Predigt vom 28.4.2019 (Markus 16,9-20)


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Create Date28. April 2019
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Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, daß er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, daß sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

Im Kongo im Zentrum Afrikas herrschte in den 1990er Jahren ein Mann, der groß sein wollte. Mobutu hieß er. Der hatte 5 Milliarden US-Dollar in seiner Tasche. Genauso groß war das Loch in der Staatskasse. Es ging ihm nur um sich selbst. Deshalb fehlte es im Land überall. Die Leute hatten gelernt, irgendwie damit fertigzuwerden. Eltern gaben Lehrern Lebensmittel, die unterrichteten dafür ihre Kinder. Und sie hatten Humor. Das Land hatte seit Jahren keine Verfassung mehr. Aber man wusste noch, dass die mal aus 14 Artikeln bestanden hatte. So sagten sie, wenn etwas auf dem normalen Weg nicht möglich war: “Machen wir's nach Artikel 15.” Wenn man nachfragte, wie der lautete, hieß es: “Schlagt euch durch!”

Anwenden konnte man den jeden Tag. Wenn es kein Benzin gab und sich die Autos an den Tankstellen sammelten, liefen da Jungens rum mit Plastikflaschen und verkauften Benzin literweise. Aber wenn einem das angeboten wurde, waren Zweifel angebracht. Zweifel, ob das nicht gepanscht war. Oder verunreinigt. Also: Verstand einschalten und nicht darauf reinfallen. Obwohl man ja gerade Benzin sehr nötig hatte. Aber das Plastikflaschenbenzinangebot am Straßenrand war immer da. Es musste also auch Käufer geben.

Es gibt Situationen, da sind Zweifel angebracht. Das gilt auch für manches, was uns im Bereich von Kirche und Religion erzählt wird. Ich habe mal von jemandem gehört, der sagte, er könne in Zungen reden. Nicht in einer Sprache, die er nie gelernt hatte, wie die Apostel am Pfingsttag. Sondern in der Sprache des Herzens, mit der Gott auf eine innige Weise gelobt wird, die kein anderer versteht. Aber jemand, der dabei war, merkte: Der hat einfach das Vaterunser auf Griechisch auswendig gelernt, wie es im Neuen Testament geschrieben ist, und sagt das auf. Das eigentliche Wunder war wohl, dass das vorher noch keiner gemerkt hatte.

Nun sagen manche Leute, die Jünger und die Frauen hätten sich das mit der Aufer­ stehung Jesu nur ausgedacht. Sie hätten sich so sehr gewünscht, dass er nicht gestor­ ben wäre. Deshalb hätten sie angefangen, so etwas zu erzählen. Wenn die Leute es glauben würden, dann würde es ja irgendwie weitergehen. Nach dem Motto: Wenn der da oben nichts mehr tut und nichts mehr tun kann, dann schlagt euch irgendwie durch.

Das, liebe Gemeinde, ist eine Theorie, bei der Zweifel durchaus angebracht sind. Würde man damit diese Männer und Frauen nicht gewaltig überschätzen? Wie sollten sie in ihrem Zustand so einen Plan aufstellen? Die waren völlig am Ende. So wie es die beiden am ersten Tag der Woche gesagt haben, die auf dem Weg nach Emmaus waren und denen sich ein fremder Begleiter angeschlossen hatte: Wir glaubten, dieser Jesus würde Israel erlösen. Er würde die Welt erlösen.

Aber er war gestorben. Die Soldaten hatten seinen Tod festgestellt. Das mussten sie, denn sie hatten den Befehl zur Hinrichtung, und sonst wären sie dran. Jesus war tot. Einige Frauen waren dabei gewesen. Johannes auch. Jesus war tot. Joseph von Arimathäa und Nikodemus hatten ihn in das Grab in der Höhle gelegt. Tot.

Und würde man damit diese Männer und Frauen nicht auch unterschätzen? Wie dumm müssten sei sein zu denken, dass ihnen jemand so eine Geschichte glauben würde? Tot ist tot. Das sagt einem der normale Menschenverstand. Und die schmerzhafte Erfahrung, die wir im Leben machen. Wenn dieser Jesus lebt, dann müsste ihn ja jemand gesehen haben. Wer würde ihnen denn so etwas abnehmen?

Na ja, manchmal mögen Menschen meinen,sie hätten einen Verstorbenen noch einmal gesehen. Aber wer es gut mit ihnen meinte, der würde ihnen sagen: Lasst mal. Ihr seid einfach noch durcheinander. Das ist verständlich.

Deshalb beweisen die Jünger gesunden Menschenverstand, als einige am Oster­ sonntag so etwas erzählen. Sie glauben ihnen nicht. Selbst wenn sie auch nur ein bisschenHoffnung so nötig hätten. Jesus ist gestorben. Das heißt tot. Das sagt ihnen ihr Verstand. Und ihre Erfahrung. Sonst wären sie nicht so verzweifelt.

