Predigt vom 31.10.2019 (Röm. 10,9-11)


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Create Date31. Oktober 2019
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Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

vor drei Wochen haben wir im Seniorenkreis festgestellt, dass manche von uns noch von ihren Großeltern gehört haben, wie die Immanuelsgemeinde angefangen hat: Von den Fußwegen nach Hermannsburg, 40 oder 45 Kilometer, und dann zurück bis in die Nacht. Was hat sie damals angetrieben?

Es war das, was sie dort gehört haben: die Predigt von Jesus Christus. Die Predigt, dass wir verloren sind in unserer Sünde, und dass er allein uns daraus rettet durch sein Leiden und sein Sterben am Kreuz. Ludwig und Theodor Harms haben beide in ihrem Theologiestudium viel anderes mitbekommen. Dass ihnen das am wichtigsten geworden ist, das hat Gottes Wort getan. Es hat seine Kraft entfaltet als eine geistliche Saat. Und dass Menschen immer wieder gekommen sind, dass sie diese Wege auf sich genommen haben, das hat es auch getan.

Und besonders Theodor Harms hat diese Saat mit der Musik in die Herzen eingepflanzt. Er hat in seiner Gemeinde in Müden an der Örtze einen fröhlichen Gemeindegesang neu eingeführt, und hat mit der Posaunenchorarbeit in der Kirche etwas angefangen, von dem sein älterer Bruder am Anfang gar nicht viel hielt, und das doch zum großen Segen geworden ist. Dieses Jahr blicken wir nicht nur zurück auf 140 Jahre, seitdem diese Kirche und dieser Altar von ihm geweiht worden sind, sondern denken auch an seinen 200. Geburtstag und an 170 Jahre evangelische Posaunenchöre in Norddeutschland.

Ja, wie die Reformation eine Singebewegung war, wie das Lied “Nun freut euch, lieben Christen g'mein”, gesungen und getanzt wurde nicht nur in der Kirche, so haben die Menschen diese Botschaft auch vor 150, 160 Jahren im Herzen mitgenommen, indem sie mit dem Mund davon gesungen haben und natürlich, indem sie unterwegs davon gesprochen haben. Von einem Besucher des Hermannsburger Missionsfestes wurde erzählt, dass er auf dem Rückweg die Melodie von einem Lied, das er gerade neu gelernt hatte, nicht mehr ganz zusammenbekam und auf dem Weg durch die Heide einen Knecht beim Pflügen angehalten hat; der musste ihm das vorsingen, bis er's selbst konnte.

Glauben und hingehen, glauben und singen, glauben und davon reden, das gehört zusammen. So wie bei Gott die Liebe, die er für uns hat, und sein Wort zusammen­ gehören, sein Versprechen – das bei uns den Glauben weckt – und sein Tun.

Lasst uns das einmal durchgehen – diese beiden, die da auf Gottes Seite zusammengehören, und die beiden, die bei uns zusammengehören.

Gott ist die Liebe, heißt es in den Johannesbriefen. Und da sehen wir, dass solche Liebe aus seinem Herzen kommt und sein Mund gleich davon redet. So hören wir's ja im Schöpfungsbericht: “Lasst uns Menschen machen, ein Bild das uns gleich sei.” Und das Reden wird zum Tun. Er formt den Menschen ganz liebevoll wie kein anderes Geschöpf.

Gott ist die Liebe, das gilt auch, als der Mensch seine Liebe zurückgewiesen hat, als er die Ur-Sünde begangen hat im Paradies. Da greift Gott ein, macht den beiden Kleidung. Und an dem Tag, an ihnen die Türen zum Paradies verschlossen werden, kündigt er an, dass er sie wieder aufschließen wird. Durch den einen, der alle unsere Sünde auf sich nehmen wird. Die Ur-Sünde, die Gefühls- und Gedankensünde, die Wortsünde und die Tatsünde.

Ja, so gehört bei Gott das, was in seinem Herzen ist, und was er tut, zusammen. Noch mehr, wir haben Worte in der Heiligen Schrift, die er deshalb zu den Propheten und Aposteln gesprochen hat, damit wir einen Blick in sein Herz bekommen. Und das zieht sich durch: Wie sehr es ihn trifft, wenn wir Menschen uns von ihm abwende, und wie er doch auf seiner Seite an seinem Versprechen festhält.

Und so kann Abraham dann gar nicht anders, als dass er auf seinen Wegen durch das versprochene Land immer wieder ein paar Steine aufeinanderlegt, einen Altar baut, ein Dankopfer für Gott bringt, und Gott anruft, oder, wie man auch übersetzen kann, Gottes Namen ausruft. Da merken wir's: Auch unsere Antwort auf Gottes Liebe ist sein Tun. Wir sind nicht zwei Partner, er ist unser Schöpfer, unser Retter, und wir sind seine Geschöpfe. Auch den Glauben und das Tun schaffen wir nicht, er schafft das in uns.

