Ansprache zum 3.3.2021 (Matth. 27,57-68)

  • Version
  • Download 2
  • Dateigrösse 17.28 KB
  • Datei-Anzahl 1
  • Erstellungsdatum 3. März 2021
  • Zuletzt aktualisiert 3. März 2021

Ansprache zum 3.3.2021 (Matth. 27,57-68)

Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten. Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinaus wollte. Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, daßsie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen. Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen?

Aber Jesus schwieg still.

Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.

Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.

Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil?

Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. Da spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Einige aber schlugen ihn ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist's, der dich schlug?

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus,

Zugschaffner berichten davon seit einigen Jahren: dass sie nicht nur auf dreiste Schwarzfahrer stoßen, die sich der Kontrolle entziehen wollen, sondern dass sie beschimpft, bespuckt und angegriffen werden. Auch Polizeibeamte erleben zunehmend Gewalt. In beiden Bereichen gibt es offenbar Menschen, die meinen, die anderen haben ihnen nichts zu sagen; und wenn die ihren Dienst tun, werden sie angegriffen.

Wir haben letzte Woche gehört, wie die Zeit gekommen ist, von der Jesus gesprochen hat. Das sind die letzten Stunden vor seinem Tod, in denen er nicht mehr wirken kann; in denen andere mit ihm machen, was sie wollen; in denen er beschimpft, bespuckt und angegriffen wird. Wir haben gehört, wie er, der den Armen, den Sündern, denen, die auf Erlösung warten, Gottes Wort gebracht hat, nun verstummt; wie er nach dem Passahfest und der Einsetzung des heiligen Abendmahls, nach dem Lobgesang mit den Jüngern auf dem Weg in den Park Gethsemane, nach dem großen Gebet für seine Jünger und für sich selbst fast ganz zum Schweigen kommt.

Er hat Liebe gepredigt, Gottes Liebe zu allen Menschen. Er hat denen, die sich selbst für fromm hielten, gesagt, dass sie sich vor Gott verantworten müssen. Er hat zu der Ehebrecherin gesagt, als alle ihre Ankläger stumm ihre eigene Schuld eingestehen und sich aus dem Staub gemacht haben, dann verurteile ich dich auch nicht. Und über die Prostituierte, die ihm die Füße gesalbt hat, hat er gesagt: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben.

Aber nun reden andere. Nun kommt der Hass zu Wort mit dem Ruf Kreuzige ihn, nun wird Jesus angeklagt. Nun bahnt sich das unbarmherzige Urteil an, das schon vor der Untersuchung gefällt worden war. Und er schweigt.

Und damit kehrt sich noch etwas um: Jetzt urteilen andere über ihn, jetzt soll er sich vor einem menschlichen Gericht verantworten. Dabei müssen sie seine Schuld erfinden, weil er keine hat. Oder ist er doch schuldig?

Die Schriftgelehrten und Pharisäer sahen es als ihre Aufgabe, Gottes Wort in der Gesellschaft anzuwenden. Dafür hatten sie es studiert. Dazu gehörte es, dass sie vor falscher Lehre und falschen Propheten warnten; besonders vor dem größten Vergehen, dass ein Mensch sich an Gottes Stelle setzt, dass er Gott lästert.

Und hat dieser Mann Jesus nicht genau das getan? Hat er nicht so gesprochen, als könnte er Sünden vergeben? Hat er nicht mit seinem Lehren eine Autorität beansprucht wie sie nur Gottes Wort selber hat? Hatten Maria und seine jüngeren Halbbrüder nicht recht, als sie meinen, er ist durchgedreht, und ihn aufhalten wollten? Hat nicht der Hohe Rat recht, wenn er jetzt endlich, nach drei Jahren, urteilt: Er lästert Gott? Wenden die Richter das, was Mose geschrieben hat, nicht richtig an, wenn sie sagen: Darauf steht die Todesstrafe?

Liebe Gemeinde, wer nicht glaubt, was Jesus von sich selbst beansprucht, kann alle diese Fragen nur mit Ja beantworten. Wer aber zum Glauben an ihn gekommen ist, wie die 12 Jünger, wie nach Ostern auch Maria und die Geschwister Jesu, wie die 3000, mit denen die erste Gemeinde in Jerusalem anfing, der sieht darin eine Umkehrung. Denn an dem Karfreitag in den frühen Morgenstunden urteilen Menschen nicht nur über einen Mann aus Nazareth mit dem Namen Jesus, sie urteilen über den Sohn Gottes, über Gott selbst. Ja, Menschen verurteilen Gott.

