Predigt vom 7.7.2019 (Luk. 18,35-43 und 19,1-10)


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Create Date7. Juli 2019
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Es begab sich aber, als Jesus in die Nähe von Jericho kam, daß ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, daß ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, daß ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. //

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Liebe Kinder, liebe Kinderbibelfreizeitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, liebe Eltern und Großeltern, liebe Gemeinde,

mit den Kindern haben wir einiges erlebt in den letzten drei Tagen. Und mit diesen beiden, “Franzi” und “Willi” (Reiseleiterin und Fotograf). Dreimal sind sie mit uns in der Andacht auf Zeitreise gegangen und haben uns mitgenommen nach Jericho. Und wir haben zwei Menschen kennengelernt, die man irgendwie alle beide als “schräge Typen” bezeichnen konnte. Der erste war Zachäus. Ein Zolleinnehmer. Einer von den Juden, die mit den Römern gemeinsame Sache machten und schon deshalb nicht sehr beliebt waren. Der hatte ziemlich viel Geld geboten für das Recht, in Jericho die Zölle einzutreiben – von Leuten, die in die Stadt wollten oder zum Markt. Und er hatte das getan, was Menschen tun, wenn's keiner bestraft: er hatte den Menschen zu viel Geld abgenommen. Manchmal wollte eine Frau nur ein paar Bananen zum Markt bringen, aber sie hatte ein gutes Kleid an – da hat er gedacht, die hat Geld, für die mache ich es extra teuer. Oder ein junger Kerl hatte Werkzeug dabei und wollte nur zu seinem Onkel, um ihm beim Hausbauen zu helfen, da hat er gedacht, ich sage einfach, er ist ein Handwerker, dann muss er auch bezahlen.

So wurde Zachäus reich, und so konnte er sich ein schönes Haus leisten, schöne Möbel, gutes Essen, und tolle Kleidung. Aber jetzt fragen wir mal die Kinder: War der Zachäus glücklich? Hatte der viele Freunde?

Und ich frage mal alle:

1. Gibt es jemanden, auf den ihr manchmal ein bisschen neidisch seid?

2. Meint ihr, dass dieser jemand immer glücklich ist?

3. Gibt es das, dass man viel hat, aber dass einem etwas fehlt, was ganz wichtig ist, was man aber für Geld nicht kaufen kann?

So jemand war Zachäus offensichtlich. Und in der Ausmalung der biblischen Geschichte, wie wir sie im Theaterstück gesehen haben, war er jemand, der ziemlich daran gearbeitet hat, sich unbeliebt zu machen. Da haben ihn drei Bettler angesprochen – sie wussten ja, dass er viel Geld hatte, – und Zachäus hat gelacht und gesagt, warum sollte er etwas von seinem Geld abgeben. Überhaupt, er war froh, dass es ihm nicht so ging wie ihnen, und dass ihm niemand sein Geld wegnehmen konnte. Ein ziemlich schräger Typ, könnte man sagen. Oder?

Oh, die drei Bettler – genau, die sind uns dann am nächsten Tag wieder begegnet. Da haben uns Franzi und Willli wieder mitgenommen. Und da saßen sie hier vorne: Andreas, der ein lahmes Bein hatte und nicht richtig gehen konnte; Paul, der einen schlimmen Hautausschlag hatte. Und Bartimäus, der so wie Zachäus im Lukas­ evangelium vorkommt. Der war blind. Aber irgendwie konnte er auch besonders gut sehen.

Kann das eins von den Kindern mal erklären? (Bartimäus hat mit dem Herzen gesehen.) Ja, weil er mit dem Herzen sehen konnte, hat er etwas gehabt, dass ich mir manchmal für mich wünsche. Bartimäus hat sich nämlich nicht nur über Zachäus geärgert, er hat auch gesehen, dass es Zachäus gar nicht gut geht. Zachäus denkt nicht an Gott. Er denkt eigentlich überhaupt nicht an andere. Sein bester Freund ist sein Geld. Das liebt er. Aber das Geld liebt Zachäus nicht zurück. Das Herz von Zachäus ist leer.

Und Bartimäus hat noch etwas. Er hat etwas gehört, und wer nicht sehen kann, achtet ja besonders auf das, was er hört. Bartimäus hat von Jesus gehört. Dass Jesus Menschen hilft. Dass er zu denen kommt, die sich nach Hilfe sehnen aber sich selbst nicht helfen können.

