Predigt vom 25.12.2018, 1. Weihnachtstag (Joh. 1,1-5+9-14+16-18)


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Create Date25. Dezember 2018
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Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. [...]

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Unddas Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahenseine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. […]

Und vonseiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.Denndas Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.

 

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

“Am Anfang war das Wort” – Johannes meint damit zwar den Anfang der Welt, wie wir sie kennen, des Universums. Aber in einem kleinen Sinne gilt das auch für Maria, der der Engel gesagt hat, dass sie die Mutter von Gottes Sohn wird; die seine Worte in ihrem Herzen bewegt und sicher erkannt hat, dass dieses Wort des Engels dasselbe Wort ist, das Gott von Anfang an gesprochen hat und das für uns aufgeschrieben ist, auf viele Weise: Dass Gott selbst eingreifen und Hand anlegen muss, um uns Verlorene zu retten.

Das gilt dann auch für Josephs Glauben, als Gott zu ihm im Traum gesprochen und ihm gesagt hat, dass Maria ihm nicht untreu war, dass kein anderer Mann im Spiel ist, und dass er das Kind, das sie erwartet, annehmen soll wie ein guter Vater in einer Patchwork-Familie.

In dieser kleinen Weise gilt das auch von den Hirten, zu denen der Bote, der Engel, Gottes, gesprochen hat, die seinem Wort vertraut haben und nach Bethlehem gelaufen sind.

Aber es gilt so nicht für die weisen Männer im Osten. Am Anfang war bei denen wohl eher der Aberglaube. Dass die nach Bethlehem gekommen sind, lässt sich übrigens gar nicht so schwer erklären, auch wenn es vielleicht wie eine alte Sage klingt. Es können Männer aus Babylonien gewesen sein, wo die Sterne und ihre Bahnen sehr genau beobachtet wurden, wo Astronomie hoch angesehen war. Hoch angesehen allerdings auch deshalb, weil sie sich mit der Astrologie mischte, mit der Vorhersage von Ereignissen für die Politik und im Leben des Einzelnen. So wie heute, wenn jemand nach seinem Horoskop sucht in der Zeitung. Trotzdem werden wir den weisen Männern vielleicht nicht ganz gerecht, wenn wir meinen, sie waren einfach nur abergläubisch. Denn nach der babylonischen Gefangenschaft waren einige Juden dort geblieben, und man wusste von ihrer heiligen Schrift. Es ist durchaus anzunehmen, dass gelehrte Leute, die versuchten, möglichst viel über diese Welt zu erfahren und zu erkennen, auch in den heiligen Schriften anderer Völker nach der Wahrheit suchten. Darüber hinaus erwartete man in Babylonien den Anbruch eines herrlichen Zeitalters voller Frieden. Am Anfang dieses Zeitalters würde ein neuer König sein, und er würde aus dem Westen kommen.

Trotzdem, wie wenig ist das, was diese Männer da wissen. Nichts davon, dass die Sünde in die Welt gekommen ist, weil der Feind Gottes die ersten Menschen verführt hat, und weil sie sich haben verführen lassen. Nichts davon, dass Gott sich ein Volk erwählt hat, durch das alle Menschen gesegnet werden sollen, d.h. die Möglichkeit haben, frei zu werden von diesem Fluch; eben dieses Volk der Juden, das die Babylonier unterworfen hatten. Sie wussten nichts von den Anführern, die Gott ihnen gegeben hat – Mose und David und die anderen –, die doch jämmerlich versagt haben, weil sie doch der Versuchung erlegen sind, selbst groß werden zu wollen, sich über Gottes Gebote gestellt haben oder Ehre nehmen wollten für das Große, dass nicht sie, sondern Gott durch sie getan hat. Aber genau damit waren sie ja ein Hinweis darauf, dass ein ganz anderer Führer und Retter kommen muss. Einer, der sich selbst klein macht, damit Gottes Ehre groß wird. Nicht ein Mensch, der wie Gott sein will, sondern Gott, der Mensch wird.

Das wenige aber, wasdiese Männer im Osten ahnen, das reicht, dass sie sich auf den Weg machen. Und das andere lernen sie dazu. Als ihnen in Jerusalem aus der heiligen Schrift zitiert wird: Der neue König kommt aus Bethlehem. Als sie dort vor dem kleinen Baby stehen, das da in Tücher eingewickelt ist, sicher nicht die saubersten und bestimmt keine vornehmen. Und sie können nicht stehen bleiben, gehen in die Knie, beten ihn an. Vielleicht hatten sie so schon manchmal vor ihrem eigenen König gekniet, der das wohl verlangte. Aber an dem Bett dieses neugeborenen Kindes wird aus ihrem Aberglauben Glaube.

