Predigt vom 31.10.2018 (Mt 5,2-12)


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Predigt vom Reformationstag, 31.10.2018 (Mt 5,2-12)

Und Jesus tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Ist es nicht erstaunlich, dass es solche Menschen immer noch gibt? Sanftmütige, gütige Menschen. Und solche, die sich nach Gerechtigkeit sehnen. Barmherzige und Menschen, die Frieden stiften.

Gehören wir dazu?

Wir sind wohl gewohnt, daran zu denken, dass wir so ganz gütig, barmherzig und friedfertig nicht sind. Dem will ich nicht widersprechen - das zu erkennen ist unbedingt nötig. Denn so sehen wir erst, wie sehr wir Gottes Güte und Barmherzigkeit, sein Evangelium, brauchen.

Und das wird uns in den Worten dieses Abschnittes zugesprochen. Es werden hier nicht versteckte Forderungen oder Bedingungen gestellt. In der Weise, dass die in den Himmel kommen, die alle diese Eigenschaften haben: Arm, hungrig, reinen Herzens usw. Das wäre ein Missverständnis.

Sehen wir zu diesem Tag einmal auf die Reformationszeit: Diese Worte Jesu, die Seligpreisungen stehen am Anfang der Bergpredigt. Zur Zeit Luthers war es die gängige Auslegung, dass das, was darin steht, allein für Priester und Mönche gelte. Wer vollkommen sein wollte, der musste ins Kloster gehen. So hat es ja auch Luther als junger Mann probiert: Alle Forderungen zu erfüllen, um vor Gott, dem Richter zu bestehen. Doch er musste erfahren, dass es auch im Kloster nicht gelang. Das war furchtbar, denn die Last erdrückte ihn geradezu. Obwohl er als Mönch vorbildlich lebte, konnte das sein Gewissen nicht beruhigen. Er war wütend auf Gott: Es wäre doch schon genug, die Zehn Gebote ganz zu befolgen. Warum muss er dann auch noch im Evangelium Weiteres fordern und die Strafe androhen?

Schließlich kam Luther aber in schlaflosen Nächten beim Lesen von Paulus darauf: Mit dem Evangelium will uns Gott nicht strafen, wie wir es verdient hätten, sondern er will uns seine Gerechtigkeit schenken. Er macht uns gerecht. Dazu hat er Christus gesandt.

Was hat das nun mit diesem Abschnitt zu tun?

Es bedeutet, dass Christus nicht ein neuer Mose ist, nicht ein neuer Gesetzgeber. Er macht schon unmissverständlich Gottes Willen deutlich. Das tut er ja auch gerade etwa in dieser Bergpredigt. Aber Christus ist nicht gekommen, um noch mehr Gesetz, noch mehr Forderungen zu bringen, sondern uns die Last der Überforderung abzunehmen. Und deshalb stehen am Anfang von Jesu Predigt auf dem Berg auch nicht Forderungen, sondern der Zuspruch der frohen Botschaft, mit der er zu den Menschen gekommen ist. Luther sagt dazu: „Das ist ein feiner, süßer, freundlicher Anfang seiner Lehre und Predigt. Denn er fährt nicht daher, wie Mose oder ein Gesetzeslehrer, mit Gebieten, Drohen und Schrecken, sondern auf das allerfreundlichste mit lauter Reizen und Locken und lieblichen Verheißungen.“

Jesus verspricht das Himmelreich. Versprechungen gibt es ja zuhauf und aus allen Richtungen. Schnelleres Internet, mehr Sicherheit oder „die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“. Einiges verspricht „mehr Lebensqualität“. Das ist sowieso schon irreführend, weil es die Qualität des Lebens an solch äußerlichen Dingen festmacht. Oft sind es noch dazu leere Versprechungen.

Und bei allem gilt: Es kann oder es muss noch besser gehen. Selbst wenn es jetzt die zarteste Schokolade sein soll, schon morgen gibt es vielleicht eine noch zartere. Vom Computerupdate wissen wir: Ganz bestimmt bringt das nächste noch mehr Sicherheit. Und was immer wir suchen, irgendwo gibt es doch bestimmt etwas besseres. Aber solche Suche macht nicht glücklich, und schon gar nicht selig. Doch mit dem Himmelreich ist das anders: Da gibt es kein „mehr“ und kein „besser“. Weder heute noch morgen. Das ist das höchste und größte, was die Menschen je erwartet haben. Wer das besitzt, der ist wirklich „selig“ zu nennen.

