Predigt vom 9.2.2020 (Matth. 20,1-16)


Download4
Stock
File Size181.28 KB
Create Date9. Februar 2020
Download

(Jesus spricht:) Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Eine Studentin aus Göttingen hat im Januar ein Jobangebot bekommen. Die Studentin ist Luisa Neubauer, Geographiestudentin und Mitglied der Partei “Bündnis 90/die Grünen”. Und sie gehört zu den deutschen Aktivisten von “Fridays for Future”. Das Jobangebot kam vom Siemens-Chef Josef Kaeser. Er hat ihr einen Platz im Aufsichtsrat angeboten. Jahresgehalt 3 Millionen Euro, Dienstwagen und Wohnung nicht mitgerechnet.

Womit hat diese Studentin das verdient? Luisa Neubauer kennt Siemens nicht von innen. Sie hat weder Management noch Finanzen studiert. Aber trotzdem hätte es ein Gewinn für beide Seiten sein können: Es wäre Werbung für die Firma, weil die damit die Stimme der Klima-Sorge und der Klima-Vernunft zu ihrer eigenen machen würde. Und die Studentin bräuchte sich keine Gedanken mehr zu machen über die Preise für Studentenzimmer oder für das Mensa-Essen. Wenn sie ihre Weltreisen weiter macht wie bisher, könnte sie Erste Klasse fliegen. Und sie könnte jedes Jahr locker 2 Millionen Euro für die Umwelt und ihre Partei spenden. Wenn es ihr auf Geld und Bequemlichkeit ankäme, hätte sie das Angebot angenommen. Aber sie hat es abgelehnt.

Liebe Gemeinde, man kann zu “Fridays for Future” verschiedener Meinung sein, und ich weiß, wir sind es auch. Aber die Studentin hat deutlich gemacht, dass Geld nicht alles für sie ist. Und für die Sache, um die es ihr geht, auch nicht. Und noch etwas ist deutlich: Was sie und ihre Mitstreiter erreichen wollen, ist ein grundsätz­ liches Umdenken.

Und das ist etwas, das wir auch in dem Gleichnis von den Arbeitern finden, das Jesus erzählt. Die, die da am Ende des Tages ärgerlich sind, messen ihre Arbeit und ihren Lohn an dem der anderen. Aber Geld ist nicht alles. Und es geht um eine größere Sache als um das, was man mit seiner Arbeit verdient. Da sollen wir offenbar umdenken. Deshalb erzählt Jesus dieses Gleichnis.

Gehen wir mal daran entlang. In vielen Teilen der Welt gibt es das auch heute, dass einer, der ein Grundstück von Unkraut freimacht oder ein Haus baut, von der Straße weg Leute für ein paar Stunden einstellt. Und wenn er Arbeiter für die Ernte braucht, auch mal für ein paar Tage. Und wer bei uns ein paar Freunde braucht, die am Wochenende mit anpacken, spricht das mit ihnen mündlich ab. Bei so einer persönlichen Beziehung würde kaum einer auf die Idee kommen, für ein paar Stunden Arbeit etwas schriftlich festzumachen.

Jesus nimmt eine solche alltägliche Situation aus seiner Umwelt auf. Bei uns wär's heute vielleicht das Handjäten beim Karottenanbau oder Gewächshäuser mit Tomatenernte, Jesus redet von einem Weinberg. Den hat um ihn herum fast jede Familie. Und dass irgendwo an öffentlichen Plätzen Männer stehen, die keine Arbeit haben, das ist alltäglich. Der Besitzer des Weinbergs tut etwas ganz Normales, wenn er morgens losgeht und Leute sucht. Und was er mit ihnen vereinbart, ist auch ganz normal. Ein Silbergroschen, das ist der Tageslohn für einen Arbeiter. Damit kann man am Abend ungefähr kaufen, was eine Familie für einen Tag zum Essen braucht.

Aber warum geht der Besitzer immer wieder los? Auch das ist nicht so schwer zu verstehen. Vielleicht nimmt er jedesmal an einer Stelle alle mit, bringt sie zum Weinberg und geht dann weiter zur nächsten Stelle. Arbeit gibt es genug. Vielleicht sieht er auch gegen Mittag, dass das Wetter schlechter wird, und will so viel wie möglich schaffen, ehe ihm die Ernte verdirbt. Aber wenn wir genau hinsehen, steckt wohl noch etwas darin: Dieser Mensch ist ja den ganzen Tag beschäftigt. Das ist anscheinend seine Arbeit: Leute rufen und einstellen. Da gönnt er sich keine Pause. Und jedem verspricht er am Anfang, was er am Ende bekommen soll.

