Predigt vom 8.4.2018 (Kol. 2,12-15)


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Create Date8. April 2018
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Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Ab und zu erlebt man mal eine Überraschung. Man kennt jemanden schon eine Weile, weiß, wo er oder sie aufgewachsen ist, auf welcher Schule er war, und hat sich ein paarmal ausgetauscht über irgendetwas, was gerade in den Nachrichten war – die jährliche Frühjahrsüberschwemmung in Süddeutschland oder die zähe Regierungsbildung in Berlin. Und dann erwähnt der in einem Nebensatz, dass er eine polnische Mutter hat. Oder einen spanischen Vater.

Das ist überraschend, wenn sich das, was man von ihm mitbekommt, sonst im ganz normalen Umfeld bewegt: Was er über Politik sagt, die Musik, die er sich runterlädt. Und weil der genauso als Helfer bei der Blutspende vom Roten Kreuz ist wie andere auch, und hat seit 15 Jahren eine Schützenscheibe am Haus. Sicher, er hat mal was von Urlaub in Polen oder Spanien erzählt. Aber der Gedanke war einem nicht gekommen, dass er da ja eigentlich genauso hingehören könnte.

Und dann fängt man an zu überlegen: Ob die Familie in Spanien letzten Sommer gar nicht im Hotel war, sondern in ihrer eigenen finca? Ob da zum Osterfrühstück das typische chałka auf den Tisch kommt (der polnische Hefezopf), oder der Osterkuchen mazurek? Ich muss gestehen, an diesem Punkt merke ich ganz deutlich, dass das nicht meine Situation ist. Ich muss erst nachsehen, was in Polen zu Ostern gehört – das heißt, für polnische Leute, denn das ist es ja eben: Ein Pole oder ein Spanier bleibt das ja, auch wenn er hier aufwächst und lebt. Aber ich weiß darüber fast nichts, weil die polnische Küche nichts ist, über das ich sonst mit anderen rede. Dafür fehlen mir auch die Wörter.

Eine doppelte Zugehörigkeit, das betrifft uns aber nun doch alle, die wir heute hier sind. Zumindest wenn wir getauft sind. Denn das heißt, wir haben einen Vater, der nicht von hier ist. Man sieht's uns nicht von außen an. Wir reden wie die Leute um uns herum, wir sind im Fußballverein, beim Roten Kreuz oder jedes Jahr beim Schlachteessen. Diese eine Seite, wo wir hingehören, ist offensichtlich. Die prägt unseren Alltag, unsere Arbeit und unsere Freizeit. Und wer uns neu begegnet, würde das auch annehmen.

Aber wir haben eine andere Herkunft. Und das heißt: Wir sind hier nur für eine Zwischenzeit. Das hat damit zu tun, dass wir Kinder unseres Vaters im Himmel sind. Seit unserem Tauftag, also seit unserer geistlichen Geburt. Egal, wie alt wir dabei waren. Und egal, was wir zuerst gelernt haben: Russisch oder Plattdeutsch oder Suahili oder Hochdeutsch. Und egal, wo wir aufwachsen und wo wir leben. Unsere Situation ist wie die von Leuten, die hier aufgewachsen sind, einen deutschen Pass haben, aber auch noch einen zweiten: Im Wohnzimmer stehen Bücher in der Heimatsprache der Eltern, daneben in einem Album Fotos von dort. Die Älteren erzählen den Jüngeren von der Heimat, die sie noch nicht gesehen haben. Es kommt vor, dass solche Familien über Generationen daran festhalten, dass sie in ihre Heimat zurück wollen, sobald es möglich wird. Und wenn dann einer zurückgeht, ist der Abschied eine Mischung aus Traurigkeit, weil man sich verabschieden muss, und Freude, weil man ja selbst auch darauf wartet, dass man irgendwann dahin kommt.

Dazu gehört aber, dass die Heimat “präsent” bleibt. Das muss man eigentlich nicht fordern, denn wo sie wichtig ist, geschieht das von selbst. Man kommt zu Festen zusammen, es gibt traditionelles Essen, es wird erzählt. So erfahren Kinder, dass sie eine Heimat haben, die ihre Spielkameraden nicht kennen. Und können sie liebgewinnen. Vor allem, wenn da vielleicht der liebe Großvater wohnt, den sie nur aus Briefen kennen und vom Telefon. Und wenn sie Teenager werden, sind sie vielleicht irgendwo allein unterwegs und treffen unvermittelt auf Menschen, die dieselbe Heimat haben, und mit einem Mal sind sie wie Brüder und Schwestern.

Spannend wird's dann noch etwas später, wenn die Partnersuche kommt. Suchen sie sich einen, der die gleiche Heimat hat? Der diese Sprache kennt? Oder wenn's einer ist aus ihrer Alltagsheimat, bringen sie ihn mit zu den Festen? Ist es ihnen wichtig, dass er mitbekommt, was da geschieht? Wenn's dazu nicht kommt, dann sind sie in ihrem Umfeld irgendwann so integriert, dass diese Heimat unbemerkt schließlich keine Heimat mehr ist. Wenn die Eltern nicht mehr sind, werden die Bücher entsorgt, die keiner mehr liest, und statt mazurek kommt dann nur noch “Milka” auf den Ostertisch.

