Predigt vom 9.9.2018 (Gal 5,25-6,10)


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Create Date9. September 2018
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Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.

Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

wie schön ist doch das Christenleben. Ein Leben, bei dem wir uns nicht sorgen müssen, wie wir es heute im Evangelium gehört haben. Ein Leben in Freiheit, wie es Paulus vor dem Predigttext beschreibt. Es könnte so schön sein – wären da nur nicht die anderen. Menschen, die uns in der Freiheit stören. Dann noch Menschen, die uns Sorgen machen. Und schließlich Menschen, für die wir sorgen müssen. Warum sollen wir denn noch die Last des anderen tragen? Paulus könnte doch auch sagen: „Jeder sorge für sich selbst, dann ist für alle gesorgt!“

Das wäre aber schrecklich für uns. Zum einen für das, wo wir an praktischen Dingen die Hilfe anderer benötigen. Und wir brauchen andere ja nicht erst, wenn wir alt und schwach sind. Das wäre eine Illusion. Und doch meinen manche, ein gutes Leben wäre eines, in dem man für sich selbst sorgen kann. Aber als würden sie selbst auch nur einen Lichtschalter drücken können, ohne dass andere für Stromerzeugung gesorgt hätten und was sonst noch dafür nötig ist.

Jeder sorge für sich selbst, dann ist für alle gesorgt!“ Das wäre zum anderen schrecklich im Blick darauf, was aus uns wird: Stellen wir uns vor, Jesus hätte nach diesem Spruch gehandelt. Der Wochenspruch würde heißen: „Alle Sorge ladet euch selbst auf, denn er hat bloß für sich selbst gesorgt“. Grauenvoller kann man es sich nicht vorstellen: Keine Hilfe, keine Vergebung, kein Leben für uns – die anderen. Wäre uns das lieber? Wäre ein Leben ohne den anderen wirklich schöner?

Nein, die Last des anderen zu tragen – das macht die Freiheit nicht wieder kaputt. Dieses Gesetz Christi ist keine Forderung, die uns die Freude wieder verdirbt. Wir sehen: Nur dadurch sind wir überhaupt frei geworden, dass Christus die Last des anderen – unsere Last – getragen hat. Nur dadurch, dass er diese Gesetz gegeben und gelebt hat, können wir uns richtig freuen.

Er trägt nicht nur die äußere Last mit uns. Sondern er hat auch die schwerste Last auf sich genommen. Die niederschmetternde Wirkung der Sünde und des Todes. Durch die die Welt aus den Fugen geraten ist. Der Grund, dass wir hier keine endgültige Ruhe finden. Dieses erdrückende Gewicht, das durch neue Schuld immer schwerer wird. Diese unvorstellbar große Last der Sünde der ganzen Welt hat Christus getragen. Das ist die frohe Botschaft für uns Lastträger! So sind wir von der ganzen Last befreit.

Die Freude über diese Freiheit wird nun nicht kleiner durch die anderen. Sie wird vielmehr größer. Mit den anderen können wir uns erst richtig freuen. Für jeden allein ist die frohe Botschaft viel zu groß, als dass er sie fassen könnte. Erst wenn wir uns in der Kirche der frohen Botschaft zusammenfinden, kommt sie zur vollen Entfaltung. Wir haben es nötig, uns am Glauben der anderen zu stärken. Und das brauchen die Menschen, dass wir uns zu einer Kirche des Evangeliums zusammenschließen. Wie sollen sie sonst glauben an den, der uns hineinhelfen will in eine neue Welt? Eine Welt, wo wir frei sein sollen von all dieser drückenden Last.

Sie müssen es doch von uns erfahren, was es heißt, in dieser Freiheit zu leben. Nämlich im Geist zu leben. Hier in der Kirche regiert ein anderer Geist. Der heilige Geist, den Gott uns geschenkt hat. (Mit dem er uns in der Konfirmation festgemacht hat oder festmacht). Dessen Frucht ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Milde und Selbstbeherrschung.

