Predigt vom 7.9.2019 (Apostelgesch. 3,1-10)


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Create Date8. September 2019
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Petrus [...] und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war. Als er sich aber zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos, und sie wunderten sich sehr.

Liebe Schwestern und Brüder,

30 Jahre sind eine lange Zeit. Wenn sich über 30 Jahre nichts ändert, gewöhnt man sich daran. Stellt sich darauf ein, versucht, damit zurechtzukommen. Drei Jahrzehnte  langzeitarbeitslos, da kann man sich kaum noch erinnern an das letzte Gehalt auf dem Konto, und das Arbeitslosengeld, bevor “Hartz IV” kam. Da nimmt man den Prospekt aus der Wochenendzeitung mit ganz anderem Blick in die Hand. Für den neuen Fernseher auf Seite 7 und 8 ist da kein Geld. Selbst der Gartenschlauch auf Seite 11 muss noch warten, der alte bleibt erstmal weiter im Einsatz, obwohl man damit schon Tröpfchenbewässerung machen könnte. Und 30 Jahre krank – da liest man vielleicht hier oder da noch mal einen Artikel über die eigene Krankheit, aber dass es noch einmal so wird wie bei den anderen, damit rechnet man nicht.

Beides kommt bei dem Mann zusammen, von dem wir gerade gehört haben: Chronisch krank – oder mit einer Behinderung, müsste man eigentlich sagen, gelähmt – und deshalb ohne Arbeit. Im folgenden Kapitel der Apostelgeschichte, im vierten, erfahren wir, dass er über 40 Jahre alt ist. Und er so geboren. Sitzen hat er vielleicht noch gelernt, als er sechs oder sieben Monate alt war, aber mehr nicht. Ist nicht gekrabbelt, hat nie auf eigenen Füßen gestanden, ist nie irgendwo hingerannt als Kind, wenn die anderen losliefen. Vielleicht hat er ein paar Knieschoner aus Stofffetzen und zieht sich mit den Händen über den Boden, wie ich es mal in irgendeinem Land gesehen habe. Mehr nicht. Und damit muss er zurechtkommen. Betteln, das ist sein Tagesinhalt. Und dafür hat er einen Stammplatz. Oben auf dem Tempelhügel, an der Pforte, die die “Schöne” genannt wird. Irgendjemand aus der Verwandtschaft trägt ihn da morgens hin, vielleicht huckepack, und holt ihn abends wieder ab. Die Jerusalemer kennen ihn; die, die regelmäßig zu den Gebetszeiten in den Tempel kommen, am Sabbath, zu den großen Festen. So wie ich vor ein paar Jahren beim Urlaub in Rom am zweiten Tag eine Bettlerin im Vatikan wieder­ erkannte, die ich am Tag vorher gesehen hatte: ganz in schwarz gekleidet, den Kopf verhüllt, Rücken und Nacken krumm, in einer Hand eine Krücke. Und den nächsten Tag war sie wieder da. Sie schien so etwas wie eine feste Einrichtung dort zu sein, und ich kann mir denken, dass der Ort für sie günstig war, wo so viele hinkommen, weil es für sie ein zentraler kirchlicher Ort ist, und man dann vielleicht auch eher für so jemanden ein paar Münzen übrig hat.

Wenn wir annehmen, dass der Mann den Platz am Tempel schon lange hat, dann könnte es beinahe sein, dass er dort schon saß, als Joseph und Maria mit Jesus aus Bethlehem kamen, die 8 km zu Fuß, unter der Burg des Herodes entlang, der wohl noch nichts erfahren hatte von dem neugeborenen König, der seine Soldaten noch nicht in Gang gesetzt hatte. Als sie mit dem Baby in den Tempelhof gingen, zwei Tauben kauften, das Opfer der armen Leute für das erste Kind, als sie das Opfer brachten, einstimmten in den Dankpsalm des Priesters. Als dann der alte Simeon das Kind von ihren Armen nahm und Gott pries, der das tut, was er verspricht, als er sang: “Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.”

Dann hat er auch mitbekommen, wie Jesus nach dem volksfestartigen Empfang vor der Stadt und dem Einzug auf dem Esel in den Tempel gegangen ist und die Händ­ ler rausgetrieben hat, als die Schafe blökend durch das Tor liefen und die Tauben aus ihren Käfigen flatterten, oben über die Tempelmauern nach draußen. Dann ha­ ben an­ dere vielleicht auch in seiner Gegenwart darüber gesprochen, womit Jesus das begründet hat: “Mein Haus soll ein Bethaus sein!” Und der Platz dieses Mannes war auch nicht weit weg von dem Opferkasten mit dem langen Trichter, in den die Wit­ we ihre zwei winzigen Kupfermünzen geworfen hat, wenige Tage bevor Jesus verurteilt und umgebracht wurde. Die damit ihr ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt hat.

