Predigt vom 25.8.2019 (Lukas 19,41-48)


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Create Date25. August 2019
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Und als [Jesus] nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, daß sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.

 Liebe Gemeinde,

es war 2011 oder 2012. Ich war an der Theologischen Hochschule in Oberursel und ich hatte mich bereiterklärt, mit dem Auto nach Frankfurt zu fahren, zu einem bestimmten Hotel. Dort sollte ich drei Frauen abholen. Ich erinnere mich, dass ich in der Hotelhalle stand und um mich herum drei Sprachen hörte: Englisch, Hebräisch – so wie es heute in Israel gesprochen wird – und, vor allem von Älteren, Deutsch. Es war die Woche des jüdischen Mitbürgers, jedes Jahr von der Stadt Frankfurt organisiert. Da werden ehemalige Frankfurter, die jüdisch sind und Deutschland während des Dritten Reiches verlassen haben, auf Kosten der Stadt eingeladen. Sie haben gemeinsame Veranstaltungen, und viele von ihnen gehen an Schulen im gesamten Umkreis. Sie erzählen, was sie und ihre Familien erlebt haben. Und stellen sich den Fragen der Schüler, der Berufsschüler, der Studenten.

Da ging mir vieles durch den Kopf, als ich mit diesen Frauen im Auto saß. Und als ich dann mit ihnen in den Hörsaal ging, in dem an der Wand ein großes Kruzifix hängt, dachte ich: Wie viel Unrecht ist jüdischen Menschen auch im Namen der Kirche angetan worden. Wie oft war in der Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, am “Israelsonntag”, so gar nichts von Liebe zu dem Volk Gottes zu hören. Und wie viele erzählen auch heute Judenwitze auf dem Schulhof oder am Stammtisch, die es besser wissen müssten und sollten.

In so einem Moment, liebe Schwestern und Brüder, vergeht einem das Lachen. Da ist man dankbar für diejenigen, die solchen Mut aufbringen und sich für eine Stunde der schrecklichen Erinnerung stellen; dankbar, dass die überlebt haben (eine von ihnen erzählte, dass sie aufs Land kam und als Tochter einer Haushälterin ausgegeben wurde), dankbar auch, wie ich's später hier erfahren habe, dass in einem Dorf wie Groß Oesingen ein Ehepaar von der Dorfgemeinschaft geschützt wurde. Aber bei solcher Dankbarkeit ahnt man zugleich einen winzigen Teil von dem Leid dieser Menschen, denen das Elternhaus zerstört wurde oder der Familienbetrieb, die ohne Eltern und Geschwister aufgewachsen sind, deren Kinder nie Großeltern gekannt haben, keine Onkel und Tanten, und keine Cousins oder Cousinen.

Und man merkt mit einem Mal, dass jeder Judenwitz ja eigentlich auch den trifft, an den wir glauben, den die Juden “Jehoschua” nennen und das Neue Testament in der griechischen Form “Jesus”. Der ist ja als Jude geboren und aufgewachsen, mit den Essensgewohnheiten der Juden, mit ihren Gebeten, an der Kleidung in der Öffentlichkeit erkennbar, für den war Jerusalem selbstverständlich die Gottesstadt, in der der Tempel stand, zu der man hinzog für die großen jährlichen Feste, wenn man konnte.

Dem aber ist nicht zum Lachen zumute an dem Tag, von dem wir gerade im Lukasevangelium gehört haben. Er kommt nach Jerusalem, heißt es, hat diese besondere Stadt vor Augen, mit dem Tempel auf dem Tempelhügel, der berühmt war im ganzen Mittelmeerraum, und es schnürt ihm die Kehle zu. “Er weinte”, sagt der Evangelist. Das hören wir sonst nur noch ein einziges Mal von Jesus, als er vor dem Grab seines Freundes Lazarus steht, als dessen Schwester Maria so getroffen ist von ihrer Not, dass sie ihm vorhält, wenn er nur rechtzeitig dagewesen wäre, wäre das nicht passiert. Jetzt aber weint Jesus über diese Stadt, über ihre Einwohner, über sein eigenes Volk. Denn er ahnt, nein, er weiß, was für eine Not für sie kommen wird, 40 Jahre später: Jerusalem wird belagert werden, die Stadt wird dem Erdboden gleichgemacht werden samt den Kindern. Nein, Jesus weint nicht, weil da ein wertvolles Stück Geschichte unwiederbringlich kaputtgeht, Häuser und Kunstgegenstände, die heute als Weltkulturerbe geschützt würden. Aber sein Weinen ist auch nicht das eines Menschenrechtlers, dem es an die Nieren geht, wenn Kindern, Frauen oder überhaupt irgendjemandem Gewalt angetan wird.

