Predigt vom 26.8.2018 (1. Mose 4,1-16a)


Download6
Stock
File Size37.00 KB
Create Date26. August 2018
Download

Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn.

Liebe Gemeinde,

es ist eine bekannte Erzählung. Und sie wirkt bis heute noch anziehend auf Menschen. Vielleicht liegt es an der Faszination von Mord und Totschlag. Die Geschichte hat den Charakter eines Krimis. Und sie ist zeitlos aktuell: Denn es wird beschrieben wie durch Neid und Eifersucht Konflikte entstehen und wie sie eskalieren. Im Vordergrund stehen die Tat und der Täter. Damit sollen wir uns beschäftigen. Ja, das ist unsere Rolle. Daher tritt das Mordopfer in der Erzählung ganz zurück. Und einen Kommissar gibt es nicht, in dessen Rolle wir schlüpfen könnten. Es ist Kain, unser Vorfahr, in den wir uns hineindenken müssen.

Er ist der erste geborene Mensch. Für die Mutter Eva etwas ganz Besonderes. Das Wunder der Entstehung dieses Menschen kann für sie nur Gott bewirkt haben. Ihre Freude darüber ruft sie laut heraus. Wer würde denken, dass dieses Kind jemanden umbringen kann? Abel dagegen wird nur kurz erwähnt. Und doch verbindet sich mit ihm schon eine düstere Vorahnung: Sein Name bedeutet „Hauch“. Wird er verschwinden wie ein Hauch des Windes?

Kain stammt aus derselben Familie. Die Herkunft, das Umfeld der Brüder ist gleich. Sie sind zusammen aufgewachsen. Und doch unterscheiden sich schon diese ersten Brüder voneinander. Nämlich in ihren Interessen, in ihrer Berufswahl. Kain wird Bauer, Abel wird Kleinviehzüchter. Es wird nötig, dass sie sich voneinander trennen. Denn der eine arbeitet auf dem Feld, auf Kulturland, der andere zieht auf Wiesen umher. Daher unterscheiden sich auch die Orte, wo sie Gottesdienst halten. Und auch die Gaben, die sie darbringen. Jeder gibt etwas von dem, was er durch seine Arbeit erwirtschaftet hat.

Aber dass sie Gottesdienst halten, ist für beide selbstverständlich. Auch wenn noch von keinem Gebot dazu berichtet ist. Es ist ganz natürlich, seine Dankbarkeit gegenüber Gott auszudrücken, der einem alles gegeben hat. Damals geschah das indem man den ersten Teil von dem Erwirtschafteten Gott dargebracht hat. Das heißt, es wird etwas zurückgegeben, bevor man es selbst genossen hat. So ähnlich wie man im Gebet für das Essen dankt, bevor man es zu sich nimmt.

Kain und Abel tun das beide. Aber Kain merkt, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansieht. Vielleicht gerät seine Arbeit, die weitere Ernte nicht gut. Irgendwie scheitert sein Bemühen jedenfalls, während das von Abel gelingt. So etwas kommt ja immer wieder vor: Dem einen Menschen gelingt etwas, dem anderen nicht.

Warum ist das so?

Wohl schon Tausende Ausleger haben sich gefragt, warum Gott das eine Opfer annimmt und das andere nicht. Mit Absicht ist ist hier kein Grund genannt. Es entspricht ganz der Erfahrung, dass zwei sich gleich bemühen, aber nur einer Erfolg hat.

Ist Gott dann willkürlich? Willkürlich ist wohl das falsche Wort. Aber seine Gnade ist nicht berechenbar. Abels Opfer sieht Gott gnädig an, das von Kain nicht. Gott sagt: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich“. Der Grund ist für uns nicht einsehbar. Aber das muss so sein. Denn sonst wäre es ja keine Gnade mehr. Sonst könnten wir alles mit unserer Berechnung und unserem Tun erreichen.

Der Grund des Opfers soll nicht sein: Ich gebe etwas, damit du etwas gibst. Do, ut des, wir die Römer sagten. Nein, Gott hat uns schon alles gegeben. Dafür danken wir ihm. Aber dass er weiter gibt, darauf haben wir keinen Anspruch. Wir können es nicht einfordern, indem wir sagen: Ich bin doch dankbar gewesen! Ich habe doch dieses und jenes gespendet und getan, jetzt muss Gott doch auch etwas für mich tun. Gott will Hingabe und Dankbarkeit ohne Bedingungen.

