Predigt vom 4.11.2018 (Röm. 13,1-7)


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Create Date4. November 2018
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Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muß man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Liebe Gemeinde,

ein ganzer Erdteil, auf dem es noch nie zu einer Anklage gekommen ist wegen Mord oder versuchtem Mord – das gibt es tatsächlich. Das heißt, das gab es bis zum 9. Oktober. Denn da ist etwas passiert, mit dem sich das jetzt ändern könnte.

Der Erdteil ist der sogenannte „sechste Kontinent“, die Antarktis am Südpol. Da arbeiten ein paar tausend Wissenschaftler aus vielen Ländern Zwei davon waren die Russen Sergej Savitzky und Oleg Beloguzov in der Forschungsstation Bellings­ hausen. Bis Savitzky am 9. Oktober seinem Kollegen ein Küchenmesser in die Brust gestoßen hat. Der Grund waren Bücher. Um die viele freie Zeit zu füllen, haben sich beide nämlich dauernd Lesestoff aus der kleinen Stationsbibliothek geholt. Allerdings hat Beloguzov seinem Kollegen immer wieder verraten, wie das Buch ausging, das der sich gerade ausgeliehen hatte. Und an dem Tag reichte es dem anderen. In der Küche hat er zum Messer gegriffen. Beloguzov wurde nach Chile in ein Krankenhaus ausgeflogen, und Savitzky wurde zurückkommandiert nach Russland. Dort steht er jetzt zunächst unter Hausarrest.

Ein ganzer Kontinent, auf dem es zwar Kirchen gibt – die südlichste russisch-orthodoxe Kirche der Welt steht genau auf dieser Station – aber keine Polizei und keine Regierung und keine Anzeige wegen einer Straftat: Wenn Savitzky der Prozess gemacht wird, dann kann das nur die russische Regierung tun auf der anderen Seite des Globus'. Aber ohne eine Staatsmacht geht es anscheinend nicht; ohne eine Ordnungs­ macht, die Straftaten verhindert oder verfolgt und bestraft.

„Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst“, schreibt Paulus an die Christen in Rom. Wir würden sagen, die Regierung hat nicht ohne Grund das Recht, eine bewaffnete Polizei zu bilden und zur Verbrechensbekämpfung nicht nur Tränengas, sondern im Notfall auch den Schlagstock oder die Schusswaffe einzusetzen. Und das gleiche gilt entsprechend dann auch vom Militär. Und auch wenn kein Mensch von sich aus das Recht hat, einen anderen einzusperren: die Regierung hat es. Ja, auch wenn es gute Gründe gibt, dass bei uns die Todesstrafe nach der Hinrichtung der führenden Nazi-Verbrecher abgeschafft wurde: Grundsätzlich steht der Regierung bei Verbrechen auch dieses äußerste Mittel zu; wenn wir auch sehen, wie furchtbar das missbraucht werden kann bei Schnell-Urteilen ohne Beweise oder wenn eine Sudanesin 2014 dafür zum Tod verurteilt wurde, dass sie einen Christen geheiratet hat – ihr Vater war Muslim, und damit galt sie selbst als Muslimin, auch wenn derdie Familie längst verlassen hatte und sie von der Mutter christlich erzogen war.

Es gibt also nicht umsonst eine Regierungsgewalt, die dem Verbrechen eine Grenze setzt. Das gilt ganz allgemein. Paulus hat es selbst positiv erlebt, als in Philippi ein Mob hinter ihm her war und er ohne Gerichtsverhandlung verhaftet und ausgepeitscht wurde. Da hat er sich auf sein Recht als römischer Bürger berufen – das war gegen geltendes Gesetz gewesen – und hat damit auch deutlich gemacht, dass auch die junge christliche Gemeinde in der Stadt römisches Recht für ihr Bestehen in Anspruch nehmen konnte. Jahre später war Paulus dann mit einigen Freunden im Tempel in Jerusalem, um ein Gelübde einzulösen, und wurde plötzlich beschuldigt, einen Nichtjuden in den Tempel gebracht zu haben – das war bei Todesstrafe verboten. Er wäre beinahe umgebracht worden. Aber direkt neben dem Tempel, auf der Burg Antonia, war eine römische Eingreiftruppe stationiert. Der Wachposten hatte den Aufruhr gesehen, seinem Kommandanten gemeldet und der nahm Paulus in Schutzhaft. Und noch einmal hat er sich da auf sein Recht als römi­ scher Bürger berufen und verlangt, dass sein Fall vor dem Kaiser in Rom verhandelt wird. Das war dann der Grund, warum er als Gefangener mit dem Schiff dorthin gebracht wurde. Undwarum er dann nach allem, was wir wissen, in Rom schließlich hingerichtet wurde – also ein unschuldiges Opfer der Todesstrafe wurde.

