Predigt vom 27.8.2017 (Matth. 21,28-32)


Download3
Stock
File Size172.17 KB
Create Date27. August 2017
Download

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so daß ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Weingut, das von einer Familie betrieben wird, ein Vater und zwei Söhne – mit ein paar Klicks am Computer findet man so etwas im Internet. Z.B. in der Südpfalz, in der Nähe von Landau. Ein klassischer Familienbetrieb in der 5. Generation, betrieben vom Inhaber und seinen zwei Söhnen. „Die beiden Söhne könnten unterschiedlicher nicht sein”, heißt es auf der Homepage. A. als gelernter Önologe (also Wein-Experte) und M. als Marketingexperte zeigen sich jedoch als perfektes und harmonisches Team.”

Wir könnten genau so gut einen landwirtschaftlichen Betrieb hier nehmen, etwa mit Schweinemast als Nebenerwerb. Da ist es klar, dass auch die Jugendlichen mit zupacken müssen, und dass sie gegenüber den Eltern nicht darauf pochen können, dass die Kaffeepause immer pünktlich eingehalten wird oder dass man mindestens jedes zweite Wochenende komplett frei hat.

Aber bleiben wir ruhig bei der Winzerfamilie in der Südpfalz. Was heute ein harmo­ nisches Team in zwei Generationen ist, das mag vor einigen Jahren noch anders ausgesehen haben, etwa so: Der Vater geht zum einen Sohn hin, der sitzt vor'm Computer, als der Vater ihn zur Arbeit schicken will. “Mach ich nich'”, sagt er, steckt die Musikstöpsel wieder ins Ohr. Und denkt noch einen Moment lang, ein bisschen bockig: Papa sagt auch nicht immer Ja, wenn ich ihn brauche, für eine Schularbeit, oder neulich, als die Gabel von meinem Motorrad verzogen war. Und “Familien­ betrieb” – also ich habe mir nicht ausgesucht, hier reingeboren zu werden. Und als ich jünger war, ging's auch ohne mich. Und meine Freunde müssen auch nicht dauernd für den Vater arbeiten, der hat eben einen “normalen” Beruf und nicht so einen, wo alle mit ranmüssen und die Arbeit nie fertig ist. Und wenn ich erwachsen bin, bleibe ich sowieso nicht hier.

Typisch, könnte man sagen. Typisch nicht nur für einen Teenager, der Zeit braucht, wo er abhängen kann und in Ruhe gelassen wird. Sondern typisch, egal wie alt wir sind. Weil es bequemer ist. Weil man sich nicht stören lassen will. Man ist ja grundsätzlich durchaus hilfsbereit. Aber man will sich nicht von jemand anderem sagen lassen, was man tun soll oder was man mit seiner Zeit machen soll.

Aber es bleibt ja nicht dabei, dass der Sohn “Nee” sagt und “Ich will nicht”. Er versucht, den Gedanken wegzudenken, dass der Vater ihn zur Arbeit gerufen hat. Aber er wird ihn nicht los. Da steht er auf, nimmt seine Jacke und die Hacke oder die Forke. Er guckt gar nicht erst beim Vater noch ins Büro. Was zu tun ist, weiß er sowieso. Und weiß auch, dass manchmal vom Wetter her etwas jetzt gemacht werden muss und nicht gleich. Und was soll er dem Vater sagen? Ich habe meine Meinung geändert, ich sage jetzt doch Ja? Da müsste doch sowieso das Tun dazukommen, dann kann er auch gleich rausgehen. Der Vater wird's schon sehen.

Und dann ist da der andere Sohn. Der Vater braucht ihn auch. Vielleicht ist der erste für die Qualitätskontrolle zuständig bei der Beerenernte, und der andere für Einkauf und Verkauf; ähnlich wie in dem Betrieb bei Landau. Und vom Typ her sind sie auch verschieden. Der zweite Sohn sagt gleich ja. Natürlich, Familienbetrieb, das erwähnt man ja auch immer mal bei den Freunden. Und erzählt gern mal, was da alles los ist, und wie's rundläuft zur Erntezeit, und wie gut alles organisiert ist. Und ja, man weiß ja auch gut bescheid. Und der Familienname auf dem Schild an der Straße und auf dem LKW (oder dem Etikett auf den Flaschen), da ist man auch stolz darauf.

Ja, der zweite Sohn braucht nicht lange zu überlegen. Klar sagt er Ja. Er ist ja der, mit dem sein Vater rechnen kann. Er widerspricht nicht und ist nicht bockig.

Aber dann scheint es mit dem Ja für ihn auch genug zu sein. Er hat die richtige Antwort gegeben. Und das war's dann. Warum er nicht raus geht zum Arbeiten – wenn man ihn darauf ansprechen würde, wäre er vielleicht überrascht. Ich bin doch immer irgendwie dabei. Arbeitsverweigerung – ich? Wie kommt ihr darauf? Das liebe Gemeinde, ist der Punkt, an dem Jesus seinen ersten Hörern die Frage stellt:

“Was meint ihr? Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan?”

Wenn man die Frage in Norddeutschland stellt, antwortet vielleicht gar keiner. Weil's klar ist. Und zu viel reden muss man nicht hier in der Gegend. Nun, Jesus hat von den Hörern eine Antwort bekommen. Und Matthäus hat sie aufgeschrieben, obwohl's eigentlich selbst-verständlich ist: Der erste hat das getan, was der Vater wollte. Der, der erst Nein gesagt hat und dann doch hingegangen ist zur Arbeit.