Diese Worte sind keine Werbeunterbrechung bevor es mit der Bergpredigt weitergeht. Es gibt nichts zu erwerben. Deshalb wendet sich Jesus auch an die Armen. Das ist keine Zielgruppe für Menschen, die Geld oder Macht wollen. Diese Menschen haben nichts zu geben.

Genauer gesagt, sind die „geistlich Armen“ angesprochen. Das sind Menschen, die alle Hilfe von Gott erwarten; die sich vor Gott als Arme sehen. Sie wissen, dass sie das Himmelreich nicht herbeizwingen können. Weder mit Gewalt noch mit guten Taten. Es ist die Haltung des Glaubens. Der empfängt das Himmelreich als ein Geschenk. Anders geht es nicht – das hatte auch Luther erfahren. Wir selbst schaffen es nicht. Aber was für ein Trost, dass wir es trotzdem bekommen! Was für ein unverdientes Glück erwartet uns!

Jesus gratuliert den Menschen zu ihrem Heil, die Gott nichts vorzuweisen haben.

Kommt uns das noch merkwürdig vor? Unerwartet ist das. Eine Rede, die Staunen und Kopfschütteln auslöst. Vielleicht zeigt sich uns das, wenn wir es mit sonstigen Gratulationen vergleichen. Sagen wir: „Herzlichen Glückwunsch zu deiner Pleite, jetzt hast du nichts mehr, womit du bei den Menschen einen Vorteil haben könntest“? Es ist etwas völlig Ungewöhnliches, diese Gnade für uns, weil wir vor Gott pleite sind, Schulden haben, Bettler sind. Und doch sagt er: „Selig seid ihr!“

Und es geht weiter mit Menschen, die wir sonst nicht glücklich nennen: Trauernde, Traurige, Betrübte. Und auch die Sanftmütigen haben doch selten Glück. Werden sie nicht von den Ellenbogen der anderen weggestoßen? Und wer sich sehnt nach Gerechtigkeit: Ist der nicht unglücklich zu nennen in einer Welt, in der es um Macht und Geld geht? Sollte er sich nicht lieber etwas suchen, das mehr Erfolg verspricht?

Es fällt nicht schwer, die Reihe nach unserer Erfahrung fortzusetzen: Die Barmherzigen werden ausgenutzt; die mit reinem Herzen, die Ehrlichen sind die Dummen; die sich für Frieden zwischen Menschen und Gruppen einsetzen, werden zwischen den Parteien zerrieben.

Und so ist ja auch am Ende die Rede von Verfolgung, Beschimpfungen, Lügen, die uns als Christen treffen. Vielleicht haben wir – menschlich gesprochen – Glück, dass es uns hier und heute nicht so hart trifft; dass wir nicht um unser Leben fürchten müssen wie Luther damals und viele Christen heute. Aber manches bekommt ihr vielleicht doch ab, wenn ihr so als Christen lebt und euch zu Christus bekennt.

Was sollen also diese Gratulationen?

Ja, auch das hängt mit der Erkenntnis Luthers zusammen: Das Evangelium von Jesus Christus kehrt irdische Werte und Wertvorstellungen um. Der weitverbreitete Glaube ist es, im Leben Erfolg, Gesundheit, Besitz u.a. zu haben, das wäre ein Zeichen von Glück. Selig wäre man, wenn man sich rundum wohl fühlt. Das aber führt zum Druck, es müsse alles gelingen im Leben. Und zur Gier, immer mehr zu haben und zu erleben. Auch zur Selbstzufriedenheit, wenn man meint, alles erreicht zu haben. Das hat Jesus uns nicht versprochen. Sondern er redet von einer Zeit, die eine überraschende Wendung mit sich bringen wird. Die liegt aber nicht in weiter Ferne. Sondern sie hat begonnen, als Jesus eben diese Worte den Menschen zugerufen hat.

Dicht gedrängt stehen sie dort und sehen gespannt auf Jesus. Feierlich wird beschrieben, wie er seinen Mund auftut und die ersten Worte herausbringt. Es ist nichts Dahergesagtes. Es sind gewichtige Worte. Sie bleiben hängen, wie die ersten Worte eines Menschen auf dem Mond. Ja, noch mehr, denn es ist etwas, was die Verhältnisse der Welt von da an umkehrt.

