Predigt vom 5.8.2018 (Römer 9,1-5 + 9,31-10,4)


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Create Date5. August 2018
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Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. […]

Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.«

Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende;wer an den glaubt, der ist gerecht.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt viele jüdische Witze. Ich meine nicht die antisemitischen, mit denen Angehörige des jüdischen Völkes oder des jüdischen Glaubens verhöhnt werden. Sondern die, die Juden über sich selbst erzählen. Über ihr Jüdischsein.

Kommt ein Dorfrabbiner zum Schlachter und fragt: “Was kostet große Fiesh in Fenster?” Der Schlachter sagt, “Lieber Rabbi, das ist kein Fisch, das ist ein Schweineschinken.” “Habe nicht gefragt Name von Fiesh. Habe gefragt was kostet!”

Da steckt alles drin: Dass Juden ein Gesetz haben, das bis in die Essensvor­schriften vieles regelt, dass sie sich damit im Alltag von anderen unterscheiden, und wie sie damit umgehen: Nämlich so, dass sie oft einen Weg darum herum finden. Und dass sie sich bei dem allen selbst nicht zu ernst nehmen. Weil ihre Besonderheit als Juden beides ist: Es hebt sie heraus aus den anderen Völkern. Und sie werden dafür immer wieder angegriffen.

Wir begehen im Kirchenjahr am 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest den “Israel­sonntag”. Gott hat sich am Anfang ein Volk erwählt, das unter allen Menschen in besonderer Weise zu ihm gehören soll. An dem die anderen sehen sollten, was ein heiliges Leben ist. Nämlich eins, das bis in den Alltag hinein zeigt: Wir gehören Gott. – Opfertiere werden geschächtet, das heißt so geschlachtet, dass sie vollständig ausbluten. Denn das Leben ist im Blut, und das Leben gehört Gott; der Mensch soll es sich nicht nehmen. – Es gibt reine und unreine Tiere. Warum manche zu den einen und manche zu den anderen rechnen, ist nicht immer deutlich. Aber deutlich ist, dass das ganze Leben rein sein soll. Und das heißt eben, dass ein Kind Gottes mit bestimmten Dingen nichts zu tun hat, dass bestimmte Dinge bei ihm nicht vorkommen sollen.

Und auch das, was wir im Glaubensbekenntnis “Gemeinschaft der Heiligen” nennen, wird bei den Juden im Alltag sichtbar. Denn ein frommer Jude betrat nicht das Haus eines Nichtjuden, weil das immer mit Essens- und eigentlich auch Lebensgemeinschaft verbunden war. Deshalb brachten die Hohenpriester Jesus im Gerichtspalast des Pilatus nur bis in den Innenhof. Ins Haus hinein gingen sie nicht mit, dort war Pilatus mit Jesus allein. Und deshalb musste Petrus von Gott mehrmals kräftig angeschubst werden, bevor er in das Haus des römischen Hauptmanns Kornelius hineinging.

Auf Weihnachtsmärkten werden manchmal kleine Schalen mit einem Schirm aus Papier verkauft, in die man ein Teelicht stellt. Auf der Innenseite sind ausgestanzte Figuren. Wenn man die Kerze anzündet, sieht man die außen als Schatten. So ähnlich wird im Volk Israel etwas deutlich von der geistlichen Wirklichkeit, in der wir als Kinder Gottes leben, wie ein nach außen geworfenes Schattenbild.

Schon deshalb lohnt es sich, im Alten Testament zu lesen. Vieles davon erkennen wir in den Vorschriften zu den Opfern, zu den Festtagen oder zur Wiedergut­ machung von Vergehen. Es lohnt sich aber auch deshalb, weil es ohne die Juden keine christliche Kirche geben würde. Martin Luther hat ein Buch geschrieben mit dem Titel, “Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei”. Unser Herr ist aber nicht nur in einer jüdischen Familie geboren;  er istauch weiterhin Jude, so wahr in ihm die menschliche und die göttliche Natur seit der Empfängnis untrennbar sind, so wahr er als ganze Person auferstanden ist. Es mag wie eine Gedankenspielerei klingen, aber an jedem Ort, an dem sich Zwei oder Drei als Christen versammeln, ist auch ein Jude: Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Das haben die Nazis nicht ändern können und keine Judenverfolgung davor oder danach. Der Retter, der der Welt versprochen war, ist ein Nachkomme Abrahams. Und er hat eine jüdische Mutter – was für Juden bis heute heißt, dass jemand Jude ist. Wir aber können an diesem Volk viel lernen:

  1. Gott bereut seine Erwählung nicht. Manche von uns erinnern sich an Steve Cohen, den wir zum vorletzten Missionsfest hier hatten. Er hat die von ihm gegrün­ dete Mission unter Juden Gottes “Augapfel” genannt. Ja, Israel ist sein Augapfel, den er besonders schützt. Es gibt kein anderes Volk, das seit über 2000 Jahren zum größten Teil in der Welt zerstreut gelebt hat und trotzdem weiter besteht.

