Predigt vom 30.7.2017 (Joh. 6,30-35)


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Da sprach [das Volk] zu [Jesus]: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Ps. 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.« Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Liebe Gemeinde,

Wie viele Brotsorten gibt es in Deutschland? 2-300, hätte ich gedacht. Was würdet ihr sagen? Ich muss zugeben, ich lag ziemlich daneben. Vor sieben Jahren waren es 3200. So steht es im Brotregister des Zentralverbands des Deutschen Bäcker­ handwerks. Das ist ein Weltrekord. Gutes Brot ist uns Deutschen wichtig. Und wir haben ziemlich genaue Vorstellungen davon. Wenn eine Frau ihrem Mann aufträgt, vom Bäcker ein Brot zu holen, und er kommt mit einem Stangenweißbrot wieder, einem Baguette, dann dürfte er einiges zu erklären haben. Richtiges, gutes Brot ist deshalb auch etwas, das einem als Deutschem im Ausland oft fehlt.

In Istanbul allerdings gibt es das. Brot aus 80 Prozent Roggen­ mehl, mit Sonnen­ blumenkernen, Walnüssen, Mehrkorn, Vollkorn. Gefunden hat das 2013 eine Journalistin im “Café & Bäckerei Josefine”. Verkauft wurde es von Birgül Aksu. Die ist in Nürnberg aufgewachsen, und lebt seit 30 Jahren wieder in der Türkei. Da wird traditionell viel Weißbrot gegessen, ähnlich wie in Frankreich. Aber vor allem junge Mütter achten zunehmend auf die Gesundheit ihrer Kinder. Eine Deutschtürkin, die ich im Radio gehört habe, hat erzählt, dass sie in Istanbul regelmäßig deutsches Brot kauft, auch wenn sie es ihren türkischen Freunden lieber nicht sagt.

Was verbinden wir mit unserem Brot? Sattwerden wollen wir natürlich, aber es soll vor allem gesund sein, und wir wollen wissen, was darin steckt. Deshalb müssen deutsche Bäcker die Zutaten kennzeichnen und Listen dazu auslegen.

Das Brot, das wir haben wollen, unterscheidet sich damit ziemlich von dem, was die Leute von Jesus zu essen bekommen haben; am Tag vor unserem Abschnitt. Zwei Fische und fünf Gerstenbrote waren da, und er hat damit 5000 Männer mit ihren Familien satt gemacht. Gerstenbrot aßen die, die nichts besseres hatten. Die Armen. Aber an dem Tag waren sie alle arm, auf ihn angewiesen. Sie hatten Hunger, und sie wurden satt. Auf wunderbare Weise. Und Jesus gab ihnen im Überfluss. 12 Körbe voll waren hinterher übrig – viel mehr, als vorher dagewesen war. Mancher, der arm war, konnte davon wohl noch etwas mitnehmen.

Dass das ein Wunder war, das war ihnen klar. Und dass irgendwie “der Himmel” dahintersteckte, auch. Als die “gefräßige Stille” vorbei war, als sie langsam satt wurden, da muss ihnen überall in den Sitzgruppen eingefallen sein, dass es so etwas schon mal gegeben hatte – ein ganzes Volk, das in der Wüste satt wird, auf wunderbare Weise. Weil ihnen jemand Brot gegeben hat. Das war Mose, das waren ihre Vorfahren, das war auf dem Weg vom Sinai dorthin, nach Palästina. Und so fangen sie an zu flüstern: “Das ist der Prophet, der in die Welt kommen soll”, und zeigen mit dem Finger. Und: “Der soll unser König sein.” Irgendeiner spricht es aus, die anderen nehmen es auf, und es verbreitet sich: Klar, dann hätten sie es gut, sie hätten keine Sorge mehr um ihr Einkommen und Auskommen, um späten Frost, Trockenheit im Mai, Hagel im Juli und zu viel Regen zur Erntezeit. Und die ersten stehen auf und kommen auf Jesus zu. Da zieht er sich zurück. Nun gut, man muss nichts überstürzen, morgen ist auch noch ein Tag, und die Sonne geht schon unter.

Am nächsten Morgen aber ist das passiert, was uns immer wieder passiert: Sie sind wieder hungrig. Abendbrot haben sie von ihm bekommen, jetzt ist es Zeit fürs Frühstück. Und dafür ist Jesus offensichtlich die richtige Adresse. Und der Gedanke, dass er der Prophet ist, auf den sie schon so lange warten, der Messias, der Retter – der Gedanke, der am Abend vorher vielleicht noch eine Frage war, der hat sich über Nacht verfestigt. So haben sie doppelten Grund, ihn zu suchen.

Und es ist richtig, dass sie zu ihm kommen. Gleich aus mehreren Gründen. Der erste hat mit dem Gerstenbrot zu tun, der zweite mit dem täglichen Brot und der dritte mit dem Glauben. Das Gerstenbrot hat keiner abgelehnt. Keiner hat gesagt, das ist ja wohl das Wenigste, dass kann man ja wohl erwarten, dafür muss man auch nicht noch dankbar sein, das hat mit Gott nichts zu tun. Wer bei uns auf die Tafel angewiesen ist, wird auch nicht so reden. Auch wenn er Brot oder Obst bekommt, das kurz vor dem Ablaufdatum ist. Aber wo viele einigermaßen im Wohlstand leben, wird die Grundversorgung oft für selbstverständlich gehalten. Das, was wir eigentlich am nötigsten haben. Und wir können statt Gerstenbrot abgepacktes Einheits-Schnittbrot einsetzen, oder Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Gut, dass sie nicht so gedacht haben. Sonst hätten sie nicht mitbekommen, dass das, was sie satt gemacht hat, von Gott kommt, und dass es ein Zeichen ist, dass er noch viel mehr und Größeres geben will.

Der zweite Grund ist das tägliche Brot. Jesus weiß, dass wir das brauchen. Und spricht uns im Vaterunser selbst die Bitte dafür vor: “Unser tägliches Brot gib uns heute.” Er hat selbst gehungert, 40 Tage in der Wüste, bevor er vom Teufel ver­ sucht wurde. Er weiß, dass wir Vitamine und Nährstoffe braucht, und mancher auch seine glutenfreie oder seine Diabetiker-Diät. Und Martin Luther erklärt es richtig im Kleinen Katechismus, dass dazu auch eine ordentliche Regierung gehört, Nachbarn und gute Freunde. Das gilt dann auch für Medikamente, Geld, Fortbewe­ gungsmittel, Heizung und Strom, ein funktionierendes Europa und eine ordentliche Wirtschaftspolitik. Ihr braucht tägliches Brot, sagt Jesus, und deshalb habe ich euch gestern zu essen gegeben, als ihr selbst nichts dazu tun konntet. Ja, er legt uns die Bitte dafür in den Mund, und er sorgt selbst dafür, dass wir es bekommen.

Als er der Witwe aus Nain ihren gestorbenen Sohn wiedergegeben hat und Maria und Martha ihren gestorbenen Bruder Lazarus, als er seiner Mutter Maria in seinem Sterben den Jünger Johannes als Sohn gegeben hat, als er Menschen mit Behinderungen geheilt hat, die bis dahin nichts tun konnten für ihren Lebensunter­ halt, da hat er damit auch dafür gesorgt, dass diese alle ihr tägliches Brot haben.

Aber das ist es eben: Das alles hat mit dem täglichen Brot zu tun. Mit dem, was wir jeden Tag wieder brauchen. Weil wir jeden Tag wieder hungrig werden. Weil wir jeden Tag wieder Ausgaben haben für Wasser und Strom, für Auto und Haus. Dafür zu sorgen ist eine bleibende Aufgabe, solange wir leben.

Aber – und jetzt kommt das Dritte: – Brot gibt kein Leben. Gar nichts in dieser Welt gibt Leben. Das kann nur Gott. Das tut nur Gott. Und daran trennen sich am Ende dieses zweiten Tages die Wege – viele von den Menschen, die morgens zu Jesus kommen, wenden sich am Abend ab von ihm. Warum?

Eigentlich ist das, was sie von ihm verlangen, verständlich. Er redet davon, dass er dieses ganz menschliche Problem lösen kann, dass wir jeden Tag neu für unser Leben sorgen müssen. Er redet von einer Bindung an ihn. Und sie erkennen schon: Hier ist mindestens so viel wie bei Mose, ja noch mehr. Und verlangen deshalb, dass er sich ausweist: “Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und glauben? Was tust du für ein Werk?” Mose hat ihnen 40 Jahre lang Manna in der Wüste gegeben, Brot vom Himmel, wie sie meinen. Jesus soll mehr tun.

Ich weiß nicht, was sie genau erwarten. Mag sein, dass sie's selber gar nicht so genau sagen können. Eine Art Bio-Wunderbrot vielleicht, das so gesund ist, dass sie gar nicht mehr krank und alt werden. Vielleicht sind sie damit gar nicht so weit weg von uns heute. Denn wenn wir so viel Zeit und Energie und Geld auf gesunde Ernährung verwenden, wenn uns von “Bio” und “natürlich” versprochen wird, dass man immer gesund ist und bleibt, dann kann sich das Gefühl einnisten, dass man dann immer weiter lebt, ohne Alterserscheinungen und glücklich wie die Leute mit dem strahlenden Lächeln in der Werbung, die immer jung aussehen.

Kann Jesus das geben? Klar kann er das. Sie haben's gerade erlebt. Und daran zweifelt auch der Teufel nicht, als er Jesus in der Wüste versucht und sagt: Mach diese Steine hier zu Brot. Sie verlangen nur, dass er es noch einmal belegt – dann wollen sie an ihn glauben.

Aber Jesus lässt sich nicht unter Druck setzen. Nicht von ihnen und nicht von uns. Ja, ihr braucht Brot zum Leben, sagt er. Aber euer Glaube guckt auf das, was Menschen können, und auf eure eigene Erfahrung. Mose hat euch nicht das Manna gegeben, das hat der allmächtige Gott getan. Und nicht ihr entscheidet, ob ich der Messias bin. Wer sich seinen Gott aussucht, wer entscheiden will, wer für ihn Gott ist, der ist nicht beim lebendigen Gott. Der lebendige Gott ist mitten unter euch. Wer mich hat, der hat das Leben. Der einzige Beleg dafür bin ich selbst. So, wie ich zu euch rede. “Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.” Oder, man kann es auch so hören, und das ist auch mitgemeint: “Gottes Brot ist der, der vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.”

Nein, Jesus zeigt ihnen nicht das Lebensbrot. Und erklärt ihnen auch nicht, was das ist. Er sagt, “Ich bin's.” Am Abend vorher gab's Essen sozusagen wie im Schnellimbiss. Aber dieser Satz, “Wer mich hat, der bekommt keinen Hunger mehr und keinen Durst”, der geht den Leuten nicht so leicht ein, damals nicht und heute auch nicht. Das ist kein geistlicher Schnellimbiss. Das ist etwas, das man immer wieder vorholen und auf dem man rumkauen muss.

Auf alle Fälle heißt das: Was wir wirklich brauchen, ist er. Er ist das Leben. Und wir brauchen ihn ganz und gar. Nicht nur so, wie man mit einem guten Freund oder einer Freundin redet und sich ab und zu trifft, sondern so, dass wir eins werden mit ihm. Deshalb redet er hier vom Essen, und sagt etwas später sogar, wer in Ewigkeit leben will, der muss seinen Leib kauen, und sein Blut trinken. So wie Gott unserem Körper mit unserem Essen und Trinken von außen dem Körper das zufügt, was er braucht, und es geht in alle Körperzellen ein, so gibt er uns seinen Sohn, der von außen zu uns kommt und uns das gibt, was wir zum ewigen Leben brauchen.

Deshalb hat Jesus nicht einfach hingenommen, was das ungehorsame Essen unserer ersten Eltern angerichtet hat, und was wir Menschen immer weiter anrichten, die wir uns unseren Gott aussuchen wollen, die wir uns Gott nach unseren Bedürfnis­ sen und Erfahrungen zurechtmachen wollen, und das heißt: die wir ohne den lebendigen Gott leben wollen. Die Folge davon ist Vergänglichkeit und Krankheit und der Tod, nicht nur für uns Menschen, sondern für die ganze Schöpfung. Das hat er alles auf sich genommen, hat so Schuld vergeben, Kranke geheilt, Toten das Leben wiedergegeben. Nein, er hat es nicht einfach weg­ gewischt. Dass er es auf sich genommen hat, bei jedem einzelnen und für uns alle, das hat ihm den Tod eingebracht, den Tod am Kreuz.

Die Folge davon ist aber auch, dass Menschen vom Leben hier alles erwarten. Und sich auch leicht selbst überzeugen, dass es in Ordnung ist, sich das zu nehmen. Daher kommen Geiz und krumme Abrechnungen in der Welt, dadurch werden Menschen vergnügungssüchtig und geldsüchtig oder esssüchtig. Und meinen, wenn einer alt oder krank ist und das nicht mehr erleben kann, dann ist das kein Leben mehr, dann soll man es auch selbst beenden können.

Aber hier wo Christus ist, bekommst du das, was der ganzen Welt verschlossen ist seit dem Sündenfall. Wonach sie Hunger hat, und ihn doch mit alldem nicht stillen kann. Hier bekommst du zu essen vom Baum des Lebens. Wer Christus hat, der lebt – auch wenn er als Christ im Iran im Gefängnis ist, gefoltert und hungrig, wenn sein Körper von Krankheit zerfressen ist und keine Nahrung mehr behält, wenn ihm seine Schuld immer wieder sauer aufsteigt aus dem Gewissen – bei ihm ist Vergebung, bei ihm ist Leben, das stärker ist Folter, Hunger, Durst und Schuld.

Darum steht er heute vor uns und sagt: Ich bin's. Ich bin das lebendige Brot. Glaubt doch nicht, dass es in dieser Welt etwas gibt, das das Leben frei macht von aller Krankheit, das es ein Glück ohne Ende gibt, wenn man nur richtig lebt. Nehmt mich in euch auf mit meiner Gerechtigkeit. Holt euch hier die Barmherzigkeit, die ihr braucht, trinkt euch satt daran. Und teilt es mit vielen Menschen.

Wir merken, liebe Schwestern und Brüder, dass Jesus hier vom Glauben redet. Und er redet auch schon vom heiligen Abendmahl, das er am Abend vor seinem Sieg am Kreuz den Jüngern gibt. Lasst uns das mitnehmen in diese Woche und am nächsten Sonntag zu seiner Tafel kommen. Denn da gibt es das umsonst, wenn wir nur glauben, dass wir zu den Armen gehören, für die diese Tafel eingerichtet ist.

Und lasst uns für unser Leben das tun, was die Deutschtürken in der Türkei tun: Das gesunde Vollkornbrot, das sie kennengelernt haben, holen sie sich auch dort, wo ihre Freunde und Verwandten nur Weißbrot kennen und gar nichts vermissen. Hier ist das Brot des Lebens. Wir haben's kennengelernt. Das ist mehr als alle 3200 deutschen Brotsorten zusammen. Holen wir's uns immer wieder. Und sagen wir's auch den Menschen um uns herum. Amen.

  1. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe III)

Daniel Schmidt, P.