Und so gehört beides bei uns auch zusammen. Abraham hat Gott geglaubt, so lesen wir's. Und das heißt: Er ist losgegangen in das versprochene Land. Er hat alles darauf gesetzt, dass Gott das tut, was er sagt.

Die Jünger haben geglaubt, als Jesus sie gerufen hat. Sie hätten's am Anfang wohl noch gar nicht in Worte fassen können, aber mitgegangen sind sie. Und ganz wörtlich: drei Jahre lang immer wieder. Und haben so erfahren, dass Gottes Liebe in seinem Tun besteht: wenn Kranke zu ihrem Herrn gebracht wurden und er hat sie geheilt, wenn Menschen Hunger hatten und er hat ihnen zu essen gegeben. Und dann, als er mit ihnen nach Gethsemane gegangen ist, um sich dort festnehmen zu lassen, als er seinen Rücken hingehalten hat für die Geißel im Hof des Pilatus, als er die Arme ausgestreckt hat, um sie ans Kreuz nageln zu lassen.

Mit ihrem eigenen Bekenntnis war es in der Zeit manchmal nicht weit her. Johannes und Jakobus wollten Feuer vom Himmel fallen lassen, als sie sich ärgerten über die sturen Samaritaner, die ihnen keinen Platz für die Nacht geben wollten. Petrus hat gelogen, als es darauf ankam. Aber Jesus wollte sie als Zeugen haben. Sie, die als Fischer und Zolleintreiber wenig zu sagen hatten in der Gesellschaft, hatten nun etwas zu sagen, dass er ihnen in den Mund gelegt hat: Dass dieser Jesus für unsere Sünden gestorben ist und auferstanden. Dass wir um seinetwillen Vergebung der Sünden haben. Dass wir uns taufen lassen sollen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und dass, wer glaubt und getauft ist, ewig lebt.

Auch mit diesem Bekenntnis ist Petrus noch einmal gestolpert, und bei den anderen mag es auch vorgekommen sein. Als die ersten Heiden zu ihnen kamen und getauft waren, da wollte er mit einem Mal doch Bedingungen an dieses neue Leben knüpfen. Die Männer sollten sich erst beschneiden lassen, sie sollten alle erste Juden werden.

Da hat Paulus geschrieben, “verflucht, wer ein anderes Evangelium predigt als das, was ich euch gepredigt habe.” Was Gott schenkt, schenkt er bedingungslos. Und es hängt nicht an unserem Tun, sondern allein an dem, was Christus getan hat. Für uns.

Aber wer das glaubt, bei dem kann's nicht ohne das Tun sein. Weil es ja dasselbe Wort Gottes ist, das bei ihm zur Tat wird und das bei uns den Glauben weckt. Es kommt ja durch seine Taten zustande, wo uns davon gepredigt wird: Das Sterben des Sohnes Gottes am Kreuz, seine Auferstehung, deine und meine Taufe, und das, was wir im heiligen Abendmahl empfangen, wenn Brot und Wein durch sein schaffendes Wort gesegnet werden.

Und das gilt auch für die Trauung, wenn Gott durch sein Wort zwei Menschen zusamme­ nspricht. Dass 1876 an der Stelle die Trauordnung in der Hannoverschen Landeskirche geändert wurde, dagegen wehrten sich Pastoren. Sie wollten weiterhin wie bisher nach dem Versprechen der Brautleute  sagen: “So spreche ich euch ehelich zusammen” und nicht nur “so spreche ich euch zusammen.” Denn wenn im Gottesdienst keine Ehe geistlich geschlossen wird, durfte nach ihrem Verständnis dafür auch nicht der Name Gottes in Anspruch genommen werden.

Es ging also auch da darum: Was Gott sagt, das tut er. Und das heißt: Wenn Christen zum Gottesdienst zusammenkommen, dann gilt sein Wort und nicht unser Wort. Dann hat er das Sagen und nicht eine menschliche Mehrheit, nicht irgendeine Überzeugung in uns drin, dies sagt, so schlimm kann es doch mit der Sünde nicht sein, oder die Sache mit dem Gericht am Ende, die ist ja zum Glück endlich eingemottet worden. Aber noch mehr gilt sein Wort, wenn dich dein Gewissen anklagt, wenn du deine Schuld gern los sein willst, und er dir zusprechen lässt: Christi Leib für dich gegeben, Christi Blut für dich vergossen, deine Schuld von ihm getragen und auf ewig weggenommen.