Und dann kommt Jesus tatsächlich nach Jericho. In diese Stadt, wo es einen alten Steinturm gibt, die bald 10ˑ000 Jahre alt sind und die deshalb die älteste Stadt der Welt genannt wird. Dahin kommt Jesus. Und Bartimäus hört es. Wir haben es in der ersten Lesung heute gehört. “Jesus”, ruft er, “Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner.” Dass Jesus vom König David abstammt, das steht in der heiligen Schrift. Das hören wir in der Zeit vor Weihnachten, wenn im Gottesdienst aus den Prophetenbüchern im Alten Testament gelesen wird. Und wir hören es Heiligabend, wenn es heißt, dass sich auch Josef aus Nazareth aufmachte mit seiner Verlobten Maria, nach Bethlehem, weil er “aus dem Hause und Geschlechte Davids” war. Und genauso nennt Bartimäus Jesus: Sohn Davids. Ist das nicht erstaunlich? Bartimäus kann nicht lesen, aber er kennt die Heilige Schrift. Und die anderen um ihn herum, die sehen und lesen können, lesen offensichtlich nicht darin. Oder sie vergessen es schnell wieder, wenn im Gottesdienst davon gelesen wird.

Aber was meint Bartimäus, wenn er Jesus bittet, dass er sich erbarmt? Ich frage mal die Kinder (/ die Älteren). Er sagt damit, dass es ihm nicht gut geht. Er braucht Hilfe. Aber er kann sie nirgendwo bekommen. Er kann sie auch nicht verlangen. Er kann nur darum bitten. Und das tut er: Er bittet Jesus: Hilf mir heraus aus dieser Not, in der ich mir selbst nicht helfen kann. Und er ruft immer lauter. Er weiß einfach nicht, was er sonst machen soll. Er stört damit schon die anderen. Und die werden schon ärgerlich. Er soll still sein. Ein Mensch mit einer solchen Behinde­ rung, der sich nicht nützlich macht wie die anderen (und sie vergessen, dass er das ja gar nicht kann, dass es für Bartimäus damals auch gar nicht die vielen Hilfsmittel gibt, die es heute gibt) – nein, sagen sie, Bartimäus soll den Mund halten.

Aber er denkt gar nicht daran. Und Jesus hört ihn. Und sagt, man soll Bartimäus zu ihm bringen. Und dann fragt er: Was willst du – was soll ich für dich tun? Frage an die Kinder: Meint ihr, Jesus wusste, was Bartimäus so sehr nötig hatte? (Ja) Warum fragt er ihn dann? Weil Jesus will, dass wir ihn bitten. Und Bartimäus tut es: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus macht genau das. “Dein Vertrauen auf mich, dein Glaube, hat dir geholfen”, sagt er. Und Bartimäus kann sehen.

Und dann haben wir von Zachäus gehört. Er hat auch von Jesus gehört. Und er will ihn gerne sehen. Warum, erfahren wir gar nicht. Vielleicht ist er einfach etwas neugierig. Vielleicht will er nichts verpassen, wenn die anderen alle hingehen. Aber dann wird klar, dass Zachäus Jesus eigentlich gar nicht sehen kann. Nicht, weil er blind ist. Sondern weil er zu klein ist. Aber er hat eine Idee. Er klettert auf einen Baum. Vielleicht hofft er, dass er dort oben nicht zu sehen ist. Damit keiner über ihn lacht. Über den feinen, reichen Oberzolleintreiber, der auf einen Baum klettert. Vielleicht ist es ihm auch egal, vielleicht sind um ihn rum eine Reihe Jungs, die immer auf Bäume klettern. Aber eins hat Zachäus nicht gedacht: Dass Jesus direkt zu ihm kommt. Und genau bei ihm stehenbleibt. Und ihm sagt: Zachäus, ich muss heute zu dir nach Hause kommen. Wenn das irgendein anderer gesagt hätte, hätte Zachäus vielleicht Angst bekommen. Dann sieht der doch all die Sachen, die ich mir von dem gestohlenen Geld gekauft habe. Dann wird er ärgerlich.

Aber Zachäus fängt schon an, Jesus zu vertrauen. Er weiß eigentlich selbst nicht warum. Und als Jesus dann bei ihm zuhause sitzt und ihm keinen langen Vortrag hält, was er alles falsch macht, sondern einfach nur da ist – der heilige, gerechte Jesus, der zugleich Gott und Mensch ist, wie wir das im Evangelium lesen –, da merkt Zachäus selbst: Ich habe das Geld lieber als Gott und lieber als die anderen Menschen. Und er merkt: eigentlich habe ich das doch mal gelernt. Dass man nicht stehlen soll. Aber ich habe es trotzdem gemacht. Und ich habe gelernt, dass wir Gott über alle Dinge liebhaben sollen.

