Predigt vom 6.3.2019, Aschermittwoch (Joel 2,12-19)


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Create Date9. März 2019
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So spricht der HERR: bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit Weinen, mit Klagen! Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und bekehrt euch zu dem HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es gereut ihn bald die Strafe. Wer weiß, ob es ihn nicht wieder gereut und er einen Segen zurückläßt, so daß ihr opfern könnt Speisopfer und Trankopfer dem HERRN, eurem Gott.

Blast die Posaune zu Zion, sagt ein heiliges Fasten an, ruft die Gemeinde zusammen! Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde, sammelt die Ältesten, bringt zusammen die Kinder und die Säuglinge! Der Bräutigam gehe aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Gemach! Laßt die Priester, des HERRN Diener, weinen zwischen Vorhalle und Altar und sagen: HERR, schone dein Volk und laß dein Erbteil nicht zuschanden werden, daß Heiden über sie spotten! Warum willst du unter den Völkern sagen lassen: Wo ist nun ihr Gott?

Dann wird der HERR um sein Land eifern und sein Volk verschonen. Und der HERR wird antworten und zu seinem Volk sagen: Siehe, ich will euch Getreide, Wein und Öl die Fülle schicken, daß ihr genug daran haben sollt, und will euch nicht mehr unter den Heiden zuschanden werden lassen.

Liebe Schwestern und Brüder,

es geht uns gut. Verglichen mit dem, was die Israeliten durchmachten, als der Prophet Joel diese Worte sprach, geht es uns gut. Trotz einem viel zu nassen Jahr, einem viel zu trockenen und ungewissen Aussichten für das Wetter in diesem Frühjahr. Israel hatte nicht nur mit Trockenheit, sondern mit Dürre zu kämpfen, und das hieß Ernteausfall. Und das ging nicht nur für Landwirte an die Existenz – das heißt für fast alle –, sondern es gab tatsächlich fast nichts zu essen. Dazu kamen Insektenschwärme, die jedes grüne Blatt abfraßen, und kein Insektenvernichtungs­ mittel. Und feindliches Militär, das im Norden aufzog. Wie's da in den Häusern aussah, kann man sich denken: Kinder gingen weinend vor Hunger ins Bett, Erwachsene fanden keinen Schlaf aus Sorge und Angst, Ältere starben, weil sie keine Kraft mehr hatten.

Verglichen damit geht es uns gut. So schwer wie es für die Landwirte in den letzten Jahren war, so sehr viele über die Politik verunsichert sind. Und obwohl die Umweltprobleme, die von uns Menschen gemacht sind, längst die ganze Welt betreffen und wir das Rad da nicht zurückdrehen können. Die meisten von uns hier haben noch nie echten Hunger erlebt (außer bei einer Diät). Und wir können wirt­ schaften, wir können Geld anlegen und investieren, wir können etwas aufbauen.

Warum also sollen wir uns mit so einem Abschnitt aus dem Buch des Propheten Joel befassen, geschrieben rund 500 Jahre vor Christi Geburt? Geschrieben in eine Situation hinein, die nicht unsere ist?

Die Antwort lässt sich ganz kurz zusammenfassen. Gott sagt durch den Propheten: Ihr habt das verdient.Es ist die Konsequenz eures Verhaltens. Wenn ihr, die ihr zu Gott gehört, nicht mehr so lebt, dann geht es euch wie denen, die keinen Gott kennen und haben. Dass immer weniger am Gottesdienst teilnehmen, das ist dann Ursache und Folge davon. Und für manche, die noch kommen, ist es mehr wie eine Pflichterfüllung. Daneben sucht man sich dann andere spirituelle Erfahrungen. Und Gottes Regeln für das Zusammenleben werden unverbindlich. Politiker achten nicht mehr die Ehe. Das Leben eines Menschen gilt immer weniger, wenn er alt oder krank oder behindert ist, ob vor der Geburt oder im Alter oder irgendwo dazwischen.

Ich wiederhole noch einmal die Zusammenfassung: Ihr habt das verdient, sagt Gott zu Israel. Dahinter steckt, dass es im Alten Bund einen sehr direkten Zusammenhang zwischen dem Verhalten gab und dem, wie es dem einzelnen und der Gesellschaft ging. Denn das Volk Israel und das Volk Gottes, das war das gleiche. Oder sollte es sein.

Das ist im neuen Gottesvolk, in der Kirche, nicht mehr so; seitdem Gott aus allen Völkern Menschen beruft, dass sie zu ihm gehören. Die Rede von einer christlichen Kultur ist deshalb zumindest sehr ungenau, und womöglich irreführend. Wir haben in Europa christlich geprägte Innenstädte mit historischen Kirchen, wir haben christlich geprägte Feiertage, wir haben den einigermaßen freien Sonntag. Aber es gab zu allen Zeiten in Europa auch Dinge, die einem christlichen Leben wider­ sprechen. Und wer sich heute ärgert, wenn ein Weihnachtsmarkt irgendwo umbenannt wird in “Wintermarkt”, der glaubt deswegen noch nicht umbedingt, was der Grund für Weihnachten ist: Dass Gottes Sohn Mensch geworden ist.

Und trotzdem: Diesen Satz “ihr habt das verdient”, den haben Christen immer wieder auch auf sich bezogen. In einem ganz allgemeinen Sinne: So, wie wir Gott immer wieder enttäuschen mit unserem Leben, so wie wir seinen Namen in den Schmutz ziehen, wenn wir uns Christen nennen und ganz anders verhalten, haben wir nichts Gutes verdient. Und haben alles verdient, was an Not da ist in unserem Leben und in unserer Gesellschaft. Und da geht es nicht nur um Mörder oder Kinderschänder, da geht es gerade auch um ganz normale Durchschnittschristen. Um solche, die meinen, dass ja im großen und ganzen alles bei ihnen in Ordnung ist. Und die deshalb denken, dass sie mit dem Ruf zur Umkehr nicht wirklich gemeint sind.