Der Brief, aus dem wir gerade einen Ausschnitt gehört haben, wurde von Paulus an die Christen in Kolossä geschrieben, eine Stadt in der heutigen Westtürkei. Er kannte sie persönlich nicht, er ist auch nicht in dem Gebiet aufgewachsen und hat da nicht lange gelebt. Aber er geht davon aus, dass sie dieselbe Heimat haben wie er. Noch mehr, er weiß es. Denn sie sind getauft. Sie haben den gleichen Vater, den Vater im Himmel, wie die anderen, an die Paulus und Petrus und Johannes und Jakobus schreiben, von Palästina über Kleinasien und Griechenland bis nach Rom. Und der Kolosserbrief ist eine Ermahnung, das nicht zu vergessen. Nicht all-täglich so zu leben, als ob das keine Rolle spielt. Das, liebe Gemeinde, war offensichtlich auch schon in der ersten und zweiten Generation der Christen eine nötige Ermahnung. Wie ist das mit uns?

Darauf kommen wir gleich. Aber vorher müssen wir noch zwei Dinge klären. Das erste ist etwas, was auf die Christen in Kolossä ziemlichen Einfluss hatte. Das mag uns heute fremd vorkommen, aber in seiner Wirkung ist das gar nicht so weit von uns weg. Da gab es ein ganzes Gedankengebäude von Engeln, die eigentlich die Ordnung in dieser Welt gemacht haben und zusammenhalten. Daraus ergaben sich dann viele Regeln, was man tun und nicht tun sollte. Dass es den dreieinigen Gott gibt, hätten sie vielleicht nicht bestritten, aber der verschwand praktisch dahinter.

Bei allen Engelfiguren, die man heute bekommen kann: Dass einer für die Engel an bestimmten Tagen fastet oder sich einmal mehr duscht als sonst, dürfte unwahr­ scheinlich sein. Dass manche meinen, sie könnten Christen sein und sich gleich­ zeitig die Atmosphäre im Haus verbessern mit einer Sammlung von Buddha-Figuren, das passiert schon eher. Aber ich denke, dass wir uns viele Regeln machen für ein gutes Leben und eine gute Ordnung, und dass der dreieinige Gott dahinter fast verschwindet, das kommt auch bei uns vor. Da wird die Frage, ob man “vegetarisch” oder “vegan” oder “bio” isst, fast lebens-wichtig und bestimmt den Tag. Aber wie ist das mit dem Lebens-Mittel, das uns Gottes Sohn hier am Altar austeilt? Vertrauen wir darauf, dass uns das von innen heraus reinigt? Dass wir dadurch nicht nur ein langes Leben haben, sondern dass uns das unsterblich macht? Bestimmt diese Speise unseren Alltag – so, dass wir sagen, ich bin eins mit Christus, er ist eins mit mir, ich kann und will meinem Nächsten nicht mit Verachtung begegnen, nicht mit Lügen? Und ich mache bei Sachen nicht mit, mit denen ich meinen Herrn Christus aus meinem Herzen ausladen würde? Ja, holen wir uns diese lebenswichtige Nahrung so oft, wie es gut für uns wäre? Und lesen wir in dem Buch, wo es um unsere geistliche Nahrung geht, genauso viel wie über das, was wir zum Frühstück oder zum Mittagessen zu uns nehmen?

Das ist das eine. Das andere, was wir klären sollten, ist, wie es dazu gekommen ist, dass wir so eine Heimat haben. Paulus redet nicht nur von einer Geburt, er sagt, dass wir schon gestorben sind. Nämlich mit Christus am Karfreitag. Das ist viel drastischer als die Geburt von einer polnischen Mutter in Deutschland. Vielleicht lässt sich's ein bisschen vergleichen damit, wenn jemand zu seinem Schutz eine neue Identität bekommt. Bei Opfern von Kriminalität wird das manchmal gemacht, etwa wenn sie gegen die Täter ausgesagt haben. Dann ist ihre alte Identität “gestorben”. Der, den sie damit öffentlich bloßgestellt haben und der dafür verurteilt worden ist, ist damit allerdings umso mehr hinter ihnen her. Und es ist gefährlich oder tödlich für sie, wenn sie vergessen, dass sie eine neue Identität haben. Wenn sie in das alte Leben zurückfallen.

Jetzt aber zurück zu der Frage, ob wir so eine Ermahnung auch nötig haben wie die ersten Christen. Von der zweiten Heimat, die wir haben, haben wir von unseren Eltern gehört oder von anderen Christen. Seit der Taufe gehören wir zu unserem Vater im Himmel. Das sehen uns andere nicht an. Aber was bedeutet uns das?