Ja, ein Bethaus. Da sitzt er jeden Tag an der Außenmauer. Ganz darauf angewiesen, dass Gott Menschen dazu bewegt, dass sie ihm ein bisschen was abgeben. Und etwas zum Leben wird er auch die meisten Tage bekommen haben. Mal reichlich, wenn die Stadt voll war zu den Festen. Und mal kaum genug für ein paar Happen zu essen, wenn zu viele Menschen sich Mühe gaben, ihn nicht zu sehen. Wer bei uns in den Städten am Betteln ist, der kennt beide Arten von Tagen, und der kennt die, die was geben, und die anderen.

Und jetzt kommen zwei Männer zum üblichen Gebet am Nachmittag oder frühen Abend, Petrus und Johannes. Er kennt sie wohl nicht, hält ihnen die leere Hand hin, bittet um ein bisschen Geld. Und Petrus sagt: Ich habe kein Geld. Vielleicht hat Johannes etwas dabei, aber darum geht es nicht. Denn beide zusammen haben etwas, was dieser Mann viel mehr braucht. “Im Namen Jesu Christi von Nazareth, steh auf und geh umher”, sagt Petrus.

Das ist keine Motivationsrede, doch jetzt wenigstens einmal alle innere Kraft zusammenzunehmen nach dem Motto: “Du kannst mehr als du denkst” oder “Zusammen schaffen wir das.” Es heißt nicht einmal: “Du und Jesus, ihr könnt das schaffen.” “Im Namen Jesu Christi von Nazareth” heißt, hier geschieht das gleiche wie an dem Tag, als Jesus zu Johannes gesagt hat, “Folge mir nach”, und zu Petrus, “Ich will dich zum Menschenfischer machen.” Beide hatten das Zeug zum Jüngersein nicht in sich, beide hätten sich nicht selbst zu Jüngern machen können. Aber Jesus hat sie gerufen. Und hat sie dazu gemacht.

“Im Namen Jesu von Nazareth”, das ist auch das, was geschehen ist, als Jesus fünf Brote vermehrt hat, so dass Tausende davon satt wurden. Das ist das, was geschehen ist, als er den toten Lazarus aus dem Grab gerufen hat, der doch nichts mehr hören konnte, der keinen Willen mehr hatte. Das ist Neuschöpfung. So schafft Jesus jetzt das, was diesem Mann seit seiner Geburt gefehlt hat: Nerven und Muskeln und die ganze Kommunikation, die zwischen Armen und Beinen und dem Gehirn abläuft, wenn wir uns bewegen. Und er schafft Vertrauen, dass der Mann nicht sitzen bleibt, auf stur stellt, sagt, ich bezweifele, dass das irgendetwas in meinem Leben ändern kann; macht auch, dass der nicht sagt, er will lieber Opfer bleiben, daran hat er sich gewöhnt.

Nein, es ist nicht Petrus und nicht Johannes, der hier ein Wunder fertigbringt. Es ist der, der sie als Apostel ausgeschickt hat. Denn Apostelsein heißt: Durch diesen Menschen wirkt Gottes Sohn, und was der in seinem Namen tut, das tut Gott selbst. Petrus muss es wohl durch den Heiligen Geist erfahren haben, dass Christus diesen Menschen gesund machen will; so ähnlich, wie mir ein Pastor unserer Kirche mal gesagt hat, er merkt, wo er für jemanden um Heilung beten kann und soll. Es sind ja nicht alle geheilt worden, auch in der Anfangszeit der Kirche nicht, wo wir mehrmals von solchen Heilungen lesen. Aber Jesus hat diese Macht, und zu bestimmten Zeiten ist es sein Wille, sie hier und da zu zeigen. Und damit klarzumachen: Mit dem Kommen des Sohnes Gottes ist die neue Schöpfung angebrochen: Und: Gott hört, wenn wir beten. Er lässt sich bewegen, uns zu helfen. Ja, und auch das: Sein Haus soll ein Bethaus sein. Da will er sich finden lassen.

Vor einiger Zeit stand hier mal eine Familie aus dem Allgäu vor der Kirche am Schaukasten. Ich habe ihnen dann die Kirche gezeigt, und sie meinten, evangelische Kirchen sind ja immer zu. Nun, bei uns wird die Kirche ja jeden Tag für etwas aufgeschlossen. Aber schön ist es, wenn eine Kirche zum Gebet offen ist. Schön wär's, wenn sich der eine oder andere hier auch mal an einem Wochentag in die Kirche setzt und betet. Und schön ist es auch, wenn wir eine Kirchen-Ecke zuhause haben mit dem Andachtskalender und dem Gesangbuch neben dem Esstisch in der Küche, oder auf dem Regal in der Stube.

