Ansprache vom 1.4.2020 (Matth. 27,57-61)

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  • Erstellungsdatum 1. April 2020
  • Zuletzt aktualisiert 1. April 2020

Ansprache vom 1.4.2020 (Matth. 27,57-61)

Aufgrund des Verbots öffentlicher Versammlungen wegen der Sars-CoV2-Krise aufgezeichnet und online gestellt unter https://www.youtube.com/channel/UCMu2znJKV0khhk-fwOcWxdw

 

Am Abend aber kam ein reicher Mann aus Arimathäa, der hieß Josef und war auch ein Jünger Jesu. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, man sollte ihm ihn geben. Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch. 

(Jh 19) Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.

Es waren aber dort Maria von Magdala und die andere Maria; die saßen dem Grab gegenüber.

(Lk 23) Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.

 

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

das gibt es nicht nur in Zeiten der Corona-Krise: eine Beerdigung im engsten Kreis.  Nur zwei Männer, Nikodemus und Joseph von Arimathäa, und einige Frauen. Der Grund ist allerdings keine Kontaktsperre und keine Angst vor Ansteckung. Der Grund ist, dass der, den sie zu Grab tragen –Jesus –, als Verbrecher hingerichtet worden ist. Die Leichen solcher Leute werden normalerweise auf der Müllhalde im Kidrontal entsorgt. Es ist ungewöhnlich, dass jemand in so einem Fall um die Erlaubnis für ein Begräbnis bittet. Dass es keine große Feier geben würde, war klar. Denn wer zu erkennen gibt, dass er zu einem verurteilten Aufrührer gehört, der begibt sich selbst in Gefahr.

Und es ist noch ungewöhnlicher, dass jemand dafür so ein Grab hergibt. Joseph von Arimathäa hat offensichtlich eine Höhle im Fels als Familiengrab herrichten lassen. Wir können annehmen, dass Steinmetze sie erweitert haben und in den Fels steinerne Bänke gehauen haben, die dann nacheinander für die Beerdigungen der Familienangehörigen dienen sollen. Die Arbeitskraft dafür dürfte einiges gekostet haben. Dieser Joseph muss Geld haben.

Noch etwas zweites ist anders als sonst. Das hat mit dem Wochentag zu tun. Jesus wird am Freitag gekreuzigt. Er stirbt am Nachmittag gegen 3 Uhr. Mit dem Sonnenuntergang aber fängt für die Juden der Sabbath an, der Ruhetag, an dem keine Beerdigung möglich ist. Sie muss also so schnell wie möglich geschehen. So schnell – so berichten es die Evangelisten –, dass das Einsalben des Körpers mit aromatischen Ölen und Salben, wie es sonst üblich ist, ausgelassen wird.

Diese Eile, so sagt es Johannes, ist der Grund, warum Joseph sein Familiengrab hergibt. Es liegt offensichtlich so nah an dem Hinrichtungshügel, dass das in der Zeit zu schaffen ist. Die Tatsache aber, dass es neu ist und noch nicht benutzt, ist ein weiterer Hinweis in der Leidensgeschichte von Jesus, dass wir es mit einem König zu tun haben. Genauso wie der junge Esel, auf dem er fünf Tage vorher nach Jerusalem hineingeritten ist, auf dem noch niemand gesessen hat; die Krone, die sie aus Dornen zusammendrehen, um ihn zu foltern, der abgewetzte Purpurmantel, der wie eine Karikatur des königlichen Mantels ist; der Stock, den sie ihm in die Hand drücken als “Szepter” und die Inschrift über seinem Kreuz: “Jesus von Nazareth, König der Juden.” Und nun also das Grab: teuer und neu wie für einen König.

Aber was diese Handvoll Männer und Frauen da haben, ist ein toter König. Einer, der schon dabei ist, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Als sie ihn in ein langes Leinentuch wickeln, als sie ihn vom Hügel Golgatha runter tragen, wird es immer stiller um sie herum. Die Menge der Schaulustigen hat sich verzogen, die Soldaten haben ihre Befehle ausgeführt und ziehen ab, den Männern, die ihn tragen, ist kaum nach Reden zumute; die Frauen stimmen vielleicht leise und verhalten die Totenklage an.

Die Männer legen den Körper auf eine Steinbank, vollständig eingewickelt in das Stofftuch, das mehr als doppelt so lang ist wie ein Mensch, und das Gesicht noch mal in ein eigenes Tuch gewickelt. Die Frauen sitzen der Öffnung gegenüber, sehen alles durch einen Tränenschleier. Dann kommen Joseph und Nikodemus heraus. Noch ist die Sonne nicht untergegangen, aber sie steht tief. Sie gehen neben dem Eingang einen Schritt den Hang hinauf. Dort ist eine Rinne in den Fels gehauen. Dort haben sie den großen runden Stein verkeilt, als sie gekommen sind. Jetzt ziehen sie den Keil raus, der Stein rollt vor die Höhle und schließt sie zu. Ein Rumpeln, dann ist es still. Die Sonne nähert sich dem Horizont, und jeder beeilt sich, vor dem Anbruch des Sabbaths nach Hause zu kommen.

Sie legen ihren geliebten Herrn ins Grab. Doch zur selben Zeit sind einige Gräber um Jerusalem herum plötzlich leer. Matthäus erzählt von dem Moment, als Jesus seinen letzten Atemzug tut:

“Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.”

