Predigt vom 9.12.2018 (Jes 35,3-10)


Download3
Stock
File Size31.00 KB
Create Date9. Dezember 2018
Download

Predigt vom 9.12.2018 (Jes 35,3-10)

Liebe Gemeinde,

Johannes der Täufer hat Angst. Ja, ihm schlottern die Beine; seine Knie zittern. Und er fühlt sich kraftlos. Die Arme hängen schlapp herunter. Die Hände sind so schwach, dass er sie nicht zusammendrücken kann. Ist es Altersschwäche? Oder Krankheit? Da kann man solche Erfahrungen ja machen.

Bei ihm sind es Anfechtungen und Zweifel. Er ist gefangen – innerlich und äußerlich. Herodes Antipas hat ihn festnehmen lassen. Da war es plötzlich vorbei mit seiner Gewissheit. Hier unten im dunklen Kerker. Nun fragt er sich: Was wird aus mir? Er sieht keinen Ausweg; es ist doch auch keiner zu sehen. Es wird ihm ergehen wie den vielen anderen.

Er klagt Gott an und fragt, wo er mit seiner Gerechtigkeit bleibt. Doch er wartet vergeblich auf eine Antwort. Johannes kommt sich vor wie in der Wüste. Er lechzt nach Wasser für seine Seele, nach geistlicher Nahrung, nach Zuversicht, nach Stärkung.

Noch vor kurzem sah sein Leben ganz anders aus: Er war zwar auch in einer Wüste. Aber in einer echten. Da ging es ihm viel besser als in dieser geistlichen Wüste. Er wusste, was seine Aufgabe war. So hat er zur Umkehr aufgerufen, weil Gottes Gericht bevorsteht. Die Menschen kamen zu ihm. Viele kehrten tatsächlich um und er taufte sie mit der Bußtaufe im Jordan. Das machte ihn gewiss, dass das Ende des Unrechts nahe ist und Gottes Herrschaft anbricht.

Der Höhepunkt war wenige Tage vor seiner Verhaftung: Da ist er Jesus begegnet, seinem entfernten Verwandten. Seine Eltern Zacharias und Elisabeth hatten ihm von Jesus erzählt. Vor allem seine Mutter erwähnte wiederholt ihre unvergessliche Begegnung mit Maria. Sie gab ihr Gewissheit, dass mit Jesus eine neue Zeit anbricht. Doch Maria und Josef mussten bald nach der Geburt ihres Kindes nach Ägypten flüchten.

So verlor man sich aus den Augen – bis zu dem Moment vor wenigen Wochen. Da kam der nun erwachsene Jesus zu ihm an den Jordan und bat ihn, dass er ihn tauft. Er wusste nicht weshalb - doch augenblicklich durchfuhr Johannes wie ein Blitz die Erkenntnis, wer da vor ihm stand: Der Messias, der Sohn des Höchsten. Der, mit dem die Zeit der Ernte beginnt; die Zeit, wo die Spreu vom Weizen getrennt wird. Unrecht und Gewalt nehmen ein Ende. Gottes Friedensreich bricht an. Und ausgerechnet er, Johannes, durfte Jesus taufen. Er, der eigentlich nicht einmal würdig wäre, dem Messias die Schuhe zu binden.

Johannes erinnert sich noch gut an die Tage nach jener Begegnung. Er fühlte sich verklärt und verwandelt; durchströmt von einer unversiegbaren Kraft. Zutiefst froh und gewiss, dass nun alles gut wird.

Sein Glück währte nur kurze Zeit. Eines Abends war Johannes nach einem langen Tag unterwegs zu seinem Nachtlager nahe beim Jordan. Da tauchten plötzlich die Soldaten von König Herodes auf. Sie nahmen ihn fest und brachten ihn ins Gefängnis der Stadt Tiberias.

Und da sitzt er nun seit einigen Wochen fest, ohne zu wissen, warum man ihn verhaftet hat. Eigentlich sind solche Fragen für ihn zweitrangig. Denn das kennt er von Kind auf: Dass die Welt beherrscht ist von Willkür und Gewalt; von Unrecht, Ausbeutung und Unterdrückung.

Aber zugleich haben ihm seine Eltern von Kind auf etwas anderes erzählt: Nämlich, dass Frevel und Gottlosigkeit nicht das letzte Wort behalten. Sabbat für Sabbat hat er aus der Bibel gehört, dass der Herr die Gebeugten aufrichtet und die Gerechten liebt. Dass er Fremdlinge behütet, Waisen und Witwen aufhilft, den Weg der Frevler aber in die Irre führt.

Doch was bleibt von dieser Hoffnung jetzt, wo er im Gefängnis sitzt? Hat er sich Illusionen hingegeben? Gibt es gar keinen Gott, der Recht schafft? Hat er sich darum auch von Jesus verführen lassen? Stunde für Stunde quält sich Johannes mit solchen Fragen. Eingemauert, eingekerkert; als einzige Abwechslung täglich ein Stück schimmliges Brot und ein Becher fauliges Wasser.

