Ansprache am 10.3.2021 (Lukas 23,13-25)

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  • Zuletzt aktualisiert 10. März 2021

Ansprache am 10.3.2021 (Lukas 23,13-25)

Passionsandacht

Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los! Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden. Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, daß er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand. Und Pilatus urteilte, daß ihre Bitte erfüllt werde, und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen.

Lieber Mitchrist,

kennst du das Gefühl, zu Unrecht beschuldigt zu sein? Wenn du mit Geschwistern aufgewachsen bist, wirst du dich vielleicht an das eine oder andere Mal erinnern, wo dein Bruder oder deine Schwester etwas ausgefressen hat, und der Ärger der Eltern hat dich getroffen. Oder es war in der Schule, wo sich der Lehrer den Falschen vorgeknöpft hat, und der hat den Mund nicht aufgemacht, weil er loyal war, hat sich krumm gemacht für den Stock – das dürfte länger her sein – oder sich eine Strafarbeit aufbrummen lassen. So etwas vergisst man nicht so schnell. Und wir kennen das auch aus dem Geschäftsleben: man hat etwas gekauft, das ist nicht in Ordnung, aber der Händler wäscht sich die Hände in Unschuld und schiebt die Schuld auf den Kunden. Auch in unserem Rechtsstaat bekommt nicht immer Recht, wer rechthat; ja, manchmal scheint sich das genau umzukehren.

Wir haben in unseren Passionsandachten gehört, wie sich in den letzten Stunden vor der Kreuzigung Jesu alles umkehrt. Wir hören ihn, als er nach dem Passahmahl Brot und Wein nimmt und austeilt und sagt: „Nehmt, esst, trinkt, das ist mein Leib und mein Blut, die für euch gegeben werden zur Vergebung der Sünden“; und noch einmal in Gethsemane, als er zu den schwer bewaffneten Soldaten sagt: „Ich bin's, den ihr festnehmen sollt, lasst meine Jünger gehen“. Von da an hören wir nur noch wenige Worte von ihm. Er ist das menschgewordene Wort Gottes, er hat den Menschen mit seinen Gleichnissen und mit seinem Lehren den Himmel geöffnet. Aber jetzt wird er still, und die Stimmen werden laut, die rufen: „Kreuzige ihn“ und die ihin verurteilen. Vor ihm öffnet sich die Hölle der Folter und der Hinrichtung.

Wir haben auch gehört, wie er zuletzt den Frommen nicht mehr in seiner Vollmacht als wahrer Gott gegenübertritt und sie warnt, weil sie sich vor Gott verantworten müssen. Jetzt soll er sich vor ihnenverantworten. Vor dem obersten Rat seines Volkes, der für das weltliche und geistliche Recht verantwortlich ist. Und vor dem Vertreter des Römischen Reiches, Pontius Pilatus.

Und wir hören heute, dass er nicht mehr Vergebung zuspricht, sondern beschuldigt wird. Einer, der anderen bis zur Selbstaufgabe geholfen hat, der für die da war, die oft übersehen wurden, beschuldigt als Verbrecher. Wie kann das sein?

Lasst uns ein wenig zurückdenken an ein paar von den Menschen, zu denen er gekommen ist. Markus berichtet gleich am Anfang seines Evangeliums, wie Jesus in einem Haus zu vielen Menschen spricht und Männer aus dem Ort das Dach abdecken, um ihren gelähmten Freund von oben herabzulassen. Sie brauchen es nicht zu sagen, auch ihr Freund braucht den Mund nicht aufzumachen, es ist völlig klar, worum es geht: Er kann heilen, das haben sie gehört, und ihr Freund ist gelähmt.

Aber Jesus sagt als erstes: „dir sind deine Sünden vergeben.“ Nicht dass dieser Mann mehr Sünden hatte oder Vergebung mehr brauchte als die anderen. Aber er ist einer von denen, für die Jesus gekommen ist. Auf dem Weg zum Kreuz lädt Jesus sich seine Sünde auf, dann auch seine Krankheit, und macht ihn an Leib und Seele gesund. Ich habe den Eindruck, dieser Mann konnte an dem Tag kaum begreifen, was das bedeutet. Von dem Glauben seiner Freunde ist etwas zu sehen, aber von seinem Glauben nicht.

Ja, Jesus ist von Anfang an auf dem Weg, der ihn am Ende gefesselt vor den Hohen Rat und in den Palast des Pilatus und von da ans Kreuz bringt. Er lädt sich die Last der Menschen auf, denen er auf diesem Weg begegnet. In Gerasa erlöst er einen Mann von aggressiven, teuflischen Mächten, die ihn selbst und seine Umgebung angreifen. Der Mann wird frei, weil Jesus den Preis dafür zahlt: Dass in den letzten Stunden seines Lebens die teuflische Macht das Sagen über ihn haben wird.

