Predigt zum 8.11.2020 (1. These. 5,1-11)

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  • Erstellungsdatum 7. November 2020
  • Zuletzt aktualisiert 8. November 2020

Predigt zum 8.11.2020 (1. These. 5,1-11)

Von den Zeiten und Stunden aber, liebe Brüder, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; denn ihr selbst wißt genau, daß der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es hat keine Gefahr –, dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So laßt uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein.

Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. Darum ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Liebe Gemeinde,

„lasst uns nüchtern sein und wachsam“: das ist ein guter Rat nicht nur, aber gerade auch in Zeiten des Corona-Virus. Die Pandemie beschäftigt uns alle, als Einzelpersonen, als Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Schüler und solche, die im Pflegedienst sind, und als Kirche. Wir befinden uns irgendwo zwischen einer großen Ängstlichkeit und einem Ignorieren der Gefahr, zwischen Ungeduld und Wissen im Kopf, dass die Entwicklung eines Impfstoffs und von Medikamenten offenbar noch Zeit braucht. Viele Menschen werden „dünnhäutig“, viele sind verunsichert, was man noch planen kann. Für den neuen Gemeindebrief haben wir bis zuletzt noch beraten, wie wir in diesem Jahr mit dem Adventsbasar umgehen, mit dem Krippenspiel und mit den Gottesdiensten zu Heiligabend und zu Weihnachten, und haben einige Absätze noch kurz vor dem Druck geändert.

Lasst uns wachen und nüchtern sein: so ermahnt der Apostel Paulus die Christen in Thessalonich im Blick auf die letzten Tage. Denn der Tag des Herrn kommt. Das sagt Gottes Wort klar. Es gehört zum christlichen Glaubensbekenntnis, dass Gottes Sohn wiederkommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten. Auch wenn das vielleicht einer von den Sätzen ist, die kaum in unsere Gesellschaft passen und die selbst für viele Christen nur noch so etwas sind wie das Kleingedruckte, bei dem man sehr genau hingucken muss, um es mitzubekommen.

Paulus selbst hat wohl eine Weile gemeint, dass Christus noch zu seinen Lebzeiten sichtbar wiederkommt. Und im römischen Reich setzten sehr bald Christenverfolgungen ein. Beides führte zu einer Endzeitstimmung. Und es bestätigte ja das, was Jesus vom Ende der Welt gesagt hat.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, mit dem „Tag des Herrn“, also mit dem letzten Tag dieser Welt umzugehen. Der Apostel zitiert Stimmen, die sagen, „Frieden und Sicherheit“. Keine Sorge. Wenn es so weit ist, bereiten wir uns darauf vor. Wir schaffen das schon.

Paulus sagt, das ist gefährlich. Denn dieser Tag kommt überraschend. Wie ein Blitz aus blauen Himmel bei einem Sommergewitter, das keine Wetter-App angekündigt hat. Dann ist keine Zeit mehr, sich vorzubereiten. Denn der Tag des Herrn meldet sich nicht vorher per E-mail an wie der Paketzustelldienst und fragt, ob man das Zustelldatum verschieben will. Der kommt wie ein Dieb in der Nacht. Aber Paulus will und damit keine Angst machen. Das zeigt das zweite Bild, das er sofort hinzufügt, das Bild von den Wehen bei einer schwangeren Frau. Die weiß schon lange, dass der Moment kommt. Für die wird’s nach 9 Monaten auch so mühsam, dass sie denkt, es ist Zeit. Und sie freut sich eigentlich auch darauf. Ja, wenn das Kind da ist, sind die Schmerzen vergessen.

Ohne Schmerzen und Not geht’s also nicht ab mit dem Tag des Herrn. Aber damit kommt eine große Freude. Also: Sorglosigkeit ist keine gute Idee. Die ist gefährlich.  Und zu Panik und Angst haben wir Christen keinen Grund. Wachsam und nüchtern sein – darauf kommt es an.

Wer sich gar keine Sorgen macht, der sorgt nicht vor. Und wer Angst hat, kann sich nicht gut vorbereiten. Deshalb sollen wir nüchtern sein. Wir kennen das vielleicht von der Prüfung in der Schule, vom Zahnarzttermin oder von einem Gespräch mit jemandem, der richtig ärgerlich auf mich ist: Da hilft es, wenn man einen lieben Menschen hat, der einem rät. Der die Situation einordnet.

So einen lieben Menschen haben wir. Das ist der Apostel Paulus. Der spricht nicht nur aus seiner eigenen Lebenserfahrung. Obwohl er oft genug in Situationen war, die er sich nicht ausgesucht hat. Obwohl sich für ihn mehrmals alles innerhalb von wenigen Stunden gedreht hat. Und obwohl er viele Male in Lebensgefahr war. Sondern der ist uns von Christus gesandt. Der Rat, den er uns gibt, kommt von Gott selbst.

Seid nüchtern. Das heißt: Seht die Gefahr realistisch. Tun wir das einmal kurz mit der Pandemie. Kurz deshalb, weil sie nicht unser ganzes Leben bestimmt. Das wäre zu viel “Ehre”. Geht nicht vieles auch weiter – die Landwirtschaft, die Schule, unsere Gottesdienste?

