Predigt vom 6.10.2019 (Jesaja 58,7-12, Erntedankfest)


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Create Date6. Oktober 2019
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Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, daßman da wohnen könne«.

Liebe Schwestern und Brüder,

Am 20. September 2019 fährt ein Vater mit seiner 15jährigen Tochter von Königs­ lutter nach Braunschweig. Rechts und links Ackerflächen. Manche abgeerntet, auf manchen steht noch der Mais. Vorbei an einer Biogasanlage. Und bei Cremlingen mehrere grüne Holzkreuze neben der B1. Die Tochter fragt, warum die da stehen. Das ist ein stiller Protest, sagt ihr Vater, gegen das jüngste Agrar­ paket der Bundes­ regierung. Immer mehr Vorschriften, immer mehr Auflagen für den Tier­ schutz. Kleine Höfe gehen ein. Die können nicht mehr wirt­ schaftlich produzieren.

Es ist Freitag. Die “Fridays for Future”-Bewegung hat zur Klimawoche aufgerufen. Die Tochter wird mit demonstrieren, gegen CO2 und für Klimaschutz. Der Vater sieht sich einige Plakate auf dem Schlossplatz an, setzt sich dann oben ins Caféund bestellt einen Espresso. Ihm geht manches durch den Kopf: wie viel CO2 diese Fahrt für seine Tochter produziert. Was der trockene Sommer mit dem Mais macht. Und mit den Landwirten und ihren Familien. Und ihm fällt das Lied ein “Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land”. Klingt das nicht wie ein romantisches Volkslied, aus einer Zeit, wo angeblich noch alles “Bio”war?

Liebe Gemeinde, all das ist nicht der Inhalt der christlichen Botschaft. Aber es betrifft uns als Menschen, und als Christen. Als Menschen, weil wir auf die Land­ wirtschaft angewiesen sind, weil wir Lebensmittel einkaufen und weil wir uns fortbewegen. Und als Christen noch einmal mehr, weil wir glauben, dass Gott diese Welt gemacht hat. Dass alles Leben von ihm kommt. Und dass wir ihm verant­ wortlich dafür sind, was wir mit dieser Welt machen.

Ja, wir sind ihm verantwortlich dafür. Aber er sagt nicht: Ihr müsst einen para­ diesischen Zustand wieder herstellen, nach dem, was die Industrialisierung in­ den letzten 200 Jahren mit der Welt gemacht hat. Er sagt auch nicht: Dubist persönlich für jeden Schaden in der Natur verantwortlich. Und er sagt nicht: die größte Sünde ist der Ausstoßvon Kohlendioxid (oder von Stickstoffdioxid) oder dass du deinen Einkauf in Plastiktüten packst.

Was Gottes Wort Sünde nennt, hat immer mit unserer Beziehung zu ihm oder zu unseren Mitmenschen zu tun. Wenn wir mit dem, was er geschaffen hat, so umgehen, als hätte uns keiner etwas zu sagen, dann ist etwas verkehrt mit unserer Gottesbeziehung. Und wenn wir mit dem Wasser oder dem Boden so umgehen, dass es der Gesundheit unserer Mitmenschen schadet, dann ist auch etwas verkehrt mit unserer Beziehung zu ihnen.

Oder wenn wir uns eine Sache für die “Klimagerechtigkeit”raussuchen, die wir persönlich recht leicht einhalten können, und dann über die anderen urteilen, als wären wir die Gesetzgeber unddie Richter. Undwenn wir meinen, wirkönnten oder müssten die Welt retten.

Das ist schon ein gewaltiger “Knoten”, liebe Gemeinde. Manchmal ist das so mit gesellschaftlichen Themen, die uns alle betreffen. Und dieses betrifft uns ja tatsäch­ lich zunehmend und weltweit. Aber wie bekommen wir diesen Knoten nun durch? Indem wir uns als Kirche den vielen, oft sicherlich gut gemeinten Vorschrif­ ten anschließen, die uns umgeben, und vielleicht noch versuchen, sie zu über­ bieten? So haben es die Pharisäer zur Zeit des Neuen Testaments gemacht mit den Vorschriften für das Essen und für den Tempelbeitrag.

Wie wir als Teil unserer Gesellschaft mit dieser Spannung fertigwerden, dafür gibt uns Gottes Wort aber keinen Katalog von Regeln. Dafür gibt er uns unseren Verstand, unser Gewissen, das wir immer wieder an seinem Wort schärfen sollen, und Brüder und Schwestern, Mit-Landwirte und Mit-Verbraucher. Da werden wir uns wie in anderen Dingen auch nicht immer alle einig werden. Aber unserer Verantwortung können wir uns da nicht entziehen. Und wir müssen eingestehen, dass auch der Umwelt-Schaden in der Welt etwas zeigt von dem Schaden in uns drin, von der Sünde, die unser Denken, unser Wollen und unser Handeln belastet.