Gott bereut seine Erwählung nicht. Das gilt auch für dich. Wenn du konfirmiert wurdest, dann hast du an dem Tag versprochen, in der Kirche zu bleiben, regelmäßig zum Gottesdienst und zum heiligen Abendmahl zu kommen, und dein Leben an seinem Willen auszurichten. Hat es Zeiten gegeben, wo du nichtsagen kannst, dass du das eingehalten hast? Ist es zur Zeit bei dir so? Vielleicht in der vergangenen Woche? Gott bereut seine Erwählung nicht. Deshalb ruft er uns auf, umzudrehen – damit wir sehen, wie er uns mit weit offenen Armen entgegenkommt.

  1. Wir täuschen uns, wenn wir meinen, wir hätten es irgendwie verdient, dass wir den wahren Gott kennen. Weil wir eigentlich aus einem ganz guten Elternhaus kommen. Oder aus einer “christlichen Kultur”. (Mit dem Begriff sollten wir sowieso vorsichtig sein, denn es finden sich auch in der Kultur und Geschichte sogenannter christlicher Länder viele Dinge, die durchaus nicht christlich sind.) Der einzige Grund dafür, dass Gott Israel ausgewählt hat, liegt bei Gott. Es ist seine Liebe. Und das ist der gleiche Grund, warum er dich und mich ausgewählt hat.
  2. Wie die Juden sind auch wir gefragt, wie wir es mit Gottes Regeln für unser Leben und Zusammenleben halten. Wer mal in Israel war, weiß, dass es dort die ganze Bandbreite gibt: säkulare Israelis, die von Religion gar nichts halten, die sich selbst als Atheisten bezeichnen. – Solche, die in der jüdische Kultur ihre Identität sehen, in den Festen und Liedern und Traditionen, aber nur zur Bar Mizwa eines Jungen – so im Alter von 13 Jahren – oder zur Hochzeit mal im Gottesdienst sind. Die schwärmen, wenn “gefilte fisch” auf den Tisch kommt (die kalte Vorspeise nach einem Rezept der mittel- oder osteuropäischen Juden), die aber im Supermarkt mehr auf den Preis gucken als darauf, ob das Wort “koscher” draufsteht. – Und es gibt die, die für Milch- und Fleischprodukte völlig getrenntes Geschirr haben, womöglich sogar getrennte Küchen wie an der Jüdischen Schule in Frankfurt. Und die mit Steinen werfen, wenn am Sabbath Autos durch ihr Stadtviertel fahren; weil man am Ruhetag kein Feuer machen und eben auch keinen Zünd-Schlüssel umdrehen darf. Die letzten werden als orthodoxe oder ultraorthodoxe Juden bezeichnet. Wer sich damit mal befasst, der merkt: Sie brauchen immer noch mehr Regeln, um Gottes Gesetz einzuhalten. Sprich: Je genauer man es damit nimmt, desto mehr sieht man, dass Gott eigentlich perfektenGehorsam verlangt.

So gibt es auch Menschen, die “Christen” genannt werden, wei sie getauft sind, die sich aber nicht um Gottes Lebensregeln kümmern. Die Kirche soll mir nichts vorschreiben, sagen sie. Vielleicht haben sie einen Grund dafür, wenn sie das in der Kindheit als Druckmittel erlebt haben. Vielleicht finden sie “christliche Werte” in der Gesellschaft gut; aber nicht das erste Gebot soll entscheidend sein, nicht die Verantwortung vor dem lebendigen Gott. Sondern ein Prinzip wie das der Toleranz oder der Liebe. Sie mögen ihren Müll sauber trennen, nicht falsch parken und nur selten zu schnell fahren. Sie mögen nett sein, angenehme Mitmenschen. Aber über allem steht dann nicht “Dein Wille geschehe”, sondern “unser Wille geschehe”.

– Übrigens mögen solche Menschen oft sympathischer sein als die, die sich für gute Christen halten, aber meinen – wie es Paulus in der Gemeinde in Korinth erlebt hat –, dass Regeln nicht mehr zählen. Weil es ja für alles Vergebung gibt. Die so leben, als würden sie das sechste Gebot (zur Ehe und zu jeder sexuellen Beziehung) nicht kennen, oder das dritte Gebot (zum Gottesdienst und der Teilnahme am Gemeindeleben) oder das achte (zur Achtung des anderen in dem, wie wir über ihn reden und denken).

