Predigt vom 8.3.2017 (Matth. 27,21)


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Create Date8. März 2017
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Zum Fest [...] hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, daß sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Laß ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Laß ihn kreuzigen!                                                                                                                                                                                              (Mt 27,15-23)

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

am Aschermittwoch in der letzten Woche haben wir uns mit Pilatus befasst, der ersten Person am Leidensweg unseres Herrn. Wir bleiben weiterhin im Hof des Gerichtspalastes des Pilatus. Dabei geht es heute um Barabbas. Eigentlich erscheint er nur wie eine Randfigur. Jesus ist vor Pilatus gebracht worden, es geht um ihn, Pilatus stellt dreimal fest, dass er unschuldig ist, spricht das auch aus, nicht nur als Privatmeinung, sondern als Richter im Namen des römischen Staates, weiß aber zugleich, dass es den Anklägern gar nicht um eine Straftat geht. Sie haben ihn aus Neid vor Gericht gebracht, sie wollen ihn loswerden.

Und Pilatus, der Richter, gerät unter Druck. Wenn er diesen Jesus freilässt, dann würden sie ihn, den Statthalter des Kaisers, in Rom anklagen. Und da käme er auch nicht raus, wenn er die Unschuld dieses Gefangenen beweisen könnte. Denn das eine Argument kann er den führenden Leuten des jüdischen Volkes nicht aus der Hand nehmen: Entweder ist dieser Mann ein Aufrührer. Oder es kommt zu einem Aufruhr, wenn er nicht beseitigt wird.

Pilatus verlegt sich deshalb aufs Taktieren. Ein Richter, der versucht, Politik zu machen. Zu diesem größten Fest im Jahr können die Juden einen Gefangenen freibitten. Und da kommt Barabbas ins Bild.

Wir wissen nicht viel von ihm. Matthäus nennt ihn einen berüchtigten Gefangenen, Johannes einen Banditen, Markus berichtet, dass er bei einem Aufstand einen Mord begangen hat. Und wir wissen, dass er wohl einen doppelten Namen hat: “Jesus Barabbas”. Dann ist Jesus der Vorname, und “Barabbas” bedeutet “Sohn des Abbas”, gibt also den Namen seines Vaters an. Oder es heißt “Sohn des Herrn”.

Da stehen also zwei nebeneinander. Beide heißen Jesus. Der eine wird mit dem Namen seines Vaters genannt. Der andere hat den Zunamen “Christus” – das hat Pilatus richtig erfasst und richtig gesagt. Wenn wir die Evangelien im Glauben lesen, ist das ein Hinweis darauf, dass Jesus nicht mit zweitem Namen nach seinem Vater genannt wurde. Denn Joseph ist nicht sein Vater. Und dass er der Sohn des Allerhöchsten ist, dessen Name von frommen Juden nicht genannt wird, genau das wird von seinen Gegnern ja bestritten.

So aber heißt es nun von ihm, “Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus.” Noch einmal hören die Juden dort im Hof des römischen Beamten den Titel, der für sie alle ein Ruf zum Glauben ist: Hier steht der, den die Propheten angekündigt haben. Der, der von Gott selbst zu seinem Retter-Amt gesalbt ist wie ein König, wie ein Priester und ein Prophet im Alten Bund.

Und neben ihm der andere Jesus. Der Aufrührer und Mörder. Wenn es den Juden um Recht und Sicherheit in ihrem Land geht, dann müssten sie alles tun, dass dieser Mann im Gefängnis bleibt. Wenn es Pilatus um politische Stabilität in der Provinz Judäa geht, für die er zuständig ist, dann kann er diesen Mann nicht losgeben. Sonst tut er genau das, womit ihm dieses Volk droht: Er handelt gegen römisches Recht und gefährdet den Frieden in dieser ohnehin so unruhigen Provinz.

Und dann kommt es zu dieser dramatischen Szene: Die Frau des Pilatus schickt zu ihm mit der Botschaft, er soll mit dem Jesus Christus nichts zu schaffen haben. Sie als Heidin hat erkannt, was der römische Hauptmann nach Jesu Tod unter dem Kreuz ausspricht: Dieser ist ein Gerechter, kein Verbrecher, einer, der von Gott kommt.

Doch Pilatus ist als Richter plötzlich unter gesellschaftlichem Druck. Es geht nicht um die Verhinderung weiterer Morde durch diesen überführten Verbrecher oder weiterer Aufstände. Es geht um die Erhaltung dessen, was eine plötzliche Mehrheit als gesellschaftlichen Frieden ansieht. Wir erleben heute in Europa ähnliches, wenn die Freigabe der aktiven “Sterbehilfe” oder der Tötung Ungeborener mit dem Menschenrecht auf Selbstbestimmung begründet wird.

