anderen beschäftigt warst als mit ihm? Vielleicht aus ganz verständlichen Gründen, wie Jesus sie im Gleichnis von der Einladung zur großen Hochzeit aufzählt? Arbeit, Stress, Freizeit, erfreuliche Beziehungen? Wie so viele an dem Tag im Tempel, die vielleicht die kleine Gruppe gesehen haben, die vielleicht mit einem Ohr das Loblied Simeons gehört haben, aber ohne zu fragen, was das bedeutet, was das für sie bedeutet.

Aber wie Christus von Simeon erwartet wurde, aber an dem Tag doch ungeahnt zu ihm kam: Hat er trotzdem oder gerade deshalb manche dunkle Stunde mit seiner Gegenwart für dich hell gemacht? Haben ihn dir andere hingehalten – Gott sei Dank! – wenn du ihn brauchtest, so wie Simeon ihn uns vor Augen hält

Aber auch die Menschen, denen wir begegnen, sind ja oft nicht mit ihm beschäftigt. Im Jugendkreis am Dienstag haben wir darüber gesprochen, wie viele Menschen heute meinen, dass es gar keinen Gott, kein höheres Wesen gibt. Die Jugendlichen haben gesagt, das sind die meisten. Aber gerade deshalb noch einmal die Frage: Wo war Christus in unseren Begegnungen auch mit diesen Menschen? Die es gar nicht im Blick haben, dass Gottes Sohn Mensch geworden ist, dass Simeon ihn an einem bestimmten Tag im Arm gehalten hat, dort, wo heute in Jerusalem die Klagemauer steht? Haben sie an unserem Umgang mit ihnen etwas gespürt davon, dass wir den kennen, der Frieden bringt? Der Versöhnung schafft? Der Schuld nicht zusammenrechnet, sondern wegräumt? Dass wir unterwegs sind zu einem ewigen Ziel?

Haben wir selbst in seinem Licht gelebt? Oder gab es Dinge, die zur Finsternis gehören? Gedanken, Absichten, Gefühle, Taten, die lieber nicht ans Licht kommen sollen?

Im Leben des Simeon gibt es die. Es kann nicht anders sein. Denn er ist als Mensch geboren wie wir. Aber auf sein Gesicht fällt das Licht des Kindes in seinem Arm. Und sein Blick geht weg von sich selbst auf die segnende Hand, auf den Segen, mit dem dieses Kind kommt. Er geht auf das Lob Gottes, der kommt, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Der Vergebung und Gnade bringt.

 

IV      Friede

Das ist das zweite Bild. Von Rembrandt gemalt nicht lange vor seinem Tod. Hier sehen wir keine klar abgesetzten Linien mehr. Kann der alte Rembrandt seine Hand nicht mehr ruhig halten, um Linien zu ziehen? Kann er den Pinsel nur noch tupfen? Sieht er vielleicht nicht mehr gut, muss ganz nah an die Leinwand herangehen und jeden Punkt einzeln setzen?

Wenn das zutrifft, dann hat er auch das meisterhaft getan. Aber mir scheint, es ist noch etwas anderes. Die Maltechnik wird auf den Punkt reduziert. Das Ganze aber sieht man erst, wenn man zurücktritt.

So reduziert Rembrandt, was er uns als alter Mann zeigt. Kein Raum, keine andere Person außer einer, halb im Schatten. Nicht einmal Maria ist zu sehen. Auch hier hält Simeon das Kind, aber mit ausgestreckten Unterarmen. Als ob ihm ein Geschenk darauf gelegt worden ist.

Mir scheint, seine Augen sind fast wie bei einem Menschen mit einer Sehbehinderung nach innen gekehrt. Und doch sind sie ausgerichtet auf die Augen des Kindes, das ihn ansieht. “Meine Augen haben deinen Heiland gesehen”, so betet und singt er. Und mir scheint, seine Hände finden sich unter dem Kind gerade zum Gebet zusammen. Herr, jetzt lässt du deinen Diener in Frieden gehen. Er muss dieses Kind nicht halten. Dieses Kind hält ihn. Er muss nicht alles gutmachen, was hinter ihm liegt. Er kann es nicht.

Noch mehr als auf dem ersten Bild habe ich den Eindruck, dass Rembrandt und Simeon hier zu einer Person werden. Rembrandt hat viel Geld verdient und noch mehr ausgegeben. Er musste seine Bildersammlung und sein Haus verkaufen. Und er hat Schweres durchgemacht. Drei seiner vier Kinder sind sehr früh gestorben, seine Frau wurde nur 30 Jahre alt. Gehen muss er, das ist ihm wohl klar, als er dieses Bild an seinem Lebensende malt. Wie kann er in Frieden gehen?

Für dich und mich geht das Jahr 2021 zu Ende. Wie können wir es im Frieden zurücklassen? Hier siehst du am Ende des Jahres deinen Heiland, den Gott dir in die Hand und ins Herz legt. Tu's wie Simeon, der die Hände zum Gebet zusammenlegt, und sag's deinem Gott, was daran nicht gut gewesen ist. Klage ihm, was dir daran schwer geworden ist. Klage ihm deine Schuld, wo du sie erkennst. Und wo du sie nicht erkennst, da glaube seinem Wort, das dir sagt: es ist kein Mensch gerecht vor Gott. Außer diesem Kind, wahrer Mensch und wahrer Gott in einer Person. Vom Vater geboren vor aller Zeit und Welt. Von der Jungfrau Maria geboren, um dich und mich zu retten, die wir ohne ihn verloren und verdammt sind.

Ja, bitten wir ihn um Vergebung, wo wir schuldig geworden sind. Legen wir in seine Hände, womit wir nicht fertiggeworden sind. Danken wir ihm für das, was uns froh gemacht hat. Loben wir ihn für seine Gnade. Für seine Nähe in diesem Jahr.

V                Ausblick

Auf diesem Bild zeigt uns Rembrandt, wie sich die Lippen Simeons öffnen. “Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren”, so singt er. Hinter ihm, halb im Dunkeln, sehen wir eine weitere Person. Das Bild war hundert Jahre später im Besitz des englischen Malers Joshua Reynolds. Von ihm weiß man, dass er die Werke der großen Meister manchmal weiter bearbeitet hat. Experten halten es für möglich, dass er sich selbst hier ins Bild gesetzt hat. Dann hätten wir hier jemanden, der ganz dicht dran ist und doch noch nicht so weit, dass er einstimmt in den Lobgesang des Simeon.

Ich aber sehe mich gern nicht neben Simeon, sondern in ihm. Wir stimmen ja selbst in seinen Lobgesang ein, wenn wir vom Altar kommen, Christi Leib und Blut in uns. Da lässt uns Gott mit dem Frieden gehen, den er in unserem Leben schafft. Damit bleiben wir nicht sitzen in der Kirche. Wir gehen weiter in das, was das Leben in der neuen Woche oder im neuen Jahr bringt. Aber Christus geht mit.

Geh in seinem Frieden. Mach Frieden in seiner Kraft. Und geh als Christophorus, auf deutsch als “Christusträger”, so wie der Maler uns den Simeon hier zeigt. So wird er dich tragen. In das neue Jahr, und auch auf dein letztes Wegstück, wenn es kommt.

„Herr, meine Augen haben deinen Heiland gesehen. In seinem Namen hör ich auf, in seinem Namen fang ich an. Herr, segne du den Jahreslauf. Amen.“

 

(Geistlich-musikalischer Gottesdienst zum Jahresabschluss,

Immanuelsgemeinde Groß Oesingen,

Daniel Schmidt, P.)