Aber das Interessante ist, es gibt auch Ausgaben vom Matthäusevangelium, da steht das Gegenteil. Bevor man Bücher drucken konnte, wurde das ja immer wieder von Hand abgeschrieben. Und ein paar Abschreiber haben da geschrieben: Der zweite Sohn. Der Ja gesagt hat und (in Klammern:) dann nichts getan hat!

Haben die Abschreiber da gedacht, die Hörer wollen sich verteidigen? Die Hörer, das waren wohl Pharisäer und Älteste, Die waren gerade mit Jesus am Diskutieren, hatte ihn im Tempel zur Rede gestellt: Wer oder was gibt dir das Recht, uns immer wieder so gegenüberzutreten, als ob Gott selbst mit uns redet?

Und Jesus fragt zurück: Die Taufe, zu der Johannes gerufen hat – also die Taufe von denen, die seine Bußpredigt gehört haben, die bekannt haben, dass sie auf dem falschen Weg waren, die zu Gott umgekehrt sind: Von wem war diese Taufe? Von Gott oder den Menschen? Kann es sein, dass ihr einfach nicht umkehren wollt?

Und dann erzählt Jesus dieses Gleichnis von dem Vater und den beiden Söhnen. Von dem ersten, der gar nicht wie ein Sohn reagiert. Und dann merkt, das war verkehrt. Und sein Verhalten ändert.

Und von dem zweiten. Die Wörter, die Jesus da benutzt, sind noch deutlicher, als man's beim schnellen Lesen mitbekommt: “Herr”, nennt er den Vater, so wie alle Juden von Gott reden und Gott anreden. Und statt “Ja” sagt er, genau übersetzt: “Ich, Herr.” Sicher heißt das, “Ich mache das.” Aber es heißt wohl auch: Ich bin der rechte Sohn. Ich achte auf alles, was der Herr sagt. So wie fromme Juden redeten. Und Pharisäer und Schriftgelehrte.

Und dann vertut sich ein Abschreiber. Dann steht da: Der zweite hat den Willen des Vaters getan. Da passiert's grade zum zweiten mal, dass man meint, das Jasagen ist gut und – ist genug.

Aber genau darauf stößt uns Jesus hier mit der Nase und mit den Ohren: Es geht nicht darum, dass wir immer noch mehr finden, das wir tun müssten, und es uns oder anderen unter die Nase halten. Dass wir uns oder unsere Mitchristen immer noch mehr “pushen”. Es geht um eins: Umkehren. Damit fängt es an, dass wir den Willen des Vaters im Himmel tun.

Deshalb hat Johannes zuerst den Auftrag bekommen, Menschen zur Umkehr zu rufen. Deshalb spricht Jesus von den „Früchten der Buße“, die der Vater bei uns sucht. Denn mit dem Stolz auf die Kirche und auf die eigene Gemeinde ist es nicht getan. Und auch nicht damit, dass man zufrieden ist, irgendwie dazuzugehören. Christsein ist eine Berufung. Ein Beruf. Ein Tu-Wort. Du bekennst, dass du an Gott glaubst? Das ist gut. Aber dann lass dich von deinem Herrn von neuem fragen, ob du auch so lebst. Oder ob du dich im Alltag doch immer wieder so verhältst wie der Sohn, der zuerst sagt, „Nee, ich will nich'.“ Sicher, wenn du schon als Kleinkind in die Kirche hineingetauft worden bist, hast du dir's nicht ausgesucht. Aber ist das ein Grund zu sagen, ich mache mit, solange ich Druck kriege von den Eltern oder von den anderen Gemeindegliedern, aber wenn ich hier raus bin, dann habe ich genug vom Kirchen-Betrieb und sage tschüss? Läuft ja auch ohne mich, und ist ja auch bequemer, mit seiner Zeit zu machen, was man selber will?

Aber wie kommt es dann, dass andere so gerne hineinwollen in die Kirche? Wenn sie so alt sind wie unsere Kinderfreizeitteilnehmer, oder als Jugendliche und Erwachsene? Dass manche ihr Leben dafür riskieren? Besser als bei diesem Vater kannst du's gar nicht haben. Auch wenn das, was wir tun, oft so wenig passt zu dem, was wir mit dem Mund bekennen: Er ist kein harter Arbeitgeber; wer bei ihm bleibt, bekommt vollen Lohn. Auch deshalb ist es danebengedacht, wenn wir denken, die Kirche will halt nur billige Arbeitskräfte haben. Nein, wir sind hier in Gottes Familie. Jeder wird gebraucht. Jeder mit seinen Gaben. Und mit dem Glauben ist es wie mit den Armmuskeln: Er wächst, wenn er etwas zu tun hat.

Liebe Schwester, lieber Bruder, wenn nicht viele andere so gearbeitet hätten in der Kirche, wärst du dann heute hier? Ja, es gibt Arbeit zu tun im Weinberg Gottes: in der Gemeinde, in unserer Kirche als ganzer. Es gibt Arbeit im Dorf und in der Gesellschaft. Für die, die den leben­ digen Gott kennen; die wissen, was Liebe zu den Schwachen ist und Barmherzig­ keit, und die das Recht Gottes kennen und danach ihr Leben ausrichten.

„Mein Sohn, meine Tochter, geh hin“, sagt unser Vater im Himmel. Ganz selbst­ verständlich. Und will auch von Norddeutschen eine Antwort. In der Tat. Amen.

Gebet: Herr, du weißt, wie leicht wir denken, dass wir dein Wort schon so oft gehört haben. Und wir stimmen ihm ja auch zu. Lass uns umkehren, wo wir nur Hörer sind und nicht auch Täter. Und zeige uns, wo du Arbeit für uns hast. Amen.

(Daniel Schmidt, P.)