Ansprache am 17.3.2021 (Psalm 22)

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  • Erstellungsdatum 19. März 2021
  • Zuletzt aktualisiert 19. März 2021

Ansprache am 17.3.2021 (Psalm 22)

Ansprache am 17.3.2021 (Psalm 22 in Auszügen)

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. … Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. Gewaltige Stiere haben mich umgeben, mächtige Büffel haben mich umringt. Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. … Sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab. Sie teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um mein Gewand.

Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert, mein Leben von den Hunden! Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern wilder Stiere.

Du hast mich erhört! Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: ...Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er's. … Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; ... Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden. ... Ihn allein werden anbeten alle, die in der Erde schlafen; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten. Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat's getan.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

„Eli, Eli, lama asabtani“ – so ruft Jesus am Kreuz. So hört es seine Mutter Maria, sein Jünger Johannes, so hören es die anderen Frauen, die ihm die Treue gehalten haben; die Soldaten und die Menge der Leute, die unterm Kreuz stehen, weil sie betroffen sind von dieser Hinrichtung, oder weil sie Schaulustige sind.

Wir haben es auch gerade gehört, nicht auf Aramäisch, sondern auf Deutsch. Denn das ist der Anfang des 22. Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir kennen diesen Ruf als eins der sieben Worte Jesu am Kreuz. Und die Juden, die ihn an dem Freitagnachmittag hören, kennen ihn auch, so wie wir Lieder aus unserem Gesangbuch kennen. Wenn wir die Zeile hören „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“, dann denken wir an das ganze Lied, in dem es heißt:

„Das Lämmlein ist der große Freund / und Heiland meiner Seelen; / den, den hat Gott zum Sündenfeind / und Sühner wollen wählen: / „Geh hin, mein Kind, und nimm dich an / der Kinder, die ich ausgetan / zur Straf und Zornesruten; / die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, / du kannst und sollst sie machen los / durch Sterben und durch Bluten.“

Und so meint unser Herr am Kreuz auch mit diesem einen Satz den ganzen Psalm. Er kannte ihn auswendig wie viele andere Psalmen auch, die er seit seiner Kindheit mitgebetet und mitgesungen hat in der Familie, in der Synagoge und im Tempel. Wenn wir nicht nur die erste Zeile, sondern den ganzen Psalm lesen, dann hören wir, wie direkt seine Not am Kreuz darin genannt wird:

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer – das ist die Verlassenheit, von der wir gehört haben, als er allein übrig blieb im Garten Gethsemane bei der Festnahme, als keiner für ihn sprach bei dem Verhör vor dem Hohen Rat, vor Herodes, vor Pilatus. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst .... Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen, – nach Stunden am Kreuz in der Sonne – und du legst mich in des Todes Staub. … Sie haben meine Hände und Füße durchgraben – mit den Nägeln am Kreuz. Ich kann alle meine Knochen zählen; sie aber schauen zu ... Sie teilen meine Kleider unter sich – die Soldaten, die die Hinrichtung vornehmen und ihn bewachen – und werfen das Los um mein Gewand.

Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf wie ein brüllender und reißender Löwe. Ist das nicht die spottende Menge, die ihm zuruft: Andern hat er geholfen, soll er sich doch selbst helfen; er steige herab, wenn er Gottes Sohn ist? Ist das nicht die letzte, schwere Versuchung durch den, von dem der Apostel Petrus in seinen Briefen schreibt: Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge?

Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Errette meine Seele vom Schwert – also von der Hinrichtung. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen: Lass nicht zu, dass der Teufel mich verschlingt, dass er heute den endgültigen Sieg bekommt, dass das Grab mein Ende ist.

Ja, wie ein Prophet redet der 22. Psalm lange vor dem Karfreitag von dem körperlichen Leiden unseres Herrn, und von seiner geistlichen Not. Und er macht uns damit klar: der, der andere geheilt hat von dem Tag an, als er von Johannes am Jordan getauft wurde, der wird nun auf den Tod verwundet.

