Ansprache zur Adventsandacht am 9.12.2020 („Es kommt ein Schiff, geladen“)

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  • Zuletzt aktualisiert 9. Dezember 2020

Ansprache zur Adventsandacht am 9.12.2020 ("Es kommt ein Schiff, geladen")

Besinnung zur Adventsandacht am 9.12.2020 (Choral „Es kommt ein Schiff, geladen“

Evangelisch-Lutherisches Kirchengesangbuch Nr. 4)

Fotos: privat

1     Es kommt ein Schiff, geladen

bis an sein' höchsten Bord,

trägt Gottes Sohn voll Gnaden,

des Vaters ewigs Wort.

Besinnung: Was ist das für ein Schiff?

Es war diesen Sommer, auf der Durchfahrt durch Rostock. Wir hatten ein paar Stunden Zeit, haben das Auto geparkt und sind durch die Innenstadt gelaufen. Wir kamen in eine der alten Stadtkirchen, die Petrikirche. Ein hohes, langes Mittelschiff, schön renoviert, viel Licht. In diesem Kirchenschiff hing ein Schiff. Ein Schiffsmodell, wie man das in den alten Hansestädten oft in Kirchen findet.

Was hat ein Schiff mit der Kirche zu tun? In Rostock wird es damit zu tun gehabt haben, dass die Stadt vom Seehandel lebte. Übers Meer kamen Dinge aus einer fernen Welt, die man bis dahin nur vom Hören kannte.

Aber vielleicht war auch genau das eine Verbindung zur Kirche. Denn auch da haben wir es mit Dingen zu tun, die aus einer anderen Welt zu uns kommen; die wir mit den Augen bisher nicht gesehen haben und nur vom Hören kennen. Eben durch die, die dieses andere mit ihren Augen gesehen und ihren Ohren gehört haben. Das sind die, die vor uns im Glauben an den dreieinen Gott gelebt haben. Die jüdische Gemeinde im Alten Testament. Die Propheten, die den, der kommen soll, im Geist schon sehen. Und die Apostel im Neuen Testament, die ihn mit ihren leiblichen Augen gesehen haben; die als Augen- und Ohrenzeugen mitbekommen haben, wie durch ihn etwas aus der anderen Welt, aus Gottes Gegenwart, in unsere gefallene Welt hineinkommt, etwas Heilsames und Tröstliches.

Die alle sind durch die Zeit und durch die Geschichte unterwegs wie ein Schiff von einem Meer zum anderen und von einem Land zum anderen. Da werden andere Sprachen gesprochen. Da nimmt es unterwegs Ladung auf, hier etwas und dort etwas. Die Ladung geht durch viele Hände, bis sie an ihr Ziel kommt.

Das Schiff ist die Gemeinde. Ja, es sind noch mehr: Es sind Menschen, denen Gott etwas in den Mund legt, dass sie's weitersagen; dass es aufgeschrieben wird, die also etwas weitergeben von dem, was Gott ihnen gibt. Manche gehören nicht einmal zur Gemeinde. Wir haben Worte von Bileam gehört, der das Volk Israel verfluchen sollte, als sie nach Kanaan hineinzogen und eine Bedrohung wurden für die Völker dort. Aber Bileam konnte doch nicht anders, als dieses Volk zu segnen. Gott hat ihn etwas sehen lassen, an dem sein eigenes Volk sich orientieren konnte, wie an einem Stern am Himmel. Auch Rahab ist eine von denen, die nicht zum Volk Israel gehören, aber doch irgendwie ein Teil dieses „Schiffes“ sind; die Prostituierte in Jericho, die sich wenig um Religion gekümmert haben mag, aber erkennt, dass man gegen den Gott des jüdischen Volkes verloren ist, aber mit ihm gerettet. Gottes heiliger Zorn und seine rettende Gnade – das ist die teure Last dieses Schiffes:

2     Das Schiff geht still im Triebe,

es trägt ein teure Last;

das Segel ist die Liebe,

der Heilig Geist der Mast.

