Predigt vom 25.11.2018, Ewigkeitssonntag (Jes. 65,17-25)


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Create Date25. November 2018
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Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

“Utopie” nennt man die Wunschvorstellung von einer besseren Welt, die wir hier noch nicht haben. Das “Schlaraffenland” ist so eine Utopie, auch wenn die Sache mit den gebratenen Hühnerbeinen, die einen in den Mund fliegen, und dem ständigen Essen sich nicht mehr so recht mit unserem Kalorienbewusstsein verträgt. Vielleicht müsste man diese Wunschvorstellung inzwischen etwas weiter bearbeiten, mit kalorienlosen Schlemmereien – was nur zeigt, dass solche Wünsche nicht zur Wirklichkeit passen.

Utopien, die entwickeln auch unsere politischen Parteien, vor allem im Wahlkampf. Jede hat eine Vorstellung, wie die bestmögliche Gesellschaft aussehen sollte. Dabei sind Politiker ja eigentlich Realisten. Aber das heißt dann einfach, dass sie hinterher neu interpretieren, was sie vorher gesagt haben, wenn sich nicht alles verwirklichen lässt.

Eine Wunschvorstellung steckt, wie es scheint, auch hinter dem, was wir gleich zur Predigt aus dem Jesajabuch hören. Gesprochen sind diese Worte um das Jahr 520 vor Christi Geburt. Das Volk Israel war weggeführt worden nach Babylonien, die politischen Machtverhältnisse hatten sich verschoben, Persien war die neue Großmacht geworden, und der persische König Xyros hatte angeordnet, dass alle fremden Volksgruppen aus Babylonien in ihre Länder zurückkehren sollten. Es sollte auch Unterstützung für den Wiederaufbau geben. Das war nicht nur ein politisches Versprechen, das war eine Anordnung an seine Finanzminister. Man kann annehmen, dass das politisch gut überlegt war. Auf diese Weise macht man sich Freude in einem Großreich. Und man kann gleichzeitig bestimmen, wem man an welcher Stelle wieviel Macht gibt.

Für Israel war das mit einem Wunschbild verbunden, etwas, das sie sich die ganze Zeit im Ausland gewünscht hatten: Der Wiederaufbau der Heimat, vor allem der Hauptstadt Jerusalem. In ihrer Vorstellung wuchsen neue, schöne Häuser aus den Ruinen, und der Tempel strahlte wieder in alter Größe und neuem Glanz.

Aber die Wirklichkeit war dann ernüchternd. Was sie bei ihrer Ankunft sahen, waren eben – Ruinen. Und auch nach Jahren hatte sich daran nicht viel geändert. Da hinein spricht Gott durch den Propheten im Buch Jesaja im 65. Kapitel:

17Siehe,ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.18Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, 19und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Man merkt es, Gott zeichnet ein Gegenbild zu dem, was sie da vor Augen haben. Auf dem mühsamen Weg zurück in die Heimat gab es vielleicht wenig Klagen. Weil man sich ausmalte, wie schön es sein würde, nach Hause zu kommen. Aber jetzt klagten sie; und nicht nur die, die immer klagen. Es war eine Situation wie in Deutschland nach dem Krieg in den Städten. Familien hausten in Trümmern. Mütter und Kinder suchten dazwischen nach etwas Essbarem. Kleinkinder starben an Krankheiten, an Unterernährung. Kaum einer wurde noch alt unter solchen Umständen. Hier und da zog einer eine Mauer wieder hoch, entstand ein Haus neu, wurde ein Acker oder ein Weinberg wieder bearbeitet – aber dann kamen die anderen, die sich inzwischen im Land eingerichtet hatten, die keine Juden waren, und nahmen es für sich in Anspruch. Und griffen auch die an, die versuchten, den Tempel wieder aufzubauen.

Auch das hören wir heraus, wenn Gott weiter spricht:

20Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 21Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. 22Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.

23Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. 24Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. 25Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Geringe Kindersterblichkeit, eine hohe Lebenserwartung, genießen, was man sich erarbeitet, und die Aussicht auf ein eigenes Haus – das klingt wie etwas, das für alle politischen Parteien bei uns dazugehört. Ja, das klingt wie etwas, das wir in Europa im 20. und 21. Jahrhundert endlich verwirklicht haben. Aber: “Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind”, und “die Schlange wird Erde fressen” – ist das nicht doch eine Utopie, ein Wunschbild? Sicher, auch das ist ein Gegenbild zu der Wirklichkeit in dem Moment, wo immer wieder ein Kind zwischen den Trümmern von einer Schlange gebissen wurde. Und wenn manche versuchten, eine Schafherde neu aufzubauen, mit provisorischem Schutz vielleicht aus Steinen und Dornen, dann verstehen manche Schafhalter in Norddeutschland inzwischen sehr gut, wie groß da die Chancen sind, wenn sich Raubtierrudel vermehrt haben und bis an die Wohnorte herankommen.