An diesem Weg kommt Jesus zu Zachäus ins Haus, zu dem Halsabschneider, an dessen Händen Geld klebt; Geld, das anderen gehört. Dass Jesus einen wie ihn annimmt, wird für Zachäus zum Anfang für ein neues Leben. Weil Jesus bereit ist, auch für seine Schuld zu bezahlen. Nicht mit Gold oder Silber sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben.

An diesem Weg bringen sie die Frau zu Jesus, die im Ehebruch geschnappt worden ist. Nach dem Gesetz, das Gott ihnen gegeben hat, steht darauf der Tod. Und Jesus widerspricht nicht. Sie hat das Gesetz gebrochen (genau wie die, die mit dem Finger auf sie zeigen). Aber von jetzt an soll nicht mehr ihr Tod die Folge sein, sondern der Tod Jesu. Auch ihre Schuld lädt er sich auf auf dem Weg ans Kreuz. Und lässt die Frau gehen.

An diesem Weg schließlich ist er als Gast bei einem Pharisäer mit dem Namen Simon beim Essen, und eine Frau kommt rein, die ihm die Füße salbt. Jeder kennt sie im Ort, jeden Tag zischt jemand neben ihr: „Hure!“ Jesus aber sieht in ihrem Herzen die Liebe, die sie zu ihrem Herrn und Heiland hat, und sagt es so, dass alle es hören: „Ihr sind alle ihre vielen Sünden vergeben.“ Wer sie von nun an so nennt, der handelt gegen Gott.

Keinem von diesen sündigen Menschen hat Christus gesagt, „das macht doch nichts.“ Er hat keinem gesagt, dass er so weitermachen kann. Aber jedem von ihnen hat er gezeigt, was das heißt, was beim Propheten Jesaja geschrieben ist: „Er lud auf sich unsere Krankheit, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten.“ Sie haben's schon vor seiner Kreuzigung erlebt. Weil er auf dem Weg dahin war.

Und wir sehen es nun als Christen in der Stunde des Verhörs. Dass die Zeugen, die vor dem Hohen Rat gegen ihn aussagen, falsche Zeugen sind, ist offensichtlich. Trotzdem verurteilt ihn der Hohe Rat. Die Schuld, mit dem sie ihn belasten, ist die Gotteslästerung. Das ist die eine Sünde, mit der das ganze Gesetz gebrochen ist. Denn wer sich von Gott sagen lässt, „Ich bin der Herr, dein Gott“, der wird nach seinen Geboten leben. Aber wo einer sich das nicht sagen lässt, wo er sein eigener Herr sein will, da ist umgekehrt die ganze Beziehung zerbrochen, da lebt er gott-los. Das ist die Schuld, die sie ihm anhängen. In der letzten Nacht spricht er nicht mehr Vergebung zu, sondern lässt sich beschuldigen.

Denn die Schuld all dieser Menschen an seinem Weg liegt auf ihm. Unsere Schuld liegt auf ihm. Darum lässt es der Vater zu, dass er beschuldigt wird, auch wenn menschliches Recht in beiden Prozessen auf den Kopf gestellt wird, auch wenn der Vertreter des Römischen Reichs öffentlich und für das Protokoll erklärt: Ich finde keine Schuld an ihm. Der Vater will, dass sein Sohn zum Opfer wird, das Unschuldslamm zum Sündenbock. Denn unsere Schuld soll verurteilt werden. Sie soll bestraft werden. Sie soll aus der Welt geschafft werden.

Ich habe am Anfang gefragt, ob du dich daran erinnerst, dass du irgendwo zu Unrecht beschuldigt worden bist. Christus lässt es mit sich geschehen. Er verteidigt sich nicht, er wehrt sich nicht, er lässt keinen Platz in seinem Herzen für Hass­gefühle. Er tut das, damit du weißt: deine Schuld ist ihm angehängt worden. Wenn er dir vergibt, dann ist es ganz gleich, was dein Gewissen dir sagt und was andere über dich sagen. Dann bist du sie los. Dann bist du unschuldig. Heute und in dem großen Gericht, in dem nichts anderes zählt als sein Opfer für dich und das Wort deines Richters, öffentlich vor der ganzen Welt: Ich finde nichts an ihm oder an ihr, das den Tod verdient. Er soll ewig leben. Amen.

(Daniel Schmidt, P.)