So fällt im weiteren Verlauf der Geschichte doch etwas auf: Kain ist sauer, dass seine Gabe keinen Erfolg hat. Offenbar hat er erwartet, dass Gott ihm dafür gnädig ist. Dann ist es aber keine freiwillige Gabe. Es ist keine echte Dankbarkeit. Es geschieht nicht aus Glauben. So wird es im Hebräerbrief beschrieben. Kain meint, er habe nun das Anrecht darauf, dass Gott ihm gnädig ist. Er hat Gott doch genauso von seinem Ersten und Besten gegeben wie Abel. Da muss er doch auch die gleiche Reaktion bekommen.

Denken nicht auch wir so? Das wäre doch gerecht! Wenn sich zwei in gleichem Maße für etwas einsetzen, sollen sie doch auch gleich belohnt werden. Ich arbeite und mühe mich genauso ab wie der da. Ja, sogar eher noch mehr. So könnte doch auch Kain denken: Ist es nicht viel anstrengender auf dem Feld zu ackern, als ein paar Schafe zusammenzuhalten?

Durch den Vergleich mit anderen wird die Erwartung noch gesteigert. Ich habe doch mindestens so viel verdient wie der da. Der ist mit Gesundheit gesegnet, hat ein gutes Einkommen – und das, wo er gar nicht mehr tut als ich.

In dem Moment denkt man nicht daran, dass es keiner von beiden verdient hat. Es ist Gnade, was beide überhaupt bekommen haben. Aber dieses Wissen wird kaputt gemacht, wenn man anfängt zu vergleichen. Irgendwen findet man immer, dem es besser zu gehen scheint.

Kain wird grimmig. Eigentlich ist er auf Gott wütend, weil er nicht das bekommen hat, was er erwartet hat. Wer nicht an Gott denkt, wird vielleicht auf das Leben wütend. Oder er ist wütend auf die Umstände, in die er hineingeboren wurde. Oder er ist wütend auf das Schicksal, das ihm widerfahren ist.

Diese Gefühle könnte Kain Gott ja klagen. Er könnte im Gebet sein Leiden vor Gott bringen. Aber er schweigt. Daher sieht er nicht mehr auf zu Gott. Der Kontakt ist durchbrochen von Kains Vorwurf: Du, Gott, bist ungerecht. Aber gegen ihn und die Umstände kann Kain sich nicht wehren. Deshalb wirkt sich die Undankbarkeit Gott gegenüber auf das Verhältnis der Menschen untereinander aus.

Dafür können wir die Verantwortung aber nicht auf Gott abschieben. Wir können nicht sagen: Ich, Kain, hätte anders gehandelt, wenn die Umstände anders gewesen wären. Wenn es mir nicht schlechter als den anderen gegangen wäre. Haben wir denn wirklich den Überblick – was wäre, wenn...? Wir haben nur unsere beschränkte, subjektive Sicht. Wir können die Dinge nur aus unserer eigenen Position sehen.

Und Gott weist Kain sogar auf seine Verantwortung hin. Er kümmert sich noch um ihn. Er warnt ihn vor der Sünde: die Sünde lauert vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Ein starkes Bild: Die Sünde lauert vor unserer Tür wie ein wilder Löwe, der auf seine Beute aus ist. Bleiben wir in Gottes Haus, in seiner Nähe, so kann uns nichts passieren. Öffnen wir aber die Tür, werden wir überwältigt.

Es ergeht uns so wie den sieben Geißlein im Märchen: Die Mutter der jungen Ziegen verlässt das Haus und warnt davor, jemanden hereinzulassen. Mehrmals versucht dann der Wolf hineinzukommen. Schließlich gelingt es ihm, die Geißlein zu täuschen. Mit Kreide macht er seine Stimme weicher und mit Teig seine Pfote heller. Die jungen Ziegen halten ihn für ihre Mutter und öffnen die Tür. Sobald die aber offen ist, kann er hereinstürmen und sie fressen. Nur eine kann sich noch in der Standuhr verstecken.

Kain also öffnet die Tür. Er hört nicht auf Gott. Er glaubt nicht mehr, dass Gott es gut mit ihm meint. Schließlich hat er seine Gaben doch nicht angenommen. Er vertraut Gott nicht mehr, dass er ihm das Richtige sagt. Deshalb öffnet er die Tür zur Sünde: Er lockt seinen Bruder auf das Feld.