Doch dann geschieht genau das, was sie sich am wenigsten hätten ausdenken wollen. Jesus steht vor ihnen. So geht's Maria von Magdala. Sie kommt am Morgen zu der Grabhöhle. Die ist offen. Und leer. Begreifen kann sie das nicht. Es muss jemand die Leiche weggenommen haben. Aber Grabräuber waren es nicht. Und Anhänger von ihm auch nicht. Denn die Grabtücher liegen anscheinend so da, wie sie um den Körper gewickelt waren. Nur ohne den Körper. Sie hat ihren toten Meister liebgehabt. Und sie ist bereit, jetzt alles zu tun, was sie noch für ihn tun kann. Aber dass er leben könnte, das fällt ihr im Traum nicht ein.

Da kommt Jesus und bleibt hinter ihr stehen. Sie dreht sich um. Sie sieht ihn. Aber sie erkennt ihn nicht. Vielleicht weil sie Tränen in den Augen hat. Und weil seine Gestalt anders geworden ist. Aber dann sagt er ihren Namen. Und daran erkennt sie ihn.

Und so geht's den anderen auch. Den Frauen, die am Grab den Engel gesehen haben. Petrus und Johannes. Sie reagieren mit Zweifel auf den Satz „Jesus ist auferstanden.“ In unserem Abschnitt aus dem letzten Kapitel im Markusevangelium hören wir immer wieder davon:

“Als sie hörten, daß er lebe und sei [Maria von Magdala] erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben.”

Da haben wir die Zweifel, liebe Schwestern und Brüder. So wie vor dem Tod von Jesus auch. Als die Jünger im Boot waren auf dem See Genezareth, als plötzlich ein Sturm aufzog, wie das dort immer wieder vorkommt, als sie mit all ihrer Erfahrung dachten, sie gehen unter, das ist das Ende; als er dem Wind und den Wellen gedroht hat, dass sie ruhig werden – da hat er sie zurechtgewiesen wegen ihrem Unglauben. Als ein Vater zu ihnen kam, als sie seinem Kind helfen sollten und es nicht konnten, da hat Jesus sie zurechtgewiesen für ihren Unglauben. Und jetzt tut er's, als er auferstanden ist.

Und, ja, tut es liebevoll immer wieder in den nächsten 40 Tagen, bis er seinen Platz einnimmt beim Vater. Nämlich wenn er ihnen aus dem Alten Testament seine eigene Auferstehung predigt, wo doch geschrieben steht, dass der Tod ihn nicht halten kann, und wo die Worte “Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Worte verkündigen” seineWorte sind, prophetisch vorhergesagt durch den Beter des 118. Psalms (Vers 17).

Ja, liebe Gemeinde, die Tage, nachdem Jesus auferstanden ist, sind Tage voller Zweifel. Mitten in der Gemeinde sind diese Zweifel da. Und ich glaube, wir können sagen, da gehören sie hin. Denn einen ganz festen, zweifel-losen Glauben gibt es in dieser Welt nicht. Aber wer sich zur Gemeinde hält, der erlebt, wie Jesus auf solchen Zweifel reagiert:

Er kommt. Er kommt zu denen, die glauben und zugleich zweifeln. Zu denen, die sich nichts mehr wünschen als dass er lebt. Aber er kommt anders, als sie denken. Nicht so, dass er ihnen einreden lässt, er wäre eigentlich gar nicht gestorben. Und so, dass er ihrem Verstand durchaus Recht gibt: An ein Gespenst sollten sie nicht glauben.

Deshalb sagt er zuerst zu Maria von Magdala, sie soll ihn nicht anfassen. Sie soll nicht meinen, er ist wieder so bei ihnen wie vorher in den letzten drei Jahren. Aber dann sagt er zu Thomas: Fass mich an. Ich bin kein Gespenst. Und lässt sich etwas zu essen geben. Nein, das ist keine “virtuelle Realität”, keine 3-D-Projektion im Raum. Das ist Gottes Sohn, wahrer Mensch und wahrer Gott.. Mit den Wunden in seinen Hand- und Fußwurzeln und in seiner Seite, und von der Dornenkrone auf seiner Stirn. Gestorben. Aber nicht mehr tot. Sondern auferstanden.

Und dann weist er sie zurecht für ihren unsinnigen Menschenverstands-Glauben: Durch die Propheten habe ich es euch angekündigt. Vor drei Tagen habe ich es an meinem eigenen Leib erfüllt. Heute schicke ich euch Augen- und Ohrenzeugen. Was soll ich denn noch mehr tun? Eure Hoffnung, dass Sünde und Tod ein Ende haben, ist erfüllt. Und ihr glaubt nicht?