Und dann gibt's die Christen, die vielleicht auch Jahre nach der Konfirmation noch alle 10 Gebote zusammenbekommen, aber die irgendwo für sich einen Strich gezogen haben. Über den soll Gott mit seinem Anspruch auf ihr Leben nicht herüberkommen. Für meine Gedanken und Gefühle will ich mich nicht schuldig fühlen, heißt es dann. Oder sie wechseln zwischen Gottesdienst auf der einen und dem Alltag auf der anderen Seite gekonnt hin und her; spielen hier eine Rolle und dort eine andere. Aber wer Rollen spielt, ist ein Schauspieler. Das heißt: Wer so lebt, spielt mit seinem Christsein.

Und dann gibt's da noch die, die immer noch etwas finden, was wir als Christen tun müssten. Ein richtiger Christ ist für sie eigentlich nur einer, der alles hält, was sie als Regeln finden (oder erfinden). Solche Menschen konzentrieren sich meist auf einen Bereich. Sie schwitzen sich ab, und wenn andere sich im selben Bereich nicht genauso anstrengen, dann kommt die Kritik, ausgesprochen oder unausgesprochen. Solche Leute haben's schwer mit anderen. Und mit sich selbst.

Aber all diese Schachzüge bestätigen eigentlich genau das: Gott will von uns perfekten Gehorsam. Und wir werden damit nicht fertig. Deshalb reagieren wir darauf entweder so, dass wir uns mit weniger zufrieden geben. Oder dass wir immer noch mehr Regeln aufstellen.

Und genau an diesem Punkt greift Gott ein. Er lässt seinen Sohn im jüdischen Volk zur Welt kommen. Und die Definition Israels, die Paulus in unserem Abschnitt gibt, trifft eigentlich im vollen Sinne nur auf ihn zu: ihm gehört“die Kindschaft [...] und die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse und das Gesetz” – weil er es erfüllt – “und der Gottesdienst”; auf ihn beziehen sich die “Verheißungen” des Alten Testaments, auf ihn haben die “Väter” gewartet. Wer ihn hat, der hat den Bund, und den Gottesdienst und die Heiligkeit. Deshalb entscheidet sich an der Stellung zu ihm, was das geistliche Israel ist. Für die Juden und genauso für uns:

Lassen wir uns das zeigen im Spiegel, den Gottes Wort uns vorhält, dass wir ihn brauchen? Dass wir Gottes Regeln nicht halten können, beim besten Willen nicht? Dass wir deshalb immer zwischen Ebbe und Flut hin- und hergetrieben werden, zwischen falscher Sicherheit und Verzweiflung? Lassen wir uns das sagen, dass er die Folgen davon für uns übernommen hat? Glauben wir, dass er unsere Erfüllung des Gesetzes ist, unsere Heiligkeit, unser Leben?

Die Juden haben sich daran gestoßen, dass Gott sich so erniedrigt, wie wir es am Kreuz sehen. Dass Gott wie ein Gesetzesbrecher erscheint. Aber es ist der Gesetzesbruch von uns Menschen, für den er angeklagt und verurteilt wurde.

“Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.”

Ich will mal noch einen kurzen jüdischen Witz erzählen – und ich würde es nicht tun, wenn Juden das Verhältnis zum Geschäft und zum Geld nicht selbst damit auf die Schippe nehmen würden:

Treffen sich zwei Juden, sagt der eine: “Du hast aber eine schöne Armbanduhr.” “Ja,” sagt der andere, “und die ist auch sehr wertvoll. Die hat mein Vater mir noch auf dem Sterbebett – verkauft.”

Der Vater hat bis zuletzt daran gedacht, wie er mehr bekommen kann. Das ist sehr menschlich. Wir aber haben von Gott alles bekommen. Das können wir nicht vererben, aber da können wir unsere Kinder von ihm mit hineinnehmen lassen.

Eigentlich wird's am heutigen Tag deutlich, nicht nur am 10. Sonntag nach Trinitatis, sondern am Sonntag überhaupt: Dass wir alle mit einer 7-Tage-Woche leben, auch Muslime und Hindus und Atheisten, das kommt von den Juden. Aber wer den achten Tag nicht kennt, den Ostersonntag, den Tag der Auferstehung Jesu, der kommt da nicht raus, dass er das ganze Gesetz halten muss. Und wird's doch nicht schaffen, auch wenn er 24 Stunden lang seinen Mercedes stehenlässt. Deshalb halten messianische Juden – also die, die an Jesus Christus glauben wie wir, – den Sabbath als Teil ihrer jüdischen Tradition, aber sie feiern Gottesdienst mit uns am Sonntag. Und deshalb sind rechte Sonntagschristen, mit und ohne jüdische Abstammung, auch rechte Alltags­christen. Nämlich die davon leben, dass Christus für sie alles getan hat. Und die das nicht verlieren wollen durch falsch gebrauchte Freiheit; und sich zugleich damit trösten, jeden Tag. Gottes Sohn gebe, dass auch viele aus seinem Volk zu solchem Glauben kommen. Amen.

(Israelsonntag, Predigtreihe IV

Daniel Schmidt, P.)