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln“. Und dazu gehört nun vor allem das: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Das Gesetz Christi, das hat eine ganz andere Art als staatliche Gesetze, die von außen her gegeben sind. Es ist die Erfüllung der Verheißung, nach der Gott spricht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“. Da ist kein Zwang mehr.

Und was ist das für eine neue Art zu denken und zu fühlen?

Wir hören es mit anderen Worten im Johannesevangelium: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“.

Daraus folgen all die einzelnen Ermahnungen des Predigttextes. Es sind zwei völlig verschiedene Welten. In der Welt ohne Christus steht das Ich im Mittelpunkt. Und da spielt die eigene Ehre eine so verhängnisvolle Rolle. Da möchte man etwas sein und sich selbst darstellen. Ob direkt vor anderen oder im Internet, für alle sichtbar. Alles muss perfekt sein, damit die anderen neidisch werden. Und es ist doch nur Show, es steckt nichts dahinter.

Man hilft sich damit, dass man sich vergleicht mit anderen, ihnen ihre Schwächen vorhält und die beneidet, die es besser haben. Da kommen Hass und Neid in das Zusammenleben hinein. Der andere ist doch jemand der meint, dass er etwas sei, obwohl er nichts ist. Mit dem, was er meint, was getan werden muss. Wie er sich aufspielt, den Ton angeben zu müssen. Wie er einen zum Konkurrenzkampf aufstachelt, wer mehr leistet, kann oder darf. Der täuscht sich aber gewaltig! Er ist doch selber nichts!

Das mag wohl so sein, aber sieh auf dich selbst! Sonst lenken wir von uns selbst ab, weil wir nicht sehen wollen, dass bei uns der Fehler sitzt. „Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk“. Da hat man mit sich selbst genug zu tun. Und: „Sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest“.

Haben wir diesen Blick auf uns selbst, können wir auch dem anderen zurechthelfen. Dann nämlich tut sich die Welt auf, in der nicht mehr das Ich, sondern Christus im Mittelpunkt steht. Wo wir alle davon leben, dass wir mitgetragen werden und dass uns vergeben wird – zuerst von Christus und dann auch von den Brüdern und Schwestern. Weil wir alle es ohne Ausnahme brauchen. Da kommt der andere Geist in unser Zusammenleben hinein.

Wir sind getragen und können auch die Fehler des anderen ertragen. Das ist nicht unbedingt einfach. Aber deshalb zeigt uns Paulus den richtigen Blick, bei dem Christus im Mittelpunkt steht. So können wir dem anderen aufhelfen. Mit Nachsicht und Vorsicht. Denn es besteht dabei die Gefahr, sich zu Lieblosigkeit oder Besserwisserei hinreißen zu lassen. Das hieße über den, der gefallen ist, hinwegzustolpern, sich bei ihm zu beschweren – und dabei selbst hinzufallen. Vielmehr sollen wir uns dem dem anderen doch zuwenden und ihm aufhelfen. Dann stolpern wir auch nicht über ihn.

Und nun steht dort dieser verwirrende Satz: „Ein jeder wird seine eigene Last tragen“. Widerspricht das nicht dem, was Paulus noch zwei Sätze davor geschrieben hat?

Aber jetzt schreibt er von der Verantwortung vor Gott. Das gilt im Blick auf die Zukunft. Jeder wird selbst Rechenschaft geben müssen. Daher bringt es nichts, sich mit anderen zu vergleichen. Es hilft nichts, besser dazustehen als andere. Wir können nicht darauf verweisen, dass wir doch immerhin noch besser sind als diese oder jene. Denn es zählt nur das, was man vor Gott hat. Auch wenn wir vor anderen hervorstrahlen mögen, so ist das im Licht Gottes noch lange nicht hell. Es ist wie eine Lampe, die vom Schein der Sonne überstrahlt wird.