Jesus weint um dieses Volk, um diese Stadt, weil das, was mit ihr passiert, so eng mit seinem eigenen Geschick verbunden ist. Das passiert, sagt er, “weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.” Heimsuchen heißt hier, nach Hause kommen, um jemandem zu helfen und für seinen Schutz zu sorgen. Gottes Sohn ist nach Jerusalem gekommen, schon als Baby, als seine Eltern für ihn das Dankopfer gebracht haben, als zwei alte Menschen erkannt haben, das ist der Retter, den Gott schickt. Dann 12 Jahre später, als die Kenner der heiligen Schrift sich über seine Antworten gewundert haben und doch nicht erkannt haben, dass Gott hier in sein Eigentum gekommen ist. Und in den letzten drei Jahren immer wieder, in denen Jesus mit seinen Jüngern unterwegs war. Und die ganze Zeit mit dem einen Ziel: Um sie zu warnen, sie, die doch mehr als alle anderen aus den heiligen Schriften wissen müssten, was passiert, wenn ein Volk den lebendigen Gott vergisst, wenn die führenden Leute nach menschlichen Mehrheiten ent­scheiden und nach ihrem eigenen Vorteil. Die doch wissen müssten, dass das schon mehrmals Zerstörung bedeutet hat, dass ihre Vorfahren weggeführt worden sind.

Aber sie haben sich nicht rufen lassen. Nicht die Kenner der heiligen Schrift, nicht die Priester am Tempel, nicht die Handwerker und Händler. Er ist gekommen, um Frieden zu bringen, einen Frieden, der unendlich viel mehr ist als ein Waffen­stillstand oder die Vertreibung der römischen Besatzer aus der Stadt. Frieden mit Gott, der durch Vergebung kommt, Heil, Rettung. Gerade erst haben sie ihm zugejubelt bei seinem Eselsritt in die Stadt. Und doch: das Volk und die Stadt, denen sein Friede als erstes gilt, verpassen diese Einladung, sehen in ihm nur einen Wundertäter, aber nicht den, der von sich sagt: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich rettet.

Das, liebe Mitchristen, treibt Jesus die Tränen in die Augen. Er denkt dabei nicht an das, was ihm selbst in kurzer Zeit passieren wird. Und er ist weit entfernt von jeder Selbstgerechtigkeit, jeder Schadenfreude, nach dem Motto: Wenn ihr nicht hören wollt, dann seid ihr selbst schuld; ihr werdet schon sehen, dass ich recht hatte mit der Zerstörung. Er ist weit entfernt von dem furchtbaren Argument, das es in der Kirche gegeben hat: Dass die Juden bei seiner Verurteilung gerufen haben, “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder”, dass sie deshalb selbst schuld sind, wenn sie verfolgt werden. Da kann man nur mit Gottes Wort sagen: Wehe jedem, der sich zum Richter und Vollstrecker macht, der so etwas dem Volk antut, das Gott als erstes erwählt hat, das er wie seinen Augapfel liebhat, ohne das es keine christliche Kirche geben würde. Da kann es auch uns nicht kaltlassen, was mit Jerusalem damals passiert ist, und es kann uns im Rückblick nur die Scham packen über das noch größere Leiden, das Christen diesem Volk in den Jahrtausenden seitdem zugefügt haben.

Ja, Jesus weint über diese Stadt und über sein Volk. Und es hat seinen guten Grund, dass uns dieser Abschnitt für diesen Sonntag aufgegeben ist. Denn die Trauer, die Jesus da packt, die gilt auch uns, unserem Verhalten ihm und seinem Wort gegenüber. Wie oft haben Menschen in der Kirche etwas anderes gelehrt, als was Gottes Wort sagt, haben nach menschlichen Mehrheiten entschieden. Wie oft ging es im Gottesdienst nicht mehr um Gottes Gericht über unsere Sünde und um die Rettung daraus. Wie oft wurde und wird Gottes Warnung über die Übertretung seiner Gebote ausgeklammert, weil Menschen das nicht hören wollen. Wie oft geht es nur noch um ein paar schöne Gedanken, um ein paar erhebende Momente am Sonntag oder zu Weihnachten oder Ostern.