Dass es so kommen konnte, das wusste er. Und hat trotzdem an die Christen in Rom geschrieben: Die Regierung hat nicht umsonst das Gewaltmonopol, wie wir heute sagen. Und das gilt grundsätzlich. Wenn der „Marsch für das Leben“ in Berlin jedes Jahr von Sprechchören gestört wird, die rufen „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“, dann ist das nicht nur ein anderes Thema als der Schutz des Lebens, dann wird damit die Zerstörung jeder menschlichen Ordnung gefordert, und damit die unkontrollierte Gewalt zwischen Menschen. Und dann brauchen Polizisten, die eine friedliche Demonstration begleiten sollen, schwere Schutzkleidung.

Und doch können wir diesen Satz des Paulus von der Staatsmacht kaum hören, ohne ein großes Aber dazu zu sagen. Was, wenn der Staat seine Macht missbraucht? Wenn er Menschen für Meinungsäußerungen bestraft oder ihnen die Freiheit nimmt wie in der DDR? Wolfgang Thierse, Präsident des Deutschen Bundestages von 1998 bis 2005, hat das vor gut vier Jahren in einer Predigt durchbuchstabiert. Er ist in der DDR aufgewachsen und ist engagiertes Glied der römisch-katholischen Kirche. Er sagt, diese Sätze hier aus dem Römerbrief führten im Sozialismus zu einer ständigen Auseinandersetzung unter den Christen. Sie hatten keine Wahl, mussten sich gezwungenermaßen mit dem System abfinden – aber hieß das, sie mussten einer solchen Diktatur auch noch untertan sein wollen? Litten sie nicht als Christen besonders darunter?

Den Christen in Rom muss es damals ähnlich gegangen sein. Leicht konnten sie sagen: Das ist eine heidnische Macht. Der ordnen wir uns nicht unter. Wir verweigern den Gehorsam, im Beruf und im Alltag. Und wenn nötig, machen wir den Aufstand.

Aber es gibt keine Regierung, sagt Paulus, die ihre Regierungsgewalt nicht von Gott hat. Zweimal nennt er sie hier Gottes Dienerin. Das ist sie für uns, sagt er. Was wäre denn die Alternative? Wäre das nicht völlige Gesetzlosigkeit und Chaos? Aber hier ist eine Unterscheidung wichtig, die Luther herausgearbeitet hat. Wir leben als Christen in zwei Reichen oder Herrschaftsbereichen: In der Kirche, wo Gott allein mit seinem Wort regiert. Und in der Welt, wo er mit solcher äußerlicher Macht regieren lässt. Das ist nötig, solange diese Welt noch besteht, weil in ihr das Böse steckt. Thierse erklärt in seiner Predigt, dass genau deshalb die Regierung immer unvollkommen ist: Es sind Menschen, die diese Macht ausüben. Dafür sollen wir sie achten, nicht auf alle „da oben“ schimpfen oder sie schlecht machen. Und wenn es uns schwer­ fällt, für das, was da in Berlin oder Washington oder Moskau an Politik gemacht wird, noch Achtung zu haben, dann haben wir ja einen Auftrag: Für sie zu beten.

Und es ist uns auch aufgetragen, die Gesetze zu achten. Wir können dabei nicht auswählen und sagen: Gesetze gegen Lärmbelästigung nehme ich in Anspruch, aber Vorschriften für Geschwindigkeiten im Straßenverkehr oder das Parken in der Stadt gelten für mich nicht. Das gleiche gilt für die Punkte, die Paulus hier nennt, wie das Zahlen von Steuern und Zoll. Und wenn's da auf unsere Ehrlichkeit ankommt bei den Erklärungen, die wir abzugeben haben, dann wissen wir, was wir als Christen zu tun haben.

Allerdings, und da denkt Thierse zurück an eine Erklärung, die deutsche Theologen 1934 in Wuppertal-Barmen verfasst haben: Der Staat hat keinen totalen Anspruch auf den Menschen. Und: jeder, der Macht in der Welt bekommen hat, muss sich dafür vor Gott verantworten. Ob er das glaubt oder nicht. Der Richter, der die sudanesische Christin nach der islamischen Sharia wegen Abfall vom Islam zum Tod verurteilt hat, wird am Letzten Tag Christus als seinem Richter gegen­ überstehen, und dann wird der über ihn und über die Sharia urteilen.

Und genau an diesem Punkt gilt dann auch: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Petrus hat's den Behörden seines eigenen Volkes gesagt, als sie den Aposteln verbieten wollten, öffentlich von Christus zu predigen. Auf solche Weise sind Christen kommunistischen Gesetzen ungehorsam geworden und haben Bibeln geschmuggelt. Und ganz ähnlich tun es heute Kirchengemeinden, wenn sie eine Abschiebung von Asylbewerbern innerhalb der gesetzlichen Frist durch ein Kirchenasyl verhindern wollen. Dafür gibt es heute sogar Absprachen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, es gibt Kontaktpersonen in den Kirchen, über die die Namen der Kirchenasylanten gemeldet werden – aber es bleibt ein Ungehorsam, der deshalb auch sehr genau abzuwägen ist: Es kann nicht darum gehen, einfach möglichst vielen die Möglichkeit zu geben, dass sie hierbleiben. Es kann nur um Menschen gehen, die in ihrem Heimatland in Gefahr für Leib und Leben sind, etwa weil sie Unrecht der Regierung beim Namen genannt haben oder aufgrund ihrer Religion.

