Predigt vom 6.8.2017 (Jes. 2,1-5)


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Create Date7. August 2017
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Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Schwestern, liebe Brüder in Christus,

Wo ist ihre große Vision?” So wurde Helmut Schmidt einmal in einem Interview gefragt. Das war Anfang der 1970er Jahre, um die Zeit, als er Bundeskanzler wurde. Und er hat darauf geantwortet: “Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.”

Da wollte wohl jemand aus ihm herauslocken, wie sich dieser Politiker die Zukunft ausmalt. Das würde sich in den Zeitungen gut rausbringen lassen. Den Politiker aber könnte es in Schwierigkeiten bringen. Dann nämlich, wenn er es nicht schafft, seine Vision zu verwirklichen. Ein guter Grund für Helmut Schmidt, so zu antworten: Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen. (Später hat er mal gesagt: Das war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage).

Politiker sind entweder ganz praktische Leute. Sie versuchen, die Gesellschaft zu beeinflussen. Und sie passen ihre Zielvorstellung immer wieder an die Wirklichkeit an.

Oder sie haben eine große Vision. Eine Vorstellung von der Zukunft. Wenn die Gesellschaft das auch so sieht, lässt sich damit Großes erreichen. Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, gab es so etwas wie eine Vision. Die Wüste zum Blühen bringen – das gehörte dazu, und tatsächlich gab es bald Siedlungen in der Wüste, die mit Bewässerung Obst anbauen konnten. Diese Stimmung führte auch zu militärischen Erfolgen, die kaum einer für möglich gehalten hatte. “Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger” – so hat es der Schriftsteller Ephraim Kishon mal schelmisch auf den Punkt gebracht.

Viele Visionen aber gehen auf Kosten der Menschen. Der Kommunismus hatte die Vorstellung davon, dass alle gleich sein sollten. Nur die, die “oben” waren, wollten nicht ganz gleich sein. Eigentlich steckt hinter jedem Gewaltsystem so eine Vorstellung, bis hin zum Islamischen Staat, der Menschen anzieht mit der Hoffnung, eines immer größer werdenden Gottesstaates, in dem es keine Feinde des Islam mehr gibt. Welche furchtbaren Folgen das hat, das haben inzwischen auch einige Jugendliche erlebt, die in Deutschland aufgewachsen sind, sich voller Eifer als Kämpfer gemeldet hatten und froh sind, wenn sie aus dieser Spirale von Hass und Gewalt und Angst überhaupt wieder rauskommen.

Solche Art von Visionen sind nicht gesund. Deswegen gefällt mir Helmut Schmidts Satz. Wer sie hat, vor allem, wer sie durchsetzen will, der sollte zum Arzt gehen. Das wäre besser für alle.

Aber wie ist das mit dem, was wir hier beim Propheten Jesaja lesen? Eine Vision ist etwas, das man sieht, aber nicht so, dass man es mit der Kamera fotografieren kann. Auch nicht unbedingt so, dass andere es auch sehen. Gilt das nicht genau so von dem, was Jesaja beschreibt? Die Völker werden zum Berg Zion ziehen, d.h. dahin, wo seit Salomo der Tempel stand. Viele Juden sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts dorthin gezogen, das hat letztlich zur Gründung des Staates Israel geführt. Aber dass alle Völker der Welt sich dorthin aufmachen, in friedlicher Absicht – erleben wir das? Das geht ja auch gar nicht, könnte man sagen, das Haus Gottes, von dem Jesaja spricht, steht ja dort seit 1950 Jahren nicht mehr.

Und dass Schwerter zu Pflugscharen werden – das haben Menschen zwar aufgegriffen, es gab Aufkleber mit dem Bibelvers in der Friedensbewegung in beiden Teilen Deutschlands in den 1980er Jahren. Am 24. September 1983 hat auf dem DDR-Kirchentag in Wittenberg ein Schmied hinter der Schlosskirche ein Schwert umgeschmiedet zu einer Pflugschar, Stefan Nau hieß er. Das mag alles die Sinnlosigkeit des Wettrüstens gezeigt haben, das mag auch zur Abrüstung beigetragen haben – aber heißt das, wir haben heute keine Bundeswehr-Panzer mehr, keine NATO-Hubschrauber, keine Verteidigungsministerin, keinen Mali-Einsatz? Nord-Korea testet Langstrecken-Raketen, Präsident Trump droht Kim Jong-un mit Krieg, Israel hat ein ziemlich gut funktionierendes Raketen-Abfang-System, weil es nötig ist – und denkt nicht daran, das einzumotten.