Ach, noch mehr: wie oft hören wir ja doch, wie Gottes Wort über unsere Schuld urteilt, und klammern das für uns selber ein; denken, so schlimm kann's nicht sein, wir haben uns doch daran gewöhnt, fühlt sich auch gar nicht so schlecht an. Und wennwir uns vornehmen, etwas zu ändern in unserem Leben, wie oft ist das schon bald wieder vergessen. Ja, das geht Jesus an die Nieren, dass er gekommen ist, um uns zu retten, und wir Menschen lassen uns nicht rufen, leben unser Leben weiter wie vorher.

Und – ob's das auch bei uns gibt, dass wir meinen, wir könnten mit ihm eine Art Handel machen: Ich bemüh' mich ja, ein guter Mensch zu sein, dann sollte Gott das auch anerkennen und mich nicht in einen Topf werfen mit den anderen? Ja, das wäre ein Handel, denn dann erwarten wir ja doch, dass von Gott etwas zurückkommt für das, was wir tun.

Das aber ist wohl der Grund, warum Jesus, der gerade über Jerusalem geweint hat, nun in die Stadt kommt, zum Tempelhügel hinaufsteigt, durch das äußere Tor in den ersten Tempelhof, und dort die Händler und Bankleute rausjagt. Tiefe Traurigkeit und Zorn – so dicht beieinander. Aber es geht bei beiden um das gleiche. Es hatte zwar einen praktischen Grund, warum es im Tempel diese Händler gab. Denn wer von weiter weg kam, konnte kein Schaf, auch keine Taube zum Opfer mitbringen. Die Bauern um Jerusalem herum verkauften schon lange ihre Schafe als Opfertiere im Tempel. Und man konnte da nur mit einer eigenen Tempelwährung bezahlen, musste also Geld wechseln.

Aber daraus war so etwas wie ein Marktplatz geworden, wo die Händler sich gegenseitig Konkurrenz machten, wo die Menschen, die ein Dank- oder Bußopfer bringen wollten, zu Kunden wurden, und wo dann die Frage war: Wieviel kostet mich das? Als ob es mit Geld abzumachen ist, was nicht mit Geld zu bezahlen ist: der Friede mit Gott, seine Vergebung. Und alsob so ein Opfer alles ist, was Gott ab und zu von uns haben will. Aber er will dich und mich ganz haben, mit Leib und Seele. Das heißt, ganze Hingabe, aber das heißt eben auch: Rettung. Denn wer ihm gehört mit dem Herzen, den kann nichts und niemand aus Gottes Gegenwart vertreiben. Vielleicht spricht Jesus deshalb von einer Räuberhöhle: Denn wo Menschen mit Gott handeln wollen, wird ihnen der Glaube geraubt, dass wir allein durch seinen Sohn Jesus Christus mit ihm versöhnt sind, das aber ganz gewiss.

Die Anführer wollen's nicht hören. Das Volk aber hängt an seinen Worten; noch einmal, kurz vor seiner Verurteilung, kurz bevor er aus ihrer Mitte entfernt wird, um draußen vor der Stadt zu sterben. Für sein Volk und für uns. Damit wir alle Vergebung und Frieden haben. Ja, er ist die Bezahlung für unsere Schuld, er ist der lebendige Tempel, in dem Gott gegenwärtig ist. Lassen wir's uns sagen, hängen wir uns an dieses Wort.

Und wenn Jesus so viel an seinem eigenen Volk liegt – ihm, der nicht nur Mensch geworden ist und als Jude geboren, sondern der für immer wahrer Mensch und wahrer Gott ist, und das heißt doch auch: er ist und bleibt Jude – wenn ihm so viel an diesem Volk liegt, dass ihm sein Ergehen die Tränen in die Augen treibt, dann lasst uns dafür im Gebet eintreten; dankbar, wo einige in Jehoschua ihren Retter erkennen, wie wir's von Steve Cohen aus Amerika vor zwei Jahren auf dem Missionsfest gehört haben. Und mit der Bitte, dass es noch viel mehr werden. Nicht aus Besserwisserei heraus, sondern demütig in dem Wissen, dass es ohne das jüdische Volk kein neues Gottesvolk geben würde, und in dem Glauben, dass es ein einziges Geschenk ist, dass er uns “heimgesucht” hat, das heißt, zu uns gekommen ist, um uns vor der größten Gefahr zu retten, und uns ein ewiges Zuhause bei ihm zu geben.

Ja, lasst uns unseren Glauben bekennen an unseren Heiland. Denn er allein kann uns alle, Juden und Nichtjuden, im letzten Gericht Gottes retten. Gott schenke uns, dass wir das bekennen, mit dem Mund und mit der Tat: Der Herr ist unser Friede, unser Heil, unsere Rettung. Amen.

10. Sonntag nach Trinitatis (Predigtreihe I)

Daniel Schmidt, P.