Daher die Ermahnung von Paulus: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Wodurch wird Gott verspottet? Wenn jemand sich geistlich nennt, sich aber gegenüber dem sündigen Bruder herausstellt. Das lässt Gott auffliegen. Es wird sich zeigen, was hinter der äußeren Selbstdarstellung tatsächlich steckt. Wann wird das klarer als zur Zeit der Ernte? Wo man Gerste gesät hat, wird man keine Kartoffeln ernten. Es scheint ein drastisches Gesetz zu sein, dass es einem ergeht, wie man selbst getan hat.

Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen. Der Ablauf ist nämlich doch nicht wie bei einer gewöhnlichen Ernte. Entscheidend für die Frucht, die herauskommt, ist der Boden, auf den wir säen. Nicht, ob unser Saatgut, unser Handeln auch gut genug ist. Setzen wir auf unser Fleisch, auf unser Ich, auf unsere Selbstdarstellung, darauf, dass unser Leben perfekt erscheint, dann werden wir das Verderben ernten. Denn das alles vergeht: Unser Leib zerfällt, unser Ruhm vergeht, unser Ich wird in den Hintergrund gerückt von anderen Ichs - bis auch sie vergehen. Und wo man nur für sich selber lebt, verarmt man innerlich schon während seines Lebens.

Wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten“. Auf den Geist säen, das heißt geistlich leben, denken und handeln. Unsere Sorgen Gott abzugeben. Und für den anderen zu sorgen. Daher fügt Paulus hier nebenbei den Satz ein, man müsse denen, die in der Gemeinde das Amt der Verkündigung und christlichen Unterweisung haben, auch geben, was sie zum Lebensunterhalt brauchen.

Auf den Geist säen heißt in himmlischer Perspektive zu leben: Wir haben ewig viel Zeit. Aber nur wenig Zeit hier auf Erden. Deshalb lasst uns Gutes tun, solange wir es können! Es ist eine kostbare Zeit. Sie ist zu schade dafür, dass wir uns darin vor allem um uns selbst kümmern. Sie ist verschwendet, wo wir uns abmühen, uns vor anderen besonders darzustellen. Das bringt am Ende überhaupt nichts.

Und es ist eine neue Zeit, die mit Christus angebrochen ist. Sie ist nicht mehr bestimmt von der Sorge um Habe und Ehre. Damit müssen wir uns nicht mehr von der Vergänglichkeit unseres Fleisches ablenken. Denn mit dem Leben im Geist leben wir ewig.

Diese neue Zeit ist von einem neuen Gedanken bestimmt: „Lasst uns das Gute bewirken für alle, besonders aber an den Genossen des Glaubens“. Das ist hier nicht eingeengt auf die Menschen in der Gemeinde. Sondern das ist in diesem Abschnitt das besondere Anliegen des Paulus: Wie wir als geistliche Menschen leben. Das ist ja nötig, dass wir das Gute untereinander einüben, denn an anderen wird es nicht leichter.

Ja, Lasten gibt es schon noch. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Aus seiner Hand dürfen wir diese Lasten nehmen. Und dann steht auf einmal nicht mehr die Last im Vordergrund. Sondern vor uns steht die Liebe, die uns Gott erwiesen hat. Vor uns steht Jesus Christus mit ausgebreiteten Armen und ruft uns zu: „ Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“

Er stellt sich mit uns unter diese Last und hilft uns tragen. Wir sind nicht allein in unserem Leid und in unserer Not. Wie gut tut es schon, wenn liebe Menschen mit uns daran tragen. Und hier kommt Gott selbst auf uns zu und leidet mit uns unter all der bösen Wirkung der Sünde und des Todes, die auf dieser Welt lastet. Er hat diese größte Last schon für uns auf sich genommen. Er hat uns zu freien, geistlichen Menschen gemacht. Deshalb hat eine neue Zeit begonnen. Es ist die letzte Zeit vor der Ernte, wenn wir das ewige Leben empfangen. Darum lasst uns die Zeit nutzen und miteintreten in den Kampf der Liebe gegen die Not! Amen. (15. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)