Das hängt offenbar mit dem Tod Jesu zusammen. Deutlich wird das, wenn wir seine letzten Worte am Kreuz hören: “Es ist vollbracht!” Was ist vollbracht? Die Strafe für die Sünde ist bezahlt. Der altböse Feind ist besiegt. Die Macht des Todes ist gebrochen.

Deshalb, liebe Gemeinde, hält es viele von den “Heiligen”, wie Matthäus sagt, nicht in den Gräbern. Das müssen Männer und Frauen und Kinder sein, die geglaubt haben, dass Jesus der versprochene Retter ist, und die gestorben sind, ohne seinen Sieg am Kreuz und seine Auferstehung am Ostermorgen zu erleben. Die erleben ihn jetzt: Sie bekommen das Leben in dieser Welt noch einmal geschenkt, wie der Sohn der Witwe aus der Stadt Nain, wie die Tochter des Jairus, wie Lazarus, der Bruder von Maria und Martha in Bethanien. Das ist ein Zeichen für sie selbst: Jesus hat den Tod besiegt. Und wenn sie am Ostermorgen nach der Auferstehung Jesu in die Stadt Jerusalem gehen, ist es ein Zeichen für viele, dass die Jünger und die Frauen sich seine Auferstehung nicht ausgedacht haben.

Das aber hilft uns, die Zeit recht zu verstehen, die Jesus im Grab ist. Noch geht es den Jüngern und den Frauen so wie uns, wenn wir einen lieben Menschen beerdigen müssen, der vielleicht unerwartet und auf furchtbare Weise gestorben ist. Das Grab, das zu ist, ist das Ende. Eine furchtbare Realität, die sie noch kaum glauben können. Das kommt wohl erst über Tage und Wochen. Und eine Realität, an der doch kein Mensch etwas ändern kann, bei allen gutgemeinten Worten.

Aber die Realität in diesem Grab ist eine andere. Es ist der Sabbath. Der Tag, an dem Gott am Anfang geruht hat, weil er seine Schöpfung vollendet hat. Der Tag, den er geheiligt hat und den sein Volk von da an heilighalten sollte. Ja, Jesus ist am Sabbath im Grab. Weil er seine Arbeit vollendet hat. Das Werk der Erlösung ist getan. Die Macht des Todes ist gebrochen. Die Stille im Grab ist nicht die furchtbare Stille, wenn in einem Dorf irgendwo im Kriegsgebiet nach einem Angriff kein Leben mehr ist, keine Bewegung und keine Stimme mehr zu hören ist.

Es ist die Ruhe nach dem Satz: “Es ist vollbracht!” Danach ist nichts mehr zu sagen. Dagegen kann Gottes Feind nichts mehr sagen. Ihm ist das Maul gestopft. Und da kommt auch die Stimme unseres Gewissens zur Ruhe. Denn wenn wir Christus haben, dann gilt das für uns: Nicht Menschen oder die Umstände haben ihn fertiggemacht, sondern er hat die Sünde fertiggemacht. Und den Tod. Wenn wir uns nun vor ihm verantworten müssen am Ende und die Anklage gegen uns aufgerufen wird, wird es still sein. Wer an ihn glaubt, der hat die Vergebung, die er am Kreuz erkämpft hat. Wer an ihn glaubt, der gehört damit selbst zu den Heiligen, die durch ihn ein neues Leben haben.

Es ist auch das Ruhigwerden angesichts aller Angst vor der Zukunft. Es ist wahr, es wird mit dieser Welt nicht besser. Und auch wenn wir's uns wünschen würden, wir werden sie mit allen unseren Anstrengungen nicht erhalten. Aber wer zu Christus gehört, der gehört schon zu der neuen Welt. Wenn Gottes Sohn den Anfang dafür nicht mit seinem Tod gemacht hätte, dann hätte er nicht geruht. Vielleicht ist ein ganz schwacher Vergleich der mit Katastrophenhelfern nach einem Erdbeben, die nach viel Mühe endlich jeden einzelnen Verschütteten lebend gerettet haben. Die Martinshörner werden abgeschaltet, die Sanitätswesten abgelegt, es kehrt Ruhe ein. Und dann, irgendwann danach, kommt eine große Feier mit allen Geretteten und ihren Rettern.

Ja, die Sabbathruhe Jesu im Grab ist die seelenruhige Gewissheit, dass nichts und niemand diese neue Schöpfung aufhalten oder zerstören kann. Gott gebe uns deshalb immer neu den Glauben an das, was sein Sohn zu unserer Erlösung getan hat. Dass auch wir darin ruhig werden.

Der Karsonnabend war in der Tradition der Kirche, aber auch in der Gesellschaft ein sehr stiller Tag. Das ist eine gute Tradition. Aber nicht nur, weil die Erschütterung über den Tod des Sohnes Gottes uns noch gepackt hält. Sondern noch mehr, weil es die Ruhe ist nach getaner Arbeit. Und deshalb auch schon die Sammlung für die große Feier der Geretteten mit ihrem Retter. Amen.

Passionsandacht am Mittwoch nach dem Sonntag Judika (ohne Predigtreihe)

Daniel Schmidt, P.