Aber dann gibt es auch kleine Lichtblicke: Seltsamerweise kommt hin und wieder König Herodes herein in seine Zelle. Zu Zeiten, wo ihn niemand sehen kann. Und er fordert ihn auf, ihn zu lehren. Ist der König bei guter Laune, erfüllt er Johannes sogar einen Wunsch. Und so wagt es der Täufer bei einem der Besuche: Er bittet darum, dass er mit zweien seiner Jünger ein Gespräch führen darf. Es wird ihm gewährt. Jetzt will er endlich erfahren, wie es wirklich mit Jesus steht:

Tritt er nun auf als Messias? Ist er dabei, die Römer zu vertreiben und Jerusalem zu erobern? Können die Israeliten nun unter Jubel nach Zion kommen? So ist es doch in den Schriften angekündigt. „Macht euch auf die Suche nach diesem Jesus“, sagt Johannes seinen Freunden. „Und fragt ihn: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“

Und nun wartet Johannes sehnsüchtig auf die Rückkehr seiner Schüler. Was werden sie ihm berichten? Ist doch nicht alles aus? Gibt es Hoffnung für ihn, für sein Volk, für die Welt? Endlich erhalten die Jünger Zutritt zum Gefängnis und geben weiter, was Jesus ihnen sagte: „Geht und erzählt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt; und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

Natürlich weiß Johannes, worauf Jesus Bezug nimmt: Auf Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja. Worte aus einem Abschnitt, der dem Volk Israel in schwierigen Zeiten die Hilfe Gottes zusagt. Auch sie hatten ihre Zweifel, auch sie wussten nicht mehr weiter. Aber Jesaja redet dem entgegen:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“

Ja, das gibt ihm wieder Trost, Hoffnung, Mut und Glauben.

Man könnte sagen, seine Geschichte nimmt ein trauriges Ende: Herodes lässt ihn nur wenige Zeit später hinrichten. Aber die frohe Botschaft hat er ja schon gehört. Dass mit Jesus sogar Tote wieder auferstehen. Er ist sich wieder sicher, dass Jesus der Christus ist und sogar Macht über den Tod hat. Mit dieser Gewissheit kann er in Frieden sterben.

Johannes erfährt nicht mehr, wie Jesus selbst Unrecht und Gewalt zum Opfer fällt. Wie der Messias selbst als ein Verbrecher ans Kreuz geschlagen wird. Auch das Frohlocken und die Freude von Ostern kommen ihm nicht mehr zu Ohren. So sind wir in einer ganz anderen Lage als der Täufer. Wir wissen mehr als er. Wir haben mehr Grund zum Glauben und zur Hoffnung. Doch wie ist es mit uns Menschen? Holen uns Freude und Frohlocken ein, während Kummer und Seufzen fliehen?

Sicher sitzen wir nicht buchstäblich im Gefängnis wie Johannes. Aber wir kennen die Lage: Wenn wir unsere Welt betrachten, bekommen wir leicht schlaffe Hände und weiche Knie: Willkür und Gewalt, Unrecht und Ausbeutung sind überall. Und da scheint kein Gott zu sein, der Rache an den Gewalttätern nimmt; der die Bösen für ihr Tun bestraft und die Seinen rettet.

Viele geben die Hoffnung auf, manchmal auch wir. Und so breitet sich eine geistliche Wüste aus, die trockener ist als jede sichtbare Wüste. Mitten in üppigem Wohlstand und unermesslichen Möglichkeiten, sich zu zerstreuen. Immer mehr Menschen dürsten vergeblich nach Sinn, nach einem wirklich erfüllenden Leben.

Und wir müssen zugeben: Wir selbst schaffen es nicht, den Dürstenden das Wasser zu geben, nach dem sie sich sehnen. Denn auch wir sehen oft keine Straße, keinen eindeutigen Weg in die Zukunft. Keinen Weg der Heiligkeit, von dem Jesaja schreibt.

So holen uns nur selten Freude und Frohlocken ein. In der Regel beherrschen uns Angst und Ungewissheit, wohin der Weg führt, wenn die schwierige Entwicklung sich fortsetzt.

Was nun? Worauf warten wir in unserer Ratlosigkeit? Im Licht von Johannes dem Täufer ist sie positiv zu würdigen – die Ratlosigkeit: Er war ratlos und am Ende seiner Kraft und Weisheit. Und dabei spielt er eine zentrale Rolle in der Heilsgeschichte - als letzter der Propheten und Wegbereiter Christi. Der König Herodes und seine Kumpanen dagegen sind alles andere als ratlos. Aber gerade sie bringen nur Unheil und Gewalt über die Erde.

Gott braucht also unsere Ratlosigkeit. Sie lässt ein Reden verstummen, mit dem man sich selbst gefällt. Dagegen macht sie uns offen für das Unerhörte, mit dem er uns konfrontiert: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird das Evangelium verkündigt; und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

Jesus wählt sehr bewusst jenen Vers aus dem Wort von Jesaja. Denn dort geht es nicht um das Gehen, Machen und Leisten. Sondern darum, zu sehen und zu hören. Das heißt zu empfangen, was Gott uns und der Welt verheißt. Ja, wir dürfen diese Verheißung auf uns beziehen. Durch sie öffnet Gott uns die Augen. Damit wir im Kind in der Krippe den Erlöser erkennen. Durch sie öffnet er uns die Ohren. Damit wir hören, was die Hirten vom Feld über dieses Kind erzählen.

Es kommt zur Rettung derer, die sich nach ihm sehnen. Das ist gemeint, wenn es heißt: Gott kommt zur Rache. Er befreit von den Gewalttätern. Er lässt das Unrecht nicht gelten. Er wehrt die ab, die ihrem eigenen bösen Rat folgen. So hilft er denen, die ihren Rat bei ihm suchen. „Seht, da ist euer Gott!“ Gott selbst kommt, um uns zu retten.

Zugegeben: Es wird immer wieder Zeiten der Rat- und Mutlosigkeit geben. Doch gerade dann sprechen diese Worte zu uns. Und sie machen unsere Hände fest und unsere Knie stark. In der Wüste löschen wir unseren Durst bei dem, der uns das Wasser des Lebens schenkt. Und wir folgen ihm auf seinem Weg nach Zion. Dahin, wo ewige Freude ist und Kummer und Seufzen fliehen. Amen.

(2. Sonntag im Advent, J. Achenbach)