Was für ein Bild ist das also, das wir da im Jesajabuch sehen? Ein Wunschbild? Nein, bei Utopien, bei Wunschbildern macht die Heilige Schrift nicht mit. Wo Propheten immer nur Frieden predigten, obwohl Gott zornig war auf das Volk, das sich von ihm abgewandt hatte, da hat Gott sie deutlich kritisiert. Als Jesus in Jerusalem wie ein König empfangen wurde – wir werden es nächsten Sonntag zum Beginn der Adventszeit wieder hören –, da hofften viele, er würde ihre politische Utopie erfüllen und die römischen Besatzer vertreiben. Aber Jesus hat keine Anhänger um sich geschart, ist nicht zum Standort der Einsatztruppe auf der Burg neben dem Tempel marschiert, um die Soldaten zu vertreiben, sondern in den Tempel. Er hat die Geldwechsler und Händler vertrieben, die dort aus dem Bethaus ein Kaufhaus gemacht hatten. Denn die neue Welt kommt nicht durch Gewalt, auch nicht durch unsere Anstrengung. Aber jedes Gebet, wenn es ein Gebet darum ist, dass Gottes Wille geschieht, ist ein Gebet, dass sein Reich komme.

Aber warum kommt uns diese Beschreibung der neuen Welt trotzdem so unwirklich vor? Das kommt daher, dass unser Verständnis von “Wirklichkeit” von der Welt geprägt ist, in der wir leben. Genauso wenig können wir deshalb die paradiesische Welt begreifen, die Gott geschaffen hat. Über die Linie, die Gott mit der Vertreibung aus dem Paradies gezogen hat, kommen wir nicht rüber. Dahinter reicht unsere Erfahrung nicht zurück; genauso wie die Naturwissenschaft nicht dahinter zurückreicht und deshalb das Wunder der Schöpfung nicht erfassen kann. Wir können es nur hören, wie es vorher war, können es uns nur sagen lassen, und zugleich um den Glauben bitten, dass wir's nicht als “Märchen” aus uralter Zeit abtun.

Und über die Linie, die uns mit unserem Lebensende hier gezogen ist, kommen wir mit unserer Erfahrung auch nicht rüber. Deshalb fällt es uns schwer zu unterscheiden dazwischen, wenn Menschen unsere Wirklichkeit hier nach vorne oder rechts oder links verlängern, und sie verschönern, und zwischen dem, was Gottes Wort sagt über diese Welt, bevor die Sünde sie verdorben hat, und nachdem diese Welt in ihrer Verdorbenheit vergeht und Gott sie neu schafft.

Das ist ein Grund, warum wir einen Ewigkeitssonntag im Kirchenjahr haben, und warum wir jedes Jahr diese Lesungen hören. Und es zeigt uns, dass es hier um einen Glaubensartikel geht. Glauben wir an Christus, dann vertrauen wir auch darauf, dass er das tut, was er gesagt hat. Auch wenn wir's nicht begreifen, auch wenn es nicht dem entspricht, was wir sehen. Der Glaube an ihn kommt zuerst, das Sehen kommt danach, und das letzte Begreifen, wenn wir dort angekommen sind.

Damit sind wir in einer ganz ähnlichen Situation wie die Juden vor 2500 Jahren in Jerusalem. Aber gerade, weil sie noch nicht sehen, sagt Gott in unserem Abschnitt: “Es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.” Darum vertreibt Jesus die, die aus den Gottesdiensten ein Geschäft gemacht haben, aus dem Tempel.

Wie aber können wir das nun unterscheiden von menschengemachten Vorstel­ lungen? Nun, ein wichtiger Punkt ist, dass wir von Gott nicht aufgerufen werden, diese neue Welt zu verwirklichen. Sie kommt füruns, nicht durchuns. Auch alle Aufforderung zur Nächstenliebe ist keine Aufforderung, damit die Welt immer besser zu machen, bis sie einmal ganz gut ist. Es ist eine Aufforderung, als Menschen zu leben, die schon jetzt zur neuen Welt gehören. Es wird keine Bosheit und keinen Schaden mehr geben auf seinem heiligen Berg, sagt Gott. Das meint den Tempelberg, den Bereich, in dem Gott gegenwärtig ist, wie er versprochen hat, und wo er angebetet wird. In uns ist Gott gegenwärtig. In uns soll es keine Bosheit mehr geben. Keinen Schaden, den wir anderen wünschen oder antun. Kein Schaden von außen, der unser Herz so vergiftet, dass da keine Liebe mehr wachsen kann.