Ja, das ist der Grund, warum vor 141 Jahren der erste Gottesdienst der selbständigen Lutheraner in der Scheunenbodenkirche auf dem Hof von Heinrich Harms in Zahrenholz gehalten wurde. Denn Gottes Wort sollte gelten. Und alle armen Sünder sollten die Gewissheit haben, was sie da im heiligen Abendmahl bekommen: Nicht einfach ein Stück Brot und Wein mit der Aufforderung, an den Herrn Jesus im Himmel zu denken. Sondern seinen Leib und sein Blut, das Kostbarste, was es in dieser Welt gibt. Damit der Sünder, der dort kniet, gewiss ist: ich bin mit meinem Gott eins geworden, nicht nur durch die Ohren, sondern ich hab's geschmeckt und gegessen und getrunken, dass er es gut mit mir meint.

Und so ist Theodor Harms für den 10. Mai 1879 von Hermannsburg nach Groß Oesingen gekommen, als hier auf dem bisherigen Hofgelände der Familie Tegtbüring der Grundstein für ihren eigenen Kirchbau gelegt wurde. Und so haben sie die Worte verstanden, die bis heute auf dem Grundstein hier hinter dem Altar zu sehen sind – und wer sie noch nie gelesen hat, mag vielleicht heute mal nach dem Gottesdienst um den Altar herumgehen. “Ohne Kampf kein Sieg” steht darauf, und sie haben's so verstanden, wie's in der Gemeindechronik steht (S. 40):

“Als Menschen, die sich immer wieder in den Stricken der Sünde verfangen, können wir den Sieg nicht erringen. Aber 'Dein (Jesu) Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben' (ELKG 66, Strophe 3). So sollten und sollen nach Theodor Harms' Predigten die Christen in Hermannsburg, in der Heidenwelt und in Groß Oesingen Anteil haben am Sieg Jesu über die 'drei schlimmen Feinde: die Welt, den Teufel und das eigene böse Herz' – allein durch Christus, allein durch den Glauben, allein aus Gnaden.”

Damit ist ein Kirchbau immer selbst ein Zeichen dafür, dass Liebe bei Gott nicht nur ein Gefühl ist, sondern zur Tat wird – denn hier wird gepredigt, getauft, getraut, konfirmiert, hier wird die Vergebung zugesprochen in der heiligen Beichte und das heilige Abendmahl ausgeteilt. Selbst unsere Rechtssprechung weiß davon noch etwas, wenn sie für die Schändung von Kirchen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren vorsieht, also etwa, wenn auf eine Kirchentür Hetzparolen gesprüht werden.

Ein Kirchbau ist aber zugleich auch immer ein Zeichen dafür, dass es nicht anders sein kann, als dass auch bei uns Glauben zum Tun wird. Die Väter und Mütter dieser Gemeinde haben ihren Glauben ausgesprochen, erst untereinander, dann auch vor ihren Nachbarn und Verwandten im Ort, so schwer das auch war, dann auch vor der Obrigkeit. Und haben dann gearbeitet. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie sie das geschafft haben vom 10. Mai bis zum 28. Oktober: Die Landwirte, die die Steine herangefahren haben, die Handwerker, die gemauert haben, die Dachdecker – zur selben Zeit, wo jeder sicher selbst genug Arbeit zu tun hatte. Aber wo der Mensch etwas aus Glauben tut, da gibt Gott auch viel Kraft dazu und viel Segen.

Und so haben sie am 28. Oktober zum letzten Mal in der Notkirche Gottesdienst gehalten – in der Chronik habe ich's nicht gesehen, aber das muss wohl in Zahrenholz gewesen sein – und sind dann mit dem Kruzifix, den Abendmahls­ geräten, dem Taufbecken und den Altarleuchtern hierher gezogen, haben als erstes

das Verlobungslied gesungen; als eine Gemeinde, die wie eine Braut Gott die Treue verspricht, nachdem er zuerst als liebevoller Bräutigam selbst versprochen hat, zu ihr zu halten in guten wie in bösen Tagen. Dann hat Theodor Harms den Altar geweiht, und es wurde gepredigt, auch über dieses Wort:

Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, daß Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): “Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.”

Das haben sie sich zu Herzen genommen, deshalb haben sie gleich einen Tag nach der Kirchweihe ihr erstes Missionsfest gefeiert, deshalb war die Missions­ kollekte höher als die für die “eigene Gemeinde”. Und Gott hat diese Gemeinde erhalten, auch in zwei Weltkriegen, in den schweren Zeiten der Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre und während des Dritten Reiches. Halten wir uns deshalb an ihn, liebe Schwestern und Brüder. Bitten wir ihn, dass auch wir nicht nur Hörer seines Willens sind, sondern Täter. Gehen wir den Weg hierher immer wieder, und sagen wir anderen weiter, welchen einmaligen Schatz wir hier haben, unseren Kindern, unseren Nachbarn, Kollegen und Freunden: Dass Gott jedem gnädig ist, der ihn sucht. Und dass der im Gericht nicht zuschanden wird, der spricht und glaubt: Mein Herr ist Jesus Christus, der hat mich erlöst. Amen.

Gottesdienst zum Reformationsfest mit Gedenken der Kirchweihe vor 140 Jahren

Daniel Schmidt, P.