Das heißt allerdings: Selbst wenn wir alles tun, was wir können, macht uns das nicht gerecht. Und: Wir werden diese Welt nicht retten. Aber wir werden unser Leben verlieren, wenn wir unseren Schöpfer verlieren.

In dem Abschnitt aus dem Jesajabuch, den wir gehört haben, steckt deutliche Kritik an unserem menschlichen Verhalten und an unserem Umgang mit dem, was wir an Lebensmitteln ernten. Aber eine Weltuntergangsstimmung ist da nicht zu finden. Im Gegenteil, es geht um ganz viel Segen, den Gott uns geben will.

So, wie er es gesagt hat, als Noah und seine Familie gerade den Untergang der Welt erlebt hatten, wie sie sie kannten. Da hat Gott zugesagt, dass Sommer und Winter, Saat und Ernte nicht aufhören sollen, solange diese Erde besteht. Darum ging es letzten Mittwochabend hier im Gemeindesaal bei den Landfrauen. Und er hat uns seinen Sohn gegeben, um uns zu retten. Dadurch sind wir seine Kinder und er unser Vater. Zu ihm sind wir gekommen, als wir am Pfingstmontag hier einen Erntebittgottesdienst gefeiert haben. In der Predigt habe ich da am Schluss gesagt:

"Wo wir selbst noch nicht sehen, dass Gott sein Versprechen erfüllt, da lasst es uns tun wie Petrus, der Jesus fragt: Herr, wir haben alles aufgegeben für dich und sind dir nachgefolgt, was bekommen wir dafür? Wenn wir ihm nachfolgen und alles andere auf den zweiten Platz rückt, dann gilt auch uns die Antwort, die Jesus Petrus gegeben hat: Wir werden nicht zu kurz kommen. Er hat viel tau­ send Weisen zu helfen und zu segnen. Unser Leben hängt nicht an dem, was wir haben. Auch nicht an dem, was wir nicht haben in dieser Welt. Es hängt an ihm.

Lasst uns deshalb nicht aufhören, ihn zu bitten. Lasst uns vertrauen, dass er uns hört. Und nicht vergessen, ihm zu danken. Im Erntedankgottesdienst am 6. Oktober, so Gott will. Mit unserer Kollekte für die Aufgaben und Verpflichtungen unserer Gemeinde und unserer Mission. Und immer wieder auch mit einem Dank-Anliegen in unserem Gebetskasten draußen im Vorraum.“

Bei aller Kritik an unserem Umgang mit der Natur, von der in den letzten Monaten viel von Menschen kommt, und bei aller Kritik, die Gott an unserem Umgang miteinander übt, haben wir doch auch dieses Jahr sehr viel, für das wir unseren Ernte-Dank bringen können. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Meine Familie und ich, wir haben es jahrelang erlebt, dass in unserem Ort mit 12000 Einwohnern nie feststand, ob die Landwirtschaftsmesse da stattfinden würde oder nicht. Da konnte man in guten Jahren wie heute hier die schönsten Melonen, Hirse und Mais sehen, die besten Hähne und Zuchtbullen –aber oft gab es eben kaum eine Ernte, und dann fiel die Messe aus. Es ist keine Selbstverständlichkeit, als ob wir diesen Segen, den Gott uns so gerne und mit Freud gibt, verdient hätten.

Wir leiden keinen Hunger, auch wenn solche Jahre wie die letzten drei für man­ chen Betrieb an die Existenz gehen. Und wir werden gleich beim Altarumgang unsere Kollekte in den Dank-Kasten legen. Solcher Dank im Gebet und mit der Hand am Geldbeutel ist gut. Aber es geht Gott dabei nicht um die Höhe unserer Kollekte. Es geht ihm um unser Herz. Wie wir geben –ob knauserig oder reichlich, ob voller Sorge, oder mit Zuversicht, weil er auch weiter für uns sorgen wird –das zeigt, wie unsere Beziehung zu ihm ist. Und beim Umgang mit der Schöpfung, da guckt er zuallererst darauf, wie wir mit unseren Mit-Menschen umgehen.