Und die, die er einstellt? Die ersten haben gedacht, “Wir sind gut dran. Heute bringen wir Geld nach Hause. Heute müssen die Kinder nicht hungern und die Frau sich keine Sorgen machen.” – Die, die er mittags gefunden hat, hatten schon gedacht, heute wird das nichts mehr. – Und die, die er nachmittags um Fünf noch einstellt, die hatten eigentlich keine Hoffnung mehr. Ein guter Tag für die erste, die zweite Gruppe – für jeden von ihnen.

So könnte man das sehen. Und so haben sie es wohl gesehen. Bis der Feier-abend kam, bis der Vorarbeiter sie an den einfachen Holztisch gerufen hat, den Beutel mit den Silbergroschen in der linken Hand. Erst ruft er die, die erst vor einer Stunde gekommen sind. Gut für sie. Kein verlorener Tag. Diesen Tag werden sie und ihre Familie leben. Jeder bekommt seinen Silbergroschen und geht nach Hause. Dann die nächsten, die drei Stunden gearbeitet haben. Die bekommen das Gleiche. Natürlich, es könnte mehr sein, wenn man sieht, was die ersten bekommen haben. Aber für einen angebrochenen Tag ist es gutes Geld. Und sie gehen nach Hause. Dann sind die dran, die mittags angefangen haben. Und die, die weiter hinten in der Schlange sind, recken immer mehr die Hälse. Bekommen die auch nur eine Münze? Es muss ja wohl mehr sein. Aber es ist nicht mehr. Zufrieden sind die nicht mehr. Und als die gehen, wird die Stimmung schlechter. Jetzt kommen die, die 12 Stunden gearbeitet haben. Und die haben in der letzten halben Stunde vergessen, dass sie sich am Anfang über ihre Arbeit gefreut haben. Sie maulen, sagt Jesus, als sie dem Vorarbeiter die Hand hinhalten, maulen in Richtung zu dem Weinbergbesitzer. So wie es Matthäus im Griechischen auf­ schreibt, hört man das richtig: “ἐγόγγυζον”: “Wenn du den faulen Säcken da, die fast nichts geschafft haben, für eine Stunde so viel gibst, dann müssen wir aber mehr kriegen!” Klingt nach Gerechtigkeit. Das fordern unsere Gewerkschaften auch: “gleicher Lohn für gleiche Arbeit”. Und klingt sehr kurzsichtig für den Besitzer. Denn wenn sich seine Art, mit Tarifen umzugehen, rumspricht, würden nicht am nächsten Tag alle sich einen schönen Vormittag machen, die Freiheit genießen, Zeit mit der Familie verbringen, und erst am Nachmittag nach Arbeit gucken?

Aber auch wenn's so aussieht: Es geht in diesem Gleichnis nicht um Tarife, nicht um Geld. Und nicht um einen Lohn, der der Leistung entspricht. Das Gleichnis ist ein Bild aus dieser Welt, aber es entspricht nicht dieser Welt. Drei Dinge sind hier wichtig, die sollen wir erkennen:

  1. Was Gott uns am Ende gibt – und davon redet Jesus hier – ist kein Lohn für geleistete Arbeit. Es ist wie das Jobangebot für die Studentin aus Göttingen: Gott will uns “einstellen”, bevor wir etwas geleistet haben, und was er uns bietet, steht in keinem Verhältnis zu irgendetwas, was wir verdienen könnten.
  2. Wir wissen nicht, wie viel Zeit noch bleibt. Die Welt geht auf den Abend zu. Das hat Jesus uns gesagt. Und dass die Schatten in der Welt größer werden, sehen wir wohl. Aber wie spät es ist, wissen wir nicht. Dafür gibt uns Gott keine Uhr. Und wie spät es in unserem Leben ist, wissen wir auch nicht. Nein, wir wissen nicht, wie lange Gott noch Leute in seine Arbeit rufen wird. Und wie lange er noch zu uns kommen wird. Stell dir vor, an dem Marktplatz, wo der Arbeitgeber als erstes hingeht, sind ein paar Leute dabei, die sagen sich, der kommt bestimmt noch mal wieder, dann gehen wir mit. Wir wollen erstmal selber was vom Tag haben. Und sie bleiben sitzen. Und dann kommt er dahin nicht wieder zurück. Und sie haben nichts vom Tag; nicht, was sie zum Leben brauchen.
  3. Und das ist das Dritte: der Weinbergbesitzer gibt jedem, was er zum Leben braucht. Einen Silbergroschen. Jeder bekommt, was er ihm versprochen hat. Darauf kann man sich verlassen. Er zieht keinen über den Tisch.