Insofern sind es Worte wie von einem anderen Stern. Es ist Gott, der da spricht. Aber es ist nichts Abstraktes, denn es trifft die Menschen in dem, was sie bewegt, was ihnen zu schaffen macht. Es spricht Gott, der Mensch geworden ist, der unsere Sorgen und Nöte kennt. Jesus redet in Vollmacht und bietet mit seinem Wort den Menschen das Leben an. Wie er selbst sagt, lebt der Mensch von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt. Daher schenken uns die Worte bis heute Trost und Zuversicht. Indem er diese Worte nun spricht, dreht er den Spieß um. Auf einmal stehen nicht mehr die im Vordergrund, die viel von sich halten. Nicht die Stars, die Reichen und Schönen sind mehr das Vorbild. Nicht die Erfolgreichen haben Glück gehabt. Sondern die im Stillen gütig sind. Die unten sind und hintenanstehen. Nun ist es nicht so, dass solche Menschen nun von allen geachtet werden wie die scheinbar glücklichen Stars, die in der Werbung den besten Kaffee trinken. Dabei haben die geistlich Armen doch etwas viel Wertvolleres: Die frohe Botschaft. Jesus bringt ihnen das Himmelreich, für das es kein „besser“ und kein „mehr“ gibt.

Muss man also arm und unbekannt sein für das Himmelreich?

Nein, Jesus stellt hier keine neuen Forderungen auf. Es ist auch keine Bedingung, äußerlich arm zu sein. Im Gegenteil kann auch ein Armer noch alle Hilfe ablehnen. Und umgekehrt kann auch der reiche König David sich als geistig armen Bettler sehen. Im Psalm 39 sagt er zu Gott: „Ich bin nur ein Gast bei dir wie alle meine Vorfahren, ein rechtloser Fremder, der auf deine Güte zählt.“

Er sieht ein, dass er nichts hat, was bleibt. Er macht sich nicht fest an dem, was er äußerlich hat und kann. Denn er weiß, dass er nur wie ein Gast ist, der weiterzieht. Einem Gast gehört die Unterkunft nicht. Und er hat auch keinen Anspruch darauf, so lange zu bleiben, wie er will. Wer geistlich arm ist, macht sich nur fest an Gottes Güte, an seinem Evangelium. Der klammert sich fest an Jesus Christus, mit dem die Seligpreisungen eng verbunden sind. So nennt Jesus schon bei Jesaja seinen Auftrag: „Er hat mich gesandt, dass ich den Armen eine frohe Botschaft bringe“. Passend zur zweiten Seligpreisung sagt Jesaja von ihm, dass er gesandt ist „zu trösten alle Trauernden“. Später zieht er in Jerusalem als sanftmütiger König ein. Auch als Friedensbringer wird er angekündigt. Und als der, der Verfolgung, Beschimpfung und Tod erleidet. Er trifft hier also keine Feststellung darüber, dass es auch Vorteile hätte, barmherzig zu sein und Gerechtigkeit zu üben, also Gottes Willen zu tun und zu sagen. Sondern er hat selbst erfahren, wie mit solchen Menschen umgegangen wird. Und dennoch sagt er: Freut euch und jubelt, denn bei Gott erwartet euch reicher Lohn!

Ja, werden wir dann gewaltig, reich und mächtig? Aber was würden wir dann damit anfangen wollen? Es nutzen, um noch mehr zu haben?

Nein, auch der Lohn ist von anderer Art ist als der, den man nach Ordnung dieser Welt erwartet. Es heißt in Gottes neuer Welt leben zu dürfen. Und auch wenn wir uns das nicht ganz vorstellen können – sie ist von solch anderer Art, dass darin das voll erfüllt ist, was Jesus uns hier zugesprochen hat: Gott wird eurem Leid ein Ende machen, euren Hunger, eure Sehnsucht stillen, ja uns mit seiner Barmherzigkeit unmittelbar begegnen, uns als seine Kinder zu sich nehmen.

Und das alles geschieht uns unverdient, als armen Bettlern, die ihre leeren Hände Gott hinhalten – im Glauben, dass er uns das alles schenkt.

Da verwundert es nicht mehr, was Luther bei der Entdeckung dieses Evangeliums empfand: „Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten.“ Und es erstaunt nicht mehr, dass es trotz Verfolgung und Verdrängung noch Menschen gibt, die allein auf Gottes Güte vertrauen und Jesus Christus nachfolgen. Das gehört nämlich auch dazu, Gast zu sein: Eine Heimat zu haben. Ein Ort, wo jemand ist, der einen liebt. Das ist das Paradies, bei dem zu sein, der uns liebt und uns das alles schenkt. Und dieses Paradies öffnet sich uns schon hier, wo wir seine frohe Botschaft hören und sein Abendmahl feiern. Da sehen wir über die Zeit als Gast hinaus. Und leben von den Worten aus seinem Mund: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig seid ihr, die ihr jetzt an seinen Tisch geladen seid. Amen.

(Johannes Achenbach)