Und noch mehr, und das ist der Grund, warum wir in den Sonntagslesungen das ganze Kirchenjahr hindurch im Evangelium immer wieder von Menschen hören, die Jesus geheilt hat: Damit hat er punktuell gezeigt, dass die neue Welt mit seinem Kommen angefangen hat. Sie ist keine ferne Zukunft, auch wenn wir sie erst in der Zukunft mit unseren eigenen Augen sehen werden. Sie ist der Teil, der nicht vernichtet werden wird, wenn alles andere hier vergeht.

Wenn wir übrigens hier vom Löwen hören, der Stroh frisst wie ein Esel, und Wolf und Schaf nebeneinander auf der Weide, dann heißt das wie im Vorbeigehen auch, dass Gott auch die Tier- und Pflanzenwelt erneuern wird. Sie gehört zu seiner ursprünglichen, sehr guten Schöpfung dazu. Und sie hat nicht gesündigt wie der Mensch; dass Tiere und Pflanzen sterben müssen, ist ein Verhängnis, dass wir über sie gebracht haben. Auch wenn die Heilige Schrift darüber nicht ausführlich redet: Auch die Tiere, die hier sterben, werden dort dabei sein. Auch manches liebe Haustier; auch wenn uns nicht gesagt wird, wen wir dort alles wiedererkennen werden.

Wir haben darüber gesprochen, warum uns solche Ankündigungen für die Zukunft so unwirklich vorkommen mögen. Das hat mit unserer Erfahrung zu tun. Es hat aber wohl auch damit zu tun, dass wir's aus demselben Grund noch gar nicht erfassen können. Wir können deshalb getrost sagen, dass die Erfüllung von dem, was Gott uns sagt, noch viel größer sein wird. Seine Liebe und Treue zu uns sind einfach so groß, dass er nur einen Kern davon in sein Versprechen reinpacken kann.

Das heißt, das neue Jerusalem und der neue Himmel werden einfach grenzenlos sein. Darin wird jeder seinen Platz haben, der durch die heilige Taufe und den Glauben zu ihm gehört. Und die Narben, die das Leben dir hier zugefügt hast, werden dort verheilt sein. Der Schmerz, ein Kind hergeben zu müssen oder einen lieben Freund, der seelische oder körperliche Missbrauch, die Einsamkeit, die Depressionen, die Angst vor dem Tod, oder davor, im Alter einmal für lange Zeit ein Pflegefall zu sein. Das alles wird vorbei sein. Es wird nicht einmal als Erinnerung mehr da sein.

Wie könnte es auch anders sein, wenn die Welt dort erfüllt sein wird von der vollkommenen Freude in der Gemeinschaft mit denen, die uns im Glauben vorangegangen sind, der Gemeinschaft mit unserem auferstandenen Herrn Christus, und der nie mehr endenden, neuen Erfahrung, dass der Tod keine Macht mehr hat über unser Leben und das unserer Lieben.

Dann wirst du vor ihm stehen, wunderschön, mit einem neugewordenen Körper. Und deine suchenden und zweifelnden Fragen wirst du dann nicht mehr zu stellen brauchen. Gott sagt, bevor du sie stellst, will ich dir antworten.

Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, lohnt es sich, der Wirklichkeit hier ins Auge zu sehen. Und uns auch mit dem Sterben zu befassen. Denn derselbe Gott, der diese Worte hier vor zweieinhalb tausend Jahren zu Israel gesprochen hat, hat nie aufgehört, zu uns zu reden. Er spricht zu uns durch das, was er dem Apostel Johannes in der Offenbarung gezeigt hat, wie wir vor der Predigt gehört haben. Er spricht zu uns durch das Wort der Predigt. Und durch den Segen am Ende des Gottesdienstes. “Ich weiß, was du durchmachst”, sagt er. “Halte dich an mich. Ich bring dich durch. Durch diesen Tag, durch's Leben, durch den Tod. Und durch die Tür in die himmlische Herrlichkeit. Amen.”

Ewigkeitssonntag (Predigtreihe IV)

(Daniel Schmidt, P.)