Paulus nennt da einige Fakten:

Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes ... – Er hat uns vergeben alle Sünden, hat den Schuldbrief mit seinen Forderungen gegen uns ans Kreuz geheftet und getilgt.

Liebe Brüder und Schwestern, der Apostel redet hier nicht nur von einer Tradition, die an Bedeutung verliert, wenn man woanders lebt; etwa der, dass man sich am Ostermontag in Polen mit Wasser übergießt – das soll wohl an die Taufe des ersten polnischen Königs am Ostermontag im 10. Jahrhundert erinnern, aber hier auf den Straßen würde man damit keine fröhlichen Reaktionen ernten wie bei den meisten dort. Nein, Paulus redet von Fakten. Er redet von dem, was unsere Identität als Christen bestimmt. Gehen wir das mal durch:

Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod. Wenn der Tod der Sold der Sünde ist, dann ist der schon ausgezahlt. Auch wenn wir körperlich noch durch den Tod durchmüssen, der wird nicht ein zweites Mal ausgezahlt. Der ewige Tod, die ewige Trennung von Gott, trifft uns nicht, wenn wir als Christen leben, das heißt, in und mit Christus.

Weiter: Ihr seid auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes. Der Glaube macht nicht unsere Auferstehung, genauso wenig wie der Glaube der Jünger die Auferstehung Jesu gemacht hat. Ihr Glaube war ja gerade da ganz am Boden. Aber der Glaube ergreift die Auferstehung. Du bist ein neuer Mensch, sagt dir Gott. Glaubst du's? Vertraust du ihm, dass das wahr ist, auch wenn du manchmal das Gegenteil fühlst? Auch wenn deine alte Identität dich einholt und du dich gar nicht so verhältst?

Drittens, “er hat uns vergeben”. Da redet Paulus mit einem Mal nicht mehr nur die Kolosser an, sagt nicht nur “ihr”, sondern schließt sich mit ein. Wenn's um die Vergebung geht, wird's persönlich. Das betrifft jeden für sich. Was auch immer bei dir schiefgelaufen ist, weil du nicht vollkommen bist, weil du versagt hast im Kleinen oder im Großen, was andere dir vorwerfen könnten und womit du angeklagt werden könntest vor deinem himmlischen Richter, das ist wie ein Schuldschein mit dem Nagel ans Kreuz geheftet, der deinem Herrn durch die Haut und den Knochen gehauen wurde. Und als er im Sterben gerufen hat, “es ist vollbracht”, da ist das genau das, was damals auf einen Schuldzettel geschrieben wurde, wenn die Schuld getilgt war. Der konnte kein zweites Mal vorgewiesen werden.

Und viertens, mit dem Tod seines Sohnes am Kreuz und der Auferstehung hat Gott die “Mächte und Gewalten”, die in dieser Welt eine Rolle spielen, so richtig “vorgeführt”. Da hat er ihnen gezeigt, dass sie nichts mehr zu sagen haben. Sie haben es zwar geschafft, den Sohn Gottes festzunehmen, ihn anzuklagen, sie haben erreicht, dass er verurteilt wurde, und dass die Hinrichtung durchgeführt wurde. Aber wie lange hat dieser Triumph angehalten? Keine drei Tage. Dann war das Grab leer, dann war er nicht mehr bei den Toten. Und bald haben die Jünger angefangen, überall weiterzusagen, dass er lebt. Und dass jeder diese neue Identität bekommen kann, wenn er umkehrt von seinem alten Leben und neu geboren wird aus Wasser und dem Heiligen Geist.

Dass damit Gottes Feind allerdings bloßgestellt ist, dass ihm damit die ewige Verdammnis nun ganz sicher ist, das vergisst er allerdings nicht. Und deshalb hat er's besonders auf die abgesehen, die das öffentlich machen. Auf uns Christen.

Deshalb lasst uns nicht vergessen, dass wir eine neue Identität haben. Denn wer in der lebt, wer Christus hat, dem kann dieser Feind nichts anhaben. Davon lasst uns untereinander reden, damit wir diese Heimat liebgewinnen und liebbehalten. Lasst uns die Feste mitfeiern, die uns mit ihr verbinden. Das Auferstehungsfest, das eben nicht nur ein Hasen-Eier-Schokoladenfest ist. Bei dem wir uns ja auch freuen für die, die jetzt in der Heimat sind. Das Wochenfest jeden Sonntag. Lasst uns kommen zu dem Essen, das uns mit dieser Heimat schon jetzt verbindet und Fakten schafft, nämlich die Vergebung unserer Sünden und unsere Unsterblichkeit. Und lasst uns davon auch zu anderen reden. Dass auch unsere Partner das mitbekommen. Und unsere Nachbarn nicht nach Jahren überrascht sind, wenn sie erfahren, dass wir eine solche Heimat haben. Sondern dass sie auch bald danach fragen. Denn das ist die eine Heimat, die bleibt, wenn die um uns herum vergeht. Amen.

Sonntag nach Ostern, „Quasimodogeniti“ (Predigtreihe IV)

Daniel Schmidt, P.