Davon spricht Gott hier im Jesajabuch im 58. Kapitel. Was wir gehört haben, sagt er in einer Situation, wo sein Volk genug hat, um Opfer zum Tempel zu bringen; wo sie freiwillig auf manches verzichten –das Wort “fasten”steht da –, und wo ein ganzer Teil von ihnen immerhin zu den Gottesdiensten kommt. Gott aber sieht auf das Ganze. Er mag das nicht, sagt er, wenn sie gleichzeitig ihre Arbeiter ungerecht behandeln, wenn sie dabei im Streit untereinander leben, zanken und “mit gottloser Faust dreinschlagen”. Was würde der Prophet heute den Arbeitgebern sagen im Blick auf die Einhaltung von Urlaubs- und Freizeitregelungen, Einrichtung von Betriebsräten, oder die Bezahlung von Überstunden? Was würde der Prophet zu unseren Abrechnungen sagen bei Dingen, die oft nicht nachgeprüft werden, etwa mit Versicherungen? Gott unsern Dank bringen, und uns zugleich etwas nehmen, was uns nicht zusteht, das passt nicht zusammen.

Und wie ist das mit dem “Klima”untereinander? “Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest,”sagt der Prophet, “sondern den Hungrigen dein Herz finden läßt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.”Das ist die “Klima”-Gerechtigkeit, die Gott von uns fordert.

Da gibt es vieles, was in dieser Gemeinde für ein gutes Klima, ein gutes Mitein­ ander getan wird. Viel uneigennützigen Einsatz, unzählige Arbeitsstunden, über die einer nicht abrechnet, die musikalische Begleitung bei Hochzeiten und Beerdigun­ gen, manche Anschaffungen für die Gemeinde, für die kein Kassenzettel vorgelegt wird, und manches, was von Herzen kommt an kurzen oder längeren Gesprächen und guttut. Aber ich höre auch, dass es das gibt, was der Prophet hier sagt; Reden übereinander und Fingerzeigen, wo welche zusammenstehen oder unter der Woche bei einer Feier zusammensitzen. Ob das wahr ist, werdet ihrwissen, und kann sich jeder selbst fragen. Wo es das gibt, da widerspricht es unserem Christ­ sein, und diesen Wider­ spruch merken andere in- und außerhalb der Gemeinde.

Am meisten aber spricht der Prophet über das Teilen: Unterkunft geben dem, der ohne Obdach ist, Essen geben dem, der hungrig ist, Kleidung abgeben für den, der keine hat. Vieles davon tut heute der Staat mit Sozialhilfe oder mit der Unter­ bringung von Flüchtlingen. Trotzdem haben wir auch persönlich dafür Verant­ wortung. Und wir nehmen sie auch wahr, wenn wir Kleider sammeln für Osteuropa, wenn einer gute Sachen ins Sozialkaufhaus bringt, statt sie über Ebay zu verkaufen, wenn unsere Erntedank-Gaben zur Tafel nach Gifhorn gebracht werden.

Das gilt dann aber auch im größeren Bereich, wenn es um die Aufnahme und den Schutz von Flüchtlingen geht. Wir mögen verschiedener Meinung darüber sein, wie unsere Regierung das in den letzten Jahren gehandhabt hat und handhaben sollte. Aber Jesus sagt: Was ihr einem von diesen Geringsten, die Kleidung oder Essen oder Unterkunft nötig hatten, nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan. Das ist eine ernste Mahnung. Und er sagt: Was ihr ihnen getan habt, das habt ihr mir getan. Wie schön, wenn wir damit etwas für unsern Herrn tun können, der alles für uns getan hat. Und wie schön, dass Gott den so gerne segnen will, der sich das sagen lässt:

“... deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, ... Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. …dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und [dich] stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.”

Wenn wir so miteinander umgehen, gerade auch mit denen, die nichts zurückgeben können, dann liegt da sein Segen drauf. Nicht Programme haben seine Verheißung in der Kirche, sondern solche Liebe zu unseren Mitmenschen mit unserer Tat. Am Ende unserer Lesung heißt es:

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward.”

Ich glaube, das gilt auch für die Kirche, die er neu bauen will bei uns. Gott sei Dank, dass wir genug haben, um dafür etwas zu geben; Gott sei Dank, wo er uns das Herz mit neuer Zuversicht füllt. Ihm sei Dank für alle Gebete, die er erhört, wie er's für uns in diesem Jahr getan hat, und für alle Beter. Lasst uns fröhlich geben, denn Gott hat selbst solche Freude daran, uns zu geben –wir sehen's ja! Und mit solchem fröhlichen Dank baut er seine Kirche. Amen.

Erntedankfest, 6.10.2019 (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.