Damit führt er sich selbst in Versuchung. In seiner Lage, mit solcher Wut im Bauch wird er sich kaum kontrollieren können. Es wäre wohl besser, sich erst einmal zurückzuziehen und sich abzureagieren. Aber er setzt sich der Gefahr aus, die Beherrschung zu verlieren. Ja, er weiß, dass es so passieren wird. Er will die Sünde gar nicht beherrschen. Für ihn scheint sie eine angenehme Lösung zu sein: „Wenn ich ihn töte, geht es ihm nicht mehr besser als mir. Er kann dann nicht mehr bevorzugt werden“.

Das sind auch heute noch häufige Motive für einen Mord: Neid auf das, was jemand hat. Eifersucht auf Liebe und Zuneigung, die jemand empfängt. Ja, vielleicht macht das die Geschichte zu einem zeitlos interessanten Krimi. Aber die Geschichte dient ja nicht der Unterhaltung. Wenn man sie von außen betrachtet wie einen Krimi, hat man sie nicht verstanden. Wir können dabei nicht gemütlich im Sessel sitzen. Denn es ist unsere Geschichte. Sie handelt von unserem Umgang mit Menschen. Und von der Sünde, die vor unserer Tür lauert. Sie verbindet uns mit den ersten Menschen. Und zwar auf unangenehme, unheilvolle Weise. Es kann uns erschrecken, dass wir zu so etwas fähig sind. Was tun wir seit Menschengedenken uns gegenseitig für Leid an? Wir wollen besser dastehen als andere – oder mindestens genauso gut. Was tun wir dafür nicht alles. Und wehe es reicht nicht! Wenn wir es nicht besser schaffen, muss der andere es wenigstens schlechter haben. Dafür lässt sich ja sorgen: Vielleicht mit ein paar Gerüchten. Es kann erschrecken, was aus einer scheinbar kleinen Sache folgen kann. Der Neid führt zu einem Mord. Und daraus drohen durch Rache immer mehr Morde zu werden. Aus einer Tat werden viele. Erst Gott durchbricht die tödliche Kette der Aggression. Er begrenzt die Strafe. Er stellt den Täter unter seinen Schutz.

Ich will die Erzählung nicht wiederholen. Wie sieht denn nun das Gegenbild zum Kainsmenschen aus?

Wer sollte es sein, wenn nicht Jesus Christus? Er ist der Mensch, der die ganze Gewalt der Menschen ertragen hat. Er hat höchstes Unrecht erfahren, weil er selbst schuldlos war. Und trotzdem hat er sich nicht gewehrt. Er hat nicht andere dafür gestraft, was er selbst abbekommen hat. Statt Rache zu üben, hat er Liebe gezeigt gegenüber denen, die ihm feindselig waren.

Er hat die erfahrene Gewalt nicht an andere weitergegeben. Nein, er hat das Unrecht der anderen sogar noch auf sich genommen. Unseren Neid, unsere Eifersucht, unsere Konflikte. All das ist am Kreuz eskaliert. Dort ist er zu Unrecht umgebracht worden. Aber so hat er unser Unrecht beseitigt. Das, was uns zu schwer ist. Die Strafe, die damit verbunden ist, hat er für uns getragen.

Er hat nicht für seine eigene Stellung gesorgt, sondern für den, der in Not ist. Liebe und Hingabe zu uns haben sein Leben und Sterben bestimmt. Dankbarkeit und Hingabe ohne Bedingungen. Das, was ein wahres Opfer ausmacht. Deshalb sieht Gott uns durch Christus gnädig an.

Und seitdem herrscht er, der Sohn Gottes, über die Sünde, den Tod und den Teufel. Er hat diesem wilden Tier vor unserer Tür einen Maulkorb angelegt. Es kann uns nicht mehr fressen.

Und wenn wir uns doch zum Unrecht hinreißen lassen? Wenn wir wütend die Tür aufreißen und der Versuchung nachgeben? Wenn uns das Tier mit seinen Krallen schwere Wunden hinzufügt?

Dann können wir im Glauben zu Christus fliehen. Und wir brauchen uns nicht zu fürchten. Denn er hat ja ein Zeichen an uns gemacht, dass wir zu ihm gehören. In der Taufe haben wir sein Kreuzeszeichen an die Stirn bekommen. Er ist ein echter Hüter seiner Brüder und Schwestern. Er meint es nicht ironisch wie Kain. Und er ist nicht bloß ein vergänglicher Windhauch wie der Hirte Abel. Sondern aus seiner Hand kann uns niemand reißen. Amen.

(13. Sonntag nach Trinitatis, J. Achenbach)