 

3     Der Anker haft' auf Erden,

da ist das Schiff am Land.

Das Wort tut Fleisch uns werden,

der Sohn ist uns gesandt.

Besinnung: Was ist das für eine Ladung und was für ein Anker?

All diesen Menschen gibt Gott sich eigentlich selbst in die Hände. Am Anfang des Johannesevangeliums hören wir von dem Wort, das Fleisch wird. Gottes Sohn ist sein ewiges Wort. Durch dieses Wort ist die Welt erschaffen. Durch ihn macht der Vater die Schöpfung neu. Den Einzelnen, die er etwas sehen lässt aus Gottes Gegenwart, das für die Menschen ihrer Zeit noch fern und noch unsichtbar ist, denen gibt er damit seinen Sohn in die Hände. Deshalb können sie etwa in Mose etwas ahnen, bei aller Schwachheit dieses Führers: Dass Gott uns herausführen wird aus der Knechtschaft der Sünde, aus der Not, dass wir dem Tod verfallen sind. An einem Propheten wir Jeremia, der furchtbar an seinem Amt gelitten hat, können sie erkennen, dass der, der der größte Prophet ist, weil er selbst aus Gottes Gegen­ wart kommt, bereit sein muss zu leiden.

Und sie können an der Ladung dieses Schiffes immer mehr ahnen, dass es Gott selbst ist, der kommt. Moses hat mit 40 Jahren einen Menschen erschlagen, weil er mit Gewalt dem Volk Gottes helfen wollte. 40 Jahre lang hat er danach lernen müssen, dass Gottes Volk nicht mit menschlicher Macht zu retten ist. Dann, als er in einem Alter war, wo man sich nicht mehr auf seine Kraft verlässt, hat Gott ihn zum Anführer gemacht. Die einzige Kraft, die Mose da mitbrachte, war Gottes Kraft.

Das musste Gottes Volk das ganze Alte Testament hindurch lernen: dass mit unserer Macht nichts getan ist. „Es streit' für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren“, d.h. ausgewählt.

Ja, sie alle bringen uns Gottes Sohn schon im Alten Testament. Ernsthafte Bibelleser haben ihn dort zu allen Zeiten gefunden. Die Ladung dieses Schiffes ist tatsächlich der, von dem Gott zu Adam und Eva sagt: Er wird kommen von einer Frau, und wird der Schlange den Kopf zertreten. Der Messias, der Retter. Der, von dem der letzte der Propheten im Alten Testament, Maleachi, sagt: „Bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht.“ (Mal 3,1) Seit der Vertreibung aus dem Paradies ist der auf dem Weg.

Und dann wirft dieses Schiff, dann wirft er, Gott, Anker in Bethlehem. Und die, die darauf gewartet haben, bekommen es mit: zuerst Maria, die buchstäblich diese teure Last tragen wird. Dann die Hirten. Und wieder einige, die gar nicht zur Gemeinde gehören, die vielleicht mehr wünschen, als mit Gewissheit hoffen, dass so ein Retter kommt – die weisen Männer aus dem Osten.

Der Anker aber ist dieser: Gott wird Mensch. Und er bleibt Mensch. In Jesus Christus sind beide Naturen nicht mehr zu trennen. Nun vertritt uns unser mensch­licher und göttlicher Bruder bei unserem Vater im Himmel. So wie er in Fleisch und Blut die Versuchung zur Sünde erlebt hat, und ihr an unserer Stelle widerstanden hat. So wie er für uns gelitten hat.

Und dieser Anker heißt auch: Er macht sich fest. Er macht sich fest an seinem eigenen Versprechen. Der Bund, den er in unserer heiligen Taufe mit uns schließt, bleibt auf seiner Seite feste stehn. Er bindet sich an ein Stück Brot und einen Schluck Wein: Wo wir damit das Sakrament feiern, wie er es eingesetzt hat, da gibt er sich uns in den Mund, als Gottes und Marien Sohn. Da bekommen wir die „volle Ladung“ dieses Schiffes: seine Vergebung, ohne Bedingung und ohne Maß; ewiges Leben und Seligkeit. Denn diese Ladung ist er selbst.