Und so fragt Pilatus nach einem Mehrheitsurteil: Wen soll ich euch freigeben – Jesus Christus oder Jesus Barabbas? Die Antwort hat mit einem Rechtsprozess nichts zu tun. Es kommt zum Geschrei und zu einem gefährlichen Gedränge im Hof. Noch einmal versucht Pilatus, einen letzten Schein des Rechts aufrecht­ zu­ erhalten. Als sie nach seiner Kreuzigung verlangen, hebt er noch einmal seine Stimme über den Tumult: Was hat er denn Böses getan?

In der Matthäuspassion lässt Bach hier die Antwort singen:

Er hat uns allen wohlgetan.
Den Blinden gab er das Gesicht,
die Lahmen macht er gehend;
er sagt’ uns seines Vaters Wort,
er trieb die Teufel fort;
Betrübte hat er aufgericht’t
er nahm die Sünder auf und an;
sonst hat mein Jesus nichts getan.

Gegen ihren Willen müssen es die Ankläger bekennen. Wie mancher heute, der Jesus vielleicht nicht verurteilen würde, aber der mit ihm nichts zu tun haben will, obwohl er sagt, dass Jesus sicher ein guter Mensch ist. Aber eben einer, den man selbst nicht braucht.

Doch weil das so menschlich ist, lässt Bach in einer Arie gleich darauf das Bekenntnis des Sünders folgen, der erkannt hat, dass Christus an seiner Stelle dort angeklagt ist, dass er vor Gott nicht besser dasteht als der Verbrecher Barabbas, denn Sünde ist Sünde. So heißt es in der Arie:

Aus Liebe will mein Heiland sterben, aus Liebe,
aus Liebe will mein Heiland sterben,
aus Liebe will mein Heiland sterben,
Von einer Sünde weiß er nichts, nichts, von einer Sünde weiß er nichts.

Daß das ewige Verderben und die Strafe des Gerichts nicht auf meiner Seele bliebe.
Aus Liebe, aus Liebe will mein Heiland sterben,
aus Liebe will mein Heiland sterben,
von einer Sünde weiß er nichts, nichts, von einer Sünde weiß er nichts. 

Doch Pilatus hat das Urteil längst aus der Hand gegeben. Und so spricht er am  Rande des Prozesses um den Sohn Gottes diesen Jesus Barrabas frei. Vielleicht ist es nur ein kurzer Satz, vielleicht nur eine Hand­ bewegung, ohne dass das irgendwo schriftlich festgehalten wird. Aber es ist ein Freispruch.

Ist das, liebe Gemeinde, nicht ein durch und durch ungerechtes Urteil? Was würden wir über unser Rechtssystem sagen, wenn eine Menschenmenge vor einem Hochsicherheitsgefängnis die Freilassung eines Terroristen verlangt, wenn sie Autos anzünden und Steine werfen, und wenn der Staat nachgibt?

Aber die Freilassung des Barabbas ist mehr als ein Ereignis am Rand. Er ist der erste, der schuldig ist und den Tod verdient hat, aber freigesprochen wird, weil Gottes Sohn verurteilt wird. Der Ruf “Kreuzige ihn!” steht vor dem Satz, “Da gab er (Pilatus) ihnen Barabbas los.”

Und deshalb, Brüder und Schwestern, ist für uns Hoffnung. Hoffnung, die Gott uns mit großen kräftigen Buchstaben in dieser Passionszeit wieder ins Herz schreiben will. Wenn du mit Schrecken erkennst, dass du vor Gott schuldig dastehst, wenn du begreifst, dass du nach seinem Gesetz den Tod verdient hast – dann soll das dein Trost sein, dass und dein Herr Christus am Karfreitagmorgen schuldig gesprochen worden ist. Denn auch wenn das nach menschlichem Verständnis ein höchst ungerechtes Urteil war – es bedeutet den Freispruch für den, der schuldig ist und den Tod verdient hat. Für dich.

Damit setzt Gott seine Gerechtigkeit durch. Die Schuld wird bestraft an dem Opfer­ lamm, das er für uns gegeben hat. Damit ist das Gesetz erfüllt. Und Gott selbst spricht jetzt jeden frei, der ihm glaubt.

“Er hat uns allen wohlgetan” – dem großen Sünder Barabbas und mir und dir. An dem Morgen im Hof des Pontius Pilatus. Diesen Trost halte dir fest, dass ihn dir niemand nimmt. Amen.

Passionsandacht am Mittwoch nach dem Sonntag Invokavit

Daniel Schmidt, P.