Klar, eine Krankheit, die sich unkontrolliert ausbreitet, ist eine Gefahr. Sicher, wir müssen uns darauf einstellen. Das gehört zum fünften Gebot; dazu, dass wir den anderen und uns selbst vor Schaden an Leib und Leben schützen. Aber das ewige Leben kann uns keine Krankheit nehmen. Kein Virus, keine Diagnose, wenn das Arzt das Wort „Krebs“ ausspricht und von Chemotherapie und Bestrahlung und Chancen redet. „Nüchtern sein“ heißt da, realistisch sein. Schätzt euch selbst richtig ein, wie es ein guter Trainer seiner Fußballmannschaft sagen wird, wenn sie einen wichtigen Gegner vor sich hat. Schätzt die Kraft, die ihr habt, richtig ein. So redet uns Paulus hier zu.

Schätzt euch selbst richtig ein – als das, was ihr seid: Kinder des Lichts. Erben des ewigen Lebens. Menschen, die wissen, was kommt. Und: setzt ein, was ihr habt. Das kommt nicht von euch selbst. Aber es ist euch gegeben.

Es ist die Kraft, mit Unsicherheit umzugehen. Mit Anfechtung. Mit Frustration. Mit Angst. Ein Motorradfahrer, der einen Brust- und Rückenpanzer hat und einen Helm, begibt sich unnötig in Gefahr, wenn er das zuhause liegen lässt und ohne das auf die Autobahn fährt.

Gott hat uns den Panzer des Glaubens und der Liebe und den Helm der Hoffnung auf das Heil gegeben. Das braucht unsere Seele. Macht uns eine Situation, wie wir sie jetzt erleben, vielleicht auch deshalb mehr Angst, weil wir diesen Schutz vergessen haben? Unser Vertrauen auf Gott wird ja in dieser Zeit auf die Probe gestellt. Unsere Geduld im Gebet. Unsere Liebe zueinander, wo wir manche in der Gemeinde seit Monaten nicht mehr regelmäßig sehen. Wer im Krankenhaus einen Angehörigen besucht, der in seinem Zimmer in Isolation ist, sieht im Flur vor der Tür einen Wagen stehen mit Einmalkittel, Kopfhaube, Mundschutz und Kartons mit Gummihandschuhen. Man könnte daran vorbeilaufen und sich und den lieben Menschen da drin in Gefahr bringen, wenn da nicht ein Schild an der Tür wäre: Eintritt nur mit Schutzkleidung.

So ein Hinweis sind die Worte des Paulus hier. Der Panzer des Glaubens ist zunächst ganz einfach der Glaubenssatz, dass diese Welt vergeht. Und mein Leben mit ihr. Und dann, viel größer der Glaubenssatz, dass Jesus alles vollendet. Die Bruchstücke von dem, was ich an Gutem zu tun versuche. Meinen Glauben, in dem überall noch Lücken sind. Diese Schöpfung, wenn er die Welt neu macht. Die Krone des Lebens will er dir und mir geben. Wer ihn hat, ist kein Verlierer, nicht gegen Corona, auch nicht, wenn er in der Schule durchfällt, im Beruf scheitert oder im Alter meint, er ist zu nichts mehr nütze. Wer ihn hat, hat gewonnen. Paulus sagt, „Gott hat uns zur Seligkeit bestimmt durch unsern Herrn Jesus Christus, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.“

Ich weiß nicht, was Marco Rose als Cheftrainer vor dem Champions-League-Spiel  am letzten Dienstag seiner Mannschaft gesagt hat. Aber er wird sie daran erinnert haben, wer sie sind: Ihr seid „Borussia Mönchengladbach“. Und sie haben gegen einen großen Gegner gewonnen, Schachtjor Donezk, den zweiterfolgreichsten Fußballverein der Ukraïne, 6:0. So sollen wir uns gegenseitig erinnern: Wir sind christliche Gemeinde. Gottes Kinder. Seine Erben. Wir brauchen es, dass wir das von anderen hören. Und es ist unser Auftrag, dass wir mit unseren Brüdern und Schwestern in der Gemeinde nicht nur über das reden, was im Dorf und in der Politik sowieso dran ist, sondern dass wir uns das gegenseitig sagen. Auch daran kann uns kein Virus hindern. Vielleicht kannst du heute nachmittag jemanden anrufen oder in der Woche einen Gruß schicken. Vielleicht kannst du bei jemandem klingeln und zwei Schritte zurück machen und machst einen Kurzbesuch an der Tür. Dazu sind wir da. Das ist Gottes Kraft gegen die Angst.

Martin Luther hat 1527 geschrieben, als die Pest wieder einmal in Wittenberg ausbrach:

„Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. – Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Wer ist auf solche Situationen wie die jetzige vorbereitet, wenn nicht wir Christen? Wer ist auf das Ende des Lebens und das Ende der Welt, von dem wir am Kirchenjahresende hören, vorbereitet, wenn nicht wir Christen? Deshalb: Lassen wir uns keine Angst machen davon. Lassen wir auch die Stimmung uns keine Angst machen, wenn es um diese Jahreszeit dunkler wird, wenn manche die Gräber ihrer Lieben auf dem Friedhof herrichten und wenn uns manche Pläne aus der Hand genommen werden. Gott selbst bereitet uns darauf vor. Sein Impfstoff ist das Wort, das uns Hoffnung macht. Seine Medizin ist die Speise der Unsterblichkeit, der Leib und das Blut unseres Herrn Christus, der den Tod und die Welt besiegt hat. Und wenn das Ende kommt, können wir sagen: Ich weiß. Ich hab's geglaubt und bekannt mit der Christenheit. Ob ich bereit bin, das weiß mein Herr und Heiland. Aber ich weiß: Jetzt ist die Zeit der Gnade. Die will ich ergreifen. Und mein Herr Christus ist bereit, mich aufzunehmen. Darüber freue ich mich. Amen.

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr (Predigtreihe II neu)

Daniel Schmidt, P.