Predigt vom 5.5.2019 (Mt 14,22-33)


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Predigt vom 5.5.2019 (Mt 14,22-33)

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde,

die Jünger sehen aufs Meer. Der Sturm tobt, das Boot wird hin- und hergerissen. Und jeder sieht die Wellen aus einer anderen Richtung auf sich zukommen. Denn jeder sitzt ja an seinem eigenen Platz. „Hier bei mir schwappt es über!“, sagt der eine. „Ich werde hier vorne fast weggeweht“, sagt ein anderer. Sie haben jeweils zu kämpfen mit dem, was sie erfahren. Und sie zweifeln, jeder für sich.

Der Tochter Tilda sieht man es nicht an. Sie ist gut in der Schule; und es macht ihr auch Spaß. Zu Hause nimmt die Mutter ihr alle Arbeit ab. Ihre Geschwister decken den Tisch, aber ihr werden die Teller abgenommen. Und genauso die Worte: Die Eltern verteidigen sie. Außerdem bekommt sie lauter Geschenke von ihren Eltern. Offenbar wird sie bevorzugt.

Aber genau das verunsichert sie auch. Ist sie daran schuld? Warum sind alle so sauer auf sie? Sie will doch gar nicht besser sein. Sie will einfach normal behandelt werden.

Der Vater will sie für ihre Mühen belohnen. „Solche Anstrengung muss doch gefördert werden.“ Erst als die anderen Kinder zu ihm kommen, merkt er: Das hat Folgen, die er gar nicht beabsichtigt hatte. Konflikte und Selbstzweifel entstehen. Und er ist sich nicht sicher, ob er das wieder zurechtbiegen kann: „Können sie mir verzeihen?“

Tildas Geschwister fühlen sich nämlich unfair behandelt. Die gleiche Anstrengung in der Schule schaffen sie nicht. Und sie fragen sich: „Sind wir dann irgendwie falsch? Haben uns unsere Eltern dann überhaupt lieb?“

Sie wissen nicht, dass ihre Eltern und ihre Schwester auch zweifeln. Aber sie haben eine gute Idee: Sie sprechen zu zweit darüber. Langsam sehen sie das auch beim anderen. Und sie wollen gemeinsam reden, mit der ganzen Familie.

Wird das Gespräch die Zweifel lösen? Vielleicht werden sie merken, wie es jeweils den anderen geht. Dass auch sie unsicher sind: Schaffe ich das? Nehmen sie mich an? Wie wird es werden?

Dazu muss uns jemand herausreißen aus den Gedanken, die um uns selbst kreisen. Der muss unsere Blicke zusammenführen. Damit sie nicht mehr auf uns selbst gerichtet sind - und auf die Wellen, die uns bedrohen.

Eine gemeinsame Furcht bringt die Blicke zusammen. Denn was den Jüngern da entgegenkommt, ist größer und mächtiger als sie. Jemand, der noch stärker ist, als der Sturm mit allen Wellen. Stärker als ihre Probleme und Zweifel, in die sie eben noch vertieft waren.

Der geht einfach durch das hindurch, was ihnen unmöglich scheint. Die Probleme, die ihnen wie Naturgesetze schienen: so unveränderlich, so endgültig. Und ihre Lage daher aussichtslos. Aber darin kommt er zu ihnen. Durch das, wo ein Mensch untergehen und verschwinden müsste; ja, sterben und nicht wiederkommen.

Nichts kann ihn hindern, zu uns zu kommen. Man soll nicht meinen, es gäbe Situationen, vor denen er sich ergeben müsste. Wahrscheinlich hat er die Jünger deshalb noch am Abend losgeschickt, um es ihnen zu zeigen.

Niemand wünscht es sich vorher, so etwas zu erleben. Sie werden auf eine harte Probe gestellt. Man kann auch sagen: Von den Wellen furchtbar gequält.

Wüsste man nur wie die Sache ausgeht! Ob wir hinterher sagen können: „Es war gut so; wir haben wieder neues Vertrauen auf Gott bekommen.“

Solch ein Blick in die Zukunft wird uns nicht geschenkt. Aber wir haben schon am Anfang gehört, dass Jesus betet. Er ist auch dann nah, wenn wir ihn nicht bemerken.

Jesus ist aber in solchen Situationen nicht leicht zu erkennen. Er kommt mitten in dem, was bedrohlich auf uns zukommt. In der Finsternis der Sturmnacht. Und die Jünger erschrecken vor dieser Schöpfermacht; vor dem, der die Natur beherrscht; vor dem, dem all das nichts ausmacht, was sie bedroht. Und wie klein kommen sie sich nun vor.

Ja, fremd erscheint Jesus hier. So wird er uns auch gezeigt. Sonst könnten wir uns beklagen: Der biblische Gott passt gar nicht zu unserer Welt, die auch dunkle Seiten hat. Wie passt er zu der Familie mit Zweifeln?