4     Zu Bethlehem geboren

im Stall ein Kindelein,

gibt sich für uns verloren;

gelobet muß es sein.

 

5     Und wer dies Kind mit Freuden

umfangen, küssen will,

muß vorher mit ihm leiden

groß Pein und Marter viel,

 

6     danach mit ihm auch sterben

und geistlich auferstehn,

ewigs Leben zu erben,

wie an ihm ist geschehn.

Besinnung: Was hat Ostern mit der Adventszeit zu tun?

Wer mehr den weihnachtlichen Rahmen kennt als die Weihnachtsbotschaft, mehr die Dekoration an Geschichten und Bräuchen, die sich über Jahrhunderte damit verbunden hat, der wird sich bei diesen Strophen wundern: Warum ist da die Rede von Pein und Marter und vom Sterben?

Tatsächlich entstanden im 14. Jahrhundert erst die Strophen 1-3. Dass es um Leiden und Sterben geht, das hat der Textdichter Daniel Sudermann 1626 dazugesetzt, als er dieses alte Lied aufgegriffen hat. Aber er hat recht. Dass der Heiland keine bleibende Statt hat, wird bei seiner Geburt deutlich. Sein Leben ist vergänglich geworden wie unseres. Und vom Tod bedroht wie unseres, als wenig später die Soldaten des Herodes mit gezogenem Schwert nach Bethlehem kommen.

Doch er kommt, um genau diesen Schaden zu heilen, nicht für sich sondern für uns: Unsere Vergänglichkeit, die die Sünde mit sich gebracht hat, und die Bedrohung durch den Tod. Dafür setzt er klare Zeichen: Christus macht unheilbar Kranke gesund. Da, wo nichts ist, um den Hunger zu stillen, tut er genau das: Er stillt den Hunger. Und er macht Menschen selig. Denn nichts anderes ist das, wenn er der Ehebrecherin vergibt und dem Halsabschneider Zachäus, und wenn er für Barabbas den Kopf hinhält und die Arme und Beine am Kreuz.

Ein Jesus, der nur als Baby kommt und weiter nichts, von dem haben wir – weiter nichts. Ein Jesus, der klein und schwach seine Mission antritt, um uns zu retten, den brauchen wir. Dass das Leben hier für uns selbst dabei kein Schönwetter-Segelausflug wird ohne Seegang und ohne Wind, das sagt uns Gottes Wort. Aber in diesem Schiff sind wir so gut aufgehoben wie die Jünger im Sturm, als Jesus schlief.

Mag sein, dass auch deshalb in Rostock dieses Schiffsmodell in der Kirche hängt. Denn da saßen sicher viele im Gottesdienst, deren Söhne und Männer und Brüder auf See waren. Nicht immer sind sie zurückgekommen. Aber in diesem geistlichen Schiff waren sie auch in Gefahr aufgehoben.

Das Modellschiff sieht so frisch und neu aus wie der ganze Kirchraum der Petrikirche dort. Aber es stammt von dem Schiffsmodellbauer Peter Kraeft, der es vor 250 Jahren gebaut hat (1769). Und es hat einen Namen: „Gewissheit.“ Die hat er gebraucht und die Menschen zu seiner Zeit. Die brauchen wir in Corona-Zeiten, wo so vieles ungewiss ist. Und zu allen Zeiten.

„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ – manche von uns kennen das Lied vielleicht noch aus den 1960er und 70er Jahren (gedichtet 1963 von Martin Gotthard Schneider). „Das Ziel, das ihm die Richtung weist,“, heißt es da, „ist Gottes Ewigkeit.“ Die Gewissheit, dass wir dahin kommen, die haben wir, wenn wir in und bei der Kirche bleiben. Denn da kommt er zu uns mit Vergebung und neuem Leben. Durch die Zeit. Jederzeit. Für die Ewigkeit. Amen.

(Daniel Schmidt, P.)