“Am Anfang war das Wort”, sagt Johannes. Aber eben nicht nur am Anfang des Glaubens, sondern am Anfang überhaupt. Durch das Wort hat Gott diese Welt gemacht mit ihren Sonnensystemen und Planeten und mit dieser kleinen Erde; alles, was diese Gelehrten seit vielen Jahren erforschen, und noch viel mehr in den fast unendlich großen Dimensionen und den allerkleinsten; wo wir gerade erst die äußerste Schicht ankratzen mit unserer heutigen Technik und unserem Wissen.

Ja, das Wort selbst ist Gott. Und dieses Wort ist Mensch geworden. Wenn Worte der Kommunikation dienen, der Mitteilung, dann teilt sich Gott in diesem Kind mit. Er teilt seine Herrlichkeit mit uns, seine Göttlichkeit, seine Ewigkeit, seine Gerechtigkeit, seine Liebe und Gnade. Er teilt sein Liebstes mit uns. Er gibt sein Leben für uns. Er gibt es der Maria, in deren Gebärmutter er als Kind heranwächst. Er gibt es ihr in den Arm, wenn sie Jesus hält, und diese Menschen ihn anbeten. Er gibt uns mit ihm sein Leben. Das ist Weihnachten.

“Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.”

Die vornehmen Männer aus dem Osten haben das begriffen, dass das Licht am Himmel ein Hinweis ist auf ein göttliches Licht. Dass es nicht darum geht, die Dunkelheit der Nacht ein wenig heller zu machen, wie es für uns inzwischen selbstverständlich ist, seitdem wir überall elektrischen Strom haben. Wenn sie ein Friedensreich erwarten, dann geht es darum, dass Gott Licht bringt in diese dunkle Welt, wo es so vieles gibt, was das Licht des Tages scheut, so Vieles, was uns Angst macht. So vieles auch in unserem eigenen Herzen.

Doch die Finsternis hat's nicht ergriffen, sagt Johannes. Man kann auch übersetzen, “hat's nicht begriffen”. Aus ihrer Heimat ist keiner mitgegangen außer diesen drei, vier, fünf Männern und vielleicht ein paar Dienern. In Bethlehem hat's kaum jemand begriffen, was da in der Nacht passiert ist, außer Maria und Joseph und den Hirten. Denn auch wenn es auf den Bildern und in vielen Krippen hell aus dem Stall strahlt – da war eben nicht mehr Licht als von einer Stalllaterne. Und all die anderen, die damals nach Bethlehem gehen mussten, weil sie wie Joseph irgendwie vom König David abstammten, die haben's wohl auch nicht mitbe­ kommen, waren mit sich selbst beschäftigt wie die Leute in dem Gleichnis, das Jesus später erzählt hat; die zum Fest eingeladen waren und dann, als es soweit war, alle so mit anderem beschäftigt waren, dass sie leider nicht hingehen konnten.

Genau das schreibt Johannes weiter: “Die Seinen nahmen ihn nicht auf.” Die aus seinem Volk, die doch das Wort hatten, das sein Kommen seit Jahrhunderten ankündigte. Es heißt aber auch, die Menschen überhaupt. Denn sie sehen in ihm alles Mögliche: das Kind eines Handwerkerehepaares; einen Jungen aus Nazareth wie hunderte andere; einen Teufel, der Teufel austreibt. Oder aus Sicht der Vielen, die auch nach Palästina kamen: Ein Jude, von dem man sowieso nichts erwartet. Und für die religiösen und politischen Anführer einer, der die Menschen lehrt, das Gesetz nicht ernstzunehmen. Der sich an Gottes Stelle setzt, wenn er lehrt und sagt: “Ihr habt gehört, dass gesagt ist”, nämlich in den Heiligen Schriften, und sein eigenes Wort dazu setzt: “Ich aber sage euch.” Einer, der sich anmaßt, was Gott allein ein Recht hat zu tun, nämlich Sünden zu vergeben.

All das sehen sie in ihm. Aber wie viele sehen, dass sie es mit dem ewigen Gott zu tun haben? Dass dieser Mensch vom Vater gekommen ist? Gewiss, Nikodemus erkennt es, nach einem langen Gespräch in der Nacht und vielleicht vielen Monaten, in denen er auf alles achtet, was von Jesus zu hören ist. Die Frau am Brunnen in Samaria erkennt es, nachdem sie mehrmals falsch verstanden hat, was Jesus ihr sagt. Und blindgeborene Mann, den Jesus sehend gemacht hat.