Denken wir an den gelähmten Mann am Teich Bethesda, dem keiner half, ins heilende Wasser zu kommen, und der sich selbst nicht rühren konnte wie Jesus am Kreuz. Denken wir an die 10 Aussätzigen, deren Fleisch langsam abstarb und die durch ihre ansteckende Krankheit von der Gemeinde und der Gesellschaft ausgeschlossen waren, wie Jesus, der aus der Stadt Jerusalem herausgetrieben worden ist und als Gotteslästerer verurteilt ist, das heißt, keinen Platz mehr hat in der Gemeinde. Denken wir an den Knecht, dem Petrus in der Nacht vorher mit dem Schwert ein Ohr abgeschlagen hat. Jesus hat diese Menschen geheilt, hat ihnen die Schmerzen genommen und hat sie zurückgebracht in die Gesellschaft und in die Gemeinde. Damit hat er ihnen dies gepredigt: Gott sieht deine Not. Er ist da. Er hat dich nicht verlassen. Uns aber predigt jeder dieser Berichte in den Evangelien: Gott nimmt unsere Not auf sich.

Denn Jesus hat diese Menschen nicht geheilt wie ein Zauberer, der etwas einfach magisch wegpustet. Er hat sie auf sich geladen, für einen nach dem anderen, auf seinem Weg ans Kreuz.

Das ist der Grund, warum er diesen Weg bis ans Ende gehen muss. Dazu ist er gekommen, dass er diese Not ans Kreuz trägt. Sie liegt auf ihm, und er muss sie an seinem eigenen Leib ins Grab bringen.

Und das ist der Grund, warum ihm diese Not so furchtbar zusetzt. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreit er. Er hängt sich damit an den Vater wie ein Christ, der glaubt, und ihn doch nicht in seiner Not nicht sieht.

Ja, es ist nicht nur die Geißel, die ihn verwundet hat, es sind nicht nur die Nägel in seinen Hand- und Fußgelenken, es ist nicht nur die Atemnot und der Kreislauf. Und es ist nicht nur die Krankheit von einzelnen, die zu ihm gekommen sind. Was am Kreuz geschieht, ist das, was wir im ersten Buch Mose im dritten Kapitel lesen, als unsere ersten Eltern sich von Gott abgewandt haben, noch bevor sie wussten, was Schmerzen und Krankheit sind, die sie nun erleben würden, als Gott von dem gesprochen hat, der uns Menschen davon erlösen wird: „Die Schlange wird ihn in die Ferse stechen“ – mit ihrem Giftzahn. Krankheit, Schmerzen, Sterbenmüssen, das ist die Folge davon, dass der Mensch Gott loswerden wollte.

Welche Not das bedeutet, das erleben wir auch. Wenn einer krank wird, und wir wissen nicht, was wir ihm oder ihr sagen sollen. Und wenn es uns selbst trifft und wir keine Antwort auf die Frage finden: Warum, mein Gott? Warum? Warum ich? Und warum sehe ich keine Hilfe?

Das ist der Punkt, wo ich auch keine Worte habe. Wir können diese Not nur Gott klagen und manchmal auch herausschreien. Wir können und sollen sie füreinander mittragen, und sei es, indem wir hingehen, Kontakt halten, anrufen, auch wenn wir keine Antwort haben, vor allem aber: für diese Menschen mitbeten. Ich erinnere mich an jemanden, dessen Frau die Diagnose bekommen hatte, dass sie nur noch wenige Monate zu leben hatte. Er hat mit ihr und den Kindern gebetet, dass sie heil wird. Gott kann gesundmachen, mit der Medizin, wie wir sie heute haben, und ohne sie, und wir dürfen ihm gewiss damit in den Ohren liegen. Aber heil werden ist mehr: Dass die Wunde im Herzen geheilt wird, diese Not, dass Gott weit weg ist. Dass ein Herz Frieden findet, der höher ist als das, was unser Verstand uns sagen kann.

Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen – so heißt es weiter in dem 22. Psalm. Auch diesen Teil sollen wir mit hören in diesem Schrei Jesu am Kreuz. Denn „mein Gott“ schreit er, und das heißt: der mich hält, auch wenn ich ihn nicht sehe; der mich hält, auch wenn ich mich nicht mehr an ihm halten kann. „Mein Gott“, das heißt: mein Retter, der sein Leben gegeben hat, damit ich satt werde von dem Trost, den mir sein Kreuz gibt: Für mich ist das geschehen, damit meine Krankheit, meine Sünde und mein Sterben mich nicht und niemals mehr von meinem Gott trennen kann. Damit das ein Ende hat, auch wenn ich's heute noch nicht sehe, und mein Leben kein Ende hat.

Ja, das Kreuz ist die Botschaft, dass mein Gott mich nicht verlässt, mein Schöpfer und mein Erlöser. Amen.

Passionsandacht am Mittwoch nach dem Sonntag Lätare,

Daniel Schmidt, P.