Denn Gott will nicht, dass wir uns mit einem Zustand abfinden, an den wir uns gewöhnen, aber der nicht dem entspricht, wie er den Menschen am Anfang geschaffen hat. Er will nicht, dass wir mutlos werden. Und wenn er sagt: “Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich unter ihnen”, und wenn sie sich einig werden, worum sie bitten, da will er das hören, dann heißt das: Auch dein Haus soll ein Bethaus sein.

Dieser Zustand aber, das ist der, für den jede Krankheit, jede Infektion, jede Brille, die wir brauchen, ein Anzeichen ist: Dass das, was Gott am Anfang perfekt geschaffen hat, nicht mehr perfekt ist. Ja, in diesen Zustand hat der Mensch die Welt gebracht mit seiner Abkehr von Gott. Die Folge davon ist, dass wir uns Gott nicht mit dem ganzen Leben hingeben wie es uns Jesus mit der Witwe im Tempel und ihrem Kollektengeld vor Augen hält; dass wir von uns aus nicht unser Leben mit ihm führen wollen, wie er Petrus und Johannes berufen hat; ja, dass er auch uns immer wieder daran erinnern muss, auch wenn wir zur Kirche gehen, auch wenn wir regelmäßig hier sind: Das hier soll ein Bethaus sein. Und wir können hier nur als Bettler stehen, wie der Zöllner im Gleichnis, der sich an die Brust schlägt und sagt: Ich habe nichts verdient als dass du mich fertigmachst in deinem Zorn. Und bittet, wie ein Bettler: Hab Mitleid mit mir. Wir können nur sagen: Kyrie eleison – Herr, erbarme dich, und die Geste dazu sind die leeren Hände, die wir ihm hinhalten.

Aber wir sehen noch etwas hier, noch zwei Dinge: Das eine ist, Gott will nicht, dass ein Mensch am Rand bleibt, nur äußerlich in der Nähe der Kirche ist; er will uns hereinholen, hier zu sich, wo wir erleben: Er heilt unseren Schaden. Er verwandelt in Freude, was uns mutlos und hoffnungslos gemacht hat. Er will gebeten sein, dass er uns heil macht. Mit Heilung oder ohne, aber so, dass wir erkennen: Es ist gut. Es ist gut, ihn zu haben, und er macht's gut mit mir. Das aber werden wir nur erfahren, wo wir zur Kirche kommen, wo wir uns dazu halten. Und geben will er's durch das, was mit Geld nicht zu bezahlen ist: durch seine Gnade.

Die aber teilt er durch die Männer aus, die er in diesen Aposteldienst berufen hat, die im Namen Jesu von Nazareth taufen – und in der Taufe schafft er einen Menschen neu; die in seinem Namen Sünden vergeben – und damit schafft er einen neuen Anfang. Die seinen Leib und Blut austeilen, dass sie eins werden mit dir, leiblich und seelisch, und du damit Anteil hast an dem vollendeten, voll­ kommenen Leben, das er durch seine Auferstehung hat, und auch du einmal ganz haben wirst.

Das andere ist, dass Gott uns das umsonst gibt. Wir haben's nicht verdient, wir können nichts dafür geben. Und die Kirche gibt's weiter, gratis, umsonst. Deshalb ist es nicht die größte Katastrophe, wenn die Kirche kein Geld mehr hat. Selbst wenn sie wie Petrus sagen müsste: Münzen und Scheine haben wir nicht: das andere wäre entscheidend: Aber im Namen Jesu von Nazareth, deine Sünden sind dir vergeben, steh auf, geh in deine Woche und zur Schule und an deine Arbeit, und dank ihm damit, danke und lobe ihn damit.

Ganz menschlich gesprochen brauchen wir dafür auch Geld und wir brauchen Gemeindehirten. Um beide müssen wir in den letzten Jahren sehr werben. Aber dieser Mann, der an dem Tag geheilt worden ist, kann der in Zukunft sein Herz zuschließen vor einem Menschen, der genauso Hilfe braucht wie er sie erfahren hat? Wenn wir erfahren, wie Gott mit uns so unverdient hilft, dann werden wir dafür auch geben. Und wenn wir glauben, wie wunderbar es ist, unbegrenzt diese Gnade im Namen Jesu weiterzugeben, dann werden sich auch welche finden, die sich dazu berufen lassen. Das gebe Gott – der kann's und will's! Amen.

12. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe I neu / IV alt)

Daniel Schmidt, P.