Und jetzt geht es um uns. Dass Leute sagen, “Lass mich mit der Bibel in Ruhe, erstmal ist andres dran im Leben, zur Kirche gehen kann ich, wenn ich alt bin”, das gibt es. Und dass einer mal fröhlich angefangen hat, in der Kirche mitzumachen, und dann die Lust verliert, das gibt es auch. Und wie bei den Arbeitern, die zuerst eingestellt wurden, gibt es dafür auch bei uns logische Gründe: Wenn einer sich jahrelang einsetzt und keine Anerkennung bekommt. Wenn immer das, was andere tun, mehrwahrgenommen wird. Wenn das, was er mit seinem Einsatz erreichen will – dass wieder mehr zur Kirche kommen – nicht sichtbar wird. Wenn jeder solchen Einsatz für selbstverständlich hält, weil man's ja schon immer gemacht hat, und keiner merkt, wie man darüber müde wird, und keiner fragt, wie es einem dabei geht.

Vielleicht macht so einer dann noch weiter, aber innen drin murrt es bei ihm oder ihr. Der Einsatz lässt nach. Und sonntags kommt er erst noch ab und zu, wenn etwas besonders ist, dann immer weniger und irgendwann gar nicht mehr.

Merken wir, wie solches Denken bei uns drinsteckt? Und wie es sich ganz allmählich in uns ausdehnen kann? Deshalb ruft Jesus uns in seinen Kreis. So ähnlich wie bei dem Jobangebot bei Siemens. Denn keiner von uns hat es irgendwie verdient, dass Gott uns bei sich einstellen will. Und was er uns gibt, lässt sich nicht nachrechnen. Von einer Schuld begnadigt zu werden, die wir in Ewigkeit nicht abzahlen könnten, das lässt sich mit keinem Gehalt in dieser Welt vergleichen, auch nicht mit dem vom Siemens-Chef, der selbst doppelt so viel bekommt wie die anderen Vorstandsmitglieder.

Aber der Hauptgrund, warum die Fridays-for-Future-Aktivistin wohl den Job abgelehnt hat, nämlich dass es um's Umdenken geht für uns alle, ist der Grund, warum wir Gottes Angebot auf keinen Fall ablehnen sollten. Denn das ist gerade das Umdenken: Dass wir uns nicht mehr miteinander vergleichen. Dass wir erkennen: Mit Gott kann man keinen Handel machen. Und auf das, was er uns zusagt, können wir uns ganz und gar verlassen. Genau wie der Arbeitgeber im Gleichnis bricht er sein Versprechen nicht. Er bricht nur eins: Unser schiefes Verständnis, wenn wir uns mit anderen vergleichen und meinen, wir hätten doch mehr verdient als die, die erst ganz am Lebensende dazukommen oder die mal geradeso mitlaufen oder deren Arbeit nicht so gut ist, wie wir das wichtig finden.

Was wir verdient hätten auch beim besten Willen und beim größten Einsatz für ihn, das sehen wir vorne in der Kirche am Kreuz. Und kann es einen besseren Arbeitgeber geben als diesen, der uns bei der Arbeit schon ständig das auszahlt, was er für das Ende versprochen hat? Hast du jemals einen Menschen gehört, der überrascht und dankbar war von Gottes unverdienter Gnade und gesagt hat, “ich wünschte, ich wäre später dazugekommen, dann hätte ich mein Leben erst noch genießen können”?

Er gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Wir haben's schon, wenn wir für ihn arbeiten. Und am Ende gibt er's uns in die Hand, wenn er uns selbst zur ewigen Feier bei sich reinführt.

Und das gibt er uns mündlich und schriftlich. Wenn sein Wort im Gottesdienst laut gesprochen wird, und wenn wir's für uns selbst lesen in der Bibel. Und wenn er im Gleichnis einen von denen, die am längsten gearbeitet haben, fragt, “Guckst du darum so schief, weil ich so gütig bin?”, dann heißt das für uns, wir haben allen Grund, fröhlich und dankbar zu sein, eben weil er so gütig ist. Und wenn er zu dem Meckerer sagt, “nimm was dein ist und geh”, heißt das für dich: Nimm, was ich dir versprochen habe, meine Vergebung, meine Liebe, meine Gnade, und komm immer wieder und hol dir's noch mal, und wenn's dreimal am Tag ist oder siebenmal siebzigmal. Und hol dir's heute am Altar. Nicht dafür, dass du am Sonntagmorgen eineinviertel Stunden von deiner Zeit hergibst für die Kirche. Sondern weil hier die Zukunft ist für dich und die Welt. Amen.

  1. Sonntag vor der Fastenzeit (Septuagesimae, Predigtreihe 2 neu)

Daniel Schmidt, P.