Überhaupt, im Nahen Osten ist die Situation so unübersichtlich, dass man die Staaten und die Politiker kaum einteilen kann in “gute” und “schlechte”. Und wir können auch nicht den modernen Staat Israel einfach mit dem Volk gleichsetzen, das Gott von Anfang an erwählt hat und weiterhin lieb hat wie seinen Augapfel; als ob alles, was in Israel politisch und militärisch passiert, von Gott kommt. Wir erleben allerdings, dass gerade der Tempelberg ein heißer Konfliktherd bleibt, wo in den letzten Wochen zwei israelische Polizisten getötet wurden mit Waffen, die auf den Tempelberg gebracht worden waren, und Israel daraufhin den Zugang zu den muslimischen Stätten stark eingeschränkt hat. Ich bin kein Prophet, aber es mag sein, dass Gott damit manchen von uns darauf stoßen will, dass diese Welt Frieden braucht, und dass er nur dort zu finden ist, wo Gott versprochen hat, dass er sich in seiner Gnade finden lässt.

Wenn das aber die täglichen Nachrichten sind, hätte Jesaja also lieber zum Arzt gehen sollen, statt diese Vision aufzuschreiben? Zum Augenarzt, oder zum Psychologen? Und wie ist das mit uns, wenn wir diesen Abschnitt aus dem Alten Testament als Christen so wichtig nehmen, dass wir ihn im Gottesdienst lesen und uns eine Viertelstunde oder mehr am Sonntagmorgen damit befassen? Wenn wir glauben, dass das irgendwie wahr ist oder wahr werden wird?

Nun, wir finden bei Jesaja keinen Zeitplan für das, was er hier beschreibt. Im Kommunismus waren 5- und 10-Jahres-Pläne üblich, und alle mussten daran arbeiten, sie zu verwirklichen. Und manchmal wurden hinterher die Zahlen über die Erntemengen in der Landwirtschaft verbessert, damit nur ja die Vision bestehen bleibt, selbst wenn die Leute hungern mussten. Bei Jesaja aber steht nichts von 50 oder 500 oder 2000 Jahren. Hier steht “In den letzten Tagen.” So redet Gottes Wort von der Endzeit dieser Welt. Von der Zeit, wo er selbst kommt, um sein Volk zu retten. Wo Lahme gehen und Blinde sehen und den Armen das Evangelium verkündigt wird. Kurz: Von der Zeit, die angebrochen ist mit der Geburt Gottes in dieser Welt, in Bethlehem, in seinem Sohn. Die wir im Glauben erkennen. Und doch nicht beweisen können, dass sie angefangen hat.

Gottes Sohn hat Lahme geheilt und Blinde. Er ist gekommen, um sich die Schuld von armen, sündigen Menschen aufzuladen, die sich da nicht herausarbeiten können, und vergibt ihnen. Das ist das Evangelium, das uns Armen verkündigt wird.

Und was ist mit dem Berg Zion? Die Frau am Jakobsbrunnen hat ihn gefragt, auf welchem Berg denn nun Gott angebet werden soll, dort oder auf dem Berg Garizim, wie es die Samaritaner bis heute tun. Und er hat ihr gesagt: Gott ist im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Das heißt: der wahre Tempel Gottes ist er selbst, Christus. Da ist Gott zu finden. Da ist er gegenwärtig. Da ist unsere Rettung.

Die Frau hat es erkannt, hat es in ihrem Ort weitergesagt, und viele haben geglaubt. So kommen Völker hin zu dem, in dem der heilige Gott gegenwärtig ist, in dieser Welt. 30 Jahre vorher waren heidnische Männer nach Jerusalem gezogen, um ihn zu finden, und hatten gehört: Dort ist er nicht, nicht im Tempel und nicht im Palast, sondern in Bethlehem im Stall. Und es ging weiter. Paulus ist zu den Heiden gegangen, und viele haben das Wort aufgenommen und sich taufen lassen. Wenn's nicht so wäre, würden wir heute nicht zum lebendigen Gott gehören, dann würden wir das Wort, das er durch einen jüdischen Propheten 740 Jahre vorher gesprochen hat, vielleicht nicht einmal kennen.