Dass unser Verstand seine Grenzen hat, liebe Gemeinde, das wissen wir. Das gilt, wenn wir ganz zurückzudenken versuchen an den Anfang der Welt, der Materie und der Zeit. Das gilt in der Naturwissenschaft auch aktuell. Etwa wenn es darum geht festzustellen, was genau “Licht” ist. Und unsere Erfahrung hilft uns nur weiter, wenn es um Dinge geht, die sich wiederholen. Deshalb ist das Leben für kleine Kinder ja so spannend und eine ständige Entdeckung, weil jede Erfahrung neu ist. Und sie können sich freuen, wenn sie ein bisschen älter werden und merken, dass manches sich wiederholt: Letztes Jahr haben wir Ostern gefeiert, dieses Jahr wieder.

Dass aber einer, der gestorben ist, aufersteht, da kommt unser Verstand an seine Grenzen. Bei den Jüngern und bei uns. Obwohl sie die Erfahrung ja schon gemacht hatten, als Jesus die 12jährige Tochter des Jairus wieder lebendig gemacht hatte, den jungen Mann aus Nain und ihren Freund Lazarus in Bethanien. Aber das Leben, das die wiederbekommen hatten, war das, was sie vorher auch gehabt hatten. Wer ihnen vorher und nachher begegnete, konnte einfach denken, sie hatten weitergelebt wie man selbst auch.

Aber mit Jesus war das offenbar anders. Es hatte sich etwas verändert. Er kam durch verschlossene Türen. Er brach den beiden in Emmaus am Abend das Brot wie ihr Gastgeber, aber er aß nicht mehr für seinen Hunger. Er schlief auch nicht mehr. Sie sahen ihn, und dann sahen sie ihn nicht mehr. Und offensichtlich war er auch bei ihnen, wenn sie ihn nicht sahen. Nicht irgendwie “rein geistig”. Sondern mit Leib und Seele. Und doch mit einem neu gewordenen Körper, den Raum und Zeit nicht mehr halten konnten.

So wächst bei ihnen der Glaube, den sie sich nicht hätten ausdenken können: Er ist auferstanden. Er lebt und regiert diese Welt.

Und dann geschieht noch etwas: Er schickt sie los mit dieser Botschaft. (Man hört heute immer wieder mal, dass da ja eigentlich Apostelinnen vorkommen. Er schickt ja die Frauen, die ihn gesehen haben, mit dem Auftrag los, seine Auferstehung zu verkünden. Aber zu wem schickt er sie?) Zu den Männern, die in seiner Vollmacht davon weltweit predigen sollen:

Und [Jesus] sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden. Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Gottes Wort, das wir hören, liebe Gemeinde, macht aus Zweifel Glauben. Denn darin kommt der auferstandene Herr zu uns. Deshalb denke ich, es ist recht zu sagen: Der Zweifel gehört in die Gemeinde. Ich meine nicht die Einstellung: Das mit Jesus kann nicht wahr sein, davon will ich nichts mehr hören. Sondern die: Ich brauche dich, mein Herr Jesus. Hilf meinem Zweifel. Hilf mir, deinem Wort zu vertrauen.

Es ist ja so: Wer unseren Herrn Jesus Christus nur einen großen Mann sein lässt, der aber nicht auferstanden ist, macht ihn zu einem der größten Betrüger der Welt­ geschichte. Nun ist er aber auferstanden. Und auch mit deinem schwachen Glauben wird's besser werden, wenn die, die er ausschickt, dir in seinem Namen die Hände auflegen und das Evangelium zusprechen: Dass du durch seinen Tod Vergebung hast, und durch seine Auferstehung das ewige Leben. Ja, dann kann auch der Teufel und die Sünde, so tödlich ihr Gift ist, dir nichts mehr anhaben.

Deshalb lasst uns die Hoffnung, die wir für unser Leben brauchen, nicht einfach hier und da am Straßenrand mitnehmen, in kleinen Portionen, wo manches von mensch­ lichem Wunschdenken und zweifelhaften Theorien reingemischt ist und man durchaus Zweifel haben sollte. Hier in der Kirche, erlöst uns unser Herr von dem, der selbst groß sein will und uns nur ausbeutet. Hier kommt Gottes Sohn leibhaftig zu uns. Ohne Warteschlange. Wer nicht schon für sich beschlossen hat, dass das alles nicht sein kann, wer ihn hier hört, bei dem werden auch Zeichen folgen im Leben, die wir selbst nicht machen können. Zeichen des Glaubens und der Liebe.

Deshalb: Lasst es uns als Christenmenschen nicht nach dem “Artikel 15” machen und uns mit irgendeiner selbstgemischten Hoffnung durchschlagen. Lasst es uns nach dem zweiten Artikel im Glaubensbekenntnis machen:

Ich glaube, dass mich Jesus Christus mit seinem Leiden und Sterben und Auferstehen erlöst hat, damit ich mit ihm lebe und ihm dienein ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit. Amen, das ist gewißlich wahr.

Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti (Predigtreihe V alt)

Daniel Schmidt, P.