Und er steht auf – so habe ich das mal in einem Film gesehen, wie sich der Regisseur das ausgemalt hat –, geht zur Wand, da hängt ein Wandteppich, den schlägt er zur Seite, nimmt einen losen Stein raus und holt dahinter einen dicken Geldbeutel raus. Den wirft er auf den Tisch, und sagt, wenn ich jemanden betrogen habe, gebe ich ihm viermal so viel zurück. Und die Hälfte von allem, was ich habe, gebe ich den Armen. Und er lacht dabei. Ein ganz fröhliches, befreites Lachen. Aber die anderen, die dabei sitzen, die lachen auch. Nur, die lachen Zachäus aus. So dumm kann doch keiner sein, dass er so viel Geld einfach weggibt. Aber Zachäus tut es. Und in dem Theaterstück heute haben wir gesehen, dass er vielleicht auch zu den Bettlern gegangen ist, denen er nie etwas gegeben hat. Zu Andreas und Paul und Bartimäus. Weil er ihnen gleich etwas geben wollte.

Nur, Bartimäus ist nicht mehr an seinem Platz. Er ist ja geheilt worden. Wo ist er hin – habt ihr das behalten? Er ist hinter Jesus hergegangen, sagen die Leute. So haben wir's in der ersten Lesung am Ende gehört. Vielleicht haben wir's auch überhört. So ging mir's, als ich in der Vorbereitung zur Kinderbibelwoche dieses Theaterstück gelesen habe: Dass Bartimäus mit Jesus mitgegangen ist, hatte ich nicht im Kopf. Aber es steht da.

Was aber heißt das nun für uns? Ich glaube, wir haben alle unsere Behinderungen. Auch wenn wir heute da viel Hilfe haben. Wer nicht sehen kann, kann sich ein Rezept vom Computer vorlesen lassen. Und einen Busfahrplan auch. Und wer nicht laufen kann, kann einen Rollstuhl bekommen. Aber eins haben wir ganz nötig, wo es keine Hilfsmittel gibt: Dass wir Gott im Leben haben. Dass unser Leben mit ihm in Ordnung kommt. Darum können wir ihn nur bitten, wie wir es ganz am Anfang getan haben. Martin Luther hat ein paar Stunden vor seinem Tod auf einen Zettel gekritzelt: “Wir sind Bettler, das ist wahr.” Ja, wir können nichts von Gott verlangen. Aber Gott sucht uns. Er kommt dahin, wo wir sind. Und er fragt uns: Was willst du – was soll ich für dich tun? Was würdest du antworten? Du brauchst jetzt nicht an ein neues Handy oder ein neues Auto zu denken. Denk an das, was dir kein Mensch geben kann, und was auch dem reichsten Menschen fehlt, wenn Gott es ihm nicht gibt: Dass wir wissen können: Gott hat uns lieb. Gott sieht unsere Fehler. Aber wenn wir ihm sagen, dass uns diese Dinge leid tun, und ihn bitten, dass er sie wegnimmt, dann vergibt er uns.

Und dann ist es ganz wichtig, dass wir noch einmal sehen, was Bartimäus getan hat: Er ist mit Jesus mitgegangen. Denn wenn Gott uns gesund macht, wenn wir krank sind, oder uns hilft, wenn wir wirklich in Geldnot sind, oder macht, dass wir uns besser fühlen, wenn es uns nicht gut geht – dann nützt uns das alles am Ende nichts, wenn wir nicht mit Gott leben. Denn dann sind wir am Ende schlimmer dran als ein Bettler. Denn wer hier ohne Gott lebt, der geht am Ende verloren. Und da hilft dann alles Bitten und Betteln nichts mehr.

Deswegen sagt Jesus am Ende des Evangeliums: Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden. “Selig”, das heißt, gerettet. Der wird für immer bei Gott sein. Glauben heißt vertrauen, dass er, wenn er uns zu sich ruft, zwar nie sagt: Was bei dir nicht in Ordnung ist, das ist alles nicht so schlimm. Aber vertrauen wie Zachäus, dass er uns nicht ruft, um uns fertig zu machen. Sondern um uns davon loszumachen. Und getauft werden – das ist die große Einladung: Wenn du getauft worden bist, dann hat Gott dich zu seinem Kind gemacht. Und lädt dich ein, neu zu entdecken, welche große Freude es ist, mit ihm zu leben. Und wenn du noch nicht getauft bist, dann frag deine Eltern danach, ruft zusammen bei euerm Pastor an, und denkt nicht zuerst an die Feier oder das Essen oder wer das bezahlen soll, sondern daran, dass Gottes Sohn für uns bezahlt hat, damit wir bei Gottes ewiger Feier dabei sind. Und dass er uns das schenkt in der Taufe. So einen Vater haben wir im Himmel. So einen Gott haben wir. Gott sei Dank! Amen.

(Daniel Schmidt, P.)

3. Sonntag nach Trinitatis (ohne Predigtreihe) – Abschluss der Kinderbibelwoche