Wenn wir aber grundsätzlich erkennen, dass Gott in dieser Welt Recht setzt, um das Unrecht zurückzuhalten, dann gilt für uns als Christen positiv: Wir sollen Gesetze auch da respektieren, wo wir nicht mit Strafverfolgung oder mit Konsequenzen zu rechnen haben. Wir sollen es aus eigener Einsicht tun. Und nicht nur uns am Schlechten nicht beteiligen, sondern das Gute tun. „Willst du dich aber nicht fürchten vor der Regierung,“ schreibt Paulus, „so tue Gutes. Dann wirst du von ihr Anerkennung erhalten.“ Wer aus dem Kaufhaus kommt und merkt, dass man ihm an der Kasse zu wenig berechnet hat, und geht zurück, der hat selbst keinen Vorteil davon. Aber die Kassiererin  erlebt, dass es jemanden gibt, der nicht nur an seinen eigenen Vorteil denkt, und dessen Gewissen nicht solange im Koma liegt, wie er keine Konsequenzen zu befürchten hat.

Liebe Gemeinde, wir sind uns wahrscheinlich einig: Für das, was in Berlin und in den Bundesländern und in den Parteizentralen passiert, dankbar zu sein, ist nicht leicht. Aber wir haben Grund dankbar zu sein für Recht und Ordnung, wo wir sie haben. Und uns selbst dafür einzusetzen. Und wo wir vor der schwierigen Beurteilung stehen, wo wir der Regierung zu gehorchen haben oder wo wir Gott mehr gehorchen müssen, da zeigt sich eben, dass Christsein keine Freizeit­ beschäftigung ist, sondern eine tägliche Herausforderung. Etwas anderes hat uns Christus auch nicht versprochen.

Und wenn die Regierungsordnung in der Welt mangelhaft ist, vielleicht auch sehr fragwürdig, dann ist das die Erinnerung daran, dass diese Welt nicht perfekt ist. Und wir werden sie auch nicht perfekt machen, egal, welche Wunschbilder uns Politiker vor Augen malen, oder wohlmeinende Weltverbesserer. Aber wir gehören hier auch nur vorübergehend dazu. Unsere Heimat ist im Himmel. Das Bürgerrecht dazu haben wir schon. Und leben schon jetzt unter einem Herrn, der in seinem Gnadenreich ganz anders mit uns umgeht als jede Ordnungsmacht in dieser Welt.

Denn in seinem geistlichen Reich braucht er keine Polizei und keine Anzeigen, um zu wissen, was bei uns vorgeht, und keine Beweissuche oder Verhandlung. Der Richter, der über uns das Sagen hat, der sieht auch das Verborgene. Und da sind wir nicht erst schuldig, wenn aus dem Neid der Einbruch beim Nachbarn wird, und aus dem Hass der Griff zum Küchenmesser. Aber in diesem Gnadenreich wird Gewalt eben nicht mit Gewalt gestoppt. Sondern mit Gnade.

Deshalb steht vorne in jeder Kirche ein Zeichen, das sagt: „Bis hierher und nicht weiter.“ Das ist das Kreuz. Das gilt für das Böse, das wir getan haben, oder das als Möglichkeit in uns steckt. Das gilt für das Gute, das wir hätten tun sollen und nicht getan haben. Und für das, was uns angetan worden ist: „Bis hierher und nicht weiter.“ Bis an das Kreuz haben die erfundenen Anschuldigungen und das unrechte Urteil des Pilatus Gottes Sohn gebracht. Weiter kamen sie nicht. Und er hat im Sterben für die um Vergebung gebeten, die ihm das angetan haben. Auch für uns, die wir daran mitschuldig sind.

So bittet er täglich für uns in seinem Reich. Und wer diesen Herrn hat, der kann ihn anrufen gegen alles, was ihm an Unrecht geschieht. Der darf gewiss sein, dass niemand diesem Richter am Ende etwas vormachen kann. Der braucht vor dem Vergehen dieser Welt keine Angst zu haben, so schwer es sein wird. Denn damit vergeht das Unrecht in dieser Welt. Der erlebt täglich, dass dieser Herr mit uns barmherzig umgeht, obwohl wir es ganz anders verdient haben. Gott helfe uns, auch so mit anderen umzugehen – zuerst mit den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde. Und dann auch mit denen, die in der Welt nur das Recht des Stärkeren kennen. Die Welt braucht uns als Bürger in beiden Reichen. Gut, dass wir dazu diese Worte von Paulus haben. Und dass uns diese Gnadenmacht hier genauso nahe ist wie den Forschern auf der Station Bellingshausen in der Antarktis in ihrer Holzkirche. Amen.

  1. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe IV)

Daniel Schmidt, P.