Von denen allen berichtet Johannes in seinem Evangelium. Und zeigt uns: Sie alle erkennen Jesus, weil sie sein Wort hören. Ja, weil sie ihn erst gar nicht recht verstehen und deshalb an ihm dranbleiben und weiter sein Wort hören und noch weiter – da kommen sie dahin, dass sie ihn aufnehmen. Aber denen, die

“ihn aufnahmen, gab er Macht, Gottes Kinder zu werden; denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.”

Nein, so wie wir von Natur aus sind, können wir weder an Gott glauben noch Gottes Kinder werden. Auch das müssen alle lernen, die zu diesem kleinen Kind nach Bethlehem kommen, und die ihn dann erleben, als er öffentlich wirkt. Sicher, wer sich von ihm rufen und finden lässt, der lernt das auf die sanfte Tour. Der merkt oft erst, wenn er den Sohn Gottes hat, was er bisher nicht gehabt hat. Der erfährt erst, wenn er von Vergebung lebt, wie viel Vergebung er braucht. Und wenn er die Gerechtigkeit Christi geschenkt bekommt, was für ein Dreck seine eigene Gerech­ tigkeit dagegen ist. Das ist es, was Weihnachten herrlich macht. Das ist es, was Johannes aus eigener Erfahrung schreibt, als Jünger und Apostel Jesu:

“Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.”

Ja, es mag durchaus sein, dass jemand zu Jesus kommt, weil er einfach etwas sucht. Einen Sinn im Leben. Ein schönes Gefühl. Liebe. Und dann merkt, er braucht ihn viel mehr. Er braucht einen, der ihm vergibt. Der ihn rettet. Der ihn freispricht im Gericht am Ende. Er braucht einen Gott, der nicht fern ist; der auch nicht diese Welt einmal in Gang gesetzt hat wie ein Uhrmacher, der die Uhr aufgezogen hat und sie dann sich selbst überlässt bis sie irgendwann nicht mehr läuft. Er braucht einen Gott, der ihm hört. Aber noch wichtiger: den er hören kann. Denn das Wort Gottes ist Leben.

Und wer sein Wort hat, der hat den, der die Welt geschaffen hat. Der jeden von uns wunderbar gemacht hat. Der für jeden von uns einen Plan hat. Den, der unser Herz kennt und da hineinkommen will; der unser Herz kenntund trotzdemda hinein­ kommen will.

Ich habe neulich eine Predigt gelesen, die vor ein paar Jahren in der Justizvollzugsanstalt Aachen zu Weihnachten gehalten worden ist, also im “Knast”. Da, wo der ganz Konsum, die leuchtenden Rentiere und Weihnachtsmänner für den Vorgarten nicht hinkommen. Wo kein Kind dem Papa auf den Schoß hüpft und mit ihm mit großen Augen das bunte Geschenkpapier abreißt.

Aber das alles, so schön es ist, ist nicht Weihnachten. Das gehört zum Drumherum. Weihnachten im Knast ist ohne das Drumrum. Und so war es auch da, wo in Bethlehem die Krippe stand. Die eine, in die Gottes Sohn gelegt wurde. Wie das darum herum gerochen hat, kann sich jeder vorstellen, der mal mit Kühen oder Schafen zu tun hatte – zumindest nicht so, wie wir's gern im Schlafzimmer haben. Und dass da mancher Dreck rumlag, kann man sich auch vorstellen.

So wie das in uns drin ist, hat der Pastor da im Knast gesagt. Da ist manches “Tierische” dabei, manches, vor dem wir uns schämen, was uns vielleicht auch selbst Angst macht. Süchte, Triebe, Leidenschaften, verdrängte Gemeinheiten und Gewaltphantasien. Aber Gott will da geboren werden, wo der Mist ist. Und unser Mist soll uns nicht peinlich sein. Wir können ihm nichts vorweisen und uns nichts bei ihm verdienen. Und wir brauchen uns dafür nicht mehr zu schämen, seitdem Gott gekommen ist, um in so einem Umfeld zu wohnen. Im Gegenteil, wir sollen es nicht vor ihm verstecken. Er sieht es sowieso. Er will, dass du seine Wohnung wirst, so wie du bist. Und er will es sauber machen bei dir und mir. Mit seiner Gnade und Wahrheit. Das ist kein Aberglaube. Das ist auch nicht nur ein Wunschdenken. Das ist seine herrliche Wahrheit. Darauf haben wir sein Wort. Von Anfang an. Und heute. Und in Ewigkeit. Ja, darauf haben wir unsern Herrn Christus, der unser Bruder geworden ist, um uns zu Gottes Kindern zu machen. Ist das nicht herrlich? Fröhliche Weihnachten! Amen.

 (Predigtreihe I neu)

Daniel Schmidt, P.