Im Glauben sehen wir, dass sich dieses Urteilen über Gott vom Anfang der Geschichte Gottes mit dem Menschen an anbahnt; von dem Moment an, als der Feind im Paradies der Frau den Satz in den Mund legt: Sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht essen von all diesen Bäumen? Er will ja, dass sie zu dem Urteil kommt: Gott will uns etwas vorenthalten. Und: er hat kein Recht dazu.

Dieses Urteilen über Gott zeigt sich offenbar auch bei manchen Königen des Volkes Israel, die so leben und ihre Macht ausüben, als ob Gott ihnen gar nichts zu sagen hat. Und es zeigt sich schließlich darin, wie getroffen die Frommen reagieren, als Jesus ihnen sagt, dass sie das Gesetz Gottes brechen, weil sie bei all ihrer Frömmigkeit die Liebe vergessen, die Barmherzigkeit. Das wollen sie sich nicht sagen lassen. So lassen sie nicht über sich urteilen. Dagegen wehren sie sich, notfalls mit Gewalt.

Wir sehen dieses Urteilen über Gott aber auch in den Psalmen, wo es die trifft, die im besten Sinn fromm leben. Wo sie in Not kommen, angegriffen werden, schwer krank werden, wo sie selbst nicht begreifen, wie das dazu passt, dass sie doch diesem Gott vertraut haben, da trifft sie das Urteil der anderen, die sagen: es ist umsonst; ja, die nicht nur so reden, sondern auch so leben und denen es anscheinend gut geht dabei. Es ist umsonst, an Gott zu glauben das ist ein Urteil über Gott und zugleich über den, der an ihn glaubt.

Liebe Gemeinde, mir scheint, es gibt solches Urteilen unbewusst bei vielen Menschen um uns herum: Sollte Gott gesagt haben? Interessiert uns nicht. Und dass Gott am Ende über das Leben jedes Menschen urteilt, wie es das christliche Bekenntnis sagt das ist Schnee von gestern, der endlich am Abtauen ist. Was keiner weiß, macht keinen heiß. Wenn der Gott, der in der heiligen Schrift zu reden beansprucht, nicht zu meiner Vorstellung passt, dann hat er mir nichts zu sagen.

Zu Weihnachten singen wir von der Geburt Jesu: Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein. / Wie könnt' es doch sein freundlicher, das herze Jesulein.“ Da haben wir es vor Augen, dass Gottes Sohn hilflos zu uns kommt und uns als ein Baby in den Arm gelegt wird. Wir staunen darüber, weil unser Verstand das nicht begreift. Jetzt aber, wo wir von seiner Passion, seinem Leiden hören, erleben wir, dass diese Hilflosigkeit noch viel mehr bedeutet: Er gibt sich den Menschen in die Hände, lässt sich hilflos festnehmen, anklagen und verurteilen. Damit nimmt er noch mehr auf sich, als unsre Krankheit und unsere Sünde, wie es beim Propheten Jesaja heißt. Er nimmt auch die Not der Menschen auf sich, die der Willkür von Polizei oder Militär ausgesetzt sind, die zu Unrecht angeklagt werden, die keinen Anwalt bekommen, über die skrupellose Richter urteilen.

Vor allem aber kommt damit zum Ziel, was mit seiner Geburt begonnen hat: er wird ein Knecht und ich ein Herr. Er lässt Menschen über sich urteilen, er lässt sich zu Unrecht verurteilen. Er nimmt damit alles das auf sich, was Gottes Wort bei mir und bei dir zu Recht anzuklagen hätte. Er nimmt das Urteil auf sich, das wir von Gott verdient haben. Wo er den Mund im Prozess nicht aufmacht, da wird er zu dem Lamm, das vor dem Schlachter verstummt. Da wird er für uns zum Opfer. Da kommt vom Kreuz für uns die erlösende Botschaft. Denn von nun an ist dem Ankläger das Maul gestopft, der uns zu Recht vor Gott anklagen will. Wo wir vor Gott nichts zu unserer Entlastung sagen können, spricht sein Blut für uns. Wo wir keinen haben, der uns vor den Menschen verteidigt, haben wir ihn an der Seite. Und wo uns die Frage zusetzt, Mein Gott, warum? Warum ich?, da wird sie hier nicht immer eine Antwort finden, aber er gebe es in seiner Gnade, dass sie zur Ruhe kommt in dem Frieden, der von seinem Kreuz ausgeht. Amen.

Passionsandacht am Mittwoch nach dem Sonntag Reminiszere

Daniel Schmidt, P.