Nun aber ist es so, und dieser Abschnitt kann heute von Menschen mit 636 verschiedenen Muttersprachen gelesen werden (Zahl der vollständigen Bibelübersetzungen, September 2016). Die Zahl der Christen nimmt weltweit zu, auch wenn wir's in den westlichen Ländern anders erleben. Heiden kommen in die Gegenwart des lebendigen Gottes durch die heilige Taufe. Aus Afghanistan, dem Iran und aus Syrien kommen Menschen, die dort Gottes Wort gehört haben, nach Europa – viele gezwungenermaßen. Das mag auf der Karte nach einer Bewegung weg vom Tempelberg, von Jerusalem, vom Nahen Osten aussehen. Aber sie kommen, weil sie den einen wahren Gott gehört haben. Sie ziehen zu ihm hin, wie es hier bei Jesaja heißt. Aber wie kommt das?

Alle Heiden werden herzulaufen”, heißt es bei Jesaja, “und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.”

Der letzte Teil, dass von Zion Weisung ausgeht, der ist geschehen. Wir hören es in den Evangeliumslesungen in unseren Gottesdiensten, etwa wenn Jesus in der Bergpredigt sagt (Matth. 5,34ff.)

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3. Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.”

Im heutigen Staat Israel gibt es Verbrechen und Gewalt, da gibt es Polizei und Militär zum Schutz der Ordnung, da gibt es auch Politiker, die Unrecht tun. Da gibt es wie in anderen Ländern – auch bei uns – auch Hassprediger. Jesus aber sagt: “Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.” So geschieht das, dass Menschen aufhören mit der alltäglichen Gewalt gegeneinander. Und es geschieht, wo Menschen es erleben, dass er für uns Sünder selbst so bittet. Für uns, die wir gegen Gott waren und es verdient hätten, dass er uns mit allen Mitteln bekämpft. “Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid” (Matth. 11,28) – damit zieht er uns zu sich. Und wie der Apostel Johannes schreibt in seinem Brief: “Wenn wir ... unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.” (1. Joh. 1,9)

Nein, wir werden kein Paradies auf Erden erleben. Selbst wenn Nordkorea und die USA, der IS und der Irak und die Hamas und Israel und die Türkei und Russland und China komplett abrüsten würden – damit wäre die Gewalt zwischen Menschen nicht aus der Welt: Das Durchsetzen des Stärkeren auf Kosten der anderen in der Firma. Das Mobbing in der Schule. Und Angriffe wie in Hamburg-Barmbek am 28. Juli, als ein Mann in einem Supermarkt mit einem Küchenmesser einen Menschen getötet und sieben verletzt hat. Und der dazu immer wieder den einen Satz gesagt hat, den viele von uns inzwischen auch auf Arabisch verstehen: „Gott ist groß“ – ein Glaubensbekenntnis, das heute oft für schwere Verbrechen missbraucht wird.

Nein, liebe Gemeinde, da hilft es nichts, wenn wir uns eine Vision machen und versuchen, sie durchzusetzen. Auch wenn es noch so gut gemeint ist. Und genau das tut Jesaja nicht. Was sagt er, nachdem er seine Vision beschrieben hat; das heißt nicht das, was er sich ausgemalt hat, sondern was Gott ihn hat sehen lassen?

Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, und lasst uns wandeln im Lichte des Herrn.”

Er wendet sich an die, die zum Haus Gottes gehören. Und damit auch an uns. Uns hat er schon in sein Friedensreich hineingenommen. Mit unseren Füßen und Stimmen will er bis an die Enden der Erde gehen, um zu Jüngern zu machen alle Völker, damit sie dabei sind, wenn er am Ende alle zu sich ziehen wird. Die aus Wasser und dem Heilgen Geist neu geboren sind, in deren Herzen er allen Hass täglich überwunden hat. In denen nichts mehr wohnt als seine Liebe. Wenn diese Welt einmal zu Ende geht, weil nichts Böses in die neue Welt hineinkommen wird;

Das erleben wir hier noch nicht. Und da haben wir keinen Grund, die Welt schön­zureden. Wir haben aber auch keinen Grund, unsere Hoffnung auf eine Welt im Frieden zu begraben, wie der Kommunismus in unserem Land 1989 begraben wurde. “Ihr seid das Licht der Welt”, sagt Jesus: wir kennen diese Wirklichkeit, wir glauben sie. Lasst uns in ihr leben, dann werden wir sie auch mit unseren Augen sehen. Und dann mit dem Propheten Jesaja zusammen und mit Menschen aus unzähligen Völkern Gott loben und anbeten in seiner ewigen Herrlichkeit, in ewigem Frieden. Und miteinander bekennen: Gott ist groß. Er tut, was er sagt. Das ist wirklich und wahr. Sein Reich kommt. Amen.

8. Sonntag nach Trinitatis (Hauptgottesdienst)

Daniel Schmidt, P.