Predigt vom 28.7.2019 (Jesaja 43,1-7)


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Create Date28. Juli 2019
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Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Liebe Schwestern und Brüder,

Fürchte dich nicht” – wer so einen Satz zu jemandem sagt, der ahnt wohl, dass das Leben für diesen Menschen nicht leicht wird. Aber zu wem ist das gesagt, wer ist dieser “Jakob”? Ist das ein einzelner? Wenn dieser Vers einem Kind bei seiner Taufe mitgegeben wird oder einem Jugendlichen bei seiner Konfirmation, dann kann er so gehört werden. Dann ahnt der Pastor vielleicht, dass es im Leben dieses Kindes manches Schwere geben wird. Die Eltern haben nicht viel oder haben sich getrennt, das Kind hat eine Behinderung, oder es ist das Kind eines iranischen Elternpaares, die ihre Heimat verlassen mussten und hier in Deutschland nicht nur mit einer anderen Kultur und Sprache zu tun haben, sondern auch täglich damit rechnen müssen, dass sie zurückgeschoben werden und dass man sie dann ins Gefängnis steckt oder Schlimmeres.

Und doch heißt dieser Satz nicht, dass überall am Lebensweg eines Menschen ein Grund zum Fürchten ist. Mancher Mensch mit der Behinderung, die „Down Syndrom“ genannt wird oder „Trisomie 21“, ist ein so fröhlicher und liebenswerter Mensch, dass seine Umwelt ihn nicht missen möchte. Und wer als neugetaufter Christ in unserem Land bisher nur geduldet ist, freut sich oft über jede Freundschaft, die da entsteht, und über jede Gelegenheit, selbst andere einladen zu können. Wer in einer langen Ehe das Älterwerden spürt, ist mit jedem Jahr dankbarer über den lieben Menschen an seiner Seite, der das mit ihm teilt. Und wer als Christ in der Not die Hände faltet, macht oft die Erfahrung, dass wir – Gott sei Dank! – nicht auf das angewiesen sind, was wir Menschen fertigkriegen, und dass unser ganzes Sorgen es auch nicht besser macht, sondern dass Gott hilft.

Und doch ist dieser Satz „Fürchte dich nicht“ etwas Entscheidendes für unser Leben. Nicht, weil es ein guter Spruch ist. Auch nicht, weil es so eine Art Schulterklopfen ist von jemandem, der zufällig vorbeikommt, wenn das Leben mal schwer ist; der sagt, „Das wird schon wieder“ und dann weitergeht. Nein, entschei­dend ist dieser Satz wegen dem, der so spricht. Denn das ist dein und mein Schöpfer und Erlöser.

Dabei ist Furcht zunächst etwas Realistisches. Angstkann man ja vor allem Möglichen haben, auch vor Bedrohungen, die man sich nur einbildet; ohne Grund. Aber Furchtsieht einer echten Bedrohung ins Auge und guckt, wie man ihr begegnen kann. Sie sieht die Wirklichkeit, wie sie ist. Sie sieht im Leben die Dinge, die größer sind als wir und die wir nicht in der Hand haben.

Das sind die Dinge, die uns genau deshalb Sorgen machen: Stress, nach­lassende Gesundheit oder schwere Krankheit, die Endlichkeit unseres Lebens, das vom Tod begrenzt ist. Und das, was danach kommt: Dass wir uns vor Gott verantworten müssen für unser Leben.

Manche von diesen Dingen werden uns an einigen Punkten im Leben bewusst. Irgendwie immer dann, wenn wir merken, es gibt etwas, das stärker ist als wir, gegen das wir nichts tun können. Etwa wenn es mit der Arbeit nicht klappt oder mit dem Einkommen, wenn wir eigentlich dachten, wir hätten uns abgesichert und dann kommt alles anders, oder wenn einer einfach Angst hat davor, vor anderen zu stehen und etwas zu sagen.

Wir würden solche Bedrohungen manchmal gerne „wegdenken“. Aber sie verschwinden nicht, wenn wir nicht daran denken – und auch nicht,wennwir daran denken.

Es ist deshalb angebracht, dass wir ihnen ins Auge sehen. Und es ist etwas Entscheidendes, etwas, das es in keiner Religion sonst gibt, etwas, das dir kein anderer geben kann, wenn der dreieinige Gott sagt: “Fürchte dich nicht. Denn” – und das ist entscheidend – “ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!”