Gott ist nicht dazu da, uns alles zu ersparen, was uns Angst macht. Auch die Jünger müssen lange warten – die Nacht durch bis zum Morgen.

Aber dann zeigt sich, wer er ist; und dass er es gut mit uns meint. Jesus sagt: „Nur Mut, habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht!“

Ich bin´s“, sagt mancher, wenn er an der Tür klingelt. Aber hier steckt noch mehr dahinter. So redet Gott über sich: „Ich bin es, der HERR, und ich bleibe wie ich bin. Darauf könnt ihr euch verlassen.“

Petrus fasst Mut: „Unser Herr ist mächtiger als das, was uns Sorgen macht. Dann brauche ich ja auch keine Angst zu haben.“ Wenn er es will, kann ich auch durch stürmische Zeiten gehen, ohne in Zweifeln zu versinken.“

Und Jesus sagt: „Komm her! Lass die alten Sorgen zurück und vertrau mir! Tauche nicht ein in alter Schuld, denn ich habe sie dir vergeben.“

Es ist nicht so, dass Petrus plötzlich alle Zweifel los wäre. Er sagt: „Wenn du es bist, Herr.“ Und zugleich weiß er: „Wenn Jesus mich ruft, kann ich mich´s trauen.“ Es ist nicht seine eigene Kraft, die ihn auf dem Wasser trägt. Nur weil Jesus ihn gerufen hat, geht er nicht unter in seinen Befürchtungen.

Ich nehme an, beim Frühstück werden die Eltern den Kindern sagen: Wir haben euch alle gleich lieb! Und die Kinder mögen ihnen verzeihen und sich gegenseitig versöhnen.

Aber wahrscheinlich hält das nicht für alle Zeit vor. Vielleicht erleben sie etwas, was ihren Zweifeln Aufwind gibt.

Und so sieht auch Petrus wieder den Wind, der ihm entgegenweht: Ist mein Glaube da groß genug? Aber genau davor warnt Jesus: Kleinglaube heißt nicht, dass ich mich mehr anstrengen muss, oder dass ich mehr innere Kraft beweisen muss. Nein, die Kraft zu glauben kommt nicht aus mir. Sondern der Glaube lebt davon, dass er auf Jesus schaut. Wir sollen nicht den Glauben messen oder auf den Wind sehen.

Denn der kleinste Glaube reicht, in den Stürmen und Wellen zu bestehen, solange wir auf Jesus sehen. Weil der Glaube die Verbindung zu ihm ist und keine eigene Größe hat. Sogar ein Glaube wie ein Senfkorn würde ausreichen, Berge zu versetzen. Deshalb sagt Jesus: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr´s empfangt, so wird’s euch zuteil werden.“

Wir sehen es an Petrus: Er zweifelt und sinkt ein; der Boden schwindet unter seinen Füßen. Doch er schreit: „Herr, hilf mir!“ Und Jesus packt ihn bei der Hand und zieht ihn zu sich. Und gemeinsam gehen sie ins Boot, zu den anderen.

Und der Wind legt sich. Denn Jesus ist Herr über das alles. Über alles, was uns bedrängen oder mutlos machen will. Er ist der Sohn Gottes. Da muss alles schweigen, was uns verunsichern will.

Aber die Jünger achten gar nicht mehr aufs Meer. Ihr Platz hat sich verändert. Sie sitzen nicht mehr hilflos da und sehen jeder Wellen auf sich zukommen. Sie bewegen sich. Nicht so, dass sie sich dem Wind entgegenstellen. Da würden sie irgendwann erschrecken vor dem, was auf sie zukommt. Sie kämpfen nicht verzweifelt gegen den Sturm, sondern sie ergeben sich. Nicht ihrer Furcht ergeben sie sich, sondern dem Sohn Gottes.

Sie wenden sich dem zu, der ins Boot gekommen ist. Und mit ihrer Bewegung zeigen sie ihr Vertrauen: Sie fallen vor ihm nieder und lassen sich ganz auf ihn ein. Nicht mehr Sturm und Zweifel treiben uns zu dem, was wir tun. Was wir meinen, schaffen zu müssen; oder wie wir und andere sein müssen. Sondern der Herr bringt uns dazu, ihn zu loben. Wo alles von ihm abhängt und auf ihn sieht, da ist er der Herr.

So fesseln uns nicht mehr Stürme des Zweifels. Auch wenn sie draußen toben. Jesus ist durch sie alle hindurchgegangen. Er ist zu uns gekommen und ins Boot eingestiegen. Zweifellos ist er es ja, der uns liebt und errettet, auch in allen Zweifeln. Amen.

(Gottesdienst zum Thema „Zweifellos“, J. Achenbach)