Wenn diese Not besonders groß war, wurden deshalb manchmal bis zu vier Bußtage im Jahr eingerichtet. Und keiner hat sich gefreut, dass da noch arbeitsfreie Tage dazugekommen sind. Uns ist davon noch der Buß- und Bettag geblieben im November, und in gewisser Weise die Fastenzeit, die heute mit dem Ascher­ mittwoch beginnt. Diese Bußtage waren immer wieder ein Ruf zur Umkehr und eine Bitte um Verschonung. Denn wo Menschen nicht mehr nach Gott fragen, wo sein Wort nicht mehr als sein Wort verkündigt und gehört wird, da gibt Gott keine Garantie, dass wir es morgen noch haben werden. Dann sind wir diesen Entwicklungen in der Gesellschaft und solchen Katastrophen tatsächlich hilflos aus­ geliefert. Das ist die Folge davon, wenn Menschen sich von Gott lossagen.

Heute aber hat für viele das Wort “Buße” einen ganz anderen Klang bekommen. Am ehesten denken sie da noch an eine Strafgebühr für falsches Parken oder zu schnelles Fahren. Und “Buße tun”, das klingt für viele wie aus einem Film oder irgendeiner seltsamen Sekte. Wie Untergangsprediger vielleicht. Oder eine Gemeinschaft, die ihre Anhänger in Angst und Schrecken hält. Wenn überhaupt heute in der Kirche noch von Buße die Rede ist, dann geht es oft eher um eine “Buße light”, eine Wiederbesinnung auf Werte wie Ehrlichkeit oder Respekt, oder einen persönlichen Ruck, dass man sich doch mal wieder ein bisschen Zeit nimmt für sich selbst. Oder die radikale “Buße light”, wo man ganz konsequent nur noch fair gehandelte Bio-Sachen kaufen will, wo man sich tatsächlich noch mehr neuen Gesetzen beugt und von “Bewahrung der Schöpfung” redet, aber mit dem Schöpfer nichts mehr zu tun haben will. Wo letztlich im Hintergrund steht, dass wir die Natur retten müssen und damit uns selbst.

Aber eine “Buße light” ist wie ein Wendemanöver auf der Autobahn. Nicht zu Ende gedacht und gefährlich. Wer in die falsche Richtung unterwegs ist, muss die Ausfahrt nehmen und muss auf die andere Seite rüber kommen. Dazu ruft der Prophet Joel alle auf, die zu seiner Zeit in die falsche Richtung unterwegs sind, weg von Gott, und uns auch.

“Weg von Gott”, ist das unsere Situation? Sind wir nicht hierher gekommen, zum Bußgottesdienst? Wir hätten ja auch sagen können, Aschermittwoch ist halt das Ende des Karnevals – endlich, würden manche hier vielleicht denken. Und dann gibt's noch den politischen Aschermittwoch in Süddeutschland. Aber ich muss da nicht unbedingt zur Kirche.

Nein, wir müssen nicht. Gott zwingt uns nicht. Aber er warnt uns. Er sagt uns, dass wir es nötig haben umzukehren. “Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider”, sagt er hier. Innen drin, da müssen wir umkehren. “Bekehrt euch zu dem HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte, und es gereut ihn bald die Strafe.” Ja, Gott lässt sich doch bitten, dass er der Not ein Ende machen möge. Durch Joel kündigt er schon an, dass es wieder genug zu essen geben soll. Er lässt sich auch bitten, dass solche Umkehr auch in unserer Gesellschaft passiert. Tun wir's. Bitten wir ihn darum!

Und zu solcher Umkehr sollen alle zusammengebracht werden, sagt Joel: die Ältesten, die Kinder, die Säuglinge. Die Priester, die von Berufs wegen in den  Gottesdienst gehen. Bräutigam und Braut, die im Moment mit etwas ganz anderem und wunderschönen beschäftigt sind, ihrer Liebe zueinander und ihrer gemein­ samen Zukunft. Denn ohne die Umkehr zu Gott haben wir keine Zukunft. Und ohne Umkehr ist der Gottesdienst nur eine äußerliche Sache.

Und dann stellt der Prophet die Frage: “Wer weiß, ob es Gott nicht wieder gereut und er seinen Segen zurücklässt.” Liebe Gemeinde, darauf haben wir die Antwort in unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Wir wissen es! Wir wissen es seit Karfreitag, dass sich bei Gott im Herzen selbst etwas geändert hat. Seitdem sein Sohn unsere Schuld auf sich genommen hat, ist der Zorn bei ihm gestillt für die, die in seinen Tod hineingetauft sind. Seitdem ist Gottes Herz voll von Gnade für uns.

Und noch ein letztes: Der Prophet Joel sieht, was die anderen denken, wenn es Gottes Volk schlecht geht. Sie folgern daraus, dass es diesen Gott eigentlich gar nicht gibt, dass der Glaube an ihn genauso eine selbstgemachte Vorstellung von Menschen ist wie alle Religionen. Aber wenn wir ihn suchen, sagt Joel, wird Gott um uns eifern. Er wird uns zeigen, dass wir einen Gott haben, der unsere Schuld vergibt, der unsere Gebete für unsere Gesellschaft und für die Kirche und unsere Gemeinde erhört, und für uns selbst.

Kein Mensch lässt sich gern sagen, dass er umkehren muss. Aber wie schön ist es umzukehren zu so einem Gott. Und wie gut, dass wir am Aschermittwoch nicht zuhause geblieben sind, und das hier erleben. Amen.

Bußgottesdienst zum Aschermittwoch (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.