Wir müssen vor Gottes Gericht erscheinen. Er wird jeden von uns nach unserem Leben fragen. Das heißt, zu fragen braucht er uns nicht. Unser Leben wird wie ein offenes Buch vor ihm liegen. Mit allem, was wir getan und gesagt haben, ja, mit unseren innersten Gedanken, die kein anderer sieht. Da wird ohne Unterschied bei uns das herauskommen, was der Apostel Paulus im Römerbrief sagt: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ Wir haben nichts vorzuweisen.

Deshalb ist es entscheidend, dass wir dann den an unserer Seite haben, der mit diesem Satz sagt: „Ich habe dich erlöst.“ Ich habe dich losgemacht von aller Schuld, von allem Versagen in deinem Leben, von allem, was als Anklage gegen dich vorgebracht werden könnte. Ich habe es getan, indem ich das alles auf mich genommen habe. Ich habe mich dafür verurteilen lassen und bin dafür gestorben. Ja, deinen Tod bin ich gestorben.

Das alles steckt in diesem Wort beim Propheten Jesaja drin. Noch nicht so, dass seine ersten Hörer das alles so genau hätten aussprechen können. Aber so, dass wir es als Bibelleser erkennen können; als die, die die heilige Schrift mit dem Alten und dem Neuen Testament insgesamt kennen, und die den Schlüssel dazu haben: Jesus Christus. Denn wir haben es mit dem dreieinen Gott zu tun, der zu dem Volk Israel gesagt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland erlöst hat“, und der uns sagen lässt: Wer christlich getauft ist, der ist in den Tod und die Auferstehung Jesu Christi hineingetauft. Der ist durch den Tod schon hindurch. Daran erinnert das Kreuz, das wir in einer christlichen Traueranzeige vor das Sterbedatum setzen. Das heißt: An dem Tag, an dem das Leben eines Menschen hier zu Ende geht, vollendet Gott das, was er in seiner Taufe begonnen hat. Deshalb gilt: Wer Christus hat – nurwer ihn hat – der hat keinen Grund zur Furcht, wenn es hier auf das Ende zugeht. Wenn jemand so einen Vers auf seinen Lebensweg mitbekommen hat, ist das deshalb eine gute Erinnerung daran.

Und es ist in jedem Fall für dich und mich eine Erinnerung: Wenn die Furcht kommt, dann nimm dir deine Bibel und lies. Lies, wie Gott mit seinem Volk umgeht im Alten Testament. Wie er es warnt und tröstet und seine Versprechen immer wieder einlöst. Lies im Neuen Testament den reichen Trost in den Evangelien und in den Gemeindebriefen, in eine Zeit und Kultur hinein, wo die Christen in einer Minderheitssituation sind; wo die meisten wenig besitzen und wenig tun können, um die Dinge in dieser Welt zu beeinflussen. Ja, sprich auch mit lieben Mitchristen und bitte sie, für dich zu beten. Und wenn du willst, sag deinem Pastor bescheid, dass du vor ihm ausspricht, was dich fürchten macht, dass er dir mit dem Segen den Frieden Gottes zuspricht.

Denn du bist damit nicht allein. Du gehörst als getaufter Mensch zu Gottes Volk. Ja, dieser Satz ist überhaupt zuerst gar nicht zu irgendeinem einzelnen gesagt, sondern zu dem Volk Israel. „Israel“ ist ja der Name, den Gott dem Jakob gibt, nachdem er in der Nacht am Jabbok-Fluss mit ihm gerungen hat, und dann eben der Name des Volkes, das auf Jakob und seine 12 Söhne zurückgeht. „Israel“, das heißt „der mit Gott ringt“. „Fürchte dich nicht, Israel, ich habe dich erlöst“ heißt dann: Gerade wenn du nicht fertigwirst mit der Frage, wie Gott manches zulassen kann, wenn das mit dem Rat, alles in Gottes Hand zu legen und loszulassen, nicht so einfach ist, dann ringe mit ihm. Halte fest an ihm gegen alles, was du siehst oder fühlst. So tut es Gottes Volk durch alle Zeiten hindurch, so tut es die christliche Gemeinde – nicht nur die hier in Groß Oesingen, sondern die ganze Kirche – auch für dich. Wenn du den Glauben in dir nicht mehr spürst, dann gibt dir Gott damit drei Dinge, die dich halten: Erstens, dass du zu Gottes Volk gehörst. Das ist eine Tatsache seit deinem Tauftag. Das kann kein Mensch und kein Teufel dir wegnehmen. Zweitens, dass du von lauter Priestern umgeben bist, die für dich mit ihren Bete-Dienst tun, denn jeder getaufte Christ ist ein Priester. Ob dein Name in ihrem Gebet mit drin ist oder nicht: Wir beten füreinander mit jedem Vaterunser, mit jedem Ruf, dass der Herr sich über uns erbarmen möge, mit jedem Kirchengebet im Gottesdienst. Und drittens das, was Gott hier zu seinem Volk Israel sagt:

Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.“

Ägypten, das war eine der Großmächte zur Zeit des Jesaja. Kusch war ein Königreich im heutigen Nordsudan. Seba lässt sich nicht genau an einem Ort festmachen, aber eins ist klar: Gott lenkt die Weltpolitik so, dass sein Volk nicht im politischen Getriebe untergeht. Er lenkt auch Politiker, die nichts von ihm wissen wollen, und sei es dadurch, dass die, die mit Gewalt herrschen, eben nichts Bleibendes aufbauen. Aber wenn Gott sagt, er hat Ägypten als Lösegeld gegeben, dann heißt das, auch an diesen Ländern und den Menschen, die da wohnen, liegt ihm etwas, so wie einem, der Lösegeld zahlt, an dem Geld ja auch etwas liegt. Ganz besonders lieb aber hat er das Volk, das er von Anfang an ausgewählt hat, Israel. Das gilt bis heute, auch wenn es nicht heißt, dass alles gut ist, was im politischen Staat Israel heute geschieht. Es heißt aber auch für uns: er hat sein Volk, die Kirche, ganz besonders lieb. Wer dazugehört, der ist seinem Herzen besonders nahe. Wird er uns dann nicht hören? Haben wir dann nicht Grund zum Vertrauen, auch wenn bei Vielen um uns herum die Bewegung eher weg von der Kirche läuft? Wird er dann nicht seine Hand um uns halten wie es hier von den Naturgewalten Feuer und Wasser gesagt ist, die uns auch nichts tun können gegen seinen Willen?

Jetzt lasst uns aber noch einmal auf ein kleines Detail achten in dem Satz, den wir gerade noch mal gehört haben. Da nennt Gott den Grund dafür, warum er den ganzen Lauf der Welt so lenkt, wie es für sein Volk am besten ist: „weil du in meinen Augen so wertgeachtet und auch herrlich bist und weil ich dich liebhabe.“ Wisst ihr, seit einiger Zeit scheint es eine Art Kompliment zu sein, wenn über jemanden gesagt wird, er oder sie sieht sexy aus. Als ob das Aussehen so eine Person für alle anderen begehrenswert macht. Natürlich nehmen wir solche Dinge auch wahr, aber ist es nicht beim Verlieben und beim Lieben so, dass genau einMensch eben für genau einenanderen vom anderen Geschlecht begehrenswert ist, egal wie attraktiv oder wertvoll er für irgendjemand anderen ist? Und dass er so wertvoll für den anderen auch bleibt? Haben wir's nicht auch schon erlebt, dass man irgendwo ein altgewordenes Paar sieht, das man nicht kennt, dass man den einen davon gar nicht attraktiv findet, und dann merkt: so, wie der andere mit ihm umgeht, gibt es für ihnen keinen wichtigeren Menschen als genau diesen einen. Für den nimmt er sich immer wieder Zeit, für den tut er, was ihm guttut bevor der es überhaupt sagt; ob das nun der Kaffee ist, genau so zubereitet wie der es mag, oder die Strickjacke, ungefragt um die Schulter gelegt, schneller als die Gänsehaut bei der Andeutung einer kühlen Brise.

So geht Gott mit uns um. Mit dir. Du bist in seinen Augen so wertgeachtet. Er hat dich lieb. Er weiß, was du brauchst, noch bevor du es im Gebet aussprichst. Er hat immer Zeit für dich. Ja, er ist Gott und legt dir manchmal eine Last auf. Aber eben deshalb, damit du ihn suchst, damit du dich mit ihm verbinden lässt und ihr wieder zu einer Person werdet, einem „Menschen-in-Christus“. Und dann ist er es, der diese Last für dich schultert mit dir zusammen; das heißt, dich schultert er auch gleich mit